Der Atlantik.

Marokko, Kanarische Inseln, Atlantiküberquerung,

Marokko

Unser erstes Abenteuer: Westliche Winde verschlagen uns nach "Casa" - wie man diesen Ort hier liebevoll nennt. Mit gerefftem Groß und Maschine laufen wir bereits bei Dunkelheit Richtung Stadt - ohne Seekarte und Hafenplan - aus der Beschreibung des Seehandbuches fertige ich eine Skizze, dazu weist ein Fischkutter den Weg. Hinter der Mole Segel bergen etc.... Im hintersten Winkel finden wir den Club Nautique de Casablanca: Die Hafenpolizei weist uns nur unklar ein und schon haben wir 5 Ruderboote um uns herum, jeder will uns einen Liegeplatz zuweisen!! So enden wir schließlich an einem Schwimmsteg in einer solch dunklen Ecke, daß ich zum ersten Mal auf durchgeladener Waffe in's Bett gehe! Zumal die Hafenpolizei uns darauf hinweist, daß wir hier nicht bleiben sollten - aber nach 3 Tagen auf See sind wir zu müde zu neuen Manövern in der Dunkelheit: Schon steht ein trunkener "Helfer" am Schiff: Seine Fragen - Seid ihr nur zwei? Habt ihr eine Waffe an Bord? - machen uns äußerst mißtrauisch. Die Nacht schüttet es wie mit Kübeln und wir sind froh, mal wieder die richtige Richtung eingeschlagen zu haben und im Hafen zu liegen. Am nächsten Morgen verlegen wir uns in den Club Nautique - dort sind die Leute freundlich und wir fühlen uns sehr sicher. Ein Deutscher lebt seit 6 Jahren hier auf seinem selbstgebauten Boot - wir sind zum Kaffee eingeladen. Am Abend gehen wir bei PouPouche an Bord - ein französisches Paar auf dem Weg in die Karibik - eine erste Freundschaft bahnt sich an.

Kaum sind wir 22 Stunden hier, und schon sind die Zoll- und Polizeiformalitäten erledigt - wir haben ein Permit d'Escale und dürfen an Land! Der Liegeplatz ist preiswert: 24,- DM die Woche!! Doch schon kommt unser "Helfer" der ersten Nacht und will 2000 Pesetas (DM 40) für nur eine Nacht - Gott sei Dank hat Gaby Arabien-Erfahrung und Verhandlungsgeschick.

Landgang. In der Bank wechseln wir 100 DM. Das dauert nur 30 Minuten, Gaby drängt in die Medina, die Altstadt. Mir wird es wirklich ungeheuer: Engste Gäßchen mit hunderten von kleinen Läden, oft nur eine Nische in der Wand oder ein Teppich mitten im Weg - das Ganze gefüllt mit Arabern aller Couleur ("Casa" ist nicht sehr touristisch), verschleierte Frauen, Männer in Jelaba (Heinzelmännchen-ähnlicher Umhang) und wir - blond und blauäugig werden von allen Seiten angemacht. Auch hier hilft uns Gabys Erfahrung: Einfach ignorieren, denn alle wollen nur handeln und keiner trachtet uns nach dem Leben. Das Angebot ist vielfältig und exotisch. Vom Teekännchen, Lederwaren, Teppichen bis hin zu Früchten aller Art (die Obstpresse ist momentan ständig in Betrieb, damit wir frischen Saft genießen können!), Kaktusfeigen ..Kaum haben wir die ersten zwei Dollars ausgegeben, schon ist unser Rucksack voll mit Orangen, Zitronen, Zwiebeln, Melone, Banane ... Hühner kauft man lebendig oder sie werden direkt frisch geschlachtet und gerupft. Diese Hühner leben direkt im Laden! Und Gewürze: Gaby's Herz schlägt höher, als wir für nur 1 $ einen ganzen Beutel Safran erstehen.

Wenn ich ehrlich bin, war ich ganz froh, aus diesem Gewirr von Gassen und Menschen wieder draußen zu sein. Wir genießen das bei einer Tasse Pfefferminztee. Richtige Pfefferminzblätter mit heißem Wasser aufgegossen: Schmeckt wie Wrigley's Spearmint Kaugummi.

Am Nachmittag sind Brigitte und Gerard von Poupouche bei uns zum Kaffee. Man tauscht Erfahrungen und Dosenkäse gegen Rotwein, kopiert Hafenpläne und Karten - es ist einfach friedlich und harmonisch!

Dienstag früh. Der Regen hört auf. Der Wetterbericht ist gut: Weiter. Auf in die Stadt und die letzten Dirham ausgeben. Im Bazar fühlen wir uns jetzt schon wie zu Hause. Keine Spur mehr der Angst des ersten Tages. Wir kaufen das Notwendige, trauen uns schon in "dunklere" Teestuben und besorgen uns eben noch ein kleines Teekännchen. Wir haben wirklich Mühe, von Samstag bis Dienstag, inklusive Liegeplatz, unsere 100 DM auszugeben - aber niemand wechselt Dirhams zurück! Auslaufen geht nicht: Der Polizist, der unsere Waffe unter Verschluß hält, ist "gerade" nicht da, und so habe ich Zeit genug, heute ein bißchen ausführlicher zu schreiben. Poupouche will mit uns auslaufen.

Kanarische Inseln

Der Atlantik hat uns wieder. Die Windsteueranlage funktioniert prima und prächtiges Segeln bringt uns in genau 3 Tagen und 3 Nächten nach Graciosa, einer kleinen Insel nördlich Lanzarote. Wir ankern in einer Bucht vor wunderbarem, menschenleerem Sandstrand, wenige Meilen südlich der steilen und kargen Wände von Lanzarote. Nur 2 Stunden nach uns kommt Poupouche - unsere französischen Freunde aus Casablanca und wir freuen uns, daß auch sie heil hier angekommen sind.

Wir schlafen aus - unser Petroleum Ankerlicht ist erstmals im Einsatz und bewährt sich. Eine kurze Ecke um die Insel und nach wenigen Stunden liegen wir in Arrecife, Lanzarote im Schutz einer dicken Mole mit vielen anderen Yachten gemeinsam sicher vor Anker. Das Beiboot wird klargemacht - der Bummel durch die Stadt ist enttäuschend: Es ist Sonntag und total ausgestorben. Wie sich später herausstellen sollte, gibt es hier fast keine Touristen, die wohnen alle in Puerto del Carmen, einige Kilometer südlich.

Ein gelbes Gummiboot kommt vorbei: "Leck mi am Arsch: Schwobe aus Reutlinge!" Ein Ehepaar, mit einem selbst entworfenen Boot, erfüllt sich seinen Traum und reist um die Welt auf ähnlicher Route wie vor. Wir planen gemeinsam die Insel zu erkunden. Horst und Ute besorgen einen Mietwagen (R5) und am nächsten Tag geht's los:

Weinbau auf Lanzarote. Wüste. In kleinen, hufeisenförmigen Feldern wächst jeweils ein Rebstock, alle 15 Meter einer! Hinter den kleinen Mauern suchen sie Schutz vor Wind und Sonne, und bewahren sich ein bißchen Feuchtigkeit. In einem alleinstehenden Bauernhaus finden wir in einem Nebengebäude eine alte Frau, derb und dick bekleidet, die Wein verkauft - frisch vom Faß in Flaschen aller Art abgefüllt: Ein bißle probieren hebt die Stimmung, der eine ist herb und kräftig, der andere süß wie Port.

 

Tringaton: Ein erloschener Vulkan. Mondlandschaft ringsum. Keine Pflanze, kein Tier, noch nicht mal ein Vogel oder ein Käfer. Eindrucksvoll und fast gespenstisch.

 

Timanfaza: Ein Naturpark, Mondlandschaft soweit das Auge reicht. Die vulkanische Hitze wird hier sehr anschaulich demonstriert: Ein Büschel Heu in eine Erdspalte geworfen entzündet sich, ein Eimer Wasser hinterher verdampft wie ein Geysir, und im nahen Restaurant werden Hühnerbeine und Schaschlik einfach über einer Erdöffnung gegrillt. Man sieht kein Feuer, es kommt nur heiße Luft (wirklich heiß!!).

Nach all diesen Eindrücken erfrischen wir uns mit einer Tasse Kaffee am Golfo, einer durch Plankton hellgrün gefärbten Lagune. Vorbei an einer Kamelzucht und Salinen, dort gewinnt man das gute Meersalz tonnenweise, fahren wir ganz an die Südspitze von Lanzarote und nehmen ein erfrischendes Bad in der Bucht von Papgazo und wollen einfach wieder zurück zum Hafen.

Doch dort, wo wir laut Karte die Straße vermuten, ist nur noch Piste, die Steine werden immer gröber, die Hänge steiler. Horst - kurzsichtig aber saharaerfahren - übernimmt das Steuer. Der R5 wird kräftig strapaziert. Gaby bittet der Nerven zuliebe um Zigarettenpause, doch die kommt ganz von allein. Selbst als wir ausgestiegen sind, steckt das Auto so tief im Geröll, daß wir uns ernsthaft Gedanken machen, ob und vor allem wie wir hier jemals wieder rauskommen. Wir kehren um. Mit viel Gefühl fahre ich zurück und als wir nach 10 Minuten (die uns wie Stunden vorkommen) wieder die Ebene und andere Autos erblicken, weicht so langsam die Anspannung. Wir gönnen uns dafür ein köstliches Abendessen - Thunfisch vom Grill - ein erlebnisreicher Tag geht zu Ende.

Im Hafen gibt es Neuigkeiten. Eine schweizer Yacht , die wir von Spanien schon kennen, ist eingetroffen - ein mords Hallo! Weitere Bekanntschaften bahnen sich an, heute Kaffee bei Tonenel (sind schon zum 2. mal auf der Reise), mal die ganze Natz bei uns. Die Albatros mit Hellmut und Hannelore (Schwaben!) sind eingetroffen und der Höhepunkt schwäbischer Geselligkeit bahnt sich an: Horst und Ute bieten ein Cannstatter Zuckerle, wir eine Birnauer Kirchhalde, Hannelore und Hellmut einen Esslinger Schenkenberg: Und so hocken wir fröhlich im Hafen von Lanzarote. Fachsimpeln über Schiffe regt die Reparatur- und Bastelwut an, Ideen der anderen sind oft verblüffend. Schon bringt Horst seine Riesenzange und wir liegen beide kopfüber im Kiel: Unsere Welle ist wieder dicht. Gaby und ich löten aus Langeweile noch in unserer elektrischen Selbststeueranlage herum (wir probieren das schon seit 2 Jahren).

Ein Plausch mit Ute. Wir reden über Großväter. "AWS": Alfred Wais, Sillenbuch. Was Sillenbuch? Da gibt&rsquos doch eine Gorch-Fock-Straße? Klar! Dort wohnt meine Patentante! Frau Förster. Ihr Sohn Konrad besuchte mit mir zusammen die Grundschule - so klein ist die Welt!

Inzwischen verbindet uns eine dicke Freundschaft mit Ute und Horst - wirklich zwei ganz liebe Menschen! Und so umkompliziert. Gaudi kommt auf, als die Schweizer mit an Bord kommen. Die fahren ein High-Tech Schiff mit Gefriertruhe und Mikrowelle und sprechen wie Emil. Dort haben wir Gelegenheit, unsere bisher gedrehten Videos zu sehen: Es ist kaum zu glauben, wie lange unsere Abreise schon zurückliegt - wir haben das Gefühl, schon Jahre unterwegs zu sein. Auch unsere ersten drei Filme sind entwickelt, wir leisten uns einen kleinen "Gucki" und betrachten "alte Erinnerungen".

Fünf marokkanische Fischkutter laufen ein - und es wird unbehaglich: Öl und Plastik im Wasser, lärmendes Hämmern morgens um 7:00, Ruth und Heinz wird das Beiboot gestohlen (und durch Zufall wiedergefunden). Noch ein Besuch im Museum für zeitgenössische Kunst, das in einem alten Kastell wunderbar untergebracht ist, angeblich mit Bildern von Miro (ist schon wahr, nur gibt es in Spanien "Miro's" wie in Deutschland "Maier's").

Uns zieht's weiter - Abendessen mit Ute und Horst - am nächsten Morgen geht's Anker auf. Eine Woche Lanzarote ist genug.

   Sanddünen auf Fuerteventura

Der elektrische Autopilot tut und wird zur Feier des Tages sofort getauft: Harry Hirsch. Er bringt uns zielsicher nach Fuerteventura und nach nur wenigen Stunden laufen wir den kleinen Hafen von Puerto Castillo an. Ute hatte uns noch vor dem vorgelagerten Riff gewarnt. Wir passen Hochwasser (Flut) ab und finden ein kleines Paradies: Glasklares Wasser, tolle Hafenanlage mit Strom, Süßwasser, warmen Duschen - alles zu vernünftigen Gebühren. Links direkt ein langer Sandstrand neben dem Hafen, rechts das Riff - ideal zum Tauchen. Im Hafen gibt es einen Kompressor, wo wir unsere Flaschen füllen können - ich denke, hier können wir eine ganze Weile bleiben, zumal wir von Amateurfunkern immer wieder hören, daß die Haupthäfen der Kanarischen Inseln z.Zt. alle überbelegt sind. Alles wartet darauf, von hier aus Mitte November über den Atlantik zu können - ich schätze es sind insgesamt an die 500 Yachten.

Wir sind bereit zu einem Tauchgang am Riff. Hellmut ist ein relativ unerfahrener Taucher - wir nehmen ihn mit, nein; er uns! Sein Beiboot wird mit 4 Personen besetzt, volles Tauchzeug (leichtes Übergewicht); schon bei der Umrundung der Hafenmole leichtes Spritzwasser - 100 Meter weiter Szenen, die an DAS BOOT erinnern. Gummiboote können nicht untergehen und wir haben ja unsere Luft dabei. Der Tauchgang ist kurz aber wunderschön. Kleine Barrakudas, Papageienfische, Barscharten in vielen Sorten und am Grund jede Menge Seeigel. Hellmut hat noch Schwierigkeiten mit dem Tarieren und seine Füße sehen anschließend trotz Flossen aus wie Mohnbrötchen.

Wir wollen gegen Mittag auslaufen, um am nächsten Mittag auf Gran Canaria anzukommen. Stundenlang segeln Albatros und Ägir nebeneinander und während Hellmut nahtlos bräunt, steckt Gaby noch im Ajungilak (norwegisches Topmodel eines winterfesten Schlafsacks!). Im Abendlicht passieren wir die Südspitze Teneriffas und unsere Wege trennen sich. Mit frischem Wind sind wir bereits um 5 Uhr früh in Las Palmas de Gran Canaria fest. Es ist stockdunkel und irgendwie ist Abendessen Stimmung: Also gibt's Krautgulasch mit Bier ...

Endlich wieder eine grüne Insel - wir genießen das Stöbern in den Markthallen voller Gemüse und Obst und was Gaby nicht kennt, wird gekauft und probiert. Es ist einfach toll! Las Palmas hat einen langen Sandstrand und wir können im seichten, warmen Wasser kaum genug bekommen vom Toben!

Alte Bekannte sind im Hafen: Ute und Horst. Riesiges Hallo. Seine Maschine startet nicht mehr. Nach 3 Stunden gemeinsamen Suchens läuft die Kiste wieder. Horst ist überglücklich und die nächsten 6 Stunden damit beschäftigt, seinen Diesel wieder in den Urzustand zu versetzen: Der sieht nämlich aus wie im Verkaufsraum!

Am Abend sitzen die 4 Crews von Suevia (Reutlingen), April Love (England), Ventoso (Südafrika) und Ägir bei ungezählten Gläschen Wein zusammen. Die Abende unter Yachties sind unglaublich schön. Vielleicht liegt dies einfach an der Grundeinstellung dieser Menschen.

Inselrundfahrt mit dem "Panda". Zuckerrohr und Bananenplantagen. Ein spezieller Käse wird mit dem Saft von Artischocken versetzt: Queso del Flor - ein wirklich empfehlenswerter Ziegenkäse. Speziell der Norden der Insel hat es uns angetan. Eine tolle Landschaft, kaum zu beschreiben. Picnic in den Bergen - es ist richtig kalt und wir kramen die Pullis raus. Beim gemeinsamen Abendessen zeigt sich dann, wie hungrig Panda fahren macht und zur allgemeinen Erheiterung verdrücke ich gleich 2 Portionen.

Zu erwähnen ist in Las Palmas natürlich auch "Pedro Texaco", der Inhaber der Tankstelle. Er kennt jeden und alles, ist äußerst hilfsbereit und löst jedes Problem (manchmal dauert es natürlich ein paar "mananas"). Als wir Las Palmas verlassen, gibt es in unserem Bruchbuch keine offenen Punkte mehr und ich bin meinem Meisterbrief für Schiffsdiesel einen gewaltigen Schritt näher gekommen (Ventile einstellen, Kraftstoffilter reinigen, Leitungen verlegen, Wasserpumpen zerlegen und wieder funktionstüchtig zusammensetzen ...).

Gaby hat inzwischen mittels Moskitonetz ein schnakenfreies Vorschiff gebastelt und als nach ihrem Einkauf bei Cruz Major (dem Kaufhaus um die Ecke) der LKW vorfährt mit der Frage: "Ägir?" füllen wir unsere letzten leeren Schapps.

Kurze Überfahrt nach Teneriffa. Auf den Klippen direkt vor dem Hauptleuchtturm liegt ein riesiger Dampfer - er hat wohl zu genau auf das Leuchtfeuer zugehalten. Es ist mir unverständlich, wie so etwas passieren kann - da muß die gesamte Mannschaft gepennt haben!

Heute ist Feiertag: Allerheiligen, aber vor allem haben wir heute zum ersten Mal Post erhalten!

Vorgeschichte: 31.10.91, 15:00 Uhr fest in Santa Cruz de Tenerife. Radl klar. Gaby ab zum TO-Stützpunkt. San Andres ist ein Ort ohne Straßennamen. Eine alte Frau verwaltet für 500 Pts/Monat (ca. 8 DM) die Post. Sie geht in Ruhestand und das gesamte Postzustellverfahren löst sich in Wohlgefallen auf. Kurz Gaby kennt jetzt ganz schön viele Leute im Dorf! Bei Schneiders ist keiner da, Gaby hinterläßt eine Nachricht, daß wir morgen wieder kommen. Wir sind müde, können aber noch nicht zu Bett, weil der Schwede neben uns gegen 21:00 Uhr auslaufen will. Noch ein kurzes Manöver, einige Zigaretten Bakschisch für den Hafen Öhi und ab in die Koje...

Gegen 11:00 wollen wir zu Elke und Heinz, doch schon gegen 9:30 Uhr hält eine Rostbeule von R4-Caprio-GTI-Turbo-Rover vor unserem Liegeplatz: "Hallo Ägir!" - "Heinz?" Ich habe Post für euch!! Für uns ist dies das erste Mal - welche Aufregung. Wir hoppeln in einem Rostloch von "Auto" detras villa pax - ein Ort, den ein Tourist niemals finden würde - Kompliment an DHL!! Paket, Briefe .. Es ist wie Weihnachten. Heinz karrt uns zurück. Die Welle ist da, Kreditkarte, Batterien, was uns aber noch viel mehr freut sind die lieben Gedanken und Briefe. Wir machen zur Feier des Tages einen Sekt auf und haben bereits gegen 11:00 Uhr gewaltig einen im Tee ...

Zum Thema Schwabe im Ausland. Auf Lanzarote lernten wir Ute und Horst (Reutlingen - Uhrmacher) kennen, die fast dieselbe Route haben und uns verbindet inzwischen eine dicke Freundschaft. Während des Segelns wird geangelt. Thunfisch ist nicht selten und der Trick, einen Thun kurz und schmerzlos zu töten besteht einfach darin, ihm einen Schuß Schnaps zwischen die Kiemen zu schütten. Sparsam wie Horst ist, versucht er es mit Spiritus .. Der Fisch wird quicklebendig, sein ganzes Schiff ist blutverschmiert ... und das ganze kanarische Archipel weiß inzwischen, daß die Schwaben von den Schotten abstammen. Der Spiritus (künstlich vergifteter Alkohol) bewirkt zusätzlich den "flottesten Otto", den die beiden je hatten ..

 

San Andres ist ein kleines Fischerdorf und wir lassen uns in der dortigen Cofredia (so was wie eine Genossenschaft) mit gegrilltem Fisch, papas arrugadas (auf spezielle Art zubereitete Kartoffeln) und feinem Sößle verwöhnen. Auch der Sandstrand lockt und wir sind mal wieder ausgelassen, wie die kleinen Kinder.

Heute sitzen wir bereits um 7 Uhr im Bus und gegen 11 Uhr sind wir an der Talstation zum Teide. Ganz schön außer Atem machen wir auf 3717 Metern Höhe Picnic. Der Gipfel ist ein Vulkankrater, wo noch an unzähligen Stellen Schwefeldämpfe aus heißen Spalten austritt. Beeindruckend der Rundblick von oben über Teneriffa, Gran Canaria, La Palma bis nach Gomera, unserem nächsten Ziel. Beeindruckend auch die Menschen und ihre Bekleidung bzw. ihr Schuhwerk, wie sie aus der Gondel steigen: Shorts und Goldschläppchen oder High-Heels! Wir fallen richtig unangenehm auf mit Rucksack und Stiefeln. Doch die Landschaft ist so gewaltig hier und so vielseitig vom toten Vulkan bis zur furchtbaren Bananenplantage, daß die "Touris" schnell wieder vergessen sind.

... und dann war da noch Juan. Auf den ersten Blick der Hafenmeister: Weiße Hose, Hawaii-Hemdchen, Kapitänsmütze, braun gebrannt, hilfsbereit beim Festmachen, eifrig notierend mit Block und Schreiber, welche Yacht wie lang ist .. später stellt sich heraus, daß Juan weder lesen noch schreiben kann, eigentlich ein Clochard ist, der sich mit dieser Masche seinen Unterhalt ergaunert!

Neben uns liegen Linda und Don aus Auckland. Wieder ein wundervoller Abend mit Erzählungen vom Schwimmen mit Delphinen, Neuseeland, ... selbst das Rote Meer verliert seine Schrecken, wenn mal jemand positiv und ohne Sensationsjournalismus davon berichtet. Übrigens, die beiden sind seit 6 Jahren unterwegs - ohne Sturm!

Die nächste Etappe ist wieder herrliches Segeln. "James" - unsere Windsteueranlage arbeitet hervorragend und so runden wir abends die Südspitze Teneriffas. Wir wollen noch einmal in einen richtigen Hafen wegen Wasser und so ..: Puerto Colon ist die letzte Gelegenheit für viele Wochen. Mit den Worten: "Wir sind voll" schickt man uns wieder weg und ich bin total stinkig, denn es hatte Platz genug. Wahrscheinlich ist unser Ägir doch nicht nobel genug. Also zurück nach Los Christianos, ein kleiner Fischer- und Fährhafen mit großer Ankerbucht. Kaum sind wir dort fest, ist meine Wut auch schon wieder verflogen, denn alte Bekannte liegen hier: Maria und Klaus aus Esslingen, Aida aus Ludwigsburg, Bodo aus Österreich ...

Hier ereilt uns der Höhepunkt des Pauschaltourismus: Stellt Euch vor, wir liegen gemütlich an der Pier beim Frühstück, Niedrigwasser, so daß man von der Mole aus schön reingucken kann. Bleiben prompt auch 4 "Neckermänner" stehen, mit folgender Konversation:

 

" Guck mal, wie niedlich die frühstücken!"
".. und die Wäsche, die ist auch schon gemacht !"
" Worauf die jetzt wohl noch warten?"

Gaby's demonstratives Grinsen verunsichert die Vier und sie ziehen weiter.

Wie viele Kanister gehen in einen Tank? Antwort: Etwa 3 Stunden. Aber wir sind voll mit gutem Süßwasser, wenn auch Gaby fix und foxi erst mal zum Strand geht. Ich baue noch einen Seewasserpumpe für die Küche ein, damit haben wir unterwegs so viel "Spätzleswasser" wie wir wollen.

Kurzer Schlag nach Gomera. Unser erstes Traumziel ist erreicht. Ankern in der Bucht von San Sebastian. Genau hier hat vor 499 Jahren Christoph Columbus vor seiner Reise den letzten Proviant aufgenommen. Beim ersten Dorfbummel betreten wir deutlich gerührt die Kirche, in der er vor der Abfahrt die Messe besuchte. Ebenso existiert noch der Brunnen, aus dem die Fässer der Nina, Pinta und Santa Maria mit Frischwasser gefüllt wurden.

   Faszinierender Blick über Hierro

Gomera hat keinen Flughafen. Es ist der erste wirklich urige Ort, den wir besuchen. Ein ganz tolles Wandergebiet mit Regenwald, Lorbeerwäldern, Steilwänden und sanften Talsohlen. In der Ankerbucht nur wenige Yachten - kein Gedränge und selbst im Hafen glasklares Wasser.

Nicht nur, daß wir während der letzten 70 Tage eine Unmenge schöner Erlebnisse hatten, wir haben persönlich auch vieles gelernt. Miteinander, voneinander und durch andere. So wächst unsere Geduld und Ruhe von Tag zu Tag und Jochen kann schon über eine Stunde wartend im Hafen Kreise ziehen, ohne ungeduldig zu werden - wo doch nur ein Schiff vor uns an der Tankstelle ist! Oder die Fähigkeit, sich mit dem Wörtchen "nichts" auseinanderzusetzen, wenn z.B. auf See noch nicht einmal eine Möwe vorbeischaut und ich bin mir sicher, daß ich während der Atlantiküberquerung noch reichlich Zeit zum Üben haben werde. Oder da wäre das Wort "Gleichberechtigung" - so richtig gewinnt das erst an Bedeutung, wenn ich meine Nase in diesen übelriechenden Motorraum stecke oder 20 Literkanister durch den schlammigen Hof schleppe. Dabei habe ich übrigens die erste Frau gesehen, die in Gummistiefeln und Bikini unter einer sogenannten Dusche steht. Oder die Offenheit, mit der "man" inzwischen auf andere zugeht, die Toleranz, die wir langsam wirklich erlernen.... Mal sehen, was noch so alles aus uns wird - auf jeden Fall ist auch dieser Aspekt der Reise wirklich erlebenswert.

Atlantik

Um es vorweg zu nehmen: Es gibt keine Sturm oder Bruchgeschichten vom Atlantik! Vielmehr hatten wir schwache Winde, benötigten so 25 Tage (statt wie geplant 21) und noch nicht mal einen abgebrochenen Fingernagel!

Und wie verlief nun ein typischer Seetag? Langeweile? Keine Spur! Beginnen wir mit der Frühschicht:

03.00 Uhr Wachwechsel. Der abnehmende Mond, Jupiter und Venus grüßen am Morgenhimmel. Seit etwa 8 Tagen können wir das Kreuz des Südens sehen, der Wagen geht unter und Orion steht im Zenit, ungewöhnliche Konstellationen für einen geübten Sternengucker. Es gibt Nächte mit hunderten von Sternschnuppen, manchmal ganz helle, so daß man meint, es blitzt. Und es ist so klar, daß die Sterne, wie bei uns nur die Sonne, direkt am Horizont auf- und untergehend sichtbar sind. Der Spiralnebel im Sternbild Andromeda - auf der Sternwarte in Stuttgart mit dem großen Fernrohr gerade noch zu erahnen - ist hier mit dem bloßen Auge deutlich sichtbar.

03.45 Uhr der Wecker klingelt: Norddeich Radio (wir sind inzwischen 5 Stunden auseinander, ein deutliches Zeichen, daß wir gut westwärts vorankommen). Wird ein Gespräch für uns dabei sein? Speziell auf See ist es wunderbar, wenn zu Hause jemand an uns denkt und Gaby hat deshalb öfters mal Freudentränen in den Augen. Oft ist zwar die Verständigung schlecht, aber das macht nichts - die Tatsache des Anrufs an sich hat für uns Bedeutung genug.

Morgengrauen. Farbenspiele, die sich einfach nicht in Worte fassen lassen, und deren Veränderung weder auf Video noch Foto annähernd so beeindruckend wie in Natur wirken können.

Sobald die Nachtschicht aus der Koje kommt, gibt's Frühstück. Mit viel Zeit und Muse fällt es je nach Seegang unterschiedlich üppig aus. Gaby hatte eigentlich geplant, auf der Überfahrt überflüssige Pfunde mit Hilfe der Seekrankheit abzubauen - doch es kommt ganz anders: Gaby geht es blendend und essen wird zu unserer zweitliebsten Beschäftigung etwa wie folgt:

07:00 Frühstück
09:30 2. Frühstück
11:00 Mittagessen
13:00 Kaffee
15:00 Vesper
17:00 Abendessen
... und nachts zu jedem Wachwechsel ein Süpple...

   Stimmung auf dem Atlantik

Dazwischen bleibt also nur noch wenig Zeit, etwas Navigation, lesen, angeln, ... Regelmäßig haben wir Funkkontakt mit anderen Yachten. Das Angeln verläuft etwas unerwartet. Je länger wir unterwegs sind, desto ungeduldiger wartet Gaby auf einen Biß - und wir gewöhnen uns langsam an den Gedanken, daß wir, wenn man ein Tier so tötet, eigentlich ganz natürlich leben - die Natur ist doch ein endloser Kreislauf des Gefressenwerdens und die Natur ist so üppig ausgestattet, daß bei normalem Verhalten keine Tierart aussterben wird. Wir sehen unterwegs Thunfische und Goldmakrelen, die in der Flaute neugierig um unser Boot schwimmen, auch Delphine und Tümmler sind da; täglich haben wir fliegende Fische an Bord. Diese starten aus dem Wellenkamm, fliegen dann bis zu 200 m weit flach übers Wasser und landen etwas plump mit einem kräftigen "Platsch". Seegang erleichtert also den Start und so wird schnell die Anzahl der Fische, die wir morgens an Deck einsammeln zur Maßzahl für den Seegang: Mehr als 4 entspricht mäßig bewegter See. Unser beeindruckendstes Erlebnis ist die Begegnung mit einem Schwertwal, der zwei Tage lang für Unterhaltung sorgt. das Tier - etwa so lang wie unser Schiff - deutlich erkennbar an dem weißen Fleck auf der Unterseite, kommt bis auf 5 m an uns heran und schwimmt ganz friedlich mit, taucht ab und zu auf, um abzublasen und wieder Luft zu holen. Wale können bis zu einer Stunde lang und 1000 m tief tauchen! Und das Tollste: Stellt Euch vor, eine Atlantikwelle etwa 4 m hoch, 200 m lang, harmloses und gemütliches auf und ab. Das Wasser ist ganz klar und mit der Sonne werden die massiven Wellenberge zwar nicht durchsichtig, aber doch durchscheinend. Und in dieser Welle der Wal - direkt hinter unserem Heck und hoch über uns. Es ist wie im Aquarium, ohne Scheibe, ohne Wärter, und ganz alleine für uns.

   ...und immer wieder mal ein Regenschauer

Der Atlantik ist groß - endlos schweift das Auge und mit ihm die Gedanken. Wieviel Mühe machen wir uns, um Ägir zu Arbeiten am Unterwasserschiff mit dem Kran 2 m hoch an Land zu heben. Und hier passiert das mehrmals pro Minute, scheinbar mühelos hebt uns jede Woge hoch, scheinbar ohne Energieverlust - welche Kraft steckt in jeder einzelnen Welle - und wie winzig und unbedeutend sind wir dazu im Vergleich. Und wie wichtig haben wir uns früher immer gefühlt, privat und vor allem im Büro! Es relativiert sich vieles auf unserer Reise, und wir sind froh, all das erleben zu dürfen.

"... und wird es nicht problematisch sei, so lange zu zweit auf so kleinem Raum?" Wie oft hat man uns diese Frage gestellt. Wir verbringen harmonische Tage auf See. Jeder Tag bringt etwas Neues. Und wenn nicht, dann bringt es Gaby: Sie hat einen ganz lieben Adventskalender gebastelt und täglich gibt's eine Überraschung für den Skipper. Natürlich steigt mit zunehmender Reisedauer der Wunsch, endlich anzukommen: Die Frage: "Wie viele Meilen sind es noch?" stellt sich mehrmals täglich. Und doch klappt es so toll, daß - wenn einer von uns den &lsquoAnkomm-wollen-Koller&rsquo kriegt - der andere ihn liebevoll tröstet. So schaffen wir es, diesen Koller zu einem ganz seltenen Ereignis zu machen und es ist traumhaft schön zu erleben, daß die Tatsache, daß wir zu zweit allein auf so engem Raum beisammen sind, mit das Schönste an unserer ganzen Reise wird.

1300 Meilen auf See. Bergfest. Die Hälfte ist geschafft. Zwei Tage lang treffen wir Vorbereitungen, die in einer unbeschreiblich albernen Veranstaltung enden, wo ich mich z.B. in Wanderstiefeln im Mast im steilen Want (siehe Heino) wiederfinde. Wir versuchen, diese ausgelassene Atmosphäre auf Video zu bannen ...

   
 

© ÄGIR  Gabriele und Jochen Leonhardt 1999. Alle Rechte vorbehalten. Letzter Update am: 22. März 2001