Das Mittelmeer.

Jugoslawien, Italien, Frankreich, Spanien und Gibraltar.

Jugoslawien

 

Der gesamte Hausrat ist aufgelöst, die Zelte Zuhause abgebrochen. Mein Bruder hatte uns noch zum Flughafen nach München chauffiert. Es ist abzusehen, daß in Jugoslawien bald Krieg herrschen wird. Das Flugzeug ist daher mit nur 8 Passagieren absolut leer. In Dubrovnik ist die Marina ist wie ausgestorben. Ein letztes Abendessen im Schloßrestaurant und am 22. April 1991 werfen wir die Leinen los. Es ist um diese Jahreszeit noch sehr kühl auf See. Gaby stellt bereits am ersten Tag den Bekleidungsrekord auf: 22 Teile!

 

Italien

Bereits am 24. April laufen wir in Otranto ein. Da wir diesen Hafen bereits kennen, fühlen wir uns richtig wohl und vor allem sicher, endlich aus dem Krisengebiet heraus zu sein. Nun kann unserer großen Reise nichts mehr im Wege stehen. Die Fahrt nach Genua verläuft ohne große Zwischenfälle, abgesehen davon, daß das Wetter doch noch ziemlich rauh ist und wir in einer Gewitterbö so schnell werden, daß die Logge am Anschlagstift den Zeiger verbiegt. Die Route führt uns rund um den italienischen Stiefel über Reggio di Calabria, Ischia, Rom und Elba. Dort in Porto Azurro sind wir uns schnell einig, daß das Fleckchen so romantisch ist - wir kommen wieder. Am 14. Mai 1991 machen wir in der Marina Casacca in Genua fest. Dort wird Ägir bis zur endgültigen Abreise liegen. Nicht gerade schön direkt am Industriehafen, aber dafür um so praktischer, denn die Autobahn führt fast direkt bis zur Hafenpforte. Und so wird unser Segelboot in den nächsten Monaten noch mit allem vollbepackt, was man halt so zu brauchen glaubt: Seekarten, Handbücher, Ersatzteile, 600 Konservendosen, 80 Diafilme...

Die guten Freunde und natürlich unsere Muttis begleiten uns nach Genua zum endgültigen Abschied. Es wird ein unvergeßlicher Abend mit erlesener italienischer Küche, viel Chianti und man vereinbart einen Hinterbliebenen-Treff, um in den kommenden Jahren möglichst alle Facetten der Berichte und Formulierungen auf unseren Postkarten auskosten zu können. Sonntag, 1. September 1991 gegen 10:00 Uhr geht&rsquos los. Natürlich fließen die Tränen in Strömen doch schon nach wenigen Minuten sind wir allein auf See und die Lieben sind nicht mehr auszumachen. Dennoch haben wir so ein flaues Gefühl im Magen, daß wir bereits am frühen Nachmittag in Finale Ligure einlaufen, um uns von den Strapazen des Abschieds zu erholen. Wollten wir ursprünglich direkt nach Gibraltar, so entschließen wir uns sehr schnell, doch der herrlichen Mittelmeerküste entlang zu segeln. San Remo ist für uns sehr enttäuschend, vielleicht haben nur nicht das nötige Kleingeld dabei, um diesen Ort wirklich genießen zu können. Bereits am 3. September wechseln wir zum ersten mal die Gastflagge. Ciao bella Italia.

 

Frankreich

Unser einziger Landgang ist in Antibes. Obwohl die Liegegebühren sündhaft hoch sind, gönnen wir uns eine Nacht im Yachthafen. Die Altstadt wirkt ganz romantisch und die kleinen Boutiquen in den schnuddeligen Gäßchen laden so richtig zum Bummeln ein. Der Golf de Lion liegt vor uns und Gaby ist sichtlich aufgeregt. Soll es doch hier mehr Stürme geben wie in der Biskaya. Wer hat denn schon mal was Gutes vom Mistral gehört? Nun ja, wir sehen kein einziges Wölkchen am Himmel und motoren bei absoluter Windstille die 180 Seemeilen bis nach Spanien.

Spanien

Der Golf de Lion liegt hinter uns: Das stürmischste Gewässer Europas - mit mehr Wind als die Biskaya (Mistral etc....). All die vielen guten Wünsche zum Abschied haben doch genützt. Bislang hatten wir nur Wind von achtern zwischen Null und Böen bis acht, der Golf war ruhig und wir sonnen uns heute ausgiebig an der Costa Brava in San Feliu de Gluxiols, etwas nördlich von Barcelona. Es ist nur schön. Eben kommen wir vom Markt, wo man äußerst preiswert allerlei Delikatessen gemüslicher und fischlicher Art erstehen kann. Wir liegen längs der Kaimauer mit einigen Engländern - die von einem Freund so farbenfroh geschilderte Begegnung mit der Spezies Yachties. Welcher Kontrast zu den beiden letzten Stops in San Remo und Antibes!

Ich bin wieder zurück, Gaby hatte die Einkäufe des Marktes aufbereitet (auf Details verzichte ich heute, falls gerade jemand noch auf Diät ist - nur soviel: Der Wein vom Faß für 90 Pts pro Liter).

Ich denke, unser Leben hat sich schon wesentlich verändert. Wir haben Zeit, zu tun und zu lassen was wir und wann wir es wollen - Gesetze, Vorschriften, Verordnungen etc. weichen ausschließlich der Natur: Schlafen, wenn man müde ist, tauchen, wenn die Muscheln am Propeller überhandnehmen und eigene Freiformflächen bilden. Aufstehen, wenn wir wach werden, und weiter geht's wenn der Wind günstig weht! Auch das Verhältnis zu anderen Lebensformen ändert sich: Schon nach 24 Stunden auf See ist die Landung eines (bei uns als stinkende, braune, fette Wanze bezeichneten) Insekts eine wohltuende Abwechslung und das Tier wird gehegt und gepflegt. Und jede Menge Delphine - wir überlegen, ob wir einen so anfüttern könnten, daß er uns ("flippermäßig") um die Welt begleitet?

Es ist 14.00 Uhr, knallheiß und Zeit, über Bord zu gehen....

Wir freuen uns auf das erste spanische Abendessen: Das Restaurant wirkt urgemütlich und der Raum ist vom Duft der Schinken, die über der Theke zahlreich baumeln, erfüllt. Zudem ist die ganze Rückseite mit riesigen Weinfässern bestückt, unter dem jeweils ein kleines Gefäß als Tropfenfänger hängt. - Jedoch, die Küche einfach grauenhaft. Meine Muscheln al marinara kommen mehr kalt als warm aus der Microwelle und verursachen eine äußerst ungemütliche Nacht.

Die Fahrt der Küste entlang führt an malerischen Buchten ebenso wie an entsetzlichen Orten wie Loret de Mar vorbei. Schade nur, daß wir motoren müssen. Dicke Gewitterwolken ziehen auf, doch mit viel Glück kommen wir trocken am Ziel unserer Tagesetappe an. Ein Süppchen für den Hunger, ein Glas oder zwei für das Ambiente und nach einem kurzen Rundgang durch Sitges fallen wir in unsere Koje.

Bevor wir unseren Wassertank füllen, fällt mir noch der Tip aus dem Hafenhandbuch ein, d.h. Wasserprobe ist angeraten. Und tatsächlich, das feuchte Naß schmeckt ganz eigenartig nach Salz und Mineralien.

Der Fußweg zum Ort führt durch die Marinaanlage über einen kleinen Hügel, der steil in eine hübsche Bucht mit Sandstrand abfällt. Ein Ort, der durch sein klares Wasser mit dem feinen Sand zum Baden einlädt. Am Friedhof vorbei schlängelt sich der Weg zunächst am Hauptbadestrand den Dorfhügel hinauf in Richtung Kirche. Zunächst aber gilt unser Interesse dem recht bekannten Museum. Ein altes Haus ist voll möbliert mit Gegenständen des täglichen Bedarfs aus dem 15.-17. Jahrhundert. Die Wände sind bis zur Decke hoch mit bemalten Kacheln und Gemälden behangen. Man besitzt sogar einen kleinen Picasso, der leider z.Zt. ausgeliehen ist. Die alten Holzkassettendecken ebenso wie die kleine Statue eines weinenden Jungen mit Vogelkäfig (sein Pipi schaut verschämt zwischen Hemd und Hose heraus), sind bemerkenswerte Details. Aber bei der Fülle entgeht einem wahrscheinlich zu viel. Das obere Stockwerk, ein ehemaliger Ball- oder Festsaal, beherbergt überwiegend Schmiedekunst und Bilder des einheimischen Malers. Von alten Türschlösser über zugehörige Schlüssel und riesigen Kerzenleuchtern dominiert die Schmiedekunst. Ein kleiner Abschnitt ist antiken Funden gewidmet.

Unser erstes spanisches Souvenir wird erstanden: Eine Kassette mit Volksmusik, wobei uns der Verkäufer eindringlich auf den Unterschied zwischen spanischem und südamerikanischem Flamenco hinweist.

   Spanier bei Wein und Domino

Der heutige Einkaufsdrink ist ein absolutes Erlebnis. Eine kleine Kneipe hinter der Stadtmauer, nur wenige hundert Meter vom Strand. Ein Tisch ist besetzt mit 5 Männern, die sich konzentriert ihrem Dominospiel widmen. Unterbrochen wird diese Beschäftigung nur von einem gelegentlichen Schluck Wein. Mit ungewöhnlicher Geschicklichkeit fließt der Weinstrahl auf einer Schnabelkaraffe - kein Tropfen geht verloren, obwohl keiner der Spieler die Flasche mit seinen Lippen berührt. Unverständlich für mich, daß sich dabei niemand verschluckt. Die Küche des Hauses - wir hatten ein Schälchen voll Schnecken und eine Portion gebratene Champignons - versöhnen ebenso wie die moderaten Preise mit der spanischen Küche.

Mit den Unterlagen vom Hafenmeister bewaffnet machen wir uns in Tarragona auf den Spuren der alten Römer in die Stadt auf. Es ist dämpfig heiß und anstengend, andererseits absolut beeindruckend, daß an dieser Stelle (ca. 2. Jahrhundert n. Chr.) ein kleines Rom errichtet wurde. Vom Amphitheater, über Circus, Forum und Thermen scheint es eine wirkliche Kopie gewesen zu sein. Von den alten Mauern sind stellenweise nur noch Überreste zu sehen, wesentlich stärker verwittert als in Rom. Die Straßen der Altstadt sind eng und verwinkelt und immer wieder stößt man auf kleine oder größere Dorfplätze. Besonders beeindruckend ist die Kathedrale, mit ihren bunten Glasfenstern, den vielen Altären - unter anderem einen für die hl. Maria der Schneider, was uns an Gabys Patentante erinnert - und dem luftigen Kreuzgang mit gepflegtem Innenhof. In einigen Nebenräumen sind Kostbarkeiten ausgestellt: Goldene und silberne Kelche etc. Ein unbeschreiblicher Reichtum muß sich in den Händen der katholischen Kirche befinden, die sich trotzdem nicht scheut, bei jeder Gelegenheit zu Spenden aufzurufen. Abends noch ein Besuch in der benachbarten Fischhalle, wo kutterweise der Fang versteigert wird. Das Angebot reicht von Gambas bis hin zu Schwertfischen. Nur leider verkauft man nichts - zumindest uns nicht, denn ansonsten sind jede Menge Leute mit Tüten und Taschen beladen - in kleinen Mengen, nur Kisten en gros. Also gibt's zum Essen halt was Leckeres aus der Büchse, was sich als ganz passabel herausstellt.

Auf der Etappe nach Peniscola ist der letzte Wachwechsel angesagt, als von querab ein Motorboot mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit auf uns zusteuert. Gaby will gerade ausweichen, als man dort auch Ruder legt und das Zollboot als solches erkennbar ist. Zwei Beamte kommen an Bord; einer beschäftigt sich mit Jochen und den Papieren, mit dem anderen gehe ich unter Deck. Ohne auch nur eine einzige Frage zu beantworten, fängt er zunächst in unserem Bett an zu stöbern. Kaum zu glauben, Hati (Gabys Kuscheltier) ist das erste Objekt, dem seine Aufmerksamkeit gilt. Natürlich auch die vielen Konserven, wobei jeweils nur ein Exemplar angeschaut wird. Jedenfalls ist es verwunderlich, daß bei dieser Gründlichkeit unsere Schrotflinte nicht bemerkt wird; aber jeder braucht so sein Erfolgserlebnis. Kaum ist eine Stunde verstrichen, haben wir unser Zollpapier. Obgleich Jochen Bedenken hatte hinsichtlich des kleinen Hafens von Peniscola, finden wir einen schönen und kostenlosen Liegeplatz längsseits einer spanischen Motoryacht.

Das Städtchen drängt sich dicht auf einem kleinen Felsen und überragt die Buchten weithin sichtbar. Unser Nachbar gibt uns erste Informationen über die Fiesta, die bereits in vollem Gange ist. Sie bestimmt das Ortsbild noch bis Sonntag.

Freitag der 13. - ein idealer Hafentag, denn ein richtiger Seemann würde nie freitags auslaufen und schon gar nicht am 13. Nach dem gestrigen Gewitter ist die Luft kühl und klar und ein Stadtbummel ist angesagt. Papa Luna, der Gegenpapst aus Avignon zu Zeiten des Chisma (1415) hatte sich hier seinen Zufluchtsort erbaut. Eine imposante Burg- und Festungsanlage, die auch heute noch recht gut erhalten ist. Im Burginnern sind aufgrund der dicken Wände angenehme Temperaturen, obgleich es teilweise moderig riecht und auch schon beachtliche Tropfsteine an den Decken zu bewundern sind. Die Wohnräume mit den oval zulaufenden Fenstern geben einen traumhaften Blick aufs offene Meer frei. Der Ort selbst ist typisch fürs Mittelmeer: Weiße Häuser, enge Gassen, steile Treppen und Straßen mit ausgefahrenem Pflaster. Gut, daß keine Freiräume für Hotelbauten waren, denn die angrenzenden Buchten mit ihren Sandstränden sehen entsetzlich aus.

Der Nachmittag ist der Fiesta gewidmet. Bereits gegen 16.00 Uhr machen wir uns auf und ergattern noch einen schattigen Tribünenplatz . Unter uns die Arena, um uns herum alte Spanier mit ledernen Gesichtern, die plappernd den Beginn des Festes abwarten. Die Holzdielen sind hart, wir sitzen dicht gedrängt, jeglicher Bewegungsfreiheit beraubt. Doch die Atmosphäre ist schön. Und so vergeht die Zeit bis zum Einlaufen des ersten Stieres schnell. Kein Stierkampf im üblichen Sinn. Hier geht es wohl eher um Volksbelustigung und natürlich darum, eine Arena zu schaffen, wo die Männer publikumswirksam ihren Mut zur Schau stellen können. Mediteraner Chauvinismus? Wenige sind tatsächlich mutig und durchqueren die Arena oder versuchen, den Stier an den Hörnern zu fassen. Die Mehrzahl jedoch klammert sich an die Holzbarrieren und läßt nur ab und an los, um in die Hände zu klatschen. Kaum bewegt sich der Stier, erklimmen sie in unglaublicher Geschwindigkeit sichere Höhen. Andere wiederum stehen auf einer Art Podest in der Mitte und reagieren sehr verschreckt, wenn sich der wilde Stier in ihre Nähe begibt. Der Stier ist unglaublich schnell und wendig, setzt jedoch weder Kraft noch Schnelligkeit voll ein. Er macht einen eher verstörten Eindruck und hat nichts von der Angriffslust oder Aggressivität, die wir vermutet hätten. Das Lustigste allerdings: Der Stier will die Arena nicht mehr verlassen. Also führt man zur Besänftigung und Lenkung eine Kuh in die Arena. Friedlich nähert sich der Stier und läßt sich zum Ausgang führen. Menschliche Verhaltenszüge? Weiter geht für ihn der Weg noch einige hundert Meter bis zum Strand und dort erwartet ihn wieder die besänftigende Gefährtin. Das Treiben wiederholt sich dann noch einige Male und dauert bis zum Einbruch der Nacht. Nachts gehören dann die Straßen den Musikanten und Sängern und selbst als ich so gegen 04.00 Uhr früh aufwache, sind die Klänge noch deutlich hörbar.

Unser Segler-Ehrgeiz hat uns heute gepackt. In zwei Wachen fahren wir 23 sm hoch am Wind, bewegen uns aber kaum vom Fleck. Gitarrenklänge und Jochens Gesang gestalten die restliche Wegestrecke sehr kurzweilig, hinzu kommt noch, daß die Beschreibung von Alicante sich verlockend liest. Froh sind wir auch, nicht in Bendidorm Urlaub machen zu müssen. Im Vorbeifahren zähle ich schon über 100 Hochhäuser. An der Pier in Alicante geht es abends richtig lebhaft zu und an das Gefühl, im Zoo zu sein, haben wir uns ja langsam schon gewöhnt.

Bordleben: Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Jochen die Haare geschnitten. Er hat mir zwar genaueste Instruktionen darüber erteilt, wie sein Frisör es zu tun pflegt, aber ansonsten hat er sich voll meinen Künsten anvertraut. Abgesehen von der Tatsache, daß hinterher eine Oberkörperdusche fällig war, bin ich mit dem Ergebnis zufrieden.

   Sonnenuntergang vor der Sierra Nevada

Ein Sonnenuntergang, wie ich noch nie einen erlebt habe und ich denke, Worte können die Stimmung nur bruchstückhaft wiedergeben. Aber vielleicht sind sie doch in 10 oder 20 Jahren der Auslöser, der die Erinnerung wachruft. Der Küstenstreifen, mit seinen schroffen Gebirgszügen ist dünn besiedelt und nur in weiter Ferne am Horizont sind die Lichter eines Ortes auszumachen. Weder unnatürliche Lichtquellen noch fremde Geräusche beeinträchtigen die Stimmung. Der Horizont ist leuchtend rot, an den Rändern hin verblassend. Dazu das gleichmäßige Plätschern der Wellen am Schiffsrumpf, der intensive Meeresduft. Friede, der durch Worte nicht erfaßbar ist, aber wir haben das Glück, ihn zu fühlen.

Auch der zweite Tag auf See ist geprägt von konstantem Gegenwind. Den Wetterfröschen aus Darmstadt ist man geneigt, eine Karte zu schreiben, da sie mit konstanter Boshaftigkeit Ostwind ansagen. Fliegende Fische sind sehr wundersame Tiere. Einem Flugzeug gleich schießen sie an die Wasseroberfläche und fliegen nur wenige Zentimeter über den Wellenkämmen dahin. Dabei legen sie ganz erstaunliche Distanzen von einigen hundert Metern hin. Jochens liebster Zeitvertreib ist die Navigation und es macht Freude mit anzusehen, wie er sich über seine exakten Ergebnisse freut. Auch meine Fortschritte sind zu sehen, wenngleich mit Jochens Professionalität nicht zu vergleichen.

In Motril machen wir im Club Nautico fest. Ausschlafen, frühstücken und dann Bordroutine - Hafentag, d.h. Jochen bastelt an der Maschine während ich wasche, putze und aufräume.

In aller Frühe machen wir uns auf den Weg nach Granada. Die 90minütige Busfahrt durch die Sierra Nevada (= schneebedeckte Berge) vermittelt einen ganz neuen Eindruck Spaniens. Die engen Täler sind ebenso wie die Hochebenen intensiv landwirtschaftlich genutzt. Das Spektrum reicht von Bananen über Kaktusfeigen, Melonen und Gemüse bis hin zu Tabakpflanzungen. Offensichtlich ermöglicht ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem diesen üppigen Wuchs.

   Filigrane Alabasterarbeiten an der Alhambra

Die Alhambra ist die aus dem 9. Jahrhundert stammende Pfalz der maurischen Könige Spaniens, deren Reich im Jahr 1238 unter König Mohammed in der Blüte stand. Die auch "rote Burg" genannte Alhambra wurde in den folgenden Jahren weiter ausgebaut und verschönert, wobei die heute erhaltenen Gebäude überwiegend aus dem 14. Jahrhundert stammen. Eindrucksvoll sind die Bauten nicht nur durch die filigranen Gipsverzierungen, die holzgetäfelten Decken und die Keramikarbeiten; auch die vielen Springbrunnen und phantasiereichen Gartenanlagen tragen zu diesem Eindruck bei. Wandelt man mit Muse durch die einzelnen Räume - der Mexnarhof, der Myrthenhof (nach den weiß blühenden Myrthen benannt), von dem man über den "Schiffssalon" in den Thronsaal mit der mächtigen Kuppeldecke gelangt, der Löwenhof oder die Bäder, deren farbenprächtigen Kacheln die Lüsternheit der Araber angeregt haben sollen - überall sieht das Auge nie gekannte Schönheit und man kann verstehen, warum sich so viele Geschichten um die Alhambra ranken. Im Burgteil - der Alcassar - dann die ehemalige Wasserglocke und die Stelle, an der erstmals die Flagge des heutigen Spaniens wehte.

Auf dem Weg nach Torremolinos treffen wir auf die größte Delphin-Schule, die wir je gesehen haben. Über gut ein bis zwei Stunden sehen wir sie häufig in kleinen Gruppen in einiger Entfernung vom Schiff springen. Es sieht nach fischreichen Gewässern aus, denn auch zahlreiche Möwen stoßen immer wieder pfeilschnell in die spiegelglatte See. Das Schönste jedoch ist, als sich die Schule immer näher an Ägir heranwagt, bis sie schließlich mit uns zu spielen scheinen. Ich stehe vorne im Bugkorb und kann mich nicht sattsehen am Spiel dieser eleganten Tiere. Als würden sie Ballett tanzen, schwimmen sie aus unterschiedlichen Richtungen und Tiefen auf den Bug zu - die Verliebten berühren sich dabei - und freuen sich offensichtlich des Lebens. Zwei bis drei Tiere halten sich länger auf, drehen ihren Körper zur Seite, wie um zu mir hochzusehen. Ihre Haut glitzert in der Sonne und schön ist der Kontrast zwischen der dunklen und der hellen Färbung der Haut. Deutlich ist ein Fiepen zu hören; sicherlich die Delphinsprache. Ich bin glücklich und auch Jochen hat an meiner Freude teil.

Gibraltar

Es ist richtig diesig an der Küste und kurz vor Gibraltar sind selbst die riesigen auf Reede liegenden Tanker kaum auszumachen. Selbst der 462 m hohe Felsen von Gibraltar taucht erst im Abstand von ca. 3 Seemeilen aus dem Dunst auf. Eine eigenartige Stimmung, die auch noch von den Wolken, die am Gipfel hängen, verstärkt wird. Gut, daß ich mittlerweile einiges hinsichtlich Navigation gelernt habe und so Jochen doch mit den einem oder anderen Input unterstützen kann. Neu ist für mich auch die Erfahrung mit Segeln im Strom. Wie mit dem Lineal gezogene Striche - so gerade trennen sich die Bereiche mit und ohne Strömung voneinander. Dabei sind in der spiegelglatten Wasseroberfläche kleine Strudel bemerkbar.

Gibraltar selbst macht auf den ersten Blick keinen sehr attraktiven Eindruck: Militärische Anlagen, riesiger Industriehafen mit entsprechend schmutzigem Wasser, Raffinerie und Landepiste direkt neben dem Yachthafen. Allerdings geht es sehr britisch zu und die Zahl der bewohnten Yachten ist deutlich gestiegen. Montag ist Hafentag mit Waschen, Aufräumen und einer Mammut-Kartenaktion. Gibraltar selbst ist wie bereits erwähnt nicht nur häßlich, sondern auch teuer und für unseren mageren Einkauf zahlen wir stolze 80 DM. Auch die Fahrradexkursion und der nachmittägliche Spaziergang bringen wenig Erwähnenswertes. Allerdings ist das Abendmahl überraschend gut, wenn auch teuer, wobei der Kellner dieses Nobelrestaurants leicht tranig ist.

In aller Frühe brechen wir mit der nach West setzenden Strömung auf. Eine für mich überaus aufregende Angelegenheit, liegt doch unsere bisher längste Seestrecke vor uns. Die Straße von Gibraltar selbst ist überraschend angenehm zu durchfahren, hat es doch kaum Welle. So motoren wir vor uns hin, setzen die Genua - aber nicht nur für James (unsere Windfahne) ist der Wind zu schwach. Kurz hinter Tarifa kommt dann eine leichte Brise auf - also Motor aus und diesmal ein Versuch mit der Fock. So schnell konnte man kaum reagieren, wie plötzlich Wind aufkam. Erst 4, dann ständig 6 bis 8 Beaufort. Ägir liegt ganz schief im Wasser und selbst nach dem Reffen ist er kaum auf Kurs zu halten. Ich kann gar nicht mehr sagen, was mir alles durch den Kopf ging, auf jedenfall hat mir Jochen meine Angst angesehen. Es fiel mir nicht leicht, sein Angebot zur Umkehr anzunehmen, denn schließlich will ich ja kein Feigling sein. Nach kurzer Zeit dann im Hafen von Tarifa fängt es so richtig zu gewittern an, Böen bis zu 10 Bft und jede Menge Regen, der so die eine oder andere undichte Stelle im Deck erkennen läßt.

Tarifa ist ein kleiner Ort, mit einem schönen Sandstrand, wo wir in einer Regenpause einen langen Spaziergang machen. Ich immer noch mit schlechtem Gewissen, aber wenigstens hat es ja schon gewittert. Der Liegeplatz ist übrigens recht urig. So eine Art Garage für Schiffe, allerdings ohne Garagentor. Dafür gibt es an der äußeren Mauer eine Art Ankerfriedhof mit einigen hundert rostigen Ankern. Das Abendessen in einer kleinen Bar ist schmackhaft und preiswert. Nachdem wir morgens immer noch Gegenwind aus West haben, legen wir einen weiteren Hafentag ein. Und mein Gewissen wird erleichtert, als wir auf der Titelseite einer Lokalzeitung die Schlagzeile lesen: Sturm richtet in Cadiz und Umgebung mit über 90 km/h schwere Verwüstungen an.

   
 

© ÄGIR  Gabriele und Jochen Leonhardt 1999. Alle Rechte vorbehalten. Letzter Update am: 22. März 2001