Neuseeland.

Neuseeland

Der Wetterbericht ist gut: Über Südaustralien hat sich ein umfangreiches Hoch gebildet, das ostwärts ziehen wird und uns mindestens für die kommende Woche stabiles Wetter verspricht. In Lautoka drehen sich die Yachtie-Gespräche fast nur noch ums Wetter und den besten Kurs nach Neuseeland: "Einen Sturm erwischt jeder!" und "Wartet, bis ihr erst mal nach Neuseeland kommt!" ... Wir wollen zunächst auf 172o Ost, 30o Süd - damit können wir Neuseeland besser anliegen, wenn wir in die Westwindzone kommen. Die sogenannten "brüllenden Vierziger" die - speziell bei Kap Hoorn - Weltberühmtheit erlangten. Wir werden fast 20o Süd machen, etwa von Stuttgart bis ans Nordkap, und das im Frühjahr: Wir richten schon mal die Skiunterwäsche ...

 

Gerade wollen wir das Korallenriff durch die Malolopassage verlassen, als uns 7 Beaufort direkt von vorn um die Nase wehen - nein, so fangen wir das nicht an: Nur 2 Meilen weiter liegt die geschützte Bucht von Malololailai und wir verbringen einen ruhigen Abend. Doch in Gedanken sind wir schon auf dem Weg nach Neuseeland und haben am nächsten Morgen bereits um 6:30 Uhr die Leinen los. Das Hoch hält, was es verspricht und wir haben mit 5 Beaufort aus Südost beste Bedingungen.

 

Die Berge von Fiji sind noch in Sicht, als unser Großsegel ohne ersichtlichen Grund auf voller Breite durchreißt: Das ist mit Bordmitteln nicht zu flicken. Zurück? Wir reden noch nicht mal darüber. Der Riß ist knapp unter dem zweiten Reff. Wir fahren also ab sofort unser doppelt zwangsgerefftes Großsegel eher als Kleinsegel - aber es ist wenigstens brauchbar.

 

5. Tag auf See: Die Fock gibt ungewöhnliche Töne von sich, eine Naht ist geplatzt. Da wir die Fock unbedingt brauchen, macht sich Gaby an die Arbeit: 4 Stunden im harten Segeltuch bei 2m Welle - wie wenn einem jemand ständig den Stuhl wegzieht. Als die Fock wieder steht, sind Gabys Finger blutig. Dafür kündigt uns Auckland Radio eine Front an mit bis zu 60 Knoten Wind. Das sind etwas mehr als 11 Windstärken und Herr Beaufort nennt das "voller Orkan". Wir haben noch etwa zwei Tage, bis uns dieses Wetter erreichen wird. Wie oft habt Ihr uns zu Hause gefragt: "...und was macht Ihr, wenn ein Sturm kommt?" Er wird uns nicht überraschen: Das Barometer wird fallen, der Wind wird langsam von Südost über Nordost auf Nordwest drehen, typische Wolken werden aufziehen. Noch hat Ägir herrliche Segelbedingungen, doch unsere Spannung steigt. Als wir am nächsten Morgen beim Frühstück unsere Sturmtaktik diskutieren, bekommt Gaby eine Gänsehaut: 11 Beaufort ist ein Haufen Zeug. Haltet mal bei 100 km/h den Kopf aus dem Auto: Man kann kaum noch gucken und atmen! Wir werden keine Segel mehr benötigen, denn der Winddruck auf den blanken Mast wird uns schneller machen als uns lieb ist. Also kramen wir die langen, schweren Panama-Kanal-Leinen hervor und befestigen sie am Heck. Bei Bedarf über Bord gegeben, wirkt das wie eine Handbremse. Alles andere wird unter Deck verstaut, selbst der Eimer. Die See wird so grob werden, bei 11 Windstärken rechnen wir mit Seen bis 10m, so daß wir Ägir von Hand steuern werden, um nicht in einer riesigen, brechenden Welle querzuschlagen. Das wird äußerst kräftezehrend sein und wir einigen uns darauf, daß wir uns alle 30 Minuten ablösen wollen - d.h. ein paar schlaflose Stunden, vielleicht auch einige Tage.

 

Nach dem Motto: Iß solange Du kannst! gibt es Sauerbraten mit Rotkohl, üppiges Frühstück: Rührei mit Salami und Paprika, und wenn immer es gerade nichts zu essen gibt, hat Gaby einen Keks im Mund...ist ja auch kein Wunder. Die See war recht ungemütlich und nach dem Kochen war mein Appetit meist nicht mehr so groß. Leider mußte ich dann auch noch feststellen, daß wir in Lautoka mit nur 2 Pack Keksen losgefahren sind. Zum Thema See: Vor Beginn unserer Reise hatte ich mir nie Gedanken über Am-Wind-Kurse oder Raumschots-Kurse gemacht. Jetzt kenne ich den Unterschied. Also mit Wind von vorne fühlt man sich wie in einer Waschmaschine - das Schiff ist klatschnaß und die Passagiere werden möglichst ruckartig bewegt.

 

Von Kerikeri Radio erfahren wir, daß die Front jetzt stationär ist und sich im Moment nicht mehr weiter nach Osten bewegt. Der Wettlauf beginnt: Wer von uns erreicht zuerst Neuseeland? Wir setzten alle noch verfügbaren Segel, doch schon nach wenigen Stunden ist unsere große Genua der Meinung, daß sie genug gearbeitet hat: Mehrere Risse im oberen Drittel lassen sich nicht so schnell flicken. Also sind wir wieder mit Fock und unserem "Kleinsegel" mit nur 4 Knoten Fahrt unterwegs.

 

Der Wind dreht auf Nordost. Trotz unserer kleinen Segel machen wir jetzt gute Fahrt, denn der Wind kommt fast von hinten und bläst schon tüchtig. Wir geben unseren Plan , 172E/30S zu erreichen auf und nehmen direkt Kurs auf das Nordkap Neuseelands. Die Front bewegt sich wieder. Der Wind dreht auf Nordwest und das Barometer fällt zügig. Kerikeri meldet "nur noch" 40 Knoten mit heftigem Regen, und John von Kerikeri Radio kommentiert das Wetter für uns mit den Worten: "It looks boisterous". Dazu wird es solangsam saukalt. 7o C. Die Treibeisgrenze ist nur noch etwa 300 sm entfernt.

 

8. Tag auf See. 10:00 Uhr, die erste Bö fällt ein. Nach 4 Stunden ist alles vorüber: Blauer Himmel, Sonne, Delphine, eine Rauchschwalbe ruht sich an Bord aus und fliegt sogar bis ins Vorschiff hinein. Am nächsten Tag läuft die dazugehörige Kaltfront: Nochmals 2 Stunden Starkwind mit heftigen Böen, Regen, dann fast Windstille - wir motoren ...

 

Unser Kurs führt uns direkt durch das Zentrum des Tiefs, blauer Himmel, windstill, das Wasser wie aus Quecksilber. Durch den heftigen Seegang wurde wahrscheinlich der Sumpf im Dieseltank ganz aufgewühlt und zwangsläufig bleibt die Maschine stehen. Ohne Maschine, mit kleinster Segelfläche segeln wir geduldig nach Neuseeland. In Bay of Islands steht dann noch die Tide gegenan, so daß wir, obwohl wir in die Bucht hineinkreuzen, immer weiter auf See hinaus getrieben werden. Glücklicherweise läuft nochmals eine Regenbö, genügend Wind um Ägir auch mit kleinen Segeln gut laufen zu lassen. Als wir nach 11 Tagen gegen 15:00 Uhr in Opua an der Pier festmachen, sind die von uns per Funk (ohne Rücksicht auf die Tide für 13:00 Uhr) bestellten Beamten für Zoll und Quarantäne schon wieder zu Hause. Der Hafenmeister sagt dort Bescheid, sie wohnen "nur" 90 km entfernt in Whangarei, und zwei Stunden später sind wir einklariert. Alle wußten bereits von unseren Segel- und Motorschäden, bieten Hilfe an und selbst die beiden Beamten sind nur freundlich.

 

Welcome Dinner in Ferryman's Fully Licenced Restaurant (viele Gasthäuser sind BYO - Bring your own - was soviel heißt wie: Getränke sind mitzubringen, hier gibt's nur was zu futtern). Das Menü erspare ich Euch. Wir sind da! Alles in allem eine gute Reise: 11 Tage für 1200 sm, nur 6 Stunden Regen, was will man mehr. Und Bay of Islands ist wunderschön - es erinnert an die schwedischen Schären und an die Schweiz, bewohnt von wirklich freundlichen und hilfsbereiten Menschen, klar - man lebt vom Tourismus.

 

Während unsere Segel beim Segelmacher sind, unternehmen wir zwischen den verschiedenen dringenden Reparaturen der Maschine erste kleine Wanderungen. Opua-Paihia, immer der Küste entlang, zwischen Mangroven und Farnbäumen, oder zu einer riesigen Kauri, einem Baum mit 3 bis 4 m Stammdurchmesser. Nach 2 Tagen fahren wir den Kerikeri Fluß hinauf und liegen in einem ganz kleinen Bassin, mit jungen Enten, vor dem ältesten Haus Neuseelands. Wir verbringen ruhige Tage, und ich hab auch schon die lange Unterhose ausgezogen - ob der Sommer kommt? Auf der Südinsel dauert die Skisaison immerhin bis Dezember. Neuseeland ist etwa so groß wie Deutschland, hat jedoch nur 3 Mio. Einwohner, etwa soviel wie Berlin: Wer die Natur liebt, wird sich hier wohl fühlen.

 

Mit vollen, frisch genähten Segeln bringen wir die letzten 120 sm hinter uns. Viele Namen aus der Maori-Vergangenheit hören sich ganz lustig an: Kap Tutukaka, Whangaparaoa.... Gulf Harbour ist eine moderne Marina mitten in der Pampa. Absolut ruhig und sehr gut geschützt. Als erstes muß ein Auto her, sonst sitzt man hier wirklich fest. Wenige Stunden später ist ein Nissan Sunny mit lumpigen 157.000 km auf dem Tacho unser. Es gelingt uns problemlos, in der ersten Woche für die dringend benötigten Schiffsersatzteile über DM 10.000.- loszuwerden, zwei Wochen Knochenarbeit und wir sind ganz normaler Neuseelandtourist (siehe Reiseführer).

 

Unsere erste Fahrt bringt uns nach Whangarei zum TO-Stützpunkt, den Nordmeyers - klar, Post abholen. Elke und Uwe haben ein richtiges Wildschwein als Haustier. Es ist ganz zahm, kommt auf Zuruf, legt sich zum Kraulen auf den Rücken und hört auf den Namen Kuni.

Dann heißt es für uns auf in den Norden der Nordinsel. Zunächst steigt die Abschiedsparty für Jingle Bells II in Whangarei. Die Kinder müssen in die Schule und es ist ein Hin- und Hergerissensein zwischen "endlich wieder daheim" und dem Ende eines traumhaften Lebens ... Für uns eine schöne Gelegenheit, all die alten Freunde und Bekannten des letzten Jahres wieder zu sehen.

Im Norden der Nordinsel gibt es einen Sandstrand, der zurecht den Namen "Ninety Mile Beach" führt. Soweit das Auge reicht nur Sandstrand und Dünen, und wieder einmal ganz allein für uns. Es ist uns ein bißchen unheimlich, dort alleine zu zelten und so fahren wir zurück bis Oponuni. Dort entstand nach dem Kahlschlag eines Berges eine riesige Sanddüne, eine tolle 300 m hohe Kulisse. Ein wenig weiter finden wir im Wald den "Vater des Waldes" (Tane mahuta) und den "Gott des Waldes"(Te matua ngahere): Zwei riesige Kauribäume, ein Stamm hat etwa 3000 Kubikmeter Holz und stellt damit bei heutigen Preisen einen Wert von 1 Million DM dar. Etwa 1200 Jahre alt, hat einer einen Stammumfang von 14 m! Dazu verdeutlicht ein Kaurimuseum in der Nähe die Qualität dieses Holzes: Stämme wurden gefunden, die angeblich 30.000 Jahre unverrottet im Schlick lagen. Und da sich bei dem Geschichtsbewußtsein der Neuseeländer kein Museum auf nur ein Thema konzentriert, entdecken wir eine Handvermittlungszentrale der Firma Ericsson (in Betrieb bis 1978), Dampfbügeleisen, alte Kodak-Fotoapparate und eine Schulordnung aus dem Jahre 1890. Nach der Lektüre wird sofort klar, wie gut es uns heute geht - noch vor 100 Jahre durfte man als berufstätige Frau keinen Kontakt zum anderen Geschlecht haben, mußte sich in gedeckten Farben kleiden und selbst zum Eisessen durfte man nicht ausgehen! Und das Gemeinste an der Sache - es gab keinerlei Einschränkungen für das männliche Schulpersonal.

Bei einigen Spaziergängen um die Marina entdecken wir einheimische Vögel, Pukekos und wilde Pfauen. Ein Höhepunkt unseres Neuseelandurlaubs rückt näher: Unsere Freunde Barbara , Rudi und Tom kommen am 11. Dezember an und wir wollen gemeinsam die Südinsel erkunden. Mit der wenigen Zeit, die Flugzeugtouristen so mitbringen ist alles präzise vorbereitet: Startklares, bepacktes Auto, die Bande einladen, auf die Autobahn nach Süden zur Fähre. Doch es kommt ein wenig anders: Barbara und Rudi meinen zaghaft, daß wir noch kurz am nächsten Standesamt vorbeifahren sollten, um ein Aufgebot zu bestellen ... so eine Überraschung!!!! Und nach einer Reifenpanne - klar war der Ersatzreifen auch nicht brauchbar - kommen wir kurz vor Mitternacht in Wellington an. Unsere drei Besucher haben nur 36 Stunden Flug und 14 Stunden engstes Nissan Sunny hinter sich und in unserer Herberge macht es kurz nach der Ankunft nur noch "plong - schnarch".

    Heaphy Trek mit Kea 

Die Wanderung auf dem Heaphy Treck, 74 km quer über die Nordwestecke der Südinsel wird zum einmaligen Erlebnis. Auf der Straße liegen Anfang und Ende der Wanderung über 400 km auseinander und wir beschließen, mit einem kleinen Flugzeug zum Anfang des Trecks zu fliegen, so daß wir am Ende wieder bei unserem Fahrzeug sind. Allein schon dieser Flug zeigt die tolle Landschaft und macht uns begierig loszulaufen. Mir hat besonders der wilde Papagei, ein Kea, gefallen, der so wenig Scheu zeigte, daß er trockenes Brot aus der Hand fraß. Für Tom gab's jede Menge Steine zu klopfen und Rudi war pausenlos damit beschäftigt, die Sandflies (ganz biestige Stechmücken in Miniaturformat und großen Herden) zu bekämpfen. Der Weg ist gut in Schuß und über die größeren Bäche führen schaukelnde Hängebrücken. Das Schild : "Höchstbelastung: 1 Person" flößt nicht gerade Vertrauen ein. Es liegen zwar Hütten auf dem Weg, diese sind aber nicht bewirtschaftet und so müssen wir alles, was wir für die vier Tage benötigen, schleppen. Ihr könnt Euch sicherlich vorstellen, mit welchen Genuß am 3. Tag abends die in Olivenöl eingelegten Steaks verspeist wurden. Und als es dann auch noch gefriergetrockneten Glühwein gab, hatten die neuseeländischen Wanderer ein neues Gesprächsthema. Am Schluß sind wir so fit, daß wir mal kurz zwischen Frühstück und Mittagessen die letzten 16 km trappeln. Klar geht es nicht ganz ohne Blasen ab, und Barbara fliegt die letzten Kilometer förmlich, um ihre Füße so wenig wie möglich mit dem Boden in Verbindung zu bringen ... Dafür belohnen wir uns mit einem köstlichen Dinner in Takaka und Rudis und Toms Augen verklären sich vor Entzücken bei den ersten Tropfen Neuseelandweins. Und schon sind die Anstrengungen vergessen und wir schwärmen nur noch von der großartigen Landschaft, biegen uns vor Lachen, sobald die Sprache auf Rudis hypermoderne Wanderhose kommt (Die hatte nämlich unterwegs den Geist aufgegeben und legte diskrete Körperteile bloß).

Das kleine Dorf Charleston ist eine ehemalige Goldgräberstadt. Eine der Minen ist noch heute in Betrieb. Deutlich ist zu sehen, wie mühsam früher Stollen in den Berg getrieben, die Steine zerkleinert und der goldhaltige Sand gewaschen wurde. Der Inhaber erzählt uns von der heute angewendeten Hochtechnologie, und was wir sehen verschlägt uns fast die Sprache: Mit primitivsten Mitteln wird das weiche Gestein gemahlen und mit Wasser als Schlamm über ein Brett geschwemmt, welches mit einem Teppich belegt ist. In diesem Teppich lagert sich der schwerere Goldstaub ab, er wird alle paar Tage mal "ausgewringt", das Gold geschmolzen und so erhält man einen etwa Markstück großen Klumpen pro Tag.

   Pancake Rocks

Auf der Stecke nach Greymouth, Meer mit Gletscher und Schneebergen im Hintergrund mit obligatorischem Fotostop an den Pancake Rocks, werden die Getriebegeräusche unseres Nissan (für uns und für denselben) unerträglich, und wir tauschen ihn gegen eine knallrote australische Variante des Landrovers - Freude am Fahren kommt auf. Und wir sind alle froh darüber, denn die Paßstraßen sind, wie Barbara so schön sagt: Hurgeldurgel.

 

Christchurch. Die einzige größere Stadt auf unserer Reise. Barbara und Rudi vermuten inzwischen bereits, daß ihre Hochzeit nicht ganz so still verlaufen wird, wie sie sich das vorgestellt haben. Gaby wird zum Aufpasser für die Beiden, während sich Tom und ich der "Kultur" widmen und die Utensilien für die Feier besorgen.

 

Blenheim ist Neuseelands bekanntestes Weinanbaugebiet. Bereits Sonntag früh ziehen die beiden Experten zum Champagner verkosten, bringen ihre erste Beute: Wairau Sauvignon Blanc und Blubberwasser von Le Brun. Nachmittags schließe ich mich der Weintour an, während die beiden Mädels noch ihre Heaphy-Treck-Beine pflegen. Es hat schon Vorteile, daß wir ein geräumigeres Fahrzeug haben. Und so füllt sich die Ladefläche mit Cloudy Bay Cabernet Sauvignon und Pinot Noir, Stoneleigh Sauvignon Blanc und Chardonnay, dazwischen mogelt sich die eine oder andere Flasche Chablis und Riesling. Nach einem tollen gemeinsamen Abendessen in Hunter's Wineyard sind auch die letzten Hohlräume mit Traubensaft ausgefüllt: Es steht ja schließlich Weihnachten vor der Tür!

23. Dezember 1992. Wir holen Roswitha vom Flughafen ab, kaum sind wir komplett geht's zum Standesamt nach Otahuhu. Barbara wird zunächst noch mit einen Brautstrauß ausgestattet: "Wo habt ihr denn den plötzlich her?".

Nach der Trauung der Reis, der sich - wie es sein muß - in die letzten Winkel aller Kleidungsstücke mogelt. An Bord ist über die Toppen geflaggt und bei einem? Glas Le Brun nehmen die Beiden ihre Geschenke entgegen: T-Shirts mit Fotos der Beiden auf dem Heaphy-Treck, Maori-Keule für den Hausfrieden, eine ganz herzige Schale (das Kitschigste, was Tom im Second-Hand-Shop fand) ... Und dann muß das junge Paar die Botschaft entziffern, die in Flaggensprache die Masten von Ägir ziert. Nach drei Stunden mit Tränen in den Augen über die Interpretationsversuche, gestehen wir, daß die Flaggen einfach so zufällig hintereinander hängen, wie sie aus der Kiste kamen ... Ausgestattet mit unserem guten Wein (BYO) dinieren wir in Stanmore Cottage zur Feier des Tages. Meine Mutter hatte Rudi noch einen Wertbrief für uns mitgegeben, was die beiden nicht wußten, mit der Bitte, mit ihnen mal auszugehen - als wenn Sie es geahnt hätte! Ein lustiger und harmonischer Tag geht zu Ende.

Nach dem ganzen Streß auf der Südinsel segeln wir gemeinsam über die Feiertage zur Insel Kawau. Bescherung auf See, drei kochbegeisterte Paare, ein gut sortierter Weinkeller, Rudi angelt seinen ersten Fisch, Tom klopft mit dem Fäustling in einer verlassenen Kupfermine und die Mädels sammeln Pfauenfedern im Park: Es ist einfach herrlich!

Silvester wird - wer hätte es gedacht - zu einem weinseelig harmonischen Abend. Die ersten Bilder sind entwickelt und wir haben eine Mordsgaudi. Als sich gegen später die Wolken verziehen, sehen unsere Gäste zum ersten Mal das Kreuz des Südens - statt Feuerwerk. Kaum sind die Vier mit dem Auto auf Inseltour sitzt Gaby ganz still in einer Ecke und meint: "Jetzt fehlt richtig was an Bord."

1. Februar 1993: Die Aufregung ist nicht zu verbergen: Meine Mutti kommt an. Gaby hat das Schiff auf Hochglanz gebracht, sogar die Wandverkleidung schraubt sie ab und findet angeblich Zeugnisse aller Frauen, die je an Bord waren: Wem gehört denn das lange Braune? (Gaby besteht darauf, das Wort angeblich durch tatsächlich zu ersetzen).

    Schwefelkristalle in Rotorua

Mutti erzählt ganz aufgeregt von den Känguruhs und anderen Attraktionen, die sie in Australien beeindruckt haben und kann es noch gar nicht fassen, daß sie auf der anderen Seite der Weltkugel ist. Erst bei der Betrachtung des Mondes - Mutti meint, er sei abnehmend, obwohl er zunimmt - und erst als ich die alte Oma auf den Kopf stelle (unter viel Gelächter und Gepruste), ist ihre Welt wieder in Ordnung. Nach beeindruckender Tour über Kauribäume, Ninety Mile Beach (mit einem 4 Wheel Drive wesentlich lustiger als mit dem Nissan Sunny) und Bay of Islands machen wir uns in unbekannte Gefilde auf: In der Gegend um Rotorua kann man die Wegener'sche Theorie der Kontinentalverschiebung nicht nur sehen, fühlen und erleben - sondern auch riechen! Es ist schon gewaltig, wie es überall blubbert, brodelt und zischt.

 

   Lady Knox

Ein Geysir, der noch vor 80 Jahren aktiv war, schleuderte sein kochendes Wasser angeblich bis zu 500m hoch - man muß sich das mal vorstellen: Ein natürlicher, kochender Springbrunnen, doppelt so hoch wie der Fernsehturm in Stuttgart! Wir treiben unseren Holden Jakaroo bis an den Rand des Kraters des Mt. Tarawera, der 1886 zum letzten Mal ausbrach, wir erleben den größten kochenden See der Welt (97 0 C), und sind einfach fasziniert vom Farbspiel der Sinterterassen (zur Vervollständigung des Eindrucks sind während der Betrachtung der Bilder von Rotorua unbedingt mehrere faule Eier in der Wohnung auszulegen!).

Zur Abwechslung gibt's Maori Folklore, nobel dargeboten im Sheraton: Der bestellte Platz in der ersten Reihe ist in der Letzten, das traditionelle Hangi ist ein unterdurchschnittliches Büfett, und in der Streichholzschachtel sind die Hälfte der Hölzer bereits abgebrannt. Geschrei, Gestik, und ganz hinreißende Liebeslieder mit Tanz.

Mutti sitzt wahrscheinlich noch nicht richtig im Flieger zurück nach Melbourne, als wir beide Richtung Südinsel fahren. Die Wanderungen speziell im Fjordland sind einmalig und so haben wir am Ende etwa 300 km und 4000 Höhenmeter hinter uns. So beeindruckend der Milfordsound ist mit seinen 1500m hohen Bergen, die direkt aus dem Meer ansteigen, so alleine sind wir am Lake Monowai, wo uns 2 Tage lang keine Menschenseele begegnet. Wohl bemerkt - keine Menschenseele, aber e viele (wobei e ®¥) Sandflies. Gott sei Dank ist unser Zelt mit einem Moskitonetz ausgestattet und so sitzen wir im Zelt und genießen den romantischen Sonnenuntergang zwischen Wald und See, halt hinter Gittern. Und erst, als wir die letzte Ritze des Reißverschlusses mit Autan zuschmieren, haben wir endgültig Ruhe. Nachts hören wir das Geräusch heftigen Regens auf dem Zelt - doch weit gefehlt! Es sind nur die Sandflies, die hungrig gegen die Zeltwand stoßen. Diese Mengen gieriger Insekten sind einfach unbeschreiblich und das, was wir mit ihnen auf dem Heaphy Treck erlebt haben, war wirklich nur ein freundliches "Hallo" im Vergleich zu dem hier im Süden. Und die Einsatzbereitschaft dieser Tiere ist beispiellos: 24 Stunden pro Tag, 7 Tage die Woche ... Der Pfad zu Roger's Inlet führt durch einen Fluß. Gaby will ihre Blasenfüße (gefangen am Mt. Roy - 1000 Höhenmeter in 2,5 Stunden) unbedingt trocken halten, und sie beginnt wie ein Biber aus Ästen einen Damm zu bauen. Umsonst, denn kurz später wird unser Weg so sumpfig, daß wir bis zu den Waden im Schlamm stecken! Damit sind unsere Füße jetzt Sandfly-sicher verkrustet. Es ist immer wieder erstaunlich, wie zutraulich wild lebende Tiere sind: Bei einer kurzen Rast kommen sofort ein paar kleine Vögel und picken uns die Sandflies von der Kleidung!

   Kontrastprogramm: Tropen und Gletscher

Die Südinsel Neuseelands ist sehr kontrastreich. Subantarktik und Subtropen stoßen hier direkt aufeinander: So erleben wir wilde Papageien am Gletscher und Gelbaugenpinguine im Busch! Die Anfahrt zum Franz-Josef-Gletscher führt durch dichten subtropischen Wald und nur wenige Kilometer weiter stehen wir an ewigem Eis. Interessant für die Freunde des Treibhauseffekts: Die Gletscher Neuseelands ziehen sich tatsächlich sehr schnell zurück - doch das schon, seit man sie kennt (und vor 200 Jahren trieb noch niemand Haus) - und erstaunlicherweise gab es in den 80er Jahren unseres Jahrhunderts eine Phase, wo sie sich wieder vergrößerten!

Am 1. März 1993 sind wir kurz im Ort Bluff - nichts besonderes, keinen Besuch wert, nur für uns: Es ist der südlichste Ort unserer ganzen Weltreise.

Interessant ist der Besuch der einzigen Albatross Kolonie auf dem Festland in der Nähe von Dunedin. Wer erinnert sich nicht an die tolpatschigen Start- und Landeversuche dieses Vogels in dem Film Bernhard und Bianca? Es ist wirklich so! Die Erklärung ist so einfach wie faszinierend. Mit 3 m Spannweite (der größte fliegende Vogel der Welt) sind seine Schwingen zu schwer, als daß er damit wie eine Möwe flattern könnte. Ist das Kücken ausgebrütet, wird es von den Eltern großgefüttert, und wenn das Kleine erwachsen ist, breitet es einfach seine Flügel aus. Albatrosse brüten nur an ganz windigen Ecken und der Wind greift dem Kleinen einfach unter die Flügel und trägt es hinaus aufs Meer. Nur durch elegantes Gleiten, und geringfügiges Verstellen der Federn steuernd, ohne einen einzigen Flügelschlag ist dieser Vogel nun 3 bis 6 Jahre lang auf dem Weg, mehrmals um die Welt, ohne dabei auch nur einmal auf einer Insel zu landen, immer in den windigsten Gebieten (wie Kap Hoorn ...) bis er zur Brautschau an seinen Geburtsort zurückkehrt. Ihr könnt Euch vorstellen, was mit der Beinmuskulatur inzwischen passiert ist, daher die perfekt tolpatschigen Bauchlandungen! Der älteste Vogel der Kolonie ist übrigens über 60 Jahre alt und kommt regelmäßig alle zwei Jahre zum Brüten.

 

Abel Tasman National Park - der Reiseführer verspricht das höchste der Gefühle, also nehmen wir ihn noch kurz entschlossen mit ins Programm. "Hinter jeder Ecke erwartet Sie ein neues Fotomotiv" heißt es - Gaby hat im ganzen Park gerade mal 3 (in Worten: drei) Bilder gemacht. In knapp 2 Tagen gehen wir den Coastal Treck und außer ein paar wirklich schönen, goldfarbenen Sandstränden gibt es nichts, was uns von den Socken haut. Der Weg ist sehr gut ausgebaut - damit ist ein großer Teil der wegnahen Flora (ganz im Gegensatz zum Heaphy Treck) praktisch zerstört, wir sehen in 2 Tagen kein einziges Tier. Außerdem ist der Park an sehr vielen Stellen per Auto oder Fähre zugänglich und damit mehr Naherholungsgebiet als Treck. Und so ist es schon etwas frustrierend, wenn wir mit unseren schweren Rucksäcken immer wieder Schönheiten vom Typ einer Lady Wilderness begegnen, die frisch geduscht, eben der Fähre entstiegen, in einer Wolke von Chanel No 5 und Goldschläppchen, naserümpfend an uns vorbei tänzelt.

Zur Versöhnung geht's nochmals nach Blenheim, der 92er ist auf der Flasche und die 93er Lese steht vor der Tür. In den letzten 5 Jahren ist der Weinexport Neuseelands von 3,5 Mio. $ auf 35 Mio. $ gestiegen. Unfaßbar ist für uns allerdings die Preispolitik der Weinbauern: Bei Nautilus erstehen wir ein schöne Flasche Sekt. Als wir abends bei Hunter dinieren, finden wir auch Weine seiner Mitbewerber auf der Karte - und siehe da, der Nautilus Champus ist im Restaurant des Mitbewerbers $ 2 billiger als beim Hersteller! Und ein Check im Supermarkt läßt es zur Gewißheit werden: Der Wein ist auf dem Weingut am teuersten! However, der eine oder andere Tropfen findet wieder einmal den Weg in unsere geräumige Ladefläche.

Zurück an Bord beginnt der Ernst des Lebens. Aus der Ferienwohnung Ägir wird wieder eine seegängige Yacht. Der Slip wartet mit allen Arbeiten am Unterwasserschiff, unser Kompaß ist nicht mehr zu reparieren, und Gaby beginnt mit der Verproviantierung und dem Stauen für die nächsten 12 Monate. Unser Auto will verkauft werden und unsere Segelerlaubnis für Indonesien ist noch nicht eingetroffen. Dafür läuft unser Neuseeland Visum ab und will verlängert sein, australisches Konsulat, indonesisches Konsulat etc. etc.

Hier kommt jetzt der Herbst, die Tage werden kürzer, die Südinsel meldet ersten Nachtfrost, die Bäume färben sich bunt - was wir im Herbst 1990 zum letzten Mal erlebt hatten. Derweil duftet es aus der Kombüse herrlich nach Apfelkuchen - wie ihr seht, leben wir auch nicht soo schlecht.

Aufbruchstimmung. Die Geburtstage sind gefeiert und nicht nur unser Kopf, sonder auch Ägir ist wieder klar. Alle "Projekte" sind soweit abgeschlossen, der Wassertank und die Proviantkiste sind randvoll, der Stapel Seekarten höher als je zuvor. Buffy jr. (Gabys neuer Teddy) ist ganz aufgeregt - war er ja noch nie auf See und auch wir können es kaum erwarten, uns wieder in warmen Gewässern zu tummeln. Und dann kommt noch die Geburtstagspost für Gaby von Maria - mit einem Ausschnitt der Saarbrücker Zeitung. Es ist typisch, daß genau den Seglern, die mit journalistischen Tätigkeiten ihr Geld verdienen, mal wieder alles passiert: Vom Piratenüberfall über Mast- und lebensgefährlichen Ruderbruch bis hin zum Taifun. Macht Euch keine Sorgen - das ist entweder frei erfunden (weil die Leute halt was Spannendes lesen wollen und sich was anderes nicht verkauft), oder es zeugt von mangelnder Seemannschaft des Skippers. Nicht umsonst liegen während der Wirbelsturmsaison (so wie wir auch) hunderte von Yachten in Neuseeland und nicht in Polynesien. Wir ignorieren solche Geschichten in der Zwischenzeit noch nicht mal mehr!

Leichte nördliche Winde stellen sich ein, sowie wir auf See sind. Also kreuzen wir unverdrossen, machen 70 sm pro Tag um nach 24 Stunden festzustellen, daß wir Noumea um 20 sm näher gekommen sind. Unsere Kurslinie in der Seekarte erinnert an den verkorksten Zick-Zack-Stich einer kaputten Nähmaschine. Als wir eine Schule von lustigen Delphinen antreffen, übergeben wir die Blumen, die wir für Helmut an Bord haben, der See. Dritter Tag auf See: 13. (dreizehnter) Mai 1993- es kann nicht besser werden. Vierter Tag auf See: Freitag - da kann es auch nicht besser werden: Kerikeri Radio berichtet von einer tropical depression bei Papua Neu Guinea. Daraus können sich in dieser Jahreszeit noch tropische Wirbelstürme entwickeln und es gibt einige wenige Dinge, die wir nicht erlebt haben müssen, eines davon ist Bungy Jumping. Nachdem wir in 4 Tagen heftigsten Kreuzens gerade mal 90 sm nördlich Neuseelands stehen, kehren wir um und wollen warten, wie sich dieses Tief seine Zukunft vorstellt. Da eine Kaltfront angesagt ist, wird der Wind auf SW drehen. Wir müssen also Neuseeland unbedingt vor dieser Front erreichen. Wir gewinnen diesen Wettlauf locker, Ägir läuft (ohne Muschelbäumchen am Unterwasserschiff) bis zu 10 kn. in den leicht stürmischen NW Winden vor der Front. In nur 24 Stunden laufen wir die selbe Strecke zurück, für die wir 4 Tage lang gebraucht hatten. In stockdunkler Nacht mit heftigen Regenschauern, ohne detaillierte Seekarte, suchen wir in Whangaroa Schutz. Nur mit Hilfe des Radars tasten wir uns blind in diese fjordartige Bucht und ankern sicherheitshalber mittendrin. Die Entscheidung, umzukehren, hat sich als sehr gut erwiesen, denn bald wehen bis zu 60 kn. Wind (das sind so 11 Windstärken) und die Yachten auf See berichten von 6 m hohen Wellen. Wir liegen an unserem Anker und es weht so sakrisch, daß wir nicht mehr aufrecht an Deck stehen und gehen können. Statt mit Bändseln sichern wir unsere Segel mit den schweren Festmacherleinen, der 2. Anker liegt klar auf dem Vordeck. Selbst auf dem kleinen Gewässer in dieser ringsum von Bergen geschützten Bucht treibt der Wind eine 2 m hohe Gischt über das Wasser und Ägir schaukelt selbst vor Anker so heftig, daß eine unserer Kerikeri Keramikschalen (die bisher alles ausgehalten haben) zu Bruch geht. Innerhalb kürzester Zeit macht unser "Adenauer" die Wandlung von der Nationale zum Stoffetzen durch. Es heult und pfeift unvorstellbar, es zerrt und ruckelt am Anker, an Schlaf ist nicht zu denken und nachdem alles menschenmögliche getan ist, sitze ich, der Heide, in meiner Ecke und bete zu Gott, daß der Anker hält. Solche Naturgewalten sind einfach nicht zu beschreiben.

Auf der Rückseite dieser Front stellt sich SW Wind ein, ein Hoch über der Ostküste Australiens verspricht für mehrere Tage stabiles Wetter - ideale Bedingungen nach Noumea! Dienstag, 18.5.1993 gegen 10:00 Uhr fahren wir los, es weht noch etwas und wir machen mit Sturmfock und gerefftem Besan bei halbem Wind über 5 kn. auf direktem Kurs nach Neukaledonien! Juhu! Endlich! Aber natürlich ist Murphy mal wieder mit eingestiegen: Es ist schon dunkel als Ägir aus dem Ruder läuft und einfach nicht mehr zu steuern ist. Nach wenigen Minuten ist uns klar: Irgend etwas mit dem Ruder stimmt nicht - wahrscheinlich ist die Achse gebrochen. Ganz im Gegensatz zu dem Zeitungsartikel rufen wir einfach Kerikeri Radio, John besorgt uns einen Schlepper, dieser erreicht uns gegen 4:00 Uhr früh und um 21:00 Uhr sind wir sicher zurück in Opua an der Pier. Das ist etwa so gefährlich wie das Abschleppen eines Autos, nur etwas ungemütlicher und natürlich frustrierend, nochmals nach Neuseeland zurück zu müssen. Ägir war noch nie ohne Segel in bewegter See. So sind die Schiffsbewegungen ohne den Winddruck im Segel für uns plötzlich sehr ungewohnt, überlagert vom ständigen Anrucken und Losekommen der Schleppleine in der Welle. Gaby fällt im Schlaf aus der Koje und haut sich ihr Biberschnäuzle am Tisch an, bleibt vorsichtshalber gleich am Boden liegen. Kaum hat der Fruchtkuchen das noch warme Bett erspäht, hüpft er in hohem Bogen hinein und zerbröselt dort, natürlich kann das Backblech nicht zurückstehen und benimmt sich Frisbee-mäßig. Ja selbst aus den Grifflöchern in den Küchenschubladen mogeln sich einige Teile heraus, um dann mit Plopp und Plong durch den Salon zu sausen. Kurz: Es sieht aus wie im Krieg. Wir sind froh, als wir Mittwoch nacht wieder in Opua sind. Natürlich (es ist ja immer noch Mai - unser Monat, wo alles schief geht) macht die eine Werft ab Montag Betriebsferien und in der zweiten kommt der Chef erst am Montag zurück - also gönnen wir uns noch ein paar gemütliche Tage hier. Der Zöllner ist voll Verständnis und erklärt sich bereit, ungeachtet unserer zollfreien Waren an Bord, unsere Anwesenheit einfach zu ignorieren.

Montag, 24. Mai 1993 - wir gehen auf den Slip und sind positiv überrascht von der Arbeitswut der Kiwis: Ägir hängt noch in den Schlingen als bereits geklopft und geschraubt wird. Der Keil, der das Ruderblatt auf der Achse hält, ist gebrochen und wir entschließen uns, die Messing Achse durch rostfreien Edelstahl zu ersetzten. Da dies ein paar Tage dauert, reinigen wir unterdessen unseren Kraftstofftank. Dazu muß allerdings die ganze Maschine ausgebaut werden. Für ein paar Tage können wir uns im Schiff kaum mehr drehen und wenden vor lauter Kruscht, Öl und Diesel. Eine Woche später sind wir wieder im Wasser, Ägir hat einen neuen Ruderschaft aus Edelstahl, unsere Kasse ein Loch von $ 4500,- und so müßten wir eigentlich nur noch auf eine günstige Wetterlage warten - aber es ist ja immer noch Mai - und so habe ich große Schmerzen in der Nierengegend. Nach Gabys heftigem Drängeln gehe ich freiwillig zum Arzt, der ist natürlich 90km entfernt: Wahrscheinlich war es ein Nierenstein, der abgegangen ist. Das wollen wir auf alle Fälle noch hier auskurieren, bevor wir zu den Kanaken nach Neu Kaledonien segeln - nein, das ist kein Schimpfwort, die Ureinwohner Neu Kaledoniens werden Kanaken genannt.

Und so läuft uns langsam aber sicher die Zeit davon. Unser Kriegsrat dauert nur wenige Minuten. Wir befragen unseren PC, was unser Budget meint, und als die Kaffeetasse leer ist, steht unsere Entscheidung fest: Wir machen einfach ein Jahr länger, verbringen diese Saison in Neu Kaledonien, Vanuatu und in den Solomon Islands. Zur Wirbelsturmzeit können wir dann in Australien sein, dort Weihnachten feiern und ganz gemütlich im nächsten Jahr dann durch Indonesien kreuzen. Das läßt uns auch noch viel Zeit um eventuell Malaysia, sicher aber Thailand in Ruhe zu besuchen. Und schon sind wir wieder dabei Seekarten zu beschaffen und Seehandbücher zu wälzen...Gaby näht schon an den Gastflaggen für Vanuatu und Solomon Islands - ein diffiziles Geschäft in vier Farben mit Schnecken und Sternchen. Wir haben inzwischen einen Liegeplatz in Maloolooba etwas nördlich von Brisbane reserviert.

Der Juni läßt sich zunächst wesentlich besser an. Als ich zum Zeitvertreib bei Fullers unsere Gasflasche entroste, weigert sich der junge Mann, eine Rechnung zu schreiben: "That's not a problem!" und der Ultraschall bei meinem letzten Besuch beim Arzt bestätigt, daß keine Steine mehr in Niere und Harnblase sichtbar sind. Und wir bekommen für alle Fälle noch schmerzlindernde Mittel mit. Es regnet - und das freut uns ausnahmsweise mal richtig, denn es bedeutet, daß das Tief durchzieht und uns nur noch wenige Tage von unserer (dritten) Abfahrt trennen. 6. Juni 1993: Die Wetterkarte sieht sehr gut aus und wir bereiten alles für die Abfahrt vor. Die Segelpersennige sind bereits verstaut, die Windfahne ist montiert, das Vorsegel angeschlagen, als Christian ruft: Habt ihr die neueste Wetterentwicklung? Wir haben uns schon gewundert, daß das Barometer noch fällt und es wieder heftig regnet. Am Nordkap hat sich über Nacht ein kleines und intensives Tief gebildet. Ob wir jemals wieder von hier wegkommen? Zwei Tage später geht's los. Nach 10 sm, gerade mal bei Russel um die Ecke, verspricht der aktuelle Wetterbericht die nächste Front. Also biegen wir links ab, und ankern in einer der vielen, schönen und gut geschützten Buchten der Bay of Islands. Eine Front jagt die andere. Das Tief südlich Neuseelands hat einen Kerndruck von nur 950 mb und seine Kaltfront reicht bis auf 260 Süd! Ein solches Wetter nach Europa projiziert würde bedeuten, daß ein Tief über Island dafür sorgt, daß es in der Sahara noch regnet. Und am 13. Juni 1993 sind wir immer noch hier bei kräftigem Nordwest - dem einzigen Wind, den wir nicht gebrauchen können. Einen Tag später sieht es wesentlich besser aus. Kerikeri Radio spricht zwar von "rough seas", doch der Wind soll aus Südwest kommen und nachlassen. Hurra! Los geht's. Mit 25 kn Wind gehen wir Anker auf und der Wind kommt boshafterweise noch immer nördlicher als West - und legt noch zu. Gegen 16:00 haben wir Wind mit 35 bis 45 kn., Böen bis 50 und das von vorne. Wir haben unser Großsegel gar nicht erst ausgepackt. Der Wind ist so stark, daß es uns die Segelpersenning am Mast losreißt! Fazit: Zurück nach Opua, denn wir leben jetzt schon seit 14 Tagen von unserem Proviant und unser Frischwassertank ist auch nur noch halb voll. Großes Hallo im Hafen: "Welcome back!".

   
 

© ÄGIR  Gabriele und Jochen Leonhardt 1999. Alle Rechte vorbehalten. Letzter Update am: 22. März 2001