Die Karibik.

Barbados, St. Lucia, Bequia, Grenada, Venezuela, Curacao und Panama.

Barbados

14. Dezember 1991, 22:42 Uhr. Land in Sicht! Die Ansteuerung gestaltet sich karibisch: Das Leuchtfeuer an der Ostecke von Barbados brennt überhaupt nicht und so erweisen sich landende und startende Flugzeuge, die in Richtung Airport zeigen, als beste Ansteuerungshilfe bei Nacht. Das Leuchtfeuer an Needham's Point, welches uns den Weg zu unserem Ankerplatz weisen soll, ist noch besser: Die Seekarte beschreibt ein weißes Licht, das Hafenhandbuch redet von 4 Blitzen alle 25 Sekunden, das Leuchtfeuerverzeichnis beschreibt es als Einzelblitz alle 8 Sekunden, nur das britische Seehandbuch hat recht: "There is a light at Needham's Point". Wir beschließen, daß der Einzelblitz alle 4 Sekunden Needham's Point sein muß und lassen im Morgengrauen in Carlisle Bay vor Bridgetown, Barbados, unseren Anker fallen.

   ... Traumstrand...

Frühstück, Anmeldung über Funk beim Zoll, Gaby wird temporär zum Schiffsführer und erledigt die Formalitäten. Hormonell bedingt sind wir natürlich als erste abgefertigt und dürfen an Land. Wasser 27 bis 280C und der Sandstrand ist so fein, fast wie Mehl! Da unsere Windsteueranlage einen wirklich tollen Job gemacht hat, haben wir über den Atlantik keine Meile von Hand gesteuert. So sind wir beim Ankommen ausgeruht und fühlen uns überhaupt nicht müde. Ein Glas lauwarmer Champagner, ein Bummel durch Bridgetown, Ein nobles Restaurant (wir sind die einzigen Gäste) ist für uns der passende Rahmen für das Welcome-Dinner und die Feier unserer ersten Ozeanüberquerung: Knackiger Salat, Prawns und Steak sind die Hauptgänge. In der Dunkelheit geht's mit dem Beiboot zurück zu Ägir und weinseelig fallen wir in die Koje. Doch welche Überraschung - der Mensch ist ein Gewohnheitstier: Morgens um 03:00 Uhr treffe ich Gaby putzmunter im Cockpit mit einem scherzhaften: "Du bist dran!".

   Der Dinghi-Anleger bei Bridgetown

Wir suchen den TO-Stützpunkt. Hausnummern gibt es nicht. Es soll in der Nähe des Hilton sein. Und wieder eine Überraschung: An der angegebenen Adresse finden wir das deutsche Honorarkonsulat und Ursula entpuppt sich als ganz liebe und gastfreundliche "Frau Konsul". Beim Saft junger Kokosnüsse nehmen wir jede Menge Post und die Abholscheine für unsere Weihnachtspäckchen in Empfang. Ursula düst öfters mal mit dem Surfbrett durch die Bay und schaut vorbei - voll guter Tips: Dort gibt es eine French Bakery, Bananen sind preiswert, wenn man 6 Stück für einen Dollar ersteht. Die Weihnachtskarten werden auf unserem Sideboard drapiert - und trotz der Hitze (morgens um 08:00 schon 300C), der Sonne, der Karibik, entsteht so etwas wie Weihnachtsstimmung.

Unzählige verschiedene Eindrücke und Erlebnisse mischen und überschlagen sich. So werden wir bei den ersten Schritten auf Barbados fast überfahren - wir sind den Verkehr einfach nicht mehr gewohnt, und außerdem schauen wir in die falsche Richtung. Denn als ehemals britische Kolonie fährt man hier auf der "richtigen" Straßenseite. Die Menschen auf den Straßen scheinen stets fröhlich und haben immer Musik in den Gliedern. Kein Wunder, wir haben ja auch jeden Abend bis in den frühen Morgen Raggae, Steelband und Calypso Sound über der ganzen Bucht.

Am Weihnachtsfeiertag fahren wir mit dem Bus über die Insel. Eine lange Wanderung den Strand entlang zurück folgt. Wir sammeln erste Muscheln, Schnecken und Korallen. Der Durst meldet sich, doch die Bars sehen geschlossen aus. Ein Einheimischer schubst uns regelrecht durch die Hintertür und mir wird etwas mulmig. Zwei Räume weiter ist die Bar, brechend voll und als einzige Weiße werden wir hier genauso begutachtet, wie wahrscheinlich ein Schwarzer bei uns in einer kleinen Dorfkneipe. Ich bestelle zwei Bier und die Mummy hinter dem Tresen läßt uns nicht mehr aus den Augen (wie sich später herausstellt, bezahlt man in Barbados sofort, und als ich schließlich die Rechnung begleiche, wird auch sie ganz zutraulich: "Merry Christmas!"). Es dauert nur kurz und wir führen wirklich interessante Gespräche mit den Einheimischen. Und sie sind so freundlich, daß wir fast nicht mehr loskommen: "May I buy you another beer? Please!" Würden wir zu Hause so ohne weiteres einem Wildfremden ein Bier spendieren? Kurz darauf an der Bushaltestelle erklärt uns ein Einheimischer - ohne daß wir ihn danach gefragt haben - wie wir wieder nach Bridgetown kommen. Ich denke, wir können hier noch viel lernen, wenn es um wirkliche Gastfreundschaft geht.

Weihnachtsdinner. Wir haben Gäste an Bord aus Neuseeland, England und Dänemark. Lokale Küche, wir zeigen, was wir können: Badisches Schneckenrahmsüppchen, Linsen mit handgeschabten Spätzle (Zeremonie!), Vanillepudding mit Rum-Rosinen. So, die wissen jetzt, wo Schwaben liegt.

St. Lucia

Ist das nicht das Paradies ? Steile Küste, dicht bewaldet. Da, eine schmale Öffnung wie ein kleiner Fjord, eine Sandbank mit Palmen bestanden, dahinter eine Lagune, der Anker fällt: Marigot Bay auf St. Lucia. Rings um uns dichter Regenwald, Bananen, Brotfrucht, Lianen, Kokospalmen, Mangroven und in der Lagune ein Seegang wie in der Badewanne. Die Eingeborenen kommen auf einem Kanuersatz (alte Surfbretter oder ähnliches) und bieten Bananen, Kokosnüsse und Geflochtenes aus Palmblättern an. Der Regenwald hat seinen Namen zurecht. Heute haben wir nur 18 Schauer und nichts wird mehr trocken. Wir erledigen die dringenden Arbeiten am Schiff - man könnte nur segeln und basteln - nein, ganz so schlimm ist es nicht. Und die phantastische Schönheit der Natur versöhnt mit dem Regen. Übrigens ist gerade Trockenzeit... Natürlich hat sich diese Schönheit rumgesprochen und so liegen abends etwa 70 Yachten in dieser kleinen Lagune. Die meisten sind Charterschiffe und weil sie viel Geld fürs Schiff bezahlen, muß es ausgenützt werden - man bricht früh auf und nach 10:00 Uhr ist die Stimmung wieder ganz romantisch und wir malen uns aus, wie hier wohl vor einigen Jahrhunderten in solchen Verstecken die Seeräuber hausten.

Die Zeit vergeht wie im Fluge. Langeweile? Ganz im Gegenteil - wir machen uns ernsthaft Gedanken, wo wir früher die 9 Stunden täglich für die Büroarbeit hergenommen haben.

Bequia

Herrliches Segeln vorbei an St. Lucia und St. Vincent bringt uns nach Bequia. Bequia ist "in". Kaum biegen wir in die Admirality Bay ein, liegt vor uns ein Ankerfeld von schätzungsweise 300 Yachten. Dennoch, die Insel ist klein, es gibt noch keinen Flughafen und so findet man auch hier noch jede Menge verlassene und einsame Strände. Bequia ist ein niedlicher Ort, die Einheimischen sind nicht so aufdringlich wie in St. Lucia, auf dem Markt finden wir frisches Obst und Gemüse, so daß wir uns für die nächsten 14 Tage verproviantieren.

Jeder kennt jeden und die Frage nach "Old Fort", dem TO-Stützpunkt wird mit "Oh! Otmar!" beantwortet. Ein Taxi fährt uns hin und wir finden uns an einem traumhaft schönen Ort wieder. Ein junger Mann sitzt auf der kleinen Terrasse eines Hotels beim Frühstück, den Tisch liebevoll mit Hibiskusblüten dekoriert. "Hi Ägir - ich habe eine Menge Zeug für Euch!" Otmar hat sich ein wirkliches Paradies geschaffen und als wir wieder gehen, sind wir uns einig, daß dies ein Aussteiger ist, der den goldenen Mittelweg getroffen hat. Wer wirklich eine Weile Ruhe sucht, dem können wir "Old Fort" nur empfehlen. Hoch über Bequia, mit Blick über die ganze Inselgruppe der Grenadinen, ein traumhaftes Fleckchen Erde.

Unser Postfest wird traditionell an Bord gefeiert. Jeder liest abwechselnd einen Brief vor, so daß wir gleichzeitig die Neuigkeiten aus der Heimat erfahren. Diesmal ist ein richtiger Hammer dabei: Petra und Jörg, unsere Tauchlehrer aus Esslingen, haben geschrieben und sind nur eine Bucht weiter für eine Woche zum Tauchen! Morgen wollen wir mal hin und wir freuen uns bereits riesig, alte Freunde zu sehen. Das gibt bestimmt nicht nur einen schönen gemeinsamen Tauchgang.

So jetzt endet das Paradies, denn der Außenborder wartet, er läuft nur noch auf einem Zylinder . Dann muß ich noch unser Funkgerät abholen und wieder einbauen, Rudi kriegt noch ein Fax mit einer Ersatzteilbestellung, Gaby wäscht, die Welle muß noch gefettet werden und all so'n Schweinkram.....

Auf die Post in Port Elizabeth (5 Häuser!), Schlangestehen, ich bin dran: "Nein, Briefmarken gibt es auf der anderen Straßenseite bei der Touristeninformation." Nix wie hin, eine freundliche Negermummy mit Perücke (!) erklärt mir, daß ich hier schon Briefmarken haben kann, wieviel ich denn möchte? Nein, Sie weiß das nicht - und einen Brief wiegen und das Porto bestimmen kann nur die Post. Also zurück, Brief zurück, Brief wiegen, Porto erfragen, wieder über die Straße, Briefmarken kaufen - die passenden gibt's nicht, also 10 Cents mehr bitte - abschlecken, aufkleben, wieder über die Straße. Der Postbeamte nimmt mit breitem Grinsen den Brief und schon geht die Post ab!

Wir schauen noch kurz auf dem Markt vorbei, denn wir werden wahrscheinlich die nächsten 2 Wochen nichts mehr einkaufen können: Papayas, Mangos, Avocados, Zwiebeln, Eier, Brot... Mit Vitaminen für $120 im Rucksack geht's zurück zu Ägir. Alles seefest verstaut, segeln wir nur eine Ecke weiter in die Friendship Bay. Große Strecke heute: 6 sm. Der Anker fällt, Beiboot klar und ab zum Bequia Beach Club. Dort haben Petra und Jörg aus Esslingen eine Zweigstelle ihrer Tauchschule errichtet. Riesiges Hallo, und klein wie die Welt ist, treffen wir dort auch Achim, einen ehemaligen Kollegen aus Böblingen. Wir gehen gemeinsam zum Abendessen und anschließend ins Frangipani - das ist der Platz zum Anmachen in der Karibik. Bei Rumpunsch und einer wirklich tollen Steelband, lauer Luft und sternklarer Nacht, erwacht in so manchem menschlichen Wesen der Jagdtrieb. Gaby nimmt Wetten an, ob nun mehr Schwarze die Weißen abschleppen oder umgekehrt. Gegen Mitternacht sind wir wieder an Bord, natürlich mit einer Einladung zum Tauchgang am nächsten Morgen.

Dieser Tauchgang ist so wunderschön, daß ich sagen muß: So etwas habe ich noch nicht gesehen. Wir sind mit Petra am Moonhole, etwa 45 Minuten und bis auf 30m Tiefe. Korallen verschiedenster Farben und Formen - von feinen Fächern bis hin zu meterdicken Halbkugeln mit Strukturen wie ein Gehirn. Dazwischen unzählige Fische und vielleicht kann man sich das einfach so vorstellen: Im Zoo, Abteilung Tropenfische, alle Bassins zusammen, die kleinen Gelben, die dicken Braunen, die schlanken Blauen, die Gestreiften, Gezackten, Gepunkteten - all das zusammen und wir einfach mitten drin. Ohne daß die Fische die Flucht ergreifen. Der Eindruck auf uns ist so gewaltig, daß wir bei der Rückkehr auf den traditionellen Drink verzichten, uns einfach an Bord begeben und alles nochmals verdauen.

Abends laden wir unsere Freunde zum Essen ein. Petra, Jörg, Richard und Achim laben sich an den gefüllten Pfannkuchen; und doch ist unser Besuch ziemlich ruhig. Wahrscheinlich ist es halt ungewohnt, wenn der Rumpunsch immer schräg im Glas steht, denn die Friendship Bay ist ein unruhiger Ankerplatz. Aber es hat sich wirklich gelohnt - nie wieder Tauchen im Bodensee!

   Pelikane bei Canouan

Am nächsten Morgen verlassen wir Bequia und der Zufall will es, daß wir am Ausgang der Bay das Tauchboot nochmals sehen - Nebelhorn, Hallo, tausend gute Wünsche von allen - und dann setzten wir Kurs ab auf Canuan Island. Nach nur 16 Meilen fällt in einer ganz ruhigen Bucht der Anker, nur 50 Meter entfernt von einem kleinen Felsenriff, das von etlichen Pelikanen bewohnt wird. Gaby schwimmt vorsichtig bis auf wenige Meter hin, die Vögel lassen sich nicht stören, und sie kann diese Kolonie ganz aus der Nähe beobachten. Als wir es später mit Gummiboot und Kamera versuchen, ist unsere Erscheinung wohl doch etwas zu mächtig und sie fliegen aus.

Auf dem Weg über die Insel entdecken wir eine verlassene Kirche, ganz leer, nur noch von Fledermäusen bewohnt. Als wir eintreten, entsteht ein Mordsgeflatter. Eigentlich sind dies ganz putzige Tierchen. Wir entdecken unsere erste Schlange, die aber sofort Reißaus nimmt, als sie uns hört. Die Eidechsen sind wesentlich größer als bei uns - ein Vorgeschmack auf Galapagos?

Die kleine Pier, an der unser Beiboot festgemacht ist, verdient noch Erwähnung: Ihr kennt sicher alle diese riesigen, kitschigen, als Souvenir teuer verkaufte rosafarbenen Muscheln oder besser Seeschnecken. Das Zeug gibt es hier in der Tat wie Sand am Meer und wird z.B. als Schotter verwendet, und man baut daraus eine kleine Pier.

Kaum zurück an Bord paddeln (mit den Händen) auf einem alten Surfbrett Einheimische heran. Wir erstehen 3 lebendige Langusten für ca. DM 12. Sofort wird der Hunger spürbar. Gaby setzt den besten Basmati Reis auf, mit etwas Safran (noch aus Casablanca), öffnet portugiesischen "Vino Verde" - doch die Biester kochen bleibt mein Geschäft. Gaby studiert derweil intensiv wie nie zuvor Seekarten in der Navigationsecke. Als die Langusten leuchtend rot (und still) 5 Minuten später auf dem Tisch stehen, erwacht Gaby zu alter Form und ein weiteres lukullisches Mahl beschließt diesen Tag.

Der nächste Morgen wird spannend, wollen wir doch zum ersten Mal in richtige Korallengewässer: Die Tobago Cays. Hier ist es eng, flach, viel Strömung und wer kennt nicht die Horrorgeschichten des auf dem Riff gestrandeten Schiffs? Natürlich fehlt die Ansteuerungstonne, doch die Untiefen sind bestens am Helltürkis des Wassers oder am Braun der Korallen zu erkennen und wir mogeln uns zwischen 2 kleinen Inseln durch: Karibik pur! Hier sind die Werbeaufnahmen gemacht. Wir ankern direkt hinter dem Riff und obwohl der Passat kräftig durch die Takelage zieht, ist das Wasser ruhig. Um uns herum 3 kleine Inseln, Palmen, weißer Sand, unbewohnt !! (Das ganze Gebiet ist inzwischen Gott sei Dank Naturschutzgebiet und die Kirche predigt in der gesamten Karibik, daß Umweltverschmutzung eine Sünde ist).

   In den Tobagos Keys

Ich lasse mich von Gaby am Mast hochziehen und der Blick ist phantastisch: Vor uns der Atlantik, dessen hohe Welle sich weiß auf dem Riff bricht und das Auge kann sich an den Wasserfarben nicht satt sehen. Alle Chartersegler unter Euch: In den Tobago Cays muß man gewesen sein! Schnorcheln, Tauchen, Surfen - alles paßt hier. Natürlich spricht sich das herum und wir sind nicht ganz alleine. Einheimische kommen mit kleinen Motorbooten vorbei und haben teilweise ein seltsames Warenangebot: T-Shirts und Brot!

   Riesige Türme von Muscheln

In der Durchfahrt zwischen 2 kleinen Inseln glauben wir zunächst, Kieselstrand zu sehen - doch von Nahem betrachtet, liegen dort riesige Halden von Muscheln und Seeschnecken, die wir schon von Canuoan kennen. Kaum hat sich unser Anker eingegraben, ist das Beiboot klar, das Schnorchelzeug drin und wir düsen aufs Riff. Zwischen Korallen, bunten Fischen und türkisfarbenem Wasser genießen wir Karibik pur.

Und dann ist da noch die karibische Mentalität: Kurz, man arbeitet gerade so viel, daß es zum Leben reicht - alles mehr an Arbeit (z.B. Karriere, Reichtum) ist hier unverständlich. So hat ein Kneipenwirt in Bequia plötzlich einen tollen karibischen Imbiß auf der Speisekarte. Das spricht sich schnell herum und er hat stets eine volle Bude. Wenige Wochen später gibt's den Whopper nicht mehr. Auf die Frage, warum er seine "cash cow" nicht mehr anbietet, antwortet er schlicht: "Too much hazzel!" (Auf schwäbisch hört sich das frei übersetzt vielleicht so an: So ein Saug'schäft.) Ein anderes Beispiel ist die Tatsache, daß man oft den Preis abrundet, weil man zu bequem ist, Wechselgeld herauszugeben. ... und wenn ich jetzt einen Strohhalm hätte, müßte ich nicht einmal mehr mein Glas heben!

Wir verlegen Ägir zur nächsten Insel (Tagesweg etwa 500 Meter!). Gaby säubert eine dieser Wahnsinns-Muscheln, die geradeso in den Eimer paßt. Wir schnorcheln und tauchen zwischen Korallen, Sepias, Barrakudas und hunderten von leuchtend bunten Fischen - mir gefallen die violett-gelben am besten.

Unser "neues" Amateurfunkgerät wird eingeweiht. Ich erfahre, daß die Marina bei Puerto Cruz in Venezuela ganz günstig ist - Ägir muß unbedingt auf den Slip, das Unterwasserschiff hat einen neuen Anstrich nötig.

Auf Union Island klarieren wir aus und während ich auf Gaby an der Pier warte, bietet man mir unverhohlen Drogen an. Die Preise in den Grenadinen sind verrückt: Man nimmt nur die (US-) Touristen aus (Ananas 15 $ pro Stück). Wir ziehen nach nur einer Nacht auf Union Island weiter nach Grenada.

Grenada

In St. Georges kommt für uns eine positive Überraschung. Allen Piraten- und Diebstahlgeschichten zum Trotz entpuppt sich dieses Städtchen als niedlich und sauber, wir ankern in einer kleinen, ruhigen Bucht mit Namen "the lagoon" neben dem Industriehafen. Foodland, der lokale Supermarkt hat ein tolles Angebot zu vernünftigen Preisen und der Markt selbst präsentiert sich mit einem Gewusel und einer Vielfalt, wie das nur in der Karibik möglich ist. Grenada ist die Gewürzinsel, vor allem Muskatnuß und Zimt werden hier geerntet. Es wachsen hier mehr Gewürze pro Quadratkilometer als irgendwo sonst auf der Erde - aber Grenada hat nur wenige Quadratkilometer!!

Wir wollen zu den Concord-Wasserfällen, dort kann man im Süßwasser (!) baden. Die Taxis bieten eine Inselrundfahrt für ca. 120 DM an. Preisabsprachen machen das Verhandeln unmöglich. Schließlich lernen wir das örtliche Bussystem kennen: Kommt einer vorbei und hupt, heißt das "ich habe noch Platz. Wollt Ihr mit?" und eine knappe Handbewegung genügt, um für $ 2 (ca. 1,20 DM) mitzufahren. Überraschend ist immer, wer auf dem Nachbarsitz anzutreffen ist - nicht etwa Neger oder Weißer - sondern eher eine Ladung Bauholz, eine Ziege oder ein Berg Obst und Gemüse. Wo man klingelt, hält der Fahrer an, denn ohne feste Bushaltestellen ist eine wesentlich größere Benutzerfreundlichkeit als in Deutschland gegeben.

   Muskatnuß, Nationalfrucht Grenadas

Der Fußmarsch zu den Wasserfällen dauert etwa eine Stunde. Unterwegs plappern wir mit einer Negermummy, die eine wahre Freude daran hat, uns zu erklären, was die verschiedenen Früchte und Pflanzen sind. Sie öffnet uns eine Kakaofrucht und das schlunzige Glibber erinnert an alles mögliche, nur nicht an Kakao oder gar Schokolade. Sie erklärt uns, daß die Kerne erst 8 Tage lang fermentiert und dann in der Sonne getrocknet werden, ehe man sie weiterverarbeiten kann. Wir sammeln Muskatnüsse (Grenadas Wappengewürz) und wandern zwischen haushohem Bambus, Bananen, Brotfruchtbäumen und mächtigen Kokospalmen weiter. So einsam unser Weg durch den Urwald, so viele Taxis finden wir am Wasserfall. Der Touristentrubel erschreckt uns und schon gehen wir wieder flußabwärts. Wir wollen noch etwas Süßwasser genießen, eine junge Frau mit Pimpf wäscht am Bach - Gaby lockt mit einem Bonbon und wir haben neue Freunde.

Habe ich schon von unserem karibischen Dinner bei Mamma erzählt? Ein Menü aus Salat, fritierter Brotfrucht, gebackenen Bananen, Reis, Schwein, Kuh, Brotfruchtsalat, Opossum (rattenähnliches Beuteltier) ... Traumhaft, zumal wir mit Jakob aus Sylt einen ganz lieben Gesprächspartner dabei haben, der eben von Venezuela kommend, voll mit guten Tips uns gleich noch seine Seekarten zur Benutzung überläßt. Seine Erzählungen sind so begeisternd, daß wir uns noch in Grenada das Visum für Venezuela besorgen, Trinidad auslassen und wenige Tage später, in einem wie immer farbenfrohen Sonnenaufgang, haben wir zum ersten Mal seit Casablanca wieder Festland in Sicht.

Venezuela

Wir nähern uns Isla Magarita - oh Schreck: Benidorm II - Porlamar ein Meer von Hochhäusern. Wir ankern in einer mit Sandstrand und Palmen umsäumten Bucht bei Pampatar, der zweite Blick versöhnt. Sowie man den Hochhäusern den Rücken kehrt, ist es mal wieder traumhaft und doch ganz anders: Die Menschen sind wesentlich hübscher , man fährt alte amerikanische Straßenkreuzer, alle sind viel zurückhaltender, keiner haut einen mehr auf der Straße an. Wir finden einen Supermarkt, in dem wir beschließen für die nächsten 9 Monate Vorräte zu kaufen, denn zum ersten Mal gibt es wirklich alles, was Gaby's Herz begehrt (...bis hinzu Dr. Oetkers Vanillepudding) und das ganze äußerst preiswert. Busfahren für 30 Pfennige, ein Bier in der Kneipe für 60 Pfennige und 2 Steaks (Jochen wird von einem satt) für umgerechnet nur 8 DM. So kommen wir für fast 10.000 Bolivar mit einem voll beladenen Taxi (und das sind hier klassische amerikanische Straßenkreuzer, in denen man locker zu viert nebeneinander sitzen kann) bei unserem kleinen Beiboot an. Ohne Steg, am Sandstand, bis zu den Hüften im Wasser verladen wir 30 Packungen Nudeln, Kiloweise Mehl und Reis ... Das meiste kommt fast trocken an!

Zweiter Streich: Wir ordern Getränke: 20 Stiegen Bier (Rückfrage des Verkäufers: "Dosen?" - Nein, ganze Kartons, dasselbe in Sprite, Mineralwasser, Pepsi, 5 Flaschen Whiskey als Visum-Ersatz für Galapagos ... übrigens, unser Dingi trägt 700 Kilo!!) Als abends alles verstaut ist, sind wir todmüde, denn man faßt doch jede Büchse mindestens 5 Mal an und Kartons kommen nicht an Bord: Sie beheimaten die weltbekannten Kakerlaken. Wir sind jetzt 6 Tage auf Isla Margarita und schon sind unsere Einklarierungspapiere fertig.

Strandtag - wir "bubeln" zusammen mit Hannelore und Hellmut. Gegen 15.00 Uhr sind wir geschafft, Abendessen und ab ins Bett. Doch wie immer ist Murphy an Bord: Kaum hat Gaby das Essen auf der Flamme, bekommen wir Besuch: Don & Linda schauen auf einen Sundowner vorbei. Die beiden sind nicht nur nett und unterhaltsam, sondern auch voller guter Tips und Ratschläge. Wir erhalten die Frequenzen von Pazifikwetterberichten und vereinbaren Funkkontakt für die Pazifiküberquerung. Unser Schiff ist schon jetzt um eine Stiege Bier leichter!

Nach kurzer Nacht geht's morgens weiter zur Einfahrt in die Mangroven. Eine Brücke versperrt den Weg, die Flußmündung ist flach. Grundberührung, mit Hilfe eines Einheimischen kommen wir frei und finden einen einsamen Ankerplatz auf 5 Meter Wasser zwischen Ibis und Pelikan. Wir sind hier wirklich allein mit der Natur und wieder einmal ist es traumhaft schön. Mit unserer "Schlepperhilfe" vereinbaren wir eine Fahrt durch die Mangroven für den nächsten Morgen mit seinem kleinen, flachen Motorboot.

Und es ist einfach sagenhaft so eine Fahrt durch die Mangroven. Unser Führer pflückt uns einen Seestern, Austern wachsen an den Wurzeln der Bäume und wir sehen den ersten freilebenden Seeadler! Nach einer halben Stunde setzt er uns am Strand von La Restinga ab - einige Buden, Restaurant und 10 Kilometer Strand für uns alleine! Ein Paradies zum Muschel Sammeln.

26. Januar 1992. Kurs Festland. Die Küste Venezuelas ist steil und zerklüftet und wie eine Mischung aus Jugoslawien und schwedischen Schären. Hier findet jeder eine eigene Bucht. In "unserer" gibt es Korallen, Pelikane und wieder Seeadler. Scheinbar ewig sind sie in der Luft, ohne einen einzigen Flügelschlag. Man hört keine Autos, kein Lärm, nix. Das Land ist sehr dünn besiedelt. In der Ferne ziehen einige Fischer vorbei. Wir segeln weiter zwischen den Inseln durch, sehen viele schnuckelige Ankerplätzchen, doch diesmal müssen wir in die Marina, das Unterwasserschiff benötigt einen neuen Anstrich. "Amerigo Vespucci" empfängt uns a la Lavagna - modernste Technik und riesige Motoryachten. Hier tummeln sich wohl die 3 % der Bevölkerung, die mit Öl ihr Geld verdienen. Segler sind nicht ganz so gern gesehen - schon gar nicht so kruschtelige Weltumsegler. Doch auch wir lernen dazu: Als man uns abends gegen 18.00 Uhr noch verlegen will, antworte ich gelassen mit einem langen: "Si, segnor! Manana!" und das Problem sitzt sich aus. Victor, Chef vom Travellift, ist dagegen äußerst hilfsbereit. Obwohl er bis Mitte Februar ausgebucht ist, will er uns morgen früh als erstes aus dem Wasser nehmen und dazu preiswert: Für nur etwa DM 500 bekommen wir einen neuen Anstrich.

Obwohl wir lange in Lavagna und Dubrovnik lagen, fühlen wir uns in dieser Marina ganz fremd und künstlich. Ob wir uns je wieder daran gewöhnen werden, in geschlossenen Räumen zu leben? So eigenartig es klingen mag: Unser größter Luxus ist die Mülltonne: Alles unbesorgt hinein - während wir auf See doch sorgfältig versuchen, Verrottendes von Plastik zu trennen und den Müllberg so klein wie möglich zu halten.

Gaby kommt voll Frust aus der Stadt zurück. Keine Bank Venezuelas will Geld aus Deutschland überwiesen haben und schon gar nicht in US $ ohne dafür wahnsinnig hohe Gebühren zu verlangen und was wollen wir mit Millionen von Bolivar?

Montag, 07.30 Uhr, wir stehen tatsächlich mit Ägir an Land. Doch von den "Arbeitern" ist nix mehr zu sehen. So reinigen wir unser Unterwasserschiff selbst (...obwohl das im Preis inbegriffen ist). Ab und zu kommt einer, spritzt mit dem Schlauch mehr uns naß als das Schiff sauber, faselt etwas von "mucho cerveza" - und ich verstehe blitzartig kein spanisch mehr. Während die Bezahlenden (Gaby und Jochen) schrubben und schuften - es ist gut warm hier - spielen die Bezahlten ("Arbeiter") auf dem Werftgelände ungeniert Ball! Da unser Schiffle doch sehr schwer beladen ist, wollen wir die Unterwasserfarbe 10 cm höher legen. Unser 220 V-Macher kommt zusammen mit dem guten Bosch Schleifer zu massivem Einsatz und gegen 14.00 Uhr hat Victor keine Ausrede mehr: Morgen wird gestrichen! Eine Stange Marlboro dazu (in Margarita kostete eine Schachtel nur 1 DM) und schon geht es selbst in Südamerika voran. Gaby entwickelt sich derweil zum saarländischen Putzteufel: Alles, was sich nicht wehrt wird poliert und geschrubbt: Vom Kunststoff über den Bugkorb bis hin zum Ankerkasten.

Abends gönnen wir uns ein feudales Mahl in einem schweizer Restaurant. Als wir eben die Rechnung verlangen, fällt der Strom aus, aber in der ganzen Stadt! und nicht nur für wenige Minuten. In gespenstischer Atmosphäre tigern wir zurück zum Schiff - wir spüren unseren Muskelkater.

Seit Donnerstag schwimmt Ägir wieder. Nichts wie raus aus der Marina - nur 5 Meilen weiter finden wir eine tolle Ankerbucht. Pelikane und Seeadler wieder aus nächster Nähe! Gute Nachricht: Gert's Paket reist inzwischen auf der Yacht Omu, Toms und Inges Briefe sind bei Maria und Klaus, Marias Päckchen bei Otmar. Bei Gelegenheit und etwas Glück wird uns also alles noch irgendwann und irgendwo erreichen! Unsere "Funke" ist doch ein wahres Goldstück. Gaby hat inzwischen einen neuen Lieblingsplatz seit wir von Albatross eine Hängematte "geerbt" haben.

 

   Fundstücke am unberührten Strand

Tortuga ist unser nächstes Ziel - als Zentrum aller Seeräuberfilme hat man so gewisse Erwartungen. Doch Tortuga ist eine ganz flache, unbewohnte Insel mit feinstem, kilometerlangem Sandstrand (..ganz für uns allein!) und kristallklarem Wasser. Als wir über die Insel wandern, finden wir neben leuchtend blauen Seesternen (bis 30 Zentimeter Durchmesser), Muscheln auch den Panzer einer großen Schildkröte. Beim Frühstück zu Mike Oldfields "Islands" wird uns mal wieder ganz bewußt, wie herrlich das alles ist und wir genießen die Natur in vollen Zügen. Über Funk erfahren wir, daß Freunde bereits durch den Panamakanal sind. Ganz problemlos und Gaby kramt schon mal den Galapagos Reiseführer hervor. Eine faszinierende Welt wartet dort auf uns und schon stecken wir im Dilemma zwischen herrlichen Korallen der Karbik und der Faszination, die die Südsee auf uns ausübt. Wir bremsen uns, sonst sind wir in Curacao wieder schneller als die Post!

Nur 10 Seemeilen bis Tortugillas: Zwei kleine, unbewohnte Inseln. Wir ankern im Lee vor einem phantastischen Sandstrand. Das Wasser in der Lagune ist knietief und hat Badewannentemperatur. Endlich eine Insel ohne Anzeichen moderner Kultur: Keine Q-Tips, keine Plastiktüten ... Natur pur. Tausende von kleinen, schwarzen Eidechsen bevölkern diesen Quadratkilometer Sand. Die Farbe des Wassers ist intensives Türkis, es fällt schwer, diese Einsamkeit und Schönheit der Natur in Worte zu fassen. Leider steht sehr viel Schwell, die Dünung bricht sich schon in 5 Meter Wassertiefe (Physiker errechnen daraus die Wellenhöhe!), so daß wir die Tortugillas früher als geplant verlassen.

Eine schnelle Nacht bringt uns zur Inselgruppe Los Roques: Dies ist für uns der Höhepunkt der Karibik: Etwa hundert kleine und kleinste Inselchen, geschützt von Korallenriffen bieten unzählige Bilderbuch Ankermöglichkeiten. Baden, Schnorcheln und Spaziergänge mit Sammlertrieb (Gaby findet immer etwas Attraktives) sind unsere Hauptbeschäftigungen. Ach, nebenbei war der Versuch einer Revolution in Venezuela - wir, wie alle anderen Yachten, haben davon nichts bemerkt und hören nur über Funk davon. Und schon bekommen wir Besuch von der Küstenwache. Vier Mann im Tarnanzug, Stiefel, Maschinenpistole ... Aber halb so wild: Wir haben jetzt noch ein Papier und die Buben wollten eigentlich nur ein kühles Bier. Es ist vielleicht bezeichnend, daß der Chef in seinem Aktenkoffer neben "Lucky Luke" auch seinen Fotoapparat dabei hatte, um Bilder von sich in Pose auf einer Yacht zu schießen!

   Buntes Angebot auf dem Markt

Samstag 8. Februar 1992. Wir verholen uns zur Hauptinsel El Roque. Hier gibt es ein kleines Dorf, wo man angeblich einkaufen kann, aber wir finden keinen Laden. So fragen wir jemanden auf der Straße. Die Handbewegung zeigt auf eine normale Haustür. Dahinter ein spielendes Kind während Papa an einer Tür bastelt. Verständlich, daß wir uns kaum hinein trauen, so privat sieht alles aus. Doch im Hinterhof die große Überraschung: Früchte und Gemüse aller Art, Eier und Brot. Wir geben unsere letzten Bolivar aus und sind wieder versorgt mit Mango, Ananas, Bananen, Kartoffeln, Kochbananen, Zwiebeln, Tomaten ... Ein Festessen steht bevor. Die Einkäufe werden verstaut und wir ziehen noch 5 Meilen weiter und ankern vor einem kleinen "Fischerdorf" auf der Insel Crassqui. Dorf deshalb in Gänsefüßchen, denn es sind genau 4 Hütten, ohne Wände, nur ein Dach. Die Menschen sind freundlich und die Tiere, die hier keine schlechten Erfahrungen mit Menschen machen, sehr zutraulich. So sitzt der Graureiher nur 2 Meter entfernt auf dem Beiboot und schaut , ob vielleicht was für ihn abfällt. Kilometerlange Sandstrände, Korallenriffe und außer den Fischern keine Menschenseele. Am Strand finden wir neben Skeletten von riesigen Hummern auch wieder ganze Berge von Muscheln.

Es gibt tatsächlich noch weiße Flecken auf der Landkarte. Große Teile des Archipels sind nicht vermessen und die Seekarte ist einfach leer. Genügend Platz für den Abenteuertrieb, sich zwischen Untiefen und Korallen durchzumogeln. In den Fischerhütten finden sich vielfältige Stilleben: Mit Papagei auf der Schulter wird hier eine Schildkröte zerlegt, dort zieht man mit viel Liebe einen jungen Kormoran groß. Die Langusten wiegen bis zu 3 Kilo (ein Stück!).

Sonntag: Avocado Dip zum Mittag und hungrig vom Schwimmen bäckt Gaby einen Marmorkuchen; wir lassen es uns einfach gut gehen.

Montag, 10.02.1992: Wir verlegen uns ein paar Meilen weiter in eine Lagune bei der Insel Carenero. Wieder sitzen Fischreiher im Beiboot und ein Pelikan auf der Ankerleine. Ein Boot kommt längsseits. Gibt's Brot oder Fisch? Weit gefehlt: Diesmal wird der Müll kostenlos abgeholt. Eine Stiftung sorgt dafür, daß diese Inseln wirklich sauber bleiben, einfach beispielhaft!

Während nur 200 Meter weiter der Passat weiße Schaumkronen auf die Wellenkämme setzt, liegen wir zwischen Mangroven und Sandstrand so ruhig, daß Gaby freiwillig in den Großmast geht, um mit der Kamera das Panorama möglichst eindrucksvoll auf Video zu bannen. Wir sind mal wieder Schnorcheln. Die bunte Welt unter Wasser ist einfach zu toll. Als wir im Dingi zu Ägir zurückrudern, kommt ein Fischerboot vorbei. Ein Graureiher sitzt ganz zutraulich zum Greifen nah auf seinem Sonnendach. Ein Fischer winkt uns heran, gibt uns zwei frische Barsche ins Beiboot. Ein "Muchas gracias" und weg ist er wieder. Schuppen, ausnehmen und obwohl es erst 103.0 Uhr ist, brutzelt ein feines Essen in der Pfanne. Die Einheimischen sind so unglaublich gastfreundlich, daß es fast peinlich ist. Ich denke, daß wir bei nächst bester Gelegenheit unsere Flinte gegen einen Büschel Bananen eintauschen. Es besteht wirklich kein Bedarf für so was an Bord.

Wir bemerken, wie die Fischer am flachen Ufer aus Riesenmuscheln eine Mauer zu einem Teich aufschichten. Gaby rudert hin. Freundlich und bereitwillig erzählt der Fischer, während er zwei Rochen filetiert: Die hier gefangenen Fische werden bis nach Martinique exportiert. Los Roques ist ein Plätzchen, von dem wir immer geträumt haben und uns fällt es wirklich schwer, weiter zu fahren.

Gestern abend hatten wir guten Empfang von SWF3. Ganz fremd muten uns die Verkehrsdurchsagen an: "Verbreitet Nebel behindert von Verkehr im Saarland!" und nur 5 Grad Celsius zu Hause - bei uns ist das Thermometer am Anschlag und das Meer ist so warm, daß Gaby heute 1 1/2 Stunden Schnorcheln war.

 

Curacao

Die Überfahrt nach Curacao ist geprägt von unzähligen Wracks, die auf den diversen Riffen vor sich hin rosten. Die Erklärung liegt wohl darin, daß die Leuchtfeuer fast identische Kennungen haben und so ist die Stoppuhr unser wichtigstes Navigationsinstrument. In Spanish Water finden wir bei 7 Beaufort einen geschützten Ankerplatz. Rudis Carepakete und 4 Briefe sind auch da: Die Bastelzeit ist gekommen. Doch nicht sofort, denn viele andere Yachten sind hier: "Wo kommst Du her, wo gehst Du hin?" Die ersten Tage stehen im Zeichen von heavy social life. Welcher Kontrast zu Los Roques: Curacao ist ein "Klein Holland", zivilisiert und wohl organisiert und wir sind guter Hoffnung, von hier aus an unser Geld zu kommen.

Wir machen viele neue Bekanntschaften in Curacao. Die meisten Yachten haben denselben Weg. Freizeitsegler und Charterboote sind seit Grenada selten geworden. Auch im Bus lernen wir vielerlei. Freundlich und hilfsbereit, wie die Holländer sind, werden wir oft von Privatautos mitgenommen - einmal auch von Drogensüchtigen, die ungestört ihre Joints weiter rauchen. Da braucht man sich über ihren Spruch ’we do not like the police’ nicht mehr wundern. Innerhalb von 3 Tagen ist unser Geld aus Deutschland auf eine hiesige Bank überwiesen und wir besorgen uns noch einen GPS, die hier sehr preiswert sind. Mit dieser Kiste wird Navigation noch sicherer und bequemer werden. Unsere Zeit verbringen wir in Botschaften, besorgen Visa für Panama und USA. Deren Antragsformular beinhaltet doch tatsächlich die Frage: "Planen Sie in den USA terroristische Aktivitäten?" mit dem Zusatz: "Wenn Sie diese Frage mit Ja beantworten, wird Ihnen sehr wahrscheinlich kein Visum erteilt." Also kreuzen wir halt das Nein an.

Ein Besuch im Seeaquarium lehrt uns die Namen der vielzähligen Fische, die wir bisher bei unseren Tauch- und Schnorchelgängen gesehen haben Und in Willemstadt können wir endlich unsere Dias entwickeln lassen. Ein paar davon sind reif für Werbeposter.

Neben den niederländischen Antillen war Indonesien lange holländische Kolonie. Der Grund für zahlreiche indonesische Restaurants. Wir gönnen uns die "kleine" Reistafel und eine Vielfalt an Schüsselchen und Schälchen füllt unseren Tisch. Wir sind zu siebt und eine lustige Seglertruppe trifft beim Heimweg noch mitten in den Karneval ...

Sonntag abend sind wir dann bei Lony und Lieven (meine Anhalterbekanntschaft). Es ist mal was ganz anderes, hinter die "Kulissen" zu schauen und Insider Geschichten zu hören, wie z.B. die fleißigen, wuseligen Holländer mit ihren ehemaligen Sklaven - "IPL" (in principle lazy) - zusammenarbeiten. Lieven ist Geschäftsführer von AVIS in Curacao und bietet uns die gesamte Logistik seines Unternehmens an, falls wir Bedarf haben. Selbstverständlich kommen die beiden am nächsten Abend zum Drink an Bord. Für Lony, die seit 45 Jahren an dieser Bucht lebt, ist das ganz schön aufregend.

Doch unsere Reise geht weiter. Seit wir in Curacao sind, bläst es kräftig und einige Yachten warten seit vielen Wochen auf weniger Wind. Der Cruising Guide beschreibt das Wetter wie folgt: "The only option you have is between blowing hard or blowing harder". Also ist alles ganz normal so. Wir flicken morgens noch unser Beiboot, weil der Kleber 72 Stunden lang trocknen muß, die letzte Aktion vor dem Auslaufen - denn ohne Dingi ist man auf dem Schiff eingeschlossen. Gaby hat verschiedene Speisen vorgekocht, alles seefest verstaut und gegen 14.00 Uhr am 25. Februar laufen wir aus Kurs Panama.

Wieder pfeift es mit 7 Windstärken. Wir segeln nur Fock und Besan, das Großsegel bleibt eingerollt und wir machen bereits in den ersten 24 Stunden Rekordfahrt: 170 Seemeilen (Vergleich Atlantik bestes Etmal 138 Seemeilen). Kurz, eine ruppige aber mit 5 Tagen schnelle Überfahrt. Sechs Beaufort sind die schwächsten Winde, die wir antreffen, nach oben springt die Anzeige immer wieder auf 40 Knoten. Erinnert Ihr Euch an unsere fliegende Fisch Skala zur Beurteilung des Seegangs? Je mehr wir an Deck finden, je toller? Während wir über den Atlantik mal 4 Stück oder so fanden, liegt unser Rekord jetzt bei 37! ... und Sand haben wir auch keinen mehr an Deck.

Es ist schön zu wissen, daß Ägir auch in schwerem Wetter gut zu segeln ist und die Windsteuerung in grober See hervorragend arbeitet. Wir haben seit 4 Tagen nichts mehr kochen können. Panama kommt in Sicht, wir werfen noch unsere Angel aus. Kaum macht Gaby Anstalten zum Mittagsschlaf als ein "sst" die Angelleine spannt und reißt. Mindestens ein 3 Meter Tier. Doch die gute Bordfrau hat vorgesorgt: Eine neue Leine (1,1 mm - Tragkraft jetzt 45 kg) und Haken waren beim letzten Einkauf mit dabei. Der zweite Versuch ist mit Erfolg gekrönt: Thunfisch der richtigen Größe!

Panama

Wir laufen in Colon ein und werden mit großem Hallo bereits von Hannelore und Hellmut erwartet: "Das Essen ist gerade fertig, kommt doch rüber ...." Nach einer Flasche Wein und 5 Tagen Starkwind fallen wir in die Koje. Plong!

Colon ist eine dubiose Ecke. Man bekommt alles, preiswert südamerikanisch, doch manche Straßen sehen so finster aus, daß wir lieber nicht hinein gehen. Der Gang zu den Hafen- und Kanalbehörden wird vom Karneval geprägt: Feiertag. Doch morgen früh will der Schiffsvermesser an Bord kommen, um die Schleusengebühren festzulegen. Gaby ersteht einige Molas. Indianische handgestickte Tücher, die vor allem als Dekoration auf Blusen Verwendung finden. Ganz fein, bunt und exotisch attraktiv. Die Kuna Indianer sehen ganz interessant aus: Mit einer platten, aber langen Nase erinnern mich die Gesichter etwas an Elefanten ... und der Gesichtsausdruck ist so ausgeglichen, zufrieden und freundlich, wie wir das bisher nirgendwo gesehen haben.

Wir tun uns mit Marylin und Collin von der Yacht Allure zusammen und spielen abwechselnd Linehand. Im Panamakanal müssen neben dem Schiffsführer und Lotsen noch 4 Personen zur Bedienung der Festmacherleinen in den Schleusen an Bord sein. So kommen wir mit Allure am Donnerstag in den Pazifik, alle mit dem Bus zurück und am Freitag geht's bei Ägir los. Zwischendurch noch im Panama Yacht Club ein üppiges, feudales chinesisches Dinner (alle Chinesen sind ausgezeichnete Köche wie uns scheint), ein Wiedersehen mit Genesis, unseren neuseeländischen Freunden. Jeder hat die windige Passage von Curacao nach Panama anders erlebt. Ein Holländer kommt ohne Masten an und Genesis lief ohne Segel, nur mit dem Winddruck auf die blanken Masten 10 Knoten!

Wir haben als 4. Linehand die überaus attraktive Tochter der Bedienung des Panama Yacht Club an Bord. ...wir werden von den anderen Schiffen beneidet ... Unser Lotse bringt seinen Hiwi mit (Ausbildungsprogramm) - so sind wir zu siebt und die Passage durch den Kanal wird ausgesprochen lustig. Und informativ noch dazu: So kostet eine Minute in der Schleuse ca. 8000 $ und Frachter bezahlen so um die 50.000 $ für eine Passage, während unsere Fahrt nur 130 $ kostet. Und wenn wir keine Schleuse beschädigen, bekommen wir noch ein paar $ zurück. Unser Transit ist abhängig von der Großschiffahrt, dauert 2 Tage und wir ankern und übernachten im Gatunsee. Der Gatunsee ist künstlich aufgestaut, um einen Wasserweg zu schaffen. Um die Arbeiter zu motivieren, den schwierigen Durchbruch in Galliards Cut zügig zu erledigen, hat man etwas Gold vergraben; natürlich sprachen sich die ersten "Goldpfunde" wie ein Lauffeuer herum und blitzartig war der Berg weg! Schneller sogar als geplant. Baden in Süßwasser (angeblich zwischen Krokodilen, Affen, Papageien und Jaguaren). Für Maribel, unsere Linehand, ist ein erfrischendes Bad aber nur in Shorts und T-Shirt möglich. Badeanzug oder gar Bikini lehnt sie strikt ab. Der Körper ist der Wohnort ihrer Seele und den muß man vor neugierigen Blicken beschützen. Anders dagegen die Mädels von Celtic Caper. Die sind nur schön, haben keine Ahnung von nix, außer... und so muß der Lotse dort sämtliche Leinen alleine bedienen. Dafür wird er an Bord so gut umsorgt, daß er nachts gar nicht mehr an Land geht. Das Schleusen erwies sich als absolut unproblematisch, doch Panama ist so voll von Kriminalität, daß wir "nix wie weg" wollen. Aber vorher müssen noch die letzten Einkäufe erledigt werden. Es gibt einen deutschen Supermarkt mit Laugenwecken, Leberwurst ... Als wir unsere Tüten in das Taxi verladen, steht als Service des Supermarktes ein schwerbewaffneter Body-Guard neben uns, um sicherzustellen, daß wir wenigstens die Sachen sicher und vollständig ins Taxi bringen. Ausklarieren (6fach Formular, 3 Büros und schon hat man einem Stempel im Paß).

Der Pazifik macht seinem Namen Ehre. Zum ersten Mal seit 3 Monaten, seit 2000 Seemeilen segeln wir wieder Vollzeug - leichte Winde und strahlend blauer Himmel. Wir passieren den deutschen Frachter "Hansa Lübeck" und riesiges Hallo bricht aus. Man rennt nach den Fotos...

Nach wenigen Stunden fällt der Anker im Archipel von Las Perlas vor der Insel Saboga. Indianer kommen im einbaumähnlichen Kanu längsseits. Sie bieten Perlen an, nach denen ja auch das Archipel benannt ist. Doch die Exemplare sind enttäuschend klein und es wird kein Handel daraus. Auf Saboga liegt en kleines Dorf, mit Kirchlein. Wir zünden eine Kerze an. Der Strand ist bestanden mit Palmen und voll von Muscheln und Schnecken aller Arten. Gaby's Sammlerstunden. Am Nachmittag 2 Meilen weiter liegen wir südlich der Insel Contadora. Und wieder ist es so heiß, daß sich selbst Gaby unter Deck verzieht (dort sind es nämlich nur 32 Grad).

Auf Contadora befinden sich die Villen der wenigen Reichen von Panama, eine Landepiste, Duty Free Shop! und jede Menge Sonne und Strand, der durch Hainetze teilweise gesichert ist. Irgendwo auf diesem Archipel wohnt der Bruder eines ehemaligen Kollegen. Wir bleiben Freitag, den 13. am Anker und sind bereit, morgen nach Galapagos aufzubrechen. Inzwischen sind auch Hannelore und Hellmut eingetroffen. Wir gönnen uns ein Abschiedsdinner in der einzigen Kneipe, dem "Gallo Nero", einer kleinen Pizzeria. Und klein wie unsere Welt ist, kommt auf die Frage: "Gibt's hier auf den Inseln irgendwo einen Niederhübner?" die Antwort: "Ja, hier!". Wir erfahren von der Quelle des Reichtums dieser Insel. Drogen, denn der Profit des Panamakanals geht nach wie vor nach USA. Auf dem Heimweg sehen wir auf einer Müllkippe zwischen Hühnern noch zwei große Gelbstirnamazonen (Papageien), die ganz vergnügt mit leeren Getränkedosen spielen.

   
 

© ÄGIR  Gabriele und Jochen Leonhardt 1999. Alle Rechte vorbehalten. Letzter Update am: 22. März 2001