| Neu Kaledonien und Vanuatu. Neu Kaledonien 
Zwei Tage später
schaffen wir es endgültig zwischen der
Rückseite eines Tiefs und einem herannahenden
Hoch ein günstiges Wetterfenster zu erwischen
und unsere Überfahrt nach Noumea ist ganz
problemlos. Bei der Ausfahrt von Bay of Islands
paddeln drei kleine Pinguine neben uns im Wasser!
Als wir 300 Süd hinter uns haben wird es sonnig
und warm und innerhalb von nur 48 Stunden
tauschen wir die Skiunterwäsche gegen Sonnenhut
und -brille. Am 19. Juni 1993 erreicht uns per
Funk die Nachricht, daß unser seit Ende April
sehnsüchtig erwartetes Päckchen in Gulf Harbour
angekommen ist. Wir passieren Norfolk Island:
Nicht nur die Heimat der eigentümlichen Norfolk
Pinien, sondern auch die der Bounty Meuterer,
deren Nachfahren noch heute dort leben. Es ist
herrlich, wieder unter dem strahlenden Himmel der
südlichen Hemisphäre zu segeln, die Nacht wird
regelmäßig durch einen prächtigen
Sonnenuntergang eingeleitet und wieder zählen
wir hunderte von Sternschnuppen. Nach 8 Tagen
machen wir in Noumea fest und viele der
befreundeten Yachten winken enthusiastisch, als
sie uns kommen sehen - natürlich kennt jeder die
Erlebnisse des anderen über Funk. Besonders
freut sich Hans von Zulu, denn wir haben
sein verloren geglaubtes Beiboot mitgebracht. Es
ist wunderschön, wieder in den Tropen zu sein,
draußen zu frühstücken und unsere Polster
trocknen zu können - seit einigen Monaten war in
dem feuchtnassen Klima Neuseelands nichts mehr
trocken zu kriegen und selbst die Lederschuhe
sind angeschimmelt. Die Wassertemperatur liegt
bei 220C und wir freuen uns jetzt riesig aufs
Tauchen - aber zunächst ist natürlich wieder
"Postfest".
Unser erstes
Erlebnis ist der Musikabend auf dem Marktplatz.
Mehrere Gruppen spielen gleichzeitig und
versuchen sich zu übertönen. Dazwischen
Darbietungen der örtlichen Tanzschule.
Interessant ist, daß die Weißen Südseetänze
darbieten, während die Kanaken offensichtlich
mehr Spaß daran haben, zu modernster Musik zu
tanzen. Die Preise hier sind fast wie in
französisch Polynesien: Ein kleines Bier ist
schon für lumpige DM 6,- zu haben. Und uns
fällt das starke Polizeiaufgebot ins Auge, das
den ganzen Abend um den Platz patrouilliert.
Phosphoreszierende
Korallen
Besuch des
Aquariums steht auf dem Programm: Eine ganze
Abteilung ist ausschließlich den Korallen
gewidmet. In einem Nachthaus (nachts werden die
scheinbar leblosen Steinblöcke lebendig und
fahren kleine Tentakel aus) unter UV-Licht bietet
sich uns ein unglaubliches Bild. Die Tentakel der
Korallen leuchten in allen Neonfarben von Orange
über Grün bis Blau - so etwas haben wir noch
nirgendwo gesehen. In Neu Kaledonien ist auch die
Nautilus zu Hause. Ein Tier, das in Gabys
Muschel/Schneckensammlung noch fehlt. Allerdings
leben diese Schnecken auf 300 m Tiefe und wir
werden etwas Glück brauchen, eine im Riff zu
finden. Die Nautilus ist besonders interessant,
weil sie einerseits die Übergangsform von
Schnecke zum Tintenfisch darstellt, zum zweiten,
weil ihre Vermehrung, wie wir erfahren, noch
ungeklärt ist: Nie hat jemand kleine, junge
Tiere gesehen oder gefunden. Und außerdem
scheint die Entwicklung 200 Millionen Jahre lang
stehengeblieben: Die Nautilus sieht genau so aus,
wie die versteinerten Ammoniten der Jura- und
Kreidezeit.
Melanesien heißt
soviel wie Schwarzinselwelt, wobei sich Schwarz
auf die Hautfarbe der Menschen bezieht. Es steht
aber auch für das Schwarz der Vulkaninseln.
Melanesien wird im Norden vom Bismarckarchipel
und im Süden von Neu Kaledonien begrenzt. Wie so
viele pazifische Inseln wurde auch Neu Kaledonien
von James Cook entdeckt (1774) und ist seit 1953
französische Kolonie. Neben den Missionaren hat
wohl die Sträflingskolonie der Franzosen in der
Zeit von 1864 bis 1896 den gravierendsten
Einfluß auf die einheimische Bevölkerung
gehabt. Neben inoffiziellen Ausrottungsfeldzügen
waren vor allem eingeschleppte Krankheiten wie
Grippe, Masern, Malaria und Syphilis (trotz der
vielen Missionare!) für die Dezimierung der
Bevölkerung verantwortlich. Heute leben 164.000
Melanesier auf der Insel und stellen damit nur 44
% der Gesamtpopulation; allerdings steht zu
erwarten, daß sich nach der angestrebten
Unabhängigkeit von Frankreich daran das eine
oder andere ändern wird. Während Noumea ein
ausschließlich französisch geprägtes Stadtbild
besitzt, die drittgrößten Nickelvorkommen
dieser Welt brachte der Insel ihren Reichtum,
finden wir im Museum die Spuren der Ureinwohner.
Am beeindruckendsten sind die Totempfähle,
manche traurig, viele lachend, einige schon mit
indonesischem Einschlag.
Wir wollen uns von
der Marina weg an den Anker in einer nahen Bucht
legen. DM 30.- pro Tag Liegegebühr sind ganz
schön happig. Wie war das mit Murphy? Kaum
lassen wir die Maschine an, platzt die Dichtung
des Ölfilters und der ganze Maschinenraum trieft
von Altöl! Unser Glück im Unglück: Gisela und
Werner von Thetis sind ganz in der Nähe,
Werner ist gelernter Mechaniker und verdient sich
gerne ein paar Mark. Die Ursache ist schnell
diagnostiziert: Überdruck im Öl, das
Überdruckventil klemmt - und das sitzt
natürlich in der Ölpumpe mitten im Motor. Also
bauen wir zum zweiten Mal innerhalb von 4 Wochen
die Maschine aus, das Teil wird instandgesetzt -
dabei finden wir Salzwasser im Öl, die
eigentliche Ursache des Problems - also wird auch
noch die Wasserpumpe überholt (Rudi, die
Simmerringe sind mal wieder im Einsatz), und wir
bauen die Maschine wieder ein. Gott sei Dank hat
uns die gute Frau Beck in Karlsruhe sorgfältig
mit Teilen versorgt, so daß alles, was wir
brauchen, an Bord ist. Gabys Frust der ersten
Stunden weicht Begeisterung, als sie als
technischer Einkäufer mit weiblichem Charme in
einer Werkstatt einen Kanaken davon überzeugt,
die klemmende Buchse sofort auszudrehen - eine
Arbeit, die wir mit Bordmitteln einfach nicht
schaffen. Nach nur 16 Stunden läuft unser Diesel
wieder rund. Wir wissen halt inzwischen, wie so
was geht... Kaum läuft der Diesel, streikt der
nagelneue Außenborder, und kaum tut der wieder
seinen Dienst, springt der Motor des
Tauchkompressors nicht an. Mit glänzenden Augen
betrachtet Werner das gute Stück und
diagnostiziert: Keine Kompression. Das
Einlaßventil hängt. 8 Monate Neuseeland-Klima
zeigen ihre Wirkung. Aber immerhin kennen wir
jetzt die Definition des Begriffs
"Jacht": Ein Malheur jacht das andere.
Wie es scheint, stehen wir zur Zeit mit unseren
Motoren auf Kriegsfuß. Preisfrage: Welcher Motor
streikt als nächstes? (Die Frage ist nicht
hypothetisch - auch dieser ist inzwischen
instandgesetzt und dreht sich wieder). Natürlich
schwimmt das ganze Altöl noch in der Bilge,
einem Loch nur 30 cm x 30 cm und 1 m tief. Also
Hals-über-Kopf hinein ins Vergnügen, denn wir
wollen das auf keinen Fall in die Lagune pumpen.
Besuch im Parc
Forestier. Kein Trek im neuseeländischen Sinne,
eher ein Spaziergang im Zoo: Ein Kakadu,
Flamingos, schwarze Schwäne, bunte Papageien -
einer von ihnen gibt Laute wie eine Katze von
sich. Die Vegetation ist nicht besonders
berauschend, trockener Urwald, die hier
wachsenden Pinien sind eher unscheinbar.
Faszinierend ist jedoch der Blick vom Berg über
die blaugrüne Lagune weit in den Süden bis zur
Ile Ouen. Und das Wetter verwöhnt uns so
richtig: Sternklare Nächte, richtig warme,
sonnige Tage, und das in einer der größten
Lagunen der Welt. Zum ersten Mal seit Oktober
letzten Jahres kommentiert Gaby: "Jochen,
mir ist warm!" und macht sich daran, ihre
erste Runde ums Schiff zu schwimmen.
Nur 20 sm bis zur
Baie Uie. In strahlendem Sonnenschein segeln wir
- wie Gaby so schön formuliert: BH schonend und
Sonnenschutzfaktor 15 - faul nur mit Genua (der
neue Roller ist nach nur 2 Monaten angekommen und
montiert) durch die Lagune (ohne Seegang) vor
Noumea. Frisches Baguette und französischer
Camembert sorgen für das leibliche Wohl: Kann
das Leben schöner sein? Die Landschaft der
Hauptinsel Neu Kaledoniens ist etwas
enttäuschend. Keine Spur von Südseeromantik,
die Berge sind aufgewühlt von Nickel-, Chrom-
und Cadmiumminen und außerhalb Noumeas scheint
es nur sehr wenige Siedlungen zu geben. Wir sind
ganz alleine hier. Nur wenige Meilen weiter in
der Baie de Carenage treffen wir auf drei
Yachten, alle von TO und alles alte Bekannte!
Unser Anker ist gerade unten, der rote,
erzhaltige Schlamm vom Vorschiff entfernt, als
Hans angerudert kommt: "Wir gehen ein
bißchen wandern." Klar kommen wir mit.
Sieben Mann-Frau-hoch geht's ab in die Berge.
Überall das rote, erzhaltige Gestein - schon ein
kleiner Brocken wiegt beachtlich in der Tasche,
darauf etwas spärlicher Wuchs von Pinien.
Absolut nichts Tropisches. Der Blick von oben
über die fjordartige Bucht ist mal wieder
beeindruckend. Schon 1870 wurde hier Erz
abgebaut, verschifft und überall finden wir
Reste dieses Bergbaus: Teile von Loren,
verrostete Schienen, verfallene Schiffsanleger
und weitverbreitete Erosion - kleine Canyons. Wir
hören, daß die früheren Einwohner von den
Franzosen in den Norden der Insel umgesiedelt
wurden, um den Bergbau ungestört vorantreiben zu
können. An Bord von Ikarus klingt der Tag
harmonisch bei Kaffee, Keksen und Rotwein aus.
Gaby meint überglücklich: "Jochen, heute
ist der Tag, an dem nichts kaputt ging!"
Nur 6 sm weiter
ankern wir in der Baie du Prony. Eine kleine
Bucht mit Mangroven und sogar einer (!) Palme.
Gaby ist fest davon überzeugt, daß ich sie
veräppeln will, als ich rufe: "Hier liegt
eine Nautilus!" Zwar etwas angeschlagen,
aber immerhin unser erstes Exemplar. Und wenige
Schritte weiter noch eine. Das muß gefeiert
werden. Zurück an Bord springt uns schon die
Sherryflasche entgegen... Am nächsten Tag
verlegen wir uns 10 sm weiter an die
Westseite der Ile Ouen und haben einen
kilometerlangen Sandstrand mal wieder ganz für
uns alleine. Offensichtlich selten besucht,
befindet sich Gaby bald wieder im
Muschelsammelrausch. Neben kleinen
Mördermuscheln und einer Murex haben wir nach
einem kleinen Standspaziergang bereits acht
Nautilus in der Tüte. Gaby ist überglücklich.
Das Wetter ist
wechselhaft und verlockt überhaupt nicht zum
Baden. Juni/Juli ist Regenzeit und fast täglich
läuft ein kleiner Schauer. Als Gaby
Tischabfälle über Bord wirft, sind blitzartig
eine handvoll kleine Pilotfische da. Und sie
nisten sich unter Ägir ein und werden zu
richtigen Haustieren in unserer Ankerbucht. Bevor
wir ein Stückchen Brot über Bord werfen, klopft
Gaby an die Bordwand und schon sind sie da: Ja,
erstaunlicherweise fressen sie unser altes Brot
wie zu Hause die Karpfen im Max-Eyth-See. Wir
sehen aber auch Delphine und sogar große Wale in
der Lagune! Im Süden in einer kleinen Bucht
befindet sich ein Hotel mit Restaurant. Es gibt
keine Speisekarte, nur eine Mahlzeit: Thunfisch
als Vorspeise, die Hauptspeise ist Thunfisch. Auf
die Frage, wie viele Gäste sich zur Zeit hier
aufhalten, antwortet der Wirt mit einem leichten
Zögern: "Keine". Wir sind mal wieder
ganz alleine hier, obwohl es ein traumhaftes
Plätzchen zum Baden, Schnorcheln, Tauchen und
Windsurfen ist. Rechtzeitig zum 14. Juli, dem
französischen Nationalfeiertag, wollen wir
wieder in Noumea sein.
Ganz im Gegensatz
zu französisch Polynesien wirken die
Festivitäten hier künstlich und die Spannungen
zwischen Franzosen und Kanaken werden deutlich.
Während die Franzosen durch eine Militärparade
ihre Macht demonstrieren - ich habe so etwas
Schwachsinniges noch nie miterlebt, angefangen
von der Parade an sich bis hin zur Tatsache, daß
die armen Jungs fast eine Stunde lang in der
Hitze stramm stehen müssen, ehe sie
losmarschieren - zeigen sich bei den
traditionellen Tänzen außer ein paar Yachties
nur Schwarze. Ganz anders als in französisch
Polynesien besteht der Schmuck nicht aus bunten
Blumenkränzen, sondern - entsprechend der
kargeren Vegetation - aus Palmblättern und
Farnen. Ansonsten ist in ganz Neu Kaledonien
nichts von einer "nationalen Feier" zu
spüren und Noumea scheint wie ausgestorben.
Nichts von der tagelangen, ausgelassenen
Fröhlichkeit der polynesischen Inseln. Und der
einzige Platz, wo gefestet wird, ist von großen
Frachtcontainern fast wie eine Wagenburg umzäunt
und durch DM 3.- Eintritt pro Person
versucht man, sich bestimmte Kreise fernzuhalten.
Typisches
Rundhaus mit Spitze
Welch einen
Kontrast erleben wir da, als wir mit dem
Mietwagen an die Nordostküste der Insel fahren.
Kaum sind wir über die Berge auf der anderen
Seite, eine kurvenreiche Stecke mit schmalen
Brücken, keine Wegweiser mehr (wer hier fährt,
weiß wohin er will!), als uns die Menschen am
Straßenrand freundlich zuwinken und Zeit für
einen Schwatz haben. Und nicht nur die Einwohner
sind so ganz anders als im Süden, auch die
Vegetation: Kleine Bananenplantagen, Kokospalmen,
Kaffee und sogar Ananas sehen wir. Früchte
werden an kleinen, primitiven Ständen entlang
der einzigen Straße angeboten - wir haben jetzt
wieder Bananen für 4 Wochen! Interessant sind
die Rundhäuser der Kanaken: Die Türpfosten sind
kunstvoll geschnitzt und die Dachspitze wird oft
von einem ebenso kunstvoll geschnitzten
"flêche" geziert. Das Ganze steht in
einem gepflegten Garten mit farbenprächtigen
Blüten von Frangipanis bis zum Weihnachtsstern.
Und in jedem Dorf gibt es nur einen Briefkasten:
Einen für alle. Obschon die Franzosen auch Gutes
leisten, z.B. Schulen, scheint in dieser Gegend
das Zentrum der Unabhängigkeitsbewegung zu sein:
Vom "V"-Zeichen aus Zeige- und
Mittelfinger bis hin zu mit Parolen bemalten
Bushaltestellen - farbenprächtige Graffitis.
Wir segeln noch
ein paar Meilen von Noumea aus nach Norden zu
einigen kleinen Inseln mit so unaussprechlichen
Namen wie Mba, Mbo, To Ndu und Ndue. Dort finden
wir kleine Paradiese, wie man sich das so im
Pazifik vorstellt: Wir sind ganz alleine auf
Ndue, herrlicher Sandstrand, gehen in etwa 1
Stunde um die ganze Insel herum - natürlich
nicht ohne Gabys obligatorische
Muschelsammelplastiktüte. Wir sehen Eisvögel
und ein riesiges Nest eines Raubvogelpaars. Zum
ersten Mal seit Monaten schwimme ich wieder im
Seewasser - es ist einfach traumhaft schön hier.
So richtig was für Zwei auf Hochzeitsreise.
Der Juli geht zu
Ende und wir denken bereits an Vanuatu. Noch ein
paar Behördengänge zum Ausklarieren und
Proviant fassen . Ein kurzer Hopser mit nur etwa
400 sm liegt vor uns.
Vanuatu

Die
Windfahne hält ÄGIR auf Kurs
Die Reise nach
Vanuatu führt uns nicht wie üblich nach Westen,
sondern ausnahmsweise mal in nordnordöstlicher
Richtung. Damit kommt der frische Passat fast von
vorn und wir legen unseren höchsten
Sonnenschutzfaktor - das schwere Ölzeug - an,
denn wir betreiben richtig Wassersport.
Schon unsere
ersten Eindrücke von Vanuatu in der Hauptstadt Port
Vila sind positiv beeindruckend: Das beginnt
mit der Sprache Bislama, einer Variante des
Pidgin-English: "Hemi isi blong
iusi" - easy to use! Das Klima ist sehr
angenehm, tagsüber schön warm und nachts kühlt
es merklich ab, und unsere ersten Eindrücke
enden noch nicht auf dem Markt: Tropisch buntes
Treiben mit allerlei Früchten, Gemüsen und
Salaten, fröhliche Menschen. Das Wasser ist
selbst im Hafen so klar, daß wir bis auf den
Grund sehen und es lockt uns zum Schnorcheln und
Gaby schwimmt schon mal, um nach dem Anker zu
sehen. Einkaufen ist einfach, denn es wird nicht
gefeilscht - der angeschriebene Preis ist der
Preis - und Trinkgeld gibt man auch nicht.
Die
Entdeckungsgeschichte Vanuatus ist eine einzige
Tragödie - ich will sie Euch ersparen.
Interessant ist aber dabei, daß hier die
Missionare nicht ganz so erfolgreich waren wie
auf den anderen Inselgruppen der Südsee und voll
Stolz zeigt man vor dem Museum einen riesigen
Topf, in dem viele von ihnen ihrer letzten,
sättigenden Bestimmung entgegen gingen. Nach dem
2. Weltkrieg regierten die Engländer und die
Franzosen gemeinsam (Ihr könnt Euch den Konflikt
vorstellen) in einem sogenannten Condominium das
Land, und die Fluggesellschaft sollte daher
Condom Airways heißen. (Ein spießiger Bürokrat
der IATA hat das dann wohl nicht genehmigt...).
Wir sind gerade rechtzeitig ein paar Tage vor den
Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag
angekommen. Die Festwiese liegt direkt am Hafen
und wir haben einen Logenplatz. Obwohl bis zum
30. Juli noch 3 Tage hin sind, fängt man schon
mal an zu festen. Bei der Ansprache des
Präsidenten bemerkt Gaby, daß sie noch nie
einen Präsidenten so nahe gesehen hat - ganz
ohne Bodyguard, in Hemdsärmeln, mitten in seinem
Volk - ob ihn Helmut Kohl wohl darum beneidet?
Rechtzeitig zum Unabhängigkeitstag ist auch das
neue Parlamentsgebäude fertiggestellt und
eingeweiht: Etwas Beton, viel Wellblech, alles
schön rot gestrichen - wesentlich preiswerter
als unser neuer Bundestag und fast gleiche
Funktionalität.
Hatte ich nicht
schon erwähnt, wieviel Mühe Gaby hatte, diese
Schnecke in der Vanuatu-Flagge zu nähen? Nun,
diese "Schnecke" ist der Eckzahn eines
Wildschweins. Daß er so ganz im Kreis wächst,
zieht man dem jungen Schwein die oberen
Eckzähne, damit hat der Untere keinen Widerstand
sich abzunutzen und wächst zu einem Vollkreis!
Ein solcher Schweinehauer hat natürlich
symbolische Bedeutung: Er steigert die
gesellschaftliche Position und soll dem Träger
einen bevorzugten Platz im Reich der Toten
sichern. Im Extremfall erreicht ein einzelner
Zahn bis zu drei Windungen!
Festbude
bietet Geburtstagstorte an
Die Festwiese
besteht aus fast 200 Buden, allesamt aus rohen
Ästen mit Bast geschnürt und mit Palmblättern
verkleidet. Die meisten bieten etwas zu futtern,
und in vielen dieser Hütten brennen kleine,
offene Feuer, über denen Fleischspieße, Fisch,
Gemüse oder Steaks brutzeln. In anderen werden
Glücksspiele oder Kava angeboten. Ganz im
Gegensatz zu dem französischen Neu Kaledonien
geht es hier ohne Waffen, strenge Polizei oder
auch nur irgendwelchen Absperrungen - Freude am
Leben! Und man freut sich, unabhängig zu sein:
In vielen Buden gibt's Geburtstagstorten und die
ganze Insel scheint anwesend - ein
unbeschreiblicher Trubel, und das ist ja erst der
Anfang. Ägir ist zu diesem Anlaß
natürlich über die Toppen geflaggt. Der Schmuck
der Tänzer und Sänger ist filigran und
farbenfroh, meist aus fein geflochtenem und
gefärbtem Pandanus. Nun, die Musik dröhnt noch,
als wir am nächsten Morgen frühstücken und es
wird für 5 Tage ununterbrochen gefeiert werden.
Die Kava ist stärker als in Fiji, und unsere
neue Eßerfahrung heißt "lablab" -
schmeckt wie kalte, zähe Grießstopper mit
Spinat.
ÄGIR über
die Toppen geflaggt
Wir - das ist die
ganze deutsche Seglerfamilie Ikarus, Zulu,
Compassrose und Ägir - trotten vom
Fest zurück zum Yachtclub, um noch ein
gemeinsames Bier zu genießen, als wir auf der
Straße zufällig meine Tante Elsbeth und Helmut
treffen: Ihr könnt Euch sicher vorstellen, was
das für ein Hallo war! Sofort ist die gemeinsame
Inselrundfahrt für den nächsten Tag vereinbart.
Die einzige "Straße" führt uns durch
dichten Regenwald, vorbei an tollen Sandstränden
zwischen Korallenfelsen. Es sieht für uns sehr
ungewöhnlich aus, wenn große Herden von Kühen
in riesigen Palmenwäldern weiden. Außerhalb der
Stadt leben die Menschen deutlich bescheidener,
mit richtig schwarzer Hautfarbe, und sie sind
sehr freundlich. Eine ihrer Einnahmen kommt von
alten Coca-Cola Flaschen, die sie für US$ 5 an
Touristen verkaufen: Relikte der Amerikaner aus
dem 2. Weltkrieg, wie sich bald herausstellt.
Richtig exotisch wird's dann, als wir einen
Wasserfall im Dschungel suchen. Henry, unser
Führer nimmt Elsbeth und Gaby an der Hand und
ignoriert Helmut und mich noch nicht mal. Dabei
erbeute ich ein dickes Stück Bambus -
zerstückelt ist das haltbares Rohmaterial für
verschiedene Behälter an Bord. Der Weg zum
Wasserfall führt direkt durch den Fluß über
verschieden Terrassen und da wir schon ziemlich
naß sind, beschließen wir, in einem dieser
Becken zu baden. Gaby hat große Mühe, unserem
Führer zu erklären, daß wir ihn nicht mehr
benötigen - er hätte wahrscheinlich zu gerne
gespickelt! Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie
toll das Bad in Süßwasser ist, wenn man 2 Jahre
lang im Salzwasser gelebt hat - ein wirklicher
Höhepunkt unserer Reise.
Und dann kommt
dieser tropische Regenschauer: Innerhalb von
wenigen Minuten steht der ganze Festplatz unter
Wasser, Girlanden reißen ab, Wellblech fliegt
durch die Luft und den leicht gebauten Ständen
wehen teilweise die Dächer weg (... und unser
Anker hält)!
Melanesischer
Abend im "Le Lagon", gleichzeitig
Abschiedsessen von Elsbeth und Helmut. Zum ersten
mal esse ich Palmherzen mit Käse überbacken -
wirklich eine Delikatesse! Absoluter Höhepunkte
der Veranstaltung allerdings sind die
traditionellen Tänze, die von einem
Tritonbläser eingeleitet werden. Wie schon
während der gesamten Feierlichkeiten zur
Unabhängigkeit besteht der Tanztrupp mal wieder
ausschließlich aus Männern, deren Bekleidung
aus mit Quasten verzierten Pandanusmatten
besteht. Dazu tragen sie geflochtene
Schultergurte, Arm- und Stirnbänder und
Fußschellen. Als Kopfschmuck dienen Federn, die
für mich den indianischen Eindruck der Tänze
noch verstärken. Es ist schade, daß uns niemand
die Bedeutung erläutern kann und so bleibt uns
nur, staunend dem rhythmischen Stampfen, Springen
und Speerschwingen zu folgen. Das alles in der
perfekten Kulisse von majestätischen Palmen
unter dem funkelnden Südseefirmament, an dem der
volle Mond strahlt.
Nach all den
Feiern kommen wir endlich dazu, normaler Tourist
zu sein - Spaziergänge an den endlosen
Stränden, Schnorcheln in den Korallen, deren
kleine Fische mal wieder so zutraulich sind, daß
sie das Brot aus der Hand fressen. Zurück auf Ägir
begegnet uns noch ein Dugong - eine Seekuh - die
sich mitten im Hafen zwischen den Yachten
tummelt. Und zum Tauchen gibt es hier allerlei
Abwechslung: Das Wrack der Star of Russia,
einem 3-Mast-Schooner der auf der selben Werft in
England gebaut wurde, wie die Titanic. Man
sieht noch 2 Masten, Bugspriet und die schwere
Ankerwinsch. Nur 10 Minuten weiter liegt ein
Flugboot, und wer Lust hat, kann unter Wasser ins
Cockpit steigen. Und so freuen wir uns schon auf
die Insel Santo, denn dort liegt das Wrack der President
Coolidge, einem Luxusliner, der im 2.
Weltkrieg auf Treibminen lief und unterging.
Der am
einfachsten zu besteigende aktive Vulkan der Welt
Zunächst geht es
aber nach Tanna. 140 sm genau gegen den
SE-Passat. Wir nehmen diesen Streß gerne auf
uns, denn Tanna soll etwas ganz besonderes sein.
Wir sind noch 70 sm entfernt - viel zu weit um es
sehen zu können - als wir es schon riechen:
Rotorua ähnlicher Schwefelduft liegt in der
Luft. Und als wir am Morgen die Insel in Sicht
haben, sehen wir auch die riesigen Rauch-, Dampf-
und Staubwolken des Vulkans Mt. Yasur: Mit 361 m
der am einfachsten zu besteigende, aktive Vulkan
der Erde. Unser Anker fällt in der selben Bucht,
in der schon 1774 James Cook ankerte. Nach einem
leichten Westwind - damit liegen wir in Lee des
Vulkans - ist Ägir morgens mit einer
dünnen Schicht vulkanischer Asche überzogen.
Und zwischen den Palmen am Ufer steigen die
schwefeligen Dämpfe auf. Wir werden im
"Port Resolution Yacht Club" (bewußt
in Gänsefüßchen!) ganz herzlich empfangen:
Kaum sind wir mit dem Beiboot an Land, als zwei
Jungs kommen - "We are your guide" -
und sie zeigen uns voll Stolz, was die
Dorfbewohner mit einem Entwicklungshelfer
zusammen auf die Beine gestellt haben: Eine
Hütte ist der "Yacht Club". Natürlich
gibt es keine Mitglieder, keinen Vorstand und
schon gar keine Satzung, sondern lediglich die
Idee, Fahrtenseglern einen Anlaufpunkt zu bieten
und so dem Dorf ein wenig Einnahmen durch
Tourismus zu verschaffen, und das Gästebuch
dokumentiert, daß im letzten Jahr 20 (!) Yachten
zu Besuch hier waren und wir sind die ersten
Deutschen. Deutschland? Liegt das hinter Fiji
oder Australien? Als Gaby ihre Nähmaschine zum
Einsatz bringt, um die stark zerfledderte Fahne
des Clubs zu retten, sind die beiden ganz aus dem
Häuschen. Zwei Betten für Besucher - eine
Pension einfachster Art. Ein kleiner aber um so
geräuschvollerer Diesel sorgt für die
Wasserversorgung aus einem Brunnen. Und es gibt
einen Pickup-Truck - der Stolz des ganzen Dorfes
(die nächste Tankstelle ist 50 km entfernt). Bei
unserem ersten Spaziergang treffen wir auf
außergewöhnliche Gastfreundschaft der noch
primitiven Bewohner. Mit Pfeil und Bogen werden
Fische, Fledermäuse und Vögel gejagt. Wir
werden mit Salat, Bohnen und einer Orange
beschenkt und tauschen ein Hemd gegen Kokosnüsse
und Guaven.
Dorfplatz
Und natürlich ist
auch für uns schon die Besichtigung der in der
Gegend liegenden Sehenswürdigkeiten organisiert.
Auf der Pritsche des Pickups geht's durch dichten
Regenwald mit beeindruckenden Banjan-Bäumen - so
mächtig wir die Kauris in Neuseeland - etwas
holperig, zu Höhlen, in denen riesige
Fledermäuse zu Tausenden wohnen. Unsere
Führerin erklärt im Flüsterton mit deutlich
spürbarem Unbehagen die Höhle - wir müssen
leise sein wegen der Steine. Magie und Zauberei
sind in der Schule neben Lesen, Schreiben und
Rechnen, wichtige Unterrichtsfächer. Und wenn
uns zwischen all den freundlichen Menschen einer
im Dorf begegnet, der uns nicht die Hand
schüttelt, dann wissen wir: Das ist der
Medizinmann, der Zauberer. Man zeigt uns heiße
Quellen am Strand - nur ein bißchen im Sand
graben und man verbrennt sich die Finger. Das
Zentrum des Jon Frum Kults in der Sulphur Bay ist
irgendwie interessant weil widersprüchlich (aber
das ist unsere Religion ja auch, wann hat denn
schon mal eine Jungfrau ein Kind geboren?):
Dieser Kult entstand als Gegenbewegung zu den
Missionaren, zur Erhaltung der alten Sitten und
Gebräuche wie Tanzen und Kava-Trinken - und doch
verehrt man den christlichen Gott. Freitag ist
Sabbat, Samstags wird getanzt und kräftige Kava
getrunken, und damit ist sichergestellt, daß
keiner der Dorfbewohner in der Lage ist, am
Sonntag die Missionskirche zu besuchen. Pfiffig,
eh? Höhepunkt des Tages wird dann die Besteigung
des Vulkans: Es ist im wirklichen Sinne
atemberaubend und furchterregend. Wir stehen
direkt am Kraterrand in einer Mondlandschaft, vor
uns geht es 200 m senkrecht in die Tiefe, und
dort - direkt unter unseren Füßen - spielt sich
das größte Feuerwerk ab, das wir je gesehen
haben; und mit jeder Eruption geht ein Lärm
einher, gegen den ein Donner wohl ein leises
Flüstern ist. In den dicken Rauchschwaden haben
wir richtig Schwierigkeiten, zu atmen. Wir
fühlen uns wie auf einem Pulverfaß. Diese
Naturgewalt geht wirklich unter die Haut.
Jeden Morgen kommt
die Piroge mit Nelson, fragt ob er uns was helfen
kann. Brauchen wir Bananen oder Papaya? Wünschen
wir, mit dem Truck einen Ausflug zu machen? Er
entsorgt unsere Mülltüten. Es gibt weder
Telefon, Strom oder Fernsehen. Hinter dem Dorf
liegt ein etwa 2 km langer Sandstrand, den
wir ganz alleine für uns haben, davor ein
kleines Korallenriff - die Insel Tanna ist das
Paradies! Als wir mit dem Beiboot von einer
kleinen Wanderung durch den dichten Busch etwas
müde zurück rudern, treffen wir noch den Dugong
- eine Seekuh, die hier in Port Resolution zu
Hause ist. Hose aus und ab ins Wasser. Das Tier
bewegt sich gemächlich und ist so zutraulich,
daß es sich streicheln läßt. Schade, daß wir
die Taucherbrille nicht mit haben. Und abends
kommen die fliegenden Hunde. Fledermäuse so
groß wie Raben flattern über uns hinweg.
Im
"custom village" trägt Mann nur
Penisköcher
Wir sind mal
wieder mit dem Pickup unterwegs. Heutiges Ziel
ist ein Dorf, in dem die Menschen noch genau so
leben wie vor hunderten von Jahren. Ihr
Häuptling lehnt bewußt den Einfluß moderner
Zivilisation ab. Als wir auf den Dorfplatz
kommen, hören wir schon das dumpfe Klingen einer
Trommel: Besucher sind da! Wir werden mit einem
Tanz begrüßt, der so energievoll ausgeführt
wird, daß buchstäblich die Erde unter unseren
Füßen bebt. Der Dorfplatz wird von riesigen
Banjanbäumen überschattet, auf einem ist ein
großes Baumhaus - eine tolle Kulisse. Die
Eingeborenen sind fast ganz nackt. Die Frauen
tragen einen einfachen Bastrock und die Männer
haben nur ihren Schniedelwutz umwickelt und
hochgebunden - ein richtiger Penisköcher. Es ist
für uns schon ein eigenartiges Gefühl, wenn so
ein nackter Po ungeniert vorangeht und uns sein
Dorf zeigt. Die Bewohner sind überhaupt nicht
scheu und sehr freundlich - nun, wir sind nicht
die ersten Touristen und man hat schon gelernt,
700 Vatu Eintritt zu verlangen. Wie verträgt
sich das wohl mit der Zielsetzung des
Häuptlings? Auf dem Rückweg grast eine Herde
Wildpferde am Weg. Und in einem kleinen Dorf
erstehen für nur 80 Pfennige die riesigsten,
saftigsten Ananas der Welt und ein ganzes
Büschel Mandarinen. Als wir über den Paß
zurückfahren, haben wir nochmals einen
phantastischen Blick über den östlichen Teil
der Insel, geprägt vom Mt. Yasur. Ein Tag, den
wir bestimmt nicht vergessen werden.
... und
Frau den klassischen Bastrock
Heute leisten wir
Entwicklungshilfe. Die Yachtie-Frauen treffen
sich mit einigen Frauen des Dorfes, um ihnen zu
zeigen, wie man mit einer Nähmaschine umgeht.
Das Dorf besitzt zwei Handnähmaschinen, Marke
Singer, die in jedem europäischen
Antiquitätenladen Spitzenpreise erzielen
würden. Ziel ist es, Stander für den Yachtclub
zu nähen, die dann an Besucher verkauft werden
sollen. Eine lustige Runde bildet sich, die
Frauen säugen nebenbei ungeniert ihre Babys,
während ich die ganze Bande mit Kaffee und
Kuchen bei Laune halte. Ich glaube, daß die
Eingeborenen mindestens den selben Spaß daran
hatten, wie wir. Die Frauen sind sehr geschickt
und wir sind überzeugt, daß sie in Zukunft ihre
Arbeiten selbständig durchführen können. Es
ist ein schönes Gefühl für uns, wirklich mal
ohne Geld etwas sinnvolles für das Dorf getan zu
haben. Und so wollen wir Yachties den Tag mit
einem gemeinsamen, harmonischen BBQ am Strand
ausklingen lassen, denn Heinz hat einen riesigen
Barrakuda gefangen. Doch kaum sind wir pappsatt,
als uns die Nachricht aus dem Dorf erreicht:
Heute abend ist Musikabend, und zum Dank für die
Hilfe sind wir alle eingeladen. Kein Fest für
Touristen, sondern richtig original.
Dichtgedrängt sitzen wir zwischen den
Dorfbewohnern in einer mit Zuckerrohrblättern
gedeckten Bambushütte, die aus voller Brust ihre
"Jon Frum" Lieder singen. Und so wird
unser Leben auf Tanna fast zum Streß, denn am
Samstag sind wir zum Festessen eingeladen.

An den Besuchern,
die zu uns an Bord kommen, wird uns deutlich,
daß sich die Einwohner Tannas sehr dafür
interessieren, wie wir leben. Die deutsche
Yachtie-Truppe bereitet sich also einen
vergnügten Abend lang darauf vor, den
Eingeborenen etwas von uns zu bieten. Als wir zum
Festessen kommen, spielen wir ein bißchen
Gitarre, singen deutsche Folklore und blitzartig
ist das halbe Dorf um uns versammelt. Als Heinz
aber seine Mundharmonika hervorholt, ist die
Überraschung perfekt: So was haben sie noch nie
gesehen. Das Essen besteht aus Gemüsesuppe,
Hühnchen, Fisch, Hummer, verschiedenen Salaten,
Früchten, Gemüsen und natürlich lap-lap. Die
"Schüsseln" und "Teller"
sind aus Palmblättern geflochten, mit
Bananenblättern ausgelegt und mit bunten Blumen
verziert. Gegessen wird natürlich mit den
Händen. Bevor wir zugreifen, hält der
Häuptling noch eine kurze Rede, wir werden mit
Blumenkränzen geschmückt und erhalten aus
Palmblättern geflochtene Sonnenhüte. Ein
unbeschreiblich buntes Bild bietet sich. Kaum
sind wir mit dem Essen fertig - lecker und
pappsatt - kommt der Koch und teilt uns etwas
scheu mit, daß sie gerne noch etwas von unserer
Musik hören möchten. Gitarre, Gesang,
Mundharmonika und als Gaby mit mir einen Walzer
tanzt, sind sie ganz aus dem Häuschen. Das Volk
juchzt und jubelt, Beifall auf offener Szene -
offensichtlich faßt man sich in Melanesien, wie
auch in Indonesien, nicht in der Öffentlichkeit
an und damit ist so ein europäischer Tanz für
sie etwas ganz Außergewöhnliches. Spontan
sammelt die Lehrerin einige ihrer Schüler und
sie zeigen uns, welche Lieder und Tänze sie in
der Schule gelernt haben. An den Reaktionen der
Älteren merken wir, daß auch sie ganz
überrascht sind, was ihre Kinder alles können.
Und so entwickelt sich dieser Nachmittag zu einem
ganz natürlichen Miteinander, mit so viel Freude
und Lachen - Völkerverständigung kann nicht
schöner sein. Das ist halt doch was ganz
anderes, als so eine Tanzvorführung im Hotel.
Welche Beziehung sich zwischen den Eingeborenen
und uns in diesen zehn Tagen entwickelt hat, wird
uns beim Abschied erst wirklich bewußt. Nora
fragt nach unserer Adresse, Gaby bekommt noch ein
Körbchen geschenkt und wir sind alle den Tränen
nahe.
Auf der Rückfahrt
nach Port Vila brennt - neben der üblichen
Bordroutine wie Segelnähen und Kraftstoffilter
reinigen - das Spezial-Birnchen der
Kompassbeleuchtung durch. Hatten wir in Auckland
dafür noch $ 50 bezahlt, ist so ein Ersatzteil
in Vanuatu schlicht nicht erhältlich. Und das
ist gut so, denn es fördert die Kreativität. 20
Jahre Berufserfahrung zeigen ihre Wirkung: Eine
Leuchtdiode, ein passender Widerstand, ein
bißchen löten und schon leuchtet er wieder -
ohne finanziellen Aufwand! (und verbraucht
wesentlich weniger Strom als vorher). Wir nehmen
Abschied von Port Vila. Die ganze deutsche
Seglerbande trifft sich zu Kaffee und
Kokosnußkuchen mit Vanilleeis im Irikiri
Ressort. Dieses Hotel belegt eine Insel ganz für
sich, mitten im Hafen, und noch einmal haben wir
einen tollen Blick über die ganze Bucht und
unsere Schiffe.
Weiter Blick über Vanuatu
Die einzelnen
Inseln Vanuatus liegen so nahe beisammen, daß
wir herrliches "daysailing" betreiben
können. Unser erster Stop ist in einer kleinen
Bucht nahe dem Dorf Ulanlangi an der Nordspitze
der Insel Nguna. Eigentlich wollten wir
hier nur über Nacht bleiben, aber schon der
erste Blick auf den erloschenen Vulkankegel
verlockt zum Aufstieg. Also gehen wir zunächst
ins Dorf, wo uns der Häuptling schon am Strand
erwartet. "Ich bin Roland, geboren 1929, wie
alt bin ich dann?" Er führt uns durch sein
Dorf, das im April von einem tropischen
Wirbelsturm schwer getroffen wurde. Die
Wellblechdächer der Häuser wurden teilweise auf
der anderen Seite der Insel wiedergefunden,
gemauerte Wände sind einfach umgefallen und
selbst die Kirche ist nur noch ein Haufen Steine.
Alle Bananenstauden sind gebrochen, nur die
traditionell gebauten Hütten aus dem Holz des
Brotfruchtbaums und mit Palmblättern gedeckt
sind intakt! Die englisch-französische Regierung
hat für ihn eine Wasserleitung gebaut, die oben
von einer Quelle am Berg kommt und an der
Hauptstraße, zwei Kilometer vor dem Dorf, endet.
Entwicklungshilfe pervers! Wir bitten Roland um
die Erlaubnis, morgen auf den Berg wandern zu
dürfen. Klar, kein Problem, aber was er
überhaupt nicht verstehen kann ist, was wir denn
dort oben wollen ... Am nächsten Morgen erwartet
er uns wieder am Ufer, als wir mit dem Beiboot
landen, verkündet er: Mein Sohn wird euch
führen - und das war gut so, denn alleine
hätten wir diesen "Weg" niemals
gefunden. Zunächst geht es durch Gärten mit
Yams, Taro, Bananen, Ananas, Papaya, Kürbis,
dann weiter durch wildes Gestrüpp, dort zeigt
uns unser Führer wilden Chili (den wir sofort
einsammeln), wir treffen auf Erdnußpflänzchen,
Kaffee und Zuckerrohr. Interessant ist auch der
Feldbau: Wird eine Wurzel Yams geerntet, dann
kommt sofort in das alte Loch ein neuer Stock,
damit ist das Feld immer bestellt und die Nahrung
geht nie aus. Auch die Kerne seiner Orange spuckt
Shem nicht einfach aus, sondern vergräbt sie
sorgsam im Boden. Die Erde ist hier so fruchtbar,
daß man wirklich aufpassen muß - steckt man
seinen Finger rein, schlägt er sofort Wurzeln.
Unser Weg ist abenteuerlich. Immer wieder muß
Shem, unser Führer, mit seiner Machete den Weg
bahnen, so daß wir nachklettern können. Oben
angekommen, sonnen wir uns im Triumph des
Gipfelstürmers: Ein Blick über einen großen
Teil der Inseln Vanuatus - alle Ankerplätze der
nächsten vier Wochen! Von türkisfarbenen
Lagunen bis hin zur gerade noch im Dunst
erkennbaren Insel Ambrym. Und während unserer
kurzen Rast flicht Shem geschickt aus unterwegs
gepflückten Blumen und Farnen einen bunten
Blumenkranz, der mindestens ein Kilo wiegt.
Schade, daß sich so was nicht hält. Als wir
wieder an Bord gehen, hat uns Shem mit allen
denkbaren Genüssen seiner Insel versorgt. Unser
Rucksack biegt sich unter Wurzeln, Kürbis,
Zuckerrohr, Chili, Orangen, Schnittlauch ... Es
ist einfach ganz anders, in einem Dorf zu Besuch
zu sein, das noch nicht vom Tourismus berührt
ist. Und natürlich ist Shem bei uns am
Nachmittag an Bord zu Gast und sein Interesse an
allem ist unbeschreiblich. Seine beiden Kinder
sind fasziniert vom Lichtschalter - einfach
klick, und schon wird es hell - so was haben sie
noch nie gesehen.
Wir segeln weiter
nach Emae. Die Inselgruppe der Sheperd
Islands ist erst Ende des 15. Jahrhunderts durch
eine gewaltige Eruption entstanden. Leider fällt
unser Landgang buchstäblich ins Wasser, denn der
Passat weht so frisch, daß wir es nicht wagen,
unser Beiboot ins Wasser zu lassen. Dazu heftiger
Regen - ja, die Hochdruckgebiete des Südpazifiks
haben wohl noch nicht unsere Lehrbücher gelesen.
Also lassen wir das Riff unbeschnorchelt und als
wir am nächsten Tag Anker auf gehen - die Segel
sind noch nicht oben - laufen wir bereits
4 kn allein mit dem Winddruck auf die
blanken Masten.
Palmblatt-Spinaker
Wir wollen in die
Laman Bay auf der Insel Epi. Da uns das
Angelglück mal wieder hold war, gibt es zum
Abendessen fangfrischen Thunfisch in
Cocosmilchsauce mit Tapioka. Und kurz vor
Sonnenuntergang ziehen Pirogen an uns vorbei, die
lediglich ein paar Palmblätter aufgestellt haben
und sich damit vor dem Wind zur nächsten Insel
treiben lassen. Ein traumhaftes Bild
unverfälschter Südseeromantik. Doch eine
Landepiste und ein Schiffsanleger sorgen für
Verbindung nach Port Vila, und so sehen wir schon
mal ein Motorrad vor einer Bambushütte, neben
dem Einbaum liegt ein Aluboot mit Außenborder.
Es ist irgendwie unheimlich, zu erleben, wie
diese Stämme innerhalb einer Generation den
Sprung von der Steinzeit in die Neuzeit
durchmachen.
Ein kurzer Schlag
von nur 20 sm bringt uns nach Malakula,
der Heimat der großen und kleinen Nambas. Doch
vor den Erfolg hat der Herr den Schweiß gesetzt.
Abseits des Tourismus nennt man uns hier in Port
Sandwich den Namen eines Menschen, der uns dort
hin bringen könnte. Leider wohnt er 30 km
entfernt. Also machen wir uns auf den Weg ins
nächste Dorf, wo es ein Auto geben soll: Kein
Problem, sie fahren uns gerne zu ihm hin, doch
ist das Auto defekt - und so stecke ich wieder
kopfüber im Diesel (zur Abwechslung mal nicht
Volvo Penta sondern Toyota), aber ohne Werkzeug,
nur mit Machete, ist hier leider nicht zu helfen
und so ziehen wir unverrichteter Dinge wieder
Heim, allerdings nicht ohne vorher noch herrliche
Papayas als Dankeschön zu bekommen. Es ist
erstaunlich - einige besitzen ein Auto, haben
aber keine Idee was Batterie, Kontakte oder
Kraftstoffilter für Funktionen haben oder daß
man einige Teile gelegentlich mal erneuern sollte
- übrigens diesen Toyota haben sie vor einem
Jahr aus dem Meer gefischt... Als wir am
nächsten Tag dort wieder unser Glück versuchen
- ein weiteres Auto soll angeblich vorbeikommen -
haben wir Schraubenschlüssel und Starterkabel
dabei, und tatsächlich, er springt an, aber die
Batterie ist wohl nicht mehr zu retten und so
wird der Truck noch einige Monate lang
angeschoben werden... und für Mittwoch ist unser
Führer John bereit, uns zu den kleinen Nambas zu
bringen. Ein Stamm, vor dem in unserem
Reiseführer gewarnt wird, denn ab und zu werden
angeblich noch menschliche Knochen gefunden.
Mittwoch ist es
soweit. Die Besatzungen von Ägir, Ikarus,
Ringöe und Zulu bilden die 7-köpfige
Expedition. Es dauert etwa eine Stunde bis der
Truck läuft, und um so zügiger geht's über den
holprigen Feldweg (die Hauptstraße). Erster Stop
ist die Tankstelle - aus einem 200 l Faß wird in
eine alte Glasflasche abgefüllt, dann über eine
aufgeschnitte Plastikflasche, die als Trichter
dient in den Tank. Am Ende der
"Straße" landen wir in einem Dorf, wo
wir freundlich empfangen werden. Drei Stunden
Fußmarsch liegen vor uns. Der Pfad führt durch
dichten Urwald, massive Wände aus Grün, wir
sehen unsere ersten Mahagonibäume - mit riesigen
Brettwurzeln. Der Weg ist äußerst
abwechslungsreich, mal durch haushohen Schilf und
durch den Fluß, mal durch dichte Bananenwälder.
Und wir genießen auf dem Weg die frischen
Früchte des Dschungels: Rohe Kakaobohnen lassen
sich wie Bonbons lutschen und die wilden Orangen
sind einfach lecker. In den Baumkronen hören wir
die Papageien, während auf Augenhöhe riesige
schwarze Spinnen mit gelben Fußgelenken
metergroße Netze weben. Und dann sind da noch
die Schmetterlinge in nie gesehener Vielfalt in
Größe und Farbe. Mir gefallen die schwarzen mit
den dunkelblauen Punkten am besten. Am frühen
Nachmittag erreichen wir Mehelen - das Dorf der
kleinen Nambas - es ist wie ausgestorben: Man ist
auf dem Feld. Noch 70 erwachsene Personen zählt
der Stamm. Unsere Gastgeber bringen Papaya und
bereiten mit großen Aufwand etwa drei Stunden
lang die Kava, dazu gibt es Taro und lap-lap,
welches hier in einem Bambusrohr gegart wird.
Keine Spur von Menschenfressern. Am späten Abend
begrüßt uns der Häuptling, er war den ganzen
Tag mit Pfeil und Bogen auf der Jagd nach einem
Wildschwein. Die Missionare haben mal wieder
erreicht, daß die alten Sitten
"zivilisiert" werden und so tragen die
Bewohner, ganz im Gegensatz zu den Fotos auf den
Postkarten in Port Vila, Shorts und T-Shirts.
Bei den "Kleinen Nambas"
Bevor wir am
nächsten Morgen wieder losziehen, präsentieren
sich für uns noch zwei Männer in ihrer
traditionellen Tracht: Bananenblatt um das Glied
- das ist alles - das Ganze findet im hintersten
Winkel des Dorfes statt und die Situation
erinnert uns etwas an eine Peep-Show und ist eher
peinlich. Da ist es halt doch etwas ganz anderes,
wenn das ganze Dorf zu festlichen Anlässen so
gekleidet erscheint. Der Unterschied zwischen den
kleinen und den großen Nambas besteht übrigens
nicht in der Körpergröße, sondern lediglich in
der Wicklung ihres Penisköchers. Die großen
Nambas, die etwas weiter im Norden hausen, legen
diese Wicklung wesentlich mächtiger aus und
verleihen so ihrer Männlichkeit ein
überdimensionales Aussehen.
Auf dem Rückweg
lockt der Fluß zu einem Bad. Ohne Badehose? Was
liegt also näher als in die Tracht eines Nambas
zu schlüpfen, Bananenblätter gibt es ja im
Überfluß. Und so gründet sich - sehr zum
Vergnügen der weiblichen Wanderer - die Sippe
der weißen Nambas... Und Gabys größter Spaß
ist die Vorstellung, wie sich wohl die
Personalabteilung benehmen würde, käme ich so
zum Bewerbungsgespräch! Ob wir überhaupt noch
für ein Leben "danach" taugen? (Ich
empfehle als erweitere Lektüre: "Der
Papalagi" - ISBN 3-85931-015-1).
Mit Pfeil und Bogen auf Jagd
Als wir am
Ausgangspunkt unserer Wanderung zurück sind,
tauschen wir mit einem Jungen einige Pfeile gegen
ein Hemd. Die Männer erkennen unser Interesse an
ihren Sachen und erklären uns geheimnisvoll,
daß wir für DM 30,- etwas fotografieren
dürfen. Wir lassen den Bewohnern durch John
erläutern, daß wir nicht bereit sind, soviel
Geld auszugeben, für etwas, von dem wir nicht
mal wissen, was es ist ... und so machen wir noch
eine weitere Begegnung mit den geheimen Kulten
und Mythen Malakulas: Wir lassen die Kamera
zurück und werden etwa einen Kilometer aus dem
Dorf hinaus geführt. Dorthin dürfen Frauen
nicht, und auch wir müssen an einem Zaun warten.
Dahinter steht eine Hütte, die nochmals hinter
einer Hecke verborgen ist. Absolut tabu für
alle, die nicht Mitglied dieses Kults sind - man
erzählt uns auch nicht, was die Männer des
Dorfes in ihren Sitzungen dort treiben, doch es
gibt Zauberfiguren, Woodoos. Einige davon bringen
sie heraus und wir dürfen sie ansehen. Im Schein
von 1000 Vatu (etwa DM 15,-) wird eine dieser
Figuren unser - wie unglaublich, wenn man
bedenkt, daß wir für ein Foto davon das
Doppelte hätten bezahlen sollten. Diese Leute
haben wirklich keine Beziehung zum Geld,
Hauptsache die Zahl klingt schön. Nun, als wir
die Figur mitnehmen wollen, erfahren wir, daß
das nicht geht: Diese Figur kann nicht ins Dorf
und darf von den Frauen nicht gesehen werden.
Also wird sie sorgsam in Palmblätter verpackt
und zwei der Männer tragen das gute Stück in
einem kilometerlangen Umweg um das Dorf herum zu
einem Platz, wo wir sie direkt auf den Truck
nehmen können. Auf den letzten Metern des
Heimwegs begleiten uns noch zwei Einheimische,
die Verwandte besuchen, und wir haben ihnen
angeboten, daß sie mit uns im Beiboot über die
Bucht fahren können. Ein Weg außen herum
existiert nicht und eine Fähre gibt es
natürlich auch nicht. Und so sind sie zunächst
sehr froh, daß sie uns getroffen haben. Als die
Frau aber ahnt, was wir unter unseren
Palmblättern verbergen, wird es ihr ganz anders
und sie sucht sich einen bestimmten Stein, den
sie zu ihrem Schutz die ganze Zeit krampfhaft in
der Hand hält. Die Geheimhaltung dieser Kulte
geht soweit, daß Frauen, auch wenn sie sich nur
versehentlich diesen Kultstätten genähert
haben, getötet wurden. Doch selbst in unserem
Buch über Kulte und Mythen der Südsee finden
wir sonst nichts Konkretes. Auch uns wollte man
nicht erzählen, wozu diese Figuren dienen, ja
noch nicht einmal, woraus und wie sie hergestellt
sind. Und so haben wir jetzt einen
geheimnisvollen Zauber an Bord, mal sehen was er
bewirkt...
Die Einwohner
Malakulas sind zu freundlich. Hatten wir uns vor
Antritt unserer Reise noch mit Dr. Hacker
darüber unterhalten, wie es uns wohl ergeht,
wenn wir wochenlang aus der Büchse leben, so
quillt Ägir zur Zeit wieder über von
Papayas, Mandarinen, Grapefruits, Tomaten,
Orangen, Maniok, Kürbis, und wir stehen unter
einem permanenten Vitaminrausch.
Schlitztrommel
Zusammen mit Zulu
segeln wir 15 Meilen weiter nach Ambrym.
Zwei riesige, aktive Vulkane beherrschen die
Insel und so ist es für uns nicht verwunderlich,
daß sie als Zentrum der kultischen und magischen
Szenerie Vanuatus gilt. Als Hans - fast 70 Jahre
alt, schwerkriegsbeschädigt und zum zweiten Mal
alleine auf der Reise um die Welt - mit Papier
und Bleistift eine der riesigen Schlitztrommeln
vor einer Bambushütte skizziert, ist das halbe
Dorf um uns versammelt und anschließend prüft
jeder Einzelne, wie genau die Details gezeichnet
sind. Wenige Meilen weiter finden wir im Dorf
Ranon eine Hütte, die voll ist von solchen
Schlitztrommeln, und natürlich magischen
Steinen. Diese speziellen Steine, oben mit
geschnitztem Gesicht und unten in Leder gebunden
- so erklärt man uns - helfen der Hausfrau,
gutes Brot zu backen. Gabys Versuch, eine Jeans
dafür zu tauschen, scheitert leider. Dafür ist
ihr langes, blondes Haar die Attraktion und
keiner kann es sich verkneifen, es zu befühlen
oder daran zu ziehen. Hoffentlich springen die
Läuse nicht so leicht über ... Nachts haben wir
dann noch ein Schauspiel ganz besonderer Art: Der
Mount Benbow, einer der zwei großen Vulkane,
bricht aus und der Himmel ist in gespenstischem
Karminrot gefärbt. Wir sind von den
Naturgewalten fasziniert. Kurz vor unserer
Abfahrt (das ist 6:00 Uhr früh!) kommt Samson
vorbei, ob wir noch einen Kohl und
Frühlingszwiebeln möchten? Was uns noch mehr
interessiert, ist die Bambusflöte, die er dabei
hat. Ohne Löcher lassen sich diesem Gerät nicht
gerade eine Vielzahl von Tönen entlocken, aber
die Verzierungen, die in das noch grüne Rohr
geschnitzt werden, sind fein. Und so wechselt
noch schnell eine kurze Hose den Besitzer.
Der Ursprung des Bungy-Jumpings
Wer kennt ihn
nicht, den Bungy-Jump. So etwas Verrücktes kann
sich ein normaler Mensch doch gar nicht
ausdenken. Auf der Insel Pentecost geht
die Sage, daß sich eine Frau, um ihren Mann zu
erpressen, von einem hohen Baum gestürzt hat. Um
dabei nicht zu Schaden zu kommen, band sie sich
die Fußgelenke mit einer Liane an einen Ast.
Daraus entstand eine Tradition, die jedes Jahr im
März und April anläßlich der Yamsernte
gefeiert wird. Die Männer des Stammes bauen sich
aus Ästen einen etwa 20 m hohen Turm,
binden die Beine an Lianen und stürzen sich in
die Tiefe - land diving, jahrhunderte
altes Bungy, geboren in Vanuatu! ...und da Frauen
hier in Vanuatu von den Kulthandlungen
ausgeschlossen sind, wurde dieser Sprung fortan
von den Männern übernommen, die so ihren
Beitrag zu einer erfolgreichen Ernte leisten. Die
Feldarbeit übernehmen dann die Frauen wieder.
Wir finden lediglich noch den ausgedienten
Sprungturm, der so still und verborgen in einem
Palmenwald steht, daß wir ihn fast übersehen.
Ein Einheimischer erklärt uns, wie die Lianen um
den Fuß geflochten werden und daß er selbst
springt.
In Lolowai auf der
Insel Ambae - wieder beherrscht von einem
1500 m hohen Vulkan - finden wir die Bucht
der Superlative: Die trickreichste Einfahrt, eng
und flach - Ikarus, die kurz nach uns
einlaufen, küssen dreimal die Koralle - und wir
haben den ruhigsten Ankerplatz, eine imposante
Kulisse steiler Berge rings um uns, mit dichtem
Regenwald bestanden. Wir liegen in einem
erloschenen und versunkenen Vulkankrater. Die
Mission steht nicht mehr, von der Kirche ist im
dichten Gestrüpp nur noch Altar und Taufbecken
zu erkennen - der letzte Missionar wurde 1906
verspeist. Darauf angesprochen, erzählen die
Einheimischen voller Stolz, daß das letzte
Kannibalenfest noch nicht mal 20 Jahre her ist.
Der Vulkan ist
nicht mehr aktiv und in seinem Krater hat sich
ein warmer See gebildet. Die Einheimischen
erzählen uns, daß man in 3 Stunden dahin
wandern kann - und schon wieder sind Lona, Heinz,
Gaby und Jochen ein Team: Morgens um 6:00 Uhr
geht's los, wir fahren mit dem "Taxi"
(auf der Pritsche) zu einem kleinen Dorf am Fuß
des Bergs, von dort laufen wir noch etwa 30
Minuten bis Ambanga. Hier finden wir einen
Bergführer, der gleich seine ganze Familie - 3
Brüder, 3 Schwestern und seine Frau - mitbringt.
Im Laufschritt legt er vor: Wir wollen doch in 3
Stunden dort sein - oder? Nach kurzer Zeit geben
Heinz und Lona auf. Es ist einfach zu
anstrengend, den steilen Berg hoch, im dichten
Dschungel, ständig im Laufschritt (mit Gepäck)
über umgefallene Bäume kletternd. Der Urwald
ist hier so dicht, daß drei unserer Führer
ständig mit der Machete den Weg frei hauen
müssen, damit wir überhaupt durchkommen, und
das, obwohl dieser Weg angeblich alle zwei bis
drei Wochen einmal begangen wird. Einmal, er ist
nur fünf Schritte vor mir, tritt er zwischen
zwei Bäume und ist verschwunden. Unvorstellbar,
wie dicht die Vegetation hier oben ist.
Erschwerend kommt hinzu, daß die Blätter und
Farne am Boden so dicht sind, daß wir nicht
sehen, wohin wir treten: Mal auf einen Stamm, mal
in ein Loch - Gaby hört bei 50 auf zu zählen,
wie oft sie ausgerutscht oder gestolpert ist. Ein
Baumstamm, der über einen kleinen Bach führt,
bricht unter Gaby zusammen und sie hängt hilflos
im Spagat über dem Abgrund. Und wie im Regenwald
üblich: Es gießt in Strömen und so gibt es
weder ein Bild oder ein Video dieser Szenerie,
denn wir können die Kameras schlicht nicht
auspacken.
Sichtlich gezeichnet von den
Strapazen
Dafür sind wir
klatschnaß bis auf die Unterhose. Nach fünf
Stunden meint unser Führer, daß es nur noch 1½
Stunden bis zum Kratersee seien. Damit würden
wir erst bei Dunkelheit zurück sein, und das ist
unmöglich. Also kehren wir vernünftigerweise
um, und statt Kratersee bleibt uns der Eindruck
des dichtesten Dschungels, den wir je erlebt
haben. Übrigens haben wir dort, allen Klischees
zum Trotz, den ganzen Tag über kein einziges
Tier - noch nicht mal eine Schnake oder eine
Ameise - gesehen. Am Tag danach pflegen wir nur
noch unseren Muskelkater und Gabys blaue
Flecken...
Man liebt das Feiern
Vor 12 Jahren, am
15. September wurde die Verwaltung auf Ambae
etabliert. Ein Grund für die Melanesier, zu
feiern: Wir wandern ins nächste Dorf -
Verzeihung, in die "Hauptstadt der
Nordost-Provinz" - und es geht ähnlich zu
wie in Port Vila, nur in wesentlich kleinerem
Rahmen und viel familiärer. In dem ganzen Trubel
befinden sich nur sechs Weiße. Es gibt
Mandarinen, Rindfleisch auf Reis und natürlich
die traditionellen Tänze (leider hat unser Video
auf dem Treck vorgestern seinen Geist endgültig
aufgegeben). Mit buntem Kopfschmuck, die
schwarzen Körper mit Staub kunstvoll bemalt,
kastanienartige Früchte an den Füßen als
Rassel, bieten die Einheimischen mit ihren
Speeren und Bambusstäben bewaffnet ein
beeindruckendes Schauspiel. Eigentlich wollten
wir morgen weiter segeln, doch so ein
melanesisches Fest dauert mindestens drei Tage,
und als Weiße, zumal aus Deutschland, sind wir
in dem fußballbegeisterten Volk ein besonders
gern gesehener Gast. Gegen später ist im Dorf
Videovorführung, und man zeigt? Fußball aus
Europa! Und man kennt die deutschen Stars:
Maradonna ... Von Vanuatu aus ist Argentinien
doch fast bei Deutschland. Erstaunlich sind
wirklich manche Fragen der Ni-Vanuatu - der
Einheimischen: Gibt es in Europa wirklich sauren
Regen? Schadet er der Haut? Und von Hellen, der
Lehrerin, erfahren wir nicht nur, daß unsere
Kultfigur aus Malakula mit hoher
Wahrscheinlichkeit Teile von Verstorbenen
enthält, sondern auch, daß die traditionellen
Tänze immer speziell auf einen besonderen Anlaß
hin ausgelegt sind. Opfert der Häuptling ein
Schwein, wird geheiratet oder die Unabhängigkeit
gefeiert - jedesmal ein anderer, ganz spezieller
Tanz.
Bei einer Familie
möchte ich Bananen kaufen. Die Frau drückt mir
einen ganzen Büschel wunderschöner Exemplare in
die Hand. Nein, Geld will sie keines annehmen.
Schließlich nimmt sie die 100 Vatu, dabei ist
ihr das Ganze aber etwas peinlich, und sie gibt
mir noch eine Kartoffel dazu: An Bord
nachgemessen, hat diese Knolle doch tatsächlich
einen Umfang von 78 cm!
Das ganze Dorf empfängt uns
Unsere Ankunft in
Ndui-Ndui kann nicht unerwähnt bleiben. Ein
kleines Dorf auf der Insel Ambae, doch
offensichtlich sehr selten von Yachten - und nie
von normal reisenden Touristen - besucht. Als
sich Ägir dem Ankerplatz nähert,
befinden sich etwa 200 Menschen auf den Felsen,
rufen, winken und johlen vor Freude und unser
Anker ist noch nicht richtig gefallen, als
bereits eine riesige Kiste mit Mandarinen an Bord
gebracht wird. Wir haben jetzt schätzungsweise
300 Stück davon an Bord und unsere Fahrt nach
Espiritu Santo wird von einer Spur
Mandarinenschalen deutlich markiert. Die
Gastfreundlichkeit dieser Menschen ist mit Worten
kaum zu beschreiben.
Luganville auf der
Insel Espiritu Santo ist die letzte
"Stadt" vor Australien. Also wird für
die nächsten 8 Wochen noch mal alles nötige vom
Diesel bis zum Toilettenpapier gebunkert. Dabei
treffen wir mitten in der Stadt doch tatsächlich
auf einen Namba - und kein Mensch schaut auch nur
irritiert.
So wie wär's noch
mit ein bißchen Pidgin? Es klingt ähnlich wie
englisch ist aber eine Art Lautschrift. Das
häufigste Wort ist blong (abgeleitet von
"belong") und stellt einfach eine
Beziehung her. Der Innenminister ist dann minister
blong home affairs, das Bier für dich und
mich ist bia blong yumi und der Trommler
heißt fala blong dram (fellow with drum).
Meine Frau ist misis blong mi und damit
der Name meiner Frau nem blong misis blong mi.
Basket blong titi heißt der Büstenhalter.
Weißwein auf der Speisekarte ist waet waen
und der Bart heißt mouth grass. Killem
steht für schlagen, killem ded ist
endgültiger, man blong killem gita heißt
der Mann, der Guitarre spielt. Sospen simen - von
"saucepan cement" ist der Betonmischer.
Die Gebrauchsanleitung, die wir für fast alle
uns unbekannten tropischen Gemüse bekommen ist yu
kat hem small and yu kuk hem und für die
Fortgeschrittenen folgendes: bikpela blakpela
bokis i gat waitpela na blakpela tis oltaim yu
paitim em, hemi kraitaut (big black box got
white and black teeth alltime you hit it, it
cries out) Wörtlich heißt das soviel wie:
Große, schwarze Kiste haben weiße und schwarze
Zähne, wenn immer du sie schlägst, sie singt. -
So einfach wird ein Klavier von denen
beschrieben, die es zum ersten Mal sehen. Wir
amüsieren uns ununterbrochen an dieser Sprache,
die übrigens alleine in Vanuatu 105 teilweise
sehr unterschiedliche Dialekte kennt.
Bevor wir Kurs
Südwest einschlagen, wollen wir noch die
nördlichen Inseln Vanuatus besuchen und
eventuell auch in einem der vielen Riffe, die
mitten im Pazifik zwischen Neu Kaledonien und
Australien liegen, ein paar Tage schnorcheln.
Vanuatu ist bestimmt auch was für
"konventionelle" Touristen, die etwas
mehr - vor allem etwas anderes als Deutschland -
erleben möchten, und nicht nur irgendwo in der
Südsee unter Palmen am Strand zu liegen - nichts
wie hin, solange es noch so ursprünglich ist...
Wir haben gerade
einen Stapel Briefe in Luganville zur Post
gebracht, als uns unser nächstes Großereignis
ins Haus - oder sollte ich besser sagen - ins
Schiff steht: Der Tauchgang am Wrack der President
Coolidge. Dieser im 2. Weltkrieg zum
Truppentransporter umgebaute Luxusliner liegt
zwischen 20 m und 80 m Tiefe, ist 210 m lang mit
22.000 Tonnen angeblich das größte, Tauchern
zugängliche Wrack der Welt - und dazu fast
vollständig intakt. Nicht nur Anker und Masten,
in 2 Laderäumen sehen wir Stahlhelme, Geschirr,
ganze Jeeps und LKWs. An Deck sieht man die
ausgeschwungenen Davits und über der Bordwand
hängen noch die Strickleitern. Ich glaube, man
könnte hier mindestens eine Woche lang zweimal
täglich tauchen, ohne daß es langweilig wird.
Denn das Wrack wird darüber hinaus von
unzähligen, leuchtend bunten - und an die vielen
Taucher gewöhnt - zahmen Fischen bewohnt. Wir
füttern den größten Fisch, den wir
wahrscheinlich je in unserem Leben sehen werden:
Ein Barsch, so groß, daß Gaby daneben wie ein
Zwerg aussieht, mindestens 3 m lang, und er
frißt das Brot aus der Hand! Das Ganze in
herrlich klarem Wasser mit 270C. Eigentlich
wollten wir bald wieder hier weg, Wir blättern
nämlich schon eifrig im Australienreiseführer,
aber dort müssen wir noch mal hin - in 30 m
Tiefe schwerelos über das Promenadendeck
wandeln. So ist es halt: Divers get high by
going down!
Süß ist auch die
Geschichte unserer Poster: Seit wir in Vanuatu
sind, bewundern wir die schönen Plakate. Wir
sehen sie überall, erwerben kann man sie
nirgendwo. Als wir das Büro der Air Vanuatu
passieren, sehen wir sie wieder. "Gaby, geh'
doch mal rein, fragen" - Antwort: "Da
war ich schon". Dennoch gehen wir nochmals
hinein. Nein - diese Poster sind nicht
verkäuflich. Doch der Angestellte ist so nett,
daß wir eine Weile plaudern, und als er
erfährt, daß wir schon sehr viel mehr von
Vanuatu gesehen haben, als er selbst, ist er
irgendwie begeistert - nimmt die Bilderrahmen von
der Wand, reicht mir eine Schere - ich soll mir
die Bilder doch einfach rausnehmen...
Selbstverständlich kostenlos.
Romantischer Doppelwasserfall
Unsere erste
Nachtfahrt seit vielen Wochen bringt uns zur
Insel Vanua Lava. Wir ankern in einer
kleinen Bucht mit einem beeindruckenden
Zwillingswasserfall - denn wir brauchen vor
unserer Passage nach Australien dringend Wasser
und in Luganville wollte man 70 Pfennig pro
Liter. Nach erfrischendem Bad hilft uns Durian
Kanister tragen. Wir bedanken uns mit einer Rolle
Angelschnur, die er gerne annimmt. Als wir am
nächsten Tag wieder dort baden, ergibt ein Wort
das andere, und schon sind wir zum Picnic
eingeladen. Ein kurzer Ausflug ins Riff und die
Männer kommen beladen mit frischem Fisch
zurück.
"Unser" Körbchen entsteht
Juliet, Durians
Frau, flicht aus geschlitzten Palmblättern ein
feines Körbchen, einige der Männer bereiten
Maniok zu, während ein anderer Kokosnuß raspelt
und daraus eine feine Soße für den Fisch
preßt. Gaby bäckt aus Papaya und Bananen süße
Stückchen und so ist der "Tisch" (ein
paar Steine mit Bananenblättern bedeckt) bald
international lecker gedeckt. Nach dem Essen
packen wir unsere Gitarre aus, ein bißchen
schwäbische Folklore wechselt sich mit Liedern
der Eingeborenen ab. Obwohl ihre Gitarre nur noch
4 Saiten hat, hört sich das ganz gut an und
Juliet übersetzt für uns die Texte. Zum ersten
Mal erfahren wir den Inhalt ihrer Lieder. Das
neue Körbchen wird uns geschenkt, und als wir
noch T-Shirts, Seife und Salz für zwei
Schnitzereien tauschen, ist die Freude auf beiden
Seiten perfekt. Allerdings sind die beiden
Exemplare so antik, daß Gaby an Bord erst mal
das Sagrotan hervorkramt ... Besonders
beeindruckend an diesem Tag war für uns, was man
- neben der Nahrung - alles so direkt aus der
Natur beschaffen kann. Die Familie kam nur mit
Kochtopf und Buschmesser an, und alles, was wir
benötigen wird kurzerhand angefertigt: Die
Fasern für das Körbchen werden aus dem Stiel
eines Palmblatts geschlitzt, grüne Kokosnüsse
sind ein erfrischendes Getränk, wasserdichte
Suppenschüsseln werden aus Bananenblättern
geformt und mit Kokosfasern zusammengebunden,
gegessen wird natürlich mit den Fingern, die
Bananenblätter, die später als Tischdecke
dienen, werden kurz durchs Feuer gezogen, um sie
von eventuellem Ungeziefer zu befreien, kleine
Zweige mit Blättern halten die Fliegen fern -
kurz, an alles ist gedacht.
Wettervorhersage:
5 bis 10 kn. Wind, fair weather - Realität: Es
ist stark böig, bedeckt, leichter Regen. Und so
wird unsere Überfahrt nach Ureparapara
kurz aber heftig. Genauso ungemütlich ist unser
Ankerplatz. Wir liegen in einem tiefen,
erloschenen Vulkankrater zwar äußerst
spektakulär von der Kulisse her, doch der Passat
fängt sich derart an den Bergwänden, daß es
nur so rauscht. Ägir rollt so heftig im
Schwell, daß wir ausnahmsweise einen zweiten
Anker ausbringen. Viel besser so. Kaum sind wir
fest, werden wir von mehreren Auslegerkanus
umlagert. Der Häuptling des Dorfes heißt uns
herzlich willkommen, überreicht uns sein
Gästebuch und bittet uns, morgen früh an Land
zu kommen. Überaus freundlich und stolz führt
er uns durch sein Dorf und läßt uns wissen,
daß wir alle Einrichtungen gerne benützen
dürfen, von der Quelle bis zur Schule. Und die
besondere Gastfreundschaft hat einen Grund: Nur
zweimal im Jahr kommt das Versorgungsschiff aus
Port Vila. Die Waren, die es an Bord hat, sind
fast unerschwinglich - eine Familie verdient hier
mit Copra etwa DM 30,- in 6 Monaten - und so sind
die wenigen Yachten, die hier vorbeikommen nicht
nur eine willkommene Abwechslung, sondern auch
die wichtigste Handelsmöglichkeit. Nahrung gibt
es genug auf dieser Insel, und so fragt man uns
nicht nur nach T-Shirts und Hosen, sondern (höre
und staune!) nach Ohrringen, Armband für die
Uhr, Taucherbrille, Schuhe, Gummi für die
Harpune ... Doch nicht nur der Handel blüht. Der
Lehrer ist ganz verrückt nach meinen alten
Seekarten, ein Radio ist defekt: "Yu lukluk
hemi". Als ich die Kiste öffne, kommen mir
als erstes eine Herde Kakerlaken entgegen. Und es
sieht so wüst aus da drin, da kann ich mit
Bordmitteln beim besten Willen nicht helfen. Ein
deutsches Filmteam, welches vor vielen Jahren
mehrere Monate lang hier den Film
"Moana" gedreht hat, hatte sich mit
einem großen Fischerboot für die
Gastfreundschaft und Unterstützung bedankt. Doch
der 40 PS Außenborder tut nicht mehr. Liebevoll,
wie die Menschen hier so sind, haben sie also
für ihr Boot nun ein Haus gebaut, damit ihm
nichts passiert.
"Ein Hut, ein Stock, ein
Regenschirm..."
Die Bücherei der
Schule befindet sich in einer Bambushütte, ein
Haus wie allen anderen auch. Stanley, der Lehrer,
versichert uns, daß auch in der Regenzeit kein
Tropfen Wasser auf die Bücher kommt. Am
nächsten Morgen treffen wir uns im Kindergarten,
hören die Geschichte vom Wolf und den sieben
Geißlein in Bislama, fühlen uns wie bei den
zehn kleinen Negerlein und singen mit den Kindern
"Alle meine Entchen". Eine Mordsgaudi
für alle. Und als Gaby mir am Bach die Haare
schneidet, sind wir sicher, daß wir dabei noch
nie so viele aufmerksame Zuschauer hatten - jeder
Schnipp wird von einem leichten Kichern
begleitet. Später, wieder in der Schule, haben
die Kinder einen Tisch für uns im Klassenzimmer
reserviert und mit Blumen geschmückt. Stanley
überläßt uns die Lektion "How cold is
cold". Da er selbst weder Schnee, Eis oder
Gletscher gesehen hat, fällt es ihm schwer, den
Begriff "kalt" zu erklären. Auch Gaby
und ich haben dabei Schwierigkeiten, denn die
Einheimischen haben dazu ja keinerlei Bezug. Wie
sollen sie es sich auch vorstellen, daß in ihrer
Bucht das Wasser so fest wird, daß sie trockenen
Fußes auf die andere Seite gehen können? Nach
unserem Auftritt im Kindergarten, fassen auch die
Frauen des Dorfes Vertrauen zu uns. Sonst
äußerst scheu, darf Gaby sogar die jüngsten
Negerbabys auf den Arm nehmen. Wir tauschen noch
unsere letzten Vatu in Schnitzereien - hier nicht
unbedingt Kunstwerke, sondern
Gebrauchsgegenstände, und dann ziehen wir
weiter: So freundlich und lieb die Menschen hier
in dieser Abgeschiedenheit sind, so ungemütlich
ist doch diesmal leider unser Ankerplatz.
Unser letzter
Ankerplatz in Vanuatu ist vor der Insel Tegua.
Die Torres Inseln wurden erst um 1860 von Captain
Bligh während seiner legendären Fahrt im
Beiboot nach der Meuterei auf der Bounty
entdeckt. Eine kleine Bucht, Sandstrand, Palmen,
unbewohnt, herrlich klares Wasser und ein tolles
Riff. Ein ideales Fleckchen Erde, um unsere
letzten Eindrücke der Südsee abzurunden. Wir
bereiten uns für die Überfahrt nach Australien
vor: Noch einmal Segel nähen, Brot und Kuchen
backen, seefest stauen. Mehr als 1100 Seemeilen
liegen vor uns ...Und die haben es in sich: Eine
weite Seefläche ist noch nicht vermessen,
mehrere Riffe liegen am Weg und die Eintragungen
in der Seekarte sind nicht gerade
vertrauenerweckend: position doubtful -
position estimated - breakers seen 1846 -
discoloured water ... Klar, daß unsere
GPS-Antenne gerade hier den Weg aller
Hochtechnologie geht. Also stauben wir
sicherheitshalber unseren Sextant ab. Unsere
ersten beiden Standlinien liegen nur 8 sm
auseinander, gar nicht so schlecht, denn wir
haben seit unserer Atlantiküberfahrt nicht mehr
"geübt".
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