| Jugoslawien, Italien, Frankreich,
Spanien und Gibraltar. Jugoslawien 
Der gesamte Hausrat ist
aufgelöst, die Zelte Zuhause abgebrochen. Mein
Bruder hatte uns noch zum Flughafen nach München
chauffiert. Es ist abzusehen, daß in Jugoslawien
bald Krieg herrschen wird. Das Flugzeug ist daher
mit nur 8 Passagieren absolut leer. In Dubrovnik
ist die Marina ist wie ausgestorben. Ein letztes
Abendessen im Schloßrestaurant und am 22. April
1991 werfen wir die Leinen los. Es ist um diese
Jahreszeit noch sehr kühl auf See. Gaby stellt
bereits am ersten Tag den Bekleidungsrekord auf:
22 Teile!
Italien

Bereits am 24.
April laufen wir in Otranto ein. Da wir
diesen Hafen bereits kennen, fühlen wir uns
richtig wohl und vor allem sicher, endlich aus
dem Krisengebiet heraus zu sein. Nun kann unserer
großen Reise nichts mehr im Wege stehen. Die
Fahrt nach Genua verläuft ohne große
Zwischenfälle, abgesehen davon, daß das Wetter
doch noch ziemlich rauh ist und wir in einer
Gewitterbö so schnell werden, daß die Logge am
Anschlagstift den Zeiger verbiegt. Die Route
führt uns rund um den italienischen Stiefel
über Reggio di Calabria, Ischia, Rom und Elba.
Dort in Porto Azurro sind wir uns schnell
einig, daß das Fleckchen so romantisch ist - wir
kommen wieder. Am 14. Mai 1991 machen wir in der
Marina Casacca in Genua fest. Dort wird Ägir
bis zur endgültigen Abreise liegen. Nicht gerade
schön direkt am Industriehafen, aber dafür um
so praktischer, denn die Autobahn führt fast
direkt bis zur Hafenpforte. Und so wird unser
Segelboot in den nächsten Monaten noch mit allem
vollbepackt, was man halt so zu brauchen glaubt:
Seekarten, Handbücher, Ersatzteile, 600
Konservendosen, 80 Diafilme...
Die guten Freunde und
natürlich unsere Muttis begleiten uns nach Genua
zum endgültigen Abschied. Es wird ein
unvergeßlicher Abend mit erlesener italienischer
Küche, viel Chianti und man vereinbart einen
Hinterbliebenen-Treff, um in den kommenden Jahren
möglichst alle Facetten der Berichte und
Formulierungen auf unseren Postkarten auskosten
zu können. Sonntag, 1. September 1991 gegen
10:00 Uhr geht&rsquos los. Natürlich
fließen die Tränen in Strömen doch schon nach
wenigen Minuten sind wir allein auf See und die
Lieben sind nicht mehr auszumachen. Dennoch haben
wir so ein flaues Gefühl im Magen, daß wir
bereits am frühen Nachmittag in Finale Ligure
einlaufen, um uns von den Strapazen des Abschieds
zu erholen. Wollten wir ursprünglich direkt nach
Gibraltar, so entschließen wir uns sehr schnell,
doch der herrlichen Mittelmeerküste entlang zu
segeln. San Remo ist für uns sehr
enttäuschend, vielleicht haben nur nicht das
nötige Kleingeld dabei, um diesen Ort wirklich
genießen zu können. Bereits am 3. September
wechseln wir zum ersten mal die Gastflagge. Ciao
bella Italia.
Frankreich

Unser einziger Landgang ist
in Antibes. Obwohl die Liegegebühren
sündhaft hoch sind, gönnen wir uns eine Nacht
im Yachthafen. Die Altstadt wirkt ganz romantisch
und die kleinen Boutiquen in den schnuddeligen
Gäßchen laden so richtig zum Bummeln ein. Der
Golf de Lion liegt vor uns und Gaby ist sichtlich
aufgeregt. Soll es doch hier mehr Stürme geben
wie in der Biskaya. Wer hat denn schon mal was
Gutes vom Mistral gehört? Nun ja, wir sehen kein
einziges Wölkchen am Himmel und motoren bei
absoluter Windstille die 180 Seemeilen bis nach
Spanien.
Spanien

Der Golf de Lion liegt
hinter uns: Das stürmischste Gewässer Europas -
mit mehr Wind als die Biskaya (Mistral etc....).
All die vielen guten Wünsche zum Abschied haben
doch genützt. Bislang hatten wir nur Wind von
achtern zwischen Null und Böen bis acht, der
Golf war ruhig und wir sonnen uns heute ausgiebig
an der Costa Brava in San Feliu de Gluxiols,
etwas nördlich von Barcelona. Es ist nur schön.
Eben kommen wir vom Markt, wo man äußerst
preiswert allerlei Delikatessen gemüslicher und
fischlicher Art erstehen kann. Wir liegen längs
der Kaimauer mit einigen Engländern - die von
einem Freund so farbenfroh geschilderte Begegnung
mit der Spezies Yachties. Welcher Kontrast zu den
beiden letzten Stops in San Remo und Antibes!
Ich bin wieder zurück,
Gaby hatte die Einkäufe des Marktes aufbereitet
(auf Details verzichte ich heute, falls gerade
jemand noch auf Diät ist - nur soviel: Der Wein
vom Faß für 90 Pts pro Liter).
Ich denke, unser Leben hat
sich schon wesentlich verändert. Wir haben Zeit,
zu tun und zu lassen was wir und wann wir es
wollen - Gesetze, Vorschriften, Verordnungen etc.
weichen ausschließlich der Natur: Schlafen, wenn
man müde ist, tauchen, wenn die Muscheln am
Propeller überhandnehmen und eigene
Freiformflächen bilden. Aufstehen, wenn wir wach
werden, und weiter geht's wenn der Wind günstig
weht! Auch das Verhältnis zu anderen
Lebensformen ändert sich: Schon nach 24 Stunden
auf See ist die Landung eines (bei uns als
stinkende, braune, fette Wanze bezeichneten)
Insekts eine wohltuende Abwechslung und das Tier
wird gehegt und gepflegt. Und jede Menge Delphine
- wir überlegen, ob wir einen so anfüttern
könnten, daß er uns
("flippermäßig") um die Welt
begleitet?
Es ist 14.00 Uhr,
knallheiß und Zeit, über Bord zu gehen....
Wir freuen uns auf das
erste spanische Abendessen: Das Restaurant wirkt
urgemütlich und der Raum ist vom Duft der
Schinken, die über der Theke zahlreich baumeln,
erfüllt. Zudem ist die ganze Rückseite mit
riesigen Weinfässern bestückt, unter dem
jeweils ein kleines Gefäß als Tropfenfänger
hängt. - Jedoch, die Küche einfach grauenhaft.
Meine Muscheln al marinara kommen mehr kalt als
warm aus der Microwelle und verursachen eine
äußerst ungemütliche Nacht.
Die Fahrt der Küste
entlang führt an malerischen Buchten ebenso wie
an entsetzlichen Orten wie Loret de Mar vorbei.
Schade nur, daß wir motoren müssen. Dicke
Gewitterwolken ziehen auf, doch mit viel Glück
kommen wir trocken am Ziel unserer Tagesetappe
an. Ein Süppchen für den Hunger, ein Glas oder
zwei für das Ambiente und nach einem kurzen
Rundgang durch Sitges fallen wir in unsere
Koje.
Bevor wir unseren
Wassertank füllen, fällt mir noch der Tip aus
dem Hafenhandbuch ein, d.h. Wasserprobe ist
angeraten. Und tatsächlich, das feuchte Naß
schmeckt ganz eigenartig nach Salz und
Mineralien.
Der Fußweg zum Ort führt
durch die Marinaanlage über einen kleinen
Hügel, der steil in eine hübsche Bucht mit
Sandstrand abfällt. Ein Ort, der durch sein
klares Wasser mit dem feinen Sand zum Baden
einlädt. Am Friedhof vorbei schlängelt sich der
Weg zunächst am Hauptbadestrand den Dorfhügel
hinauf in Richtung Kirche. Zunächst aber gilt
unser Interesse dem recht bekannten Museum. Ein
altes Haus ist voll möbliert mit Gegenständen
des täglichen Bedarfs aus dem 15.-17.
Jahrhundert. Die Wände sind bis zur Decke hoch
mit bemalten Kacheln und Gemälden behangen. Man
besitzt sogar einen kleinen Picasso, der leider
z.Zt. ausgeliehen ist. Die alten
Holzkassettendecken ebenso wie die kleine Statue
eines weinenden Jungen mit Vogelkäfig (sein Pipi
schaut verschämt zwischen Hemd und Hose heraus),
sind bemerkenswerte Details. Aber bei der Fülle
entgeht einem wahrscheinlich zu viel. Das obere
Stockwerk, ein ehemaliger Ball- oder Festsaal,
beherbergt überwiegend Schmiedekunst und Bilder
des einheimischen Malers. Von alten
Türschlösser über zugehörige Schlüssel und
riesigen Kerzenleuchtern dominiert die
Schmiedekunst. Ein kleiner Abschnitt ist antiken
Funden gewidmet.
Unser erstes spanisches
Souvenir wird erstanden: Eine Kassette mit
Volksmusik, wobei uns der Verkäufer eindringlich
auf den Unterschied zwischen spanischem und
südamerikanischem Flamenco hinweist.
Spanier bei
Wein und Domino
Der heutige Einkaufsdrink
ist ein absolutes Erlebnis. Eine kleine Kneipe
hinter der Stadtmauer, nur wenige hundert Meter
vom Strand. Ein Tisch ist besetzt mit 5 Männern,
die sich konzentriert ihrem Dominospiel widmen.
Unterbrochen wird diese Beschäftigung nur von
einem gelegentlichen Schluck Wein. Mit
ungewöhnlicher Geschicklichkeit fließt der
Weinstrahl auf einer Schnabelkaraffe - kein
Tropfen geht verloren, obwohl keiner der Spieler
die Flasche mit seinen Lippen berührt.
Unverständlich für mich, daß sich dabei
niemand verschluckt. Die Küche des Hauses - wir
hatten ein Schälchen voll Schnecken und eine
Portion gebratene Champignons - versöhnen ebenso
wie die moderaten Preise mit der spanischen
Küche.
Mit den Unterlagen vom
Hafenmeister bewaffnet machen wir uns in Tarragona
auf den Spuren der alten Römer in die Stadt auf.
Es ist dämpfig heiß und anstengend,
andererseits absolut beeindruckend, daß an
dieser Stelle (ca. 2. Jahrhundert n. Chr.) ein
kleines Rom errichtet wurde. Vom Amphitheater,
über Circus, Forum und Thermen scheint es eine
wirkliche Kopie gewesen zu sein. Von den alten
Mauern sind stellenweise nur noch Überreste zu
sehen, wesentlich stärker verwittert als in Rom.
Die Straßen der Altstadt sind eng und verwinkelt
und immer wieder stößt man auf kleine oder
größere Dorfplätze. Besonders beeindruckend
ist die Kathedrale, mit ihren bunten
Glasfenstern, den vielen Altären - unter anderem
einen für die hl. Maria der Schneider, was uns
an Gabys Patentante erinnert - und dem luftigen
Kreuzgang mit gepflegtem Innenhof. In einigen
Nebenräumen sind Kostbarkeiten ausgestellt:
Goldene und silberne Kelche etc. Ein
unbeschreiblicher Reichtum muß sich in den
Händen der katholischen Kirche befinden, die
sich trotzdem nicht scheut, bei jeder Gelegenheit
zu Spenden aufzurufen. Abends noch ein Besuch in
der benachbarten Fischhalle, wo kutterweise der
Fang versteigert wird. Das Angebot reicht von
Gambas bis hin zu Schwertfischen. Nur leider
verkauft man nichts - zumindest uns nicht, denn
ansonsten sind jede Menge Leute mit Tüten und
Taschen beladen - in kleinen Mengen, nur Kisten
en gros. Also gibt's zum Essen halt was Leckeres
aus der Büchse, was sich als ganz passabel
herausstellt.
Auf der Etappe nach Peniscola
ist der letzte Wachwechsel angesagt, als von
querab ein Motorboot mit einer wahnsinnigen
Geschwindigkeit auf uns zusteuert. Gaby will
gerade ausweichen, als man dort auch Ruder legt
und das Zollboot als solches erkennbar ist. Zwei
Beamte kommen an Bord; einer beschäftigt sich
mit Jochen und den Papieren, mit dem anderen gehe
ich unter Deck. Ohne auch nur eine einzige Frage
zu beantworten, fängt er zunächst in unserem
Bett an zu stöbern. Kaum zu glauben, Hati
(Gabys Kuscheltier) ist das erste Objekt, dem
seine Aufmerksamkeit gilt. Natürlich auch die
vielen Konserven, wobei jeweils nur ein Exemplar
angeschaut wird. Jedenfalls ist es verwunderlich,
daß bei dieser Gründlichkeit unsere
Schrotflinte nicht bemerkt wird; aber jeder
braucht so sein Erfolgserlebnis. Kaum ist eine
Stunde verstrichen, haben wir unser Zollpapier.
Obgleich Jochen Bedenken hatte hinsichtlich des
kleinen Hafens von Peniscola, finden wir einen
schönen und kostenlosen Liegeplatz längsseits
einer spanischen Motoryacht.
Das Städtchen drängt sich
dicht auf einem kleinen Felsen und überragt die
Buchten weithin sichtbar. Unser Nachbar gibt uns
erste Informationen über die Fiesta, die bereits
in vollem Gange ist. Sie bestimmt das Ortsbild
noch bis Sonntag.
Freitag der 13. - ein
idealer Hafentag, denn ein richtiger Seemann
würde nie freitags auslaufen und schon gar nicht
am 13. Nach dem gestrigen Gewitter ist die Luft
kühl und klar und ein Stadtbummel ist angesagt.
Papa Luna, der Gegenpapst aus Avignon zu Zeiten
des Chisma (1415) hatte sich hier seinen
Zufluchtsort erbaut. Eine imposante Burg- und
Festungsanlage, die auch heute noch recht gut
erhalten ist. Im Burginnern sind aufgrund der
dicken Wände angenehme Temperaturen, obgleich es
teilweise moderig riecht und auch schon
beachtliche Tropfsteine an den Decken zu
bewundern sind. Die Wohnräume mit den oval
zulaufenden Fenstern geben einen traumhaften
Blick aufs offene Meer frei. Der Ort selbst ist
typisch fürs Mittelmeer: Weiße Häuser, enge
Gassen, steile Treppen und Straßen mit
ausgefahrenem Pflaster. Gut, daß keine
Freiräume für Hotelbauten waren, denn die
angrenzenden Buchten mit ihren Sandstränden
sehen entsetzlich aus.
Der Nachmittag ist der
Fiesta gewidmet. Bereits gegen 16.00 Uhr machen
wir uns auf und ergattern noch einen schattigen
Tribünenplatz . Unter uns die Arena, um uns
herum alte Spanier mit ledernen Gesichtern, die
plappernd den Beginn des Festes abwarten. Die
Holzdielen sind hart, wir sitzen dicht gedrängt,
jeglicher Bewegungsfreiheit beraubt. Doch die
Atmosphäre ist schön. Und so vergeht die Zeit
bis zum Einlaufen des ersten Stieres schnell.
Kein Stierkampf im üblichen Sinn. Hier geht es
wohl eher um Volksbelustigung und natürlich
darum, eine Arena zu schaffen, wo die Männer
publikumswirksam ihren Mut zur Schau stellen
können. Mediteraner Chauvinismus? Wenige sind
tatsächlich mutig und durchqueren die Arena oder
versuchen, den Stier an den Hörnern zu fassen.
Die Mehrzahl jedoch klammert sich an die
Holzbarrieren und läßt nur ab und an los, um in
die Hände zu klatschen. Kaum bewegt sich der
Stier, erklimmen sie in unglaublicher
Geschwindigkeit sichere Höhen. Andere wiederum
stehen auf einer Art Podest in der Mitte und
reagieren sehr verschreckt, wenn sich der wilde
Stier in ihre Nähe begibt. Der Stier ist
unglaublich schnell und wendig, setzt jedoch
weder Kraft noch Schnelligkeit voll ein. Er macht
einen eher verstörten Eindruck und hat nichts
von der Angriffslust oder Aggressivität, die wir
vermutet hätten. Das Lustigste allerdings: Der
Stier will die Arena nicht mehr verlassen. Also
führt man zur Besänftigung und Lenkung eine Kuh
in die Arena. Friedlich nähert sich der Stier
und läßt sich zum Ausgang führen. Menschliche
Verhaltenszüge? Weiter geht für ihn der Weg
noch einige hundert Meter bis zum Strand und dort
erwartet ihn wieder die besänftigende
Gefährtin. Das Treiben wiederholt sich dann noch
einige Male und dauert bis zum Einbruch der
Nacht. Nachts gehören dann die Straßen den
Musikanten und Sängern und selbst als ich so
gegen 04.00 Uhr früh aufwache, sind die Klänge
noch deutlich hörbar.
Unser Segler-Ehrgeiz hat
uns heute gepackt. In zwei Wachen fahren wir 23
sm hoch am Wind, bewegen uns aber kaum vom Fleck.
Gitarrenklänge und Jochens Gesang gestalten die
restliche Wegestrecke sehr kurzweilig, hinzu
kommt noch, daß die Beschreibung von Alicante
sich verlockend liest. Froh sind wir auch, nicht
in Bendidorm Urlaub machen zu müssen. Im
Vorbeifahren zähle ich schon über 100
Hochhäuser. An der Pier in Alicante geht
es abends richtig lebhaft zu und an das Gefühl,
im Zoo zu sein, haben wir uns ja langsam schon
gewöhnt.
Bordleben: Ich habe zum
ersten Mal in meinem Leben Jochen die Haare
geschnitten. Er hat mir zwar genaueste
Instruktionen darüber erteilt, wie sein Frisör
es zu tun pflegt, aber ansonsten hat er sich voll
meinen Künsten anvertraut. Abgesehen von der
Tatsache, daß hinterher eine Oberkörperdusche
fällig war, bin ich mit dem Ergebnis zufrieden.
Sonnenuntergang
vor der Sierra Nevada
Ein Sonnenuntergang, wie
ich noch nie einen erlebt habe und ich denke,
Worte können die Stimmung nur bruchstückhaft
wiedergeben. Aber vielleicht sind sie doch in 10
oder 20 Jahren der Auslöser, der die Erinnerung
wachruft. Der Küstenstreifen, mit seinen
schroffen Gebirgszügen ist dünn besiedelt und
nur in weiter Ferne am Horizont sind die Lichter
eines Ortes auszumachen. Weder unnatürliche
Lichtquellen noch fremde Geräusche
beeinträchtigen die Stimmung. Der Horizont ist
leuchtend rot, an den Rändern hin verblassend.
Dazu das gleichmäßige Plätschern der Wellen am
Schiffsrumpf, der intensive Meeresduft. Friede,
der durch Worte nicht erfaßbar ist, aber wir
haben das Glück, ihn zu fühlen.
Auch der zweite Tag auf See
ist geprägt von konstantem Gegenwind. Den
Wetterfröschen aus Darmstadt ist man geneigt,
eine Karte zu schreiben, da sie mit konstanter
Boshaftigkeit Ostwind ansagen. Fliegende Fische
sind sehr wundersame Tiere. Einem Flugzeug gleich
schießen sie an die Wasseroberfläche und
fliegen nur wenige Zentimeter über den
Wellenkämmen dahin. Dabei legen sie ganz
erstaunliche Distanzen von einigen hundert Metern
hin. Jochens liebster Zeitvertreib ist die
Navigation und es macht Freude mit anzusehen, wie
er sich über seine exakten Ergebnisse freut.
Auch meine Fortschritte sind zu sehen, wenngleich
mit Jochens Professionalität nicht zu
vergleichen.
In Motril machen wir
im Club Nautico fest. Ausschlafen, frühstücken
und dann Bordroutine - Hafentag, d.h. Jochen
bastelt an der Maschine während ich wasche,
putze und aufräume.
In aller Frühe machen wir
uns auf den Weg nach Granada. Die
90minütige Busfahrt durch die Sierra Nevada (=
schneebedeckte Berge) vermittelt einen ganz neuen
Eindruck Spaniens. Die engen Täler sind ebenso
wie die Hochebenen intensiv landwirtschaftlich
genutzt. Das Spektrum reicht von Bananen über
Kaktusfeigen, Melonen und Gemüse bis hin zu
Tabakpflanzungen. Offensichtlich ermöglicht ein
ausgeklügeltes Bewässerungssystem diesen
üppigen Wuchs.
Filigrane
Alabasterarbeiten an der Alhambra
Die Alhambra ist die aus
dem 9. Jahrhundert stammende Pfalz der maurischen
Könige Spaniens, deren Reich im Jahr 1238 unter
König Mohammed in der Blüte stand. Die auch
"rote Burg" genannte Alhambra wurde in
den folgenden Jahren weiter ausgebaut und
verschönert, wobei die heute erhaltenen Gebäude
überwiegend aus dem 14. Jahrhundert stammen.
Eindrucksvoll sind die Bauten nicht nur durch die
filigranen Gipsverzierungen, die holzgetäfelten
Decken und die Keramikarbeiten; auch die vielen
Springbrunnen und phantasiereichen Gartenanlagen
tragen zu diesem Eindruck bei. Wandelt man mit
Muse durch die einzelnen Räume - der Mexnarhof,
der Myrthenhof (nach den weiß blühenden Myrthen
benannt), von dem man über den
"Schiffssalon" in den Thronsaal mit der
mächtigen Kuppeldecke gelangt, der Löwenhof
oder die Bäder, deren farbenprächtigen Kacheln
die Lüsternheit der Araber angeregt haben sollen
- überall sieht das Auge nie gekannte Schönheit
und man kann verstehen, warum sich so viele
Geschichten um die Alhambra ranken. Im Burgteil -
der Alcassar - dann die ehemalige Wasserglocke
und die Stelle, an der erstmals die Flagge des
heutigen Spaniens wehte.
Auf dem Weg nach
Torremolinos treffen wir auf die größte
Delphin-Schule, die wir je gesehen haben. Über
gut ein bis zwei Stunden sehen wir sie häufig in
kleinen Gruppen in einiger Entfernung vom Schiff
springen. Es sieht nach fischreichen Gewässern
aus, denn auch zahlreiche Möwen stoßen immer
wieder pfeilschnell in die spiegelglatte See. Das
Schönste jedoch ist, als sich die Schule immer
näher an Ägir heranwagt, bis sie
schließlich mit uns zu spielen scheinen. Ich
stehe vorne im Bugkorb und kann mich nicht
sattsehen am Spiel dieser eleganten Tiere. Als
würden sie Ballett tanzen, schwimmen sie aus
unterschiedlichen Richtungen und Tiefen auf den
Bug zu - die Verliebten berühren sich dabei -
und freuen sich offensichtlich des Lebens. Zwei
bis drei Tiere halten sich länger auf, drehen
ihren Körper zur Seite, wie um zu mir
hochzusehen. Ihre Haut glitzert in der Sonne und
schön ist der Kontrast zwischen der dunklen und
der hellen Färbung der Haut. Deutlich ist ein
Fiepen zu hören; sicherlich die Delphinsprache.
Ich bin glücklich und auch Jochen hat an meiner
Freude teil.
Gibraltar 
Es ist richtig diesig an
der Küste und kurz vor Gibraltar sind
selbst die riesigen auf Reede liegenden Tanker
kaum auszumachen. Selbst der 462 m hohe Felsen
von Gibraltar taucht erst im Abstand von ca. 3
Seemeilen aus dem Dunst auf. Eine eigenartige
Stimmung, die auch noch von den Wolken, die am
Gipfel hängen, verstärkt wird. Gut, daß ich
mittlerweile einiges hinsichtlich Navigation
gelernt habe und so Jochen doch mit den einem
oder anderen Input unterstützen kann. Neu ist
für mich auch die Erfahrung mit Segeln im Strom.
Wie mit dem Lineal gezogene Striche - so gerade
trennen sich die Bereiche mit und ohne Strömung
voneinander. Dabei sind in der spiegelglatten
Wasseroberfläche kleine Strudel bemerkbar.
Gibraltar selbst macht auf
den ersten Blick keinen sehr attraktiven
Eindruck: Militärische Anlagen, riesiger
Industriehafen mit entsprechend schmutzigem
Wasser, Raffinerie und Landepiste direkt neben
dem Yachthafen. Allerdings geht es sehr britisch
zu und die Zahl der bewohnten Yachten ist
deutlich gestiegen. Montag ist Hafentag mit
Waschen, Aufräumen und einer
Mammut-Kartenaktion. Gibraltar selbst ist wie
bereits erwähnt nicht nur häßlich, sondern
auch teuer und für unseren mageren Einkauf
zahlen wir stolze 80 DM. Auch die
Fahrradexkursion und der nachmittägliche
Spaziergang bringen wenig Erwähnenswertes.
Allerdings ist das Abendmahl überraschend gut,
wenn auch teuer, wobei der Kellner dieses
Nobelrestaurants leicht tranig ist.
In aller Frühe brechen wir
mit der nach West setzenden Strömung auf. Eine
für mich überaus aufregende Angelegenheit,
liegt doch unsere bisher längste Seestrecke vor
uns. Die Straße von Gibraltar selbst ist
überraschend angenehm zu durchfahren, hat es
doch kaum Welle. So motoren wir vor uns hin,
setzen die Genua - aber nicht nur für James
(unsere Windfahne) ist der Wind zu schwach. Kurz
hinter Tarifa kommt dann eine leichte Brise auf -
also Motor aus und diesmal ein Versuch mit der
Fock. So schnell konnte man kaum reagieren, wie
plötzlich Wind aufkam. Erst 4, dann ständig 6
bis 8 Beaufort. Ägir liegt ganz schief im
Wasser und selbst nach dem Reffen ist er kaum auf
Kurs zu halten. Ich kann gar nicht mehr sagen,
was mir alles durch den Kopf ging, auf jedenfall
hat mir Jochen meine Angst angesehen. Es fiel mir
nicht leicht, sein Angebot zur Umkehr anzunehmen,
denn schließlich will ich ja kein Feigling sein.
Nach kurzer Zeit dann im Hafen von Tarifa
fängt es so richtig zu gewittern an, Böen bis
zu 10 Bft und jede Menge Regen, der so die eine
oder andere undichte Stelle im Deck erkennen
läßt.
Tarifa ist ein kleiner Ort,
mit einem schönen Sandstrand, wo wir in einer
Regenpause einen langen Spaziergang machen. Ich
immer noch mit schlechtem Gewissen, aber
wenigstens hat es ja schon gewittert. Der
Liegeplatz ist übrigens recht urig. So eine Art
Garage für Schiffe, allerdings ohne Garagentor.
Dafür gibt es an der äußeren Mauer eine Art
Ankerfriedhof mit einigen hundert rostigen
Ankern. Das Abendessen in einer kleinen Bar ist
schmackhaft und preiswert. Nachdem wir morgens
immer noch Gegenwind aus West haben, legen wir
einen weiteren Hafentag ein. Und mein Gewissen
wird erleichtert, als wir auf der Titelseite
einer Lokalzeitung die Schlagzeile lesen: Sturm
richtet in Cadiz und Umgebung mit über 90 km/h
schwere Verwüstungen an.
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