Neu Kaledonien
und Vanuatu.
Neu Kaledonien und Vanuatu.

Neu Kaledonien

Zwei Tage später schaffen wir es endgültig zwischen der Rückseite eines Tiefs und einem herannahenden Hoch ein günstiges Wetterfenster zu erwischen und unsere Überfahrt nach Noumea ist ganz problemlos. Bei der Ausfahrt von Bay of Islands paddeln drei kleine Pinguine neben uns im Wasser! Als wir 300 Süd hinter uns haben wird es sonnig und warm und innerhalb von nur 48 Stunden tauschen wir die Skiunterwäsche gegen Sonnenhut und -brille. Am 19. Juni 1993 erreicht uns per Funk die Nachricht, daß unser seit Ende April sehnsüchtig erwartetes Päckchen in Gulf Harbour angekommen ist. Wir passieren Norfolk Island: Nicht nur die Heimat der eigentümlichen Norfolk Pinien, sondern auch die der Bounty Meuterer, deren Nachfahren noch heute dort leben. Es ist herrlich, wieder unter dem strahlenden Himmel der südlichen Hemisphäre zu segeln, die Nacht wird regelmäßig durch einen prächtigen Sonnenuntergang eingeleitet und wieder zählen wir hunderte von Sternschnuppen. Nach 8 Tagen machen wir in Noumea fest und viele der befreundeten Yachten winken enthusiastisch, als sie uns kommen sehen - natürlich kennt jeder die Erlebnisse des anderen über Funk. Besonders freut sich Hans von Zulu, denn wir haben sein verloren geglaubtes Beiboot mitgebracht. Es ist wunderschön, wieder in den Tropen zu sein, draußen zu frühstücken und unsere Polster trocknen zu können - seit einigen Monaten war in dem feuchtnassen Klima Neuseelands nichts mehr trocken zu kriegen und selbst die Lederschuhe sind angeschimmelt. Die Wassertemperatur liegt bei 220C und wir freuen uns jetzt riesig aufs Tauchen - aber zunächst ist natürlich wieder "Postfest".

Unser erstes Erlebnis ist der Musikabend auf dem Marktplatz. Mehrere Gruppen spielen gleichzeitig und versuchen sich zu übertönen. Dazwischen Darbietungen der örtlichen Tanzschule. Interessant ist, daß die Weißen Südseetänze darbieten, während die Kanaken offensichtlich mehr Spaß daran haben, zu modernster Musik zu tanzen. Die Preise hier sind fast wie in französisch Polynesien: Ein kleines Bier ist schon für lumpige DM 6,- zu haben. Und uns fällt das starke Polizeiaufgebot ins Auge, das den ganzen Abend um den Platz patrouilliert.

   Phosphoreszierende Korallen

Besuch des Aquariums steht auf dem Programm: Eine ganze Abteilung ist ausschließlich den Korallen gewidmet. In einem Nachthaus (nachts werden die scheinbar leblosen Steinblöcke lebendig und fahren kleine Tentakel aus) unter UV-Licht bietet sich uns ein unglaubliches Bild. Die Tentakel der Korallen leuchten in allen Neonfarben von Orange über Grün bis Blau - so etwas haben wir noch nirgendwo gesehen. In Neu Kaledonien ist auch die Nautilus zu Hause. Ein Tier, das in Gabys Muschel/Schneckensammlung noch fehlt. Allerdings leben diese Schnecken auf 300 m Tiefe und wir werden etwas Glück brauchen, eine im Riff zu finden. Die Nautilus ist besonders interessant, weil sie einerseits die Übergangsform von Schnecke zum Tintenfisch darstellt, zum zweiten, weil ihre Vermehrung, wie wir erfahren, noch ungeklärt ist: Nie hat jemand kleine, junge Tiere gesehen oder gefunden. Und außerdem scheint die Entwicklung 200 Millionen Jahre lang stehengeblieben: Die Nautilus sieht genau so aus, wie die versteinerten Ammoniten der Jura- und Kreidezeit.

Melanesien heißt soviel wie Schwarzinselwelt, wobei sich Schwarz auf die Hautfarbe der Menschen bezieht. Es steht aber auch für das Schwarz der Vulkaninseln. Melanesien wird im Norden vom Bismarckarchipel und im Süden von Neu Kaledonien begrenzt. Wie so viele pazifische Inseln wurde auch Neu Kaledonien von James Cook entdeckt (1774) und ist seit 1953 französische Kolonie. Neben den Missionaren hat wohl die Sträflingskolonie der Franzosen in der Zeit von 1864 bis 1896 den gravierendsten Einfluß auf die einheimische Bevölkerung gehabt. Neben inoffiziellen Ausrottungsfeldzügen waren vor allem eingeschleppte Krankheiten wie Grippe, Masern, Malaria und Syphilis (trotz der vielen Missionare!) für die Dezimierung der Bevölkerung verantwortlich. Heute leben 164.000 Melanesier auf der Insel und stellen damit nur 44 % der Gesamtpopulation; allerdings steht zu erwarten, daß sich nach der angestrebten Unabhängigkeit von Frankreich daran das eine oder andere ändern wird. Während Noumea ein ausschließlich französisch geprägtes Stadtbild besitzt, die drittgrößten Nickelvorkommen dieser Welt brachte der Insel ihren Reichtum, finden wir im Museum die Spuren der Ureinwohner. Am beeindruckendsten sind die Totempfähle, manche traurig, viele lachend, einige schon mit indonesischem Einschlag.

Wir wollen uns von der Marina weg an den Anker in einer nahen Bucht legen. DM 30.- pro Tag Liegegebühr sind ganz schön happig. Wie war das mit Murphy? Kaum lassen wir die Maschine an, platzt die Dichtung des Ölfilters und der ganze Maschinenraum trieft von Altöl! Unser Glück im Unglück: Gisela und Werner von Thetis sind ganz in der Nähe, Werner ist gelernter Mechaniker und verdient sich gerne ein paar Mark. Die Ursache ist schnell diagnostiziert: Überdruck im Öl, das Überdruckventil klemmt - und das sitzt natürlich in der Ölpumpe mitten im Motor. Also bauen wir zum zweiten Mal innerhalb von 4 Wochen die Maschine aus, das Teil wird instandgesetzt - dabei finden wir Salzwasser im Öl, die eigentliche Ursache des Problems - also wird auch noch die Wasserpumpe überholt (Rudi, die Simmerringe sind mal wieder im Einsatz), und wir bauen die Maschine wieder ein. Gott sei Dank hat uns die gute Frau Beck in Karlsruhe sorgfältig mit Teilen versorgt, so daß alles, was wir brauchen, an Bord ist. Gabys Frust der ersten Stunden weicht Begeisterung, als sie als technischer Einkäufer mit weiblichem Charme in einer Werkstatt einen Kanaken davon überzeugt, die klemmende Buchse sofort auszudrehen - eine Arbeit, die wir mit Bordmitteln einfach nicht schaffen. Nach nur 16 Stunden läuft unser Diesel wieder rund. Wir wissen halt inzwischen, wie so was geht... Kaum läuft der Diesel, streikt der nagelneue Außenborder, und kaum tut der wieder seinen Dienst, springt der Motor des Tauchkompressors nicht an. Mit glänzenden Augen betrachtet Werner das gute Stück und diagnostiziert: Keine Kompression. Das Einlaßventil hängt. 8 Monate Neuseeland-Klima zeigen ihre Wirkung. Aber immerhin kennen wir jetzt die Definition des Begriffs "Jacht": Ein Malheur jacht das andere. Wie es scheint, stehen wir zur Zeit mit unseren Motoren auf Kriegsfuß. Preisfrage: Welcher Motor streikt als nächstes? (Die Frage ist nicht hypothetisch - auch dieser ist inzwischen instandgesetzt und dreht sich wieder). Natürlich schwimmt das ganze Altöl noch in der Bilge, einem Loch nur 30 cm x 30 cm und 1 m tief. Also Hals-über-Kopf hinein ins Vergnügen, denn wir wollen das auf keinen Fall in die Lagune pumpen.

Besuch im Parc Forestier. Kein Trek im neuseeländischen Sinne, eher ein Spaziergang im Zoo: Ein Kakadu, Flamingos, schwarze Schwäne, bunte Papageien - einer von ihnen gibt Laute wie eine Katze von sich. Die Vegetation ist nicht besonders berauschend, trockener Urwald, die hier wachsenden Pinien sind eher unscheinbar. Faszinierend ist jedoch der Blick vom Berg über die blaugrüne Lagune weit in den Süden bis zur Ile Ouen. Und das Wetter verwöhnt uns so richtig: Sternklare Nächte, richtig warme, sonnige Tage, und das in einer der größten Lagunen der Welt. Zum ersten Mal seit Oktober letzten Jahres kommentiert Gaby: "Jochen, mir ist warm!" und macht sich daran, ihre erste Runde ums Schiff zu schwimmen.

Nur 20 sm bis zur Baie Uie. In strahlendem Sonnenschein segeln wir - wie Gaby so schön formuliert: BH schonend und Sonnenschutzfaktor 15 - faul nur mit Genua (der neue Roller ist nach nur 2 Monaten angekommen und montiert) durch die Lagune (ohne Seegang) vor Noumea. Frisches Baguette und französischer Camembert sorgen für das leibliche Wohl: Kann das Leben schöner sein? Die Landschaft der Hauptinsel Neu Kaledoniens ist etwas enttäuschend. Keine Spur von Südseeromantik, die Berge sind aufgewühlt von Nickel-, Chrom- und Cadmiumminen und außerhalb Noumeas scheint es nur sehr wenige Siedlungen zu geben. Wir sind ganz alleine hier. Nur wenige Meilen weiter in der Baie de Carenage treffen wir auf drei Yachten, alle von TO und alles alte Bekannte! Unser Anker ist gerade unten, der rote, erzhaltige Schlamm vom Vorschiff entfernt, als Hans angerudert kommt: "Wir gehen ein bißchen wandern." Klar kommen wir mit. Sieben Mann-Frau-hoch geht's ab in die Berge. Überall das rote, erzhaltige Gestein - schon ein kleiner Brocken wiegt beachtlich in der Tasche, darauf etwas spärlicher Wuchs von Pinien. Absolut nichts Tropisches. Der Blick von oben über die fjordartige Bucht ist mal wieder beeindruckend. Schon 1870 wurde hier Erz abgebaut, verschifft und überall finden wir Reste dieses Bergbaus: Teile von Loren, verrostete Schienen, verfallene Schiffsanleger und weitverbreitete Erosion - kleine Canyons. Wir hören, daß die früheren Einwohner von den Franzosen in den Norden der Insel umgesiedelt wurden, um den Bergbau ungestört vorantreiben zu können. An Bord von Ikarus klingt der Tag harmonisch bei Kaffee, Keksen und Rotwein aus. Gaby meint überglücklich: "Jochen, heute ist der Tag, an dem nichts kaputt ging!"

Nur 6 sm weiter ankern wir in der Baie du Prony. Eine kleine Bucht mit Mangroven und sogar einer (!) Palme. Gaby ist fest davon überzeugt, daß ich sie veräppeln will, als ich rufe: "Hier liegt eine Nautilus!" Zwar etwas angeschlagen, aber immerhin unser erstes Exemplar. Und wenige Schritte weiter noch eine. Das muß gefeiert werden. Zurück an Bord springt uns schon die Sherryflasche entgegen... Am nächsten Tag verlegen wir uns 10 sm weiter an die Westseite der Ile Ouen und haben einen kilometerlangen Sandstrand mal wieder ganz für uns alleine. Offensichtlich selten besucht, befindet sich Gaby bald wieder im Muschelsammelrausch. Neben kleinen Mördermuscheln und einer Murex haben wir nach einem kleinen Standspaziergang bereits acht Nautilus in der Tüte. Gaby ist überglücklich.

Das Wetter ist wechselhaft und verlockt überhaupt nicht zum Baden. Juni/Juli ist Regenzeit und fast täglich läuft ein kleiner Schauer. Als Gaby Tischabfälle über Bord wirft, sind blitzartig eine handvoll kleine Pilotfische da. Und sie nisten sich unter Ägir ein und werden zu richtigen Haustieren in unserer Ankerbucht. Bevor wir ein Stückchen Brot über Bord werfen, klopft Gaby an die Bordwand und schon sind sie da: Ja, erstaunlicherweise fressen sie unser altes Brot wie zu Hause die Karpfen im Max-Eyth-See. Wir sehen aber auch Delphine und sogar große Wale in der Lagune! Im Süden in einer kleinen Bucht befindet sich ein Hotel mit Restaurant. Es gibt keine Speisekarte, nur eine Mahlzeit: Thunfisch als Vorspeise, die Hauptspeise ist Thunfisch. Auf die Frage, wie viele Gäste sich zur Zeit hier aufhalten, antwortet der Wirt mit einem leichten Zögern: "Keine". Wir sind mal wieder ganz alleine hier, obwohl es ein traumhaftes Plätzchen zum Baden, Schnorcheln, Tauchen und Windsurfen ist. Rechtzeitig zum 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, wollen wir wieder in Noumea sein.

Ganz im Gegensatz zu französisch Polynesien wirken die Festivitäten hier künstlich und die Spannungen zwischen Franzosen und Kanaken werden deutlich. Während die Franzosen durch eine Militärparade ihre Macht demonstrieren - ich habe so etwas Schwachsinniges noch nie miterlebt, angefangen von der Parade an sich bis hin zur Tatsache, daß die armen Jungs fast eine Stunde lang in der Hitze stramm stehen müssen, ehe sie losmarschieren - zeigen sich bei den traditionellen Tänzen außer ein paar Yachties nur Schwarze. Ganz anders als in französisch Polynesien besteht der Schmuck nicht aus bunten Blumenkränzen, sondern - entsprechend der kargeren Vegetation - aus Palmblättern und Farnen. Ansonsten ist in ganz Neu Kaledonien nichts von einer "nationalen Feier" zu spüren und Noumea scheint wie ausgestorben. Nichts von der tagelangen, ausgelassenen Fröhlichkeit der polynesischen Inseln. Und der einzige Platz, wo gefestet wird, ist von großen Frachtcontainern fast wie eine Wagenburg umzäunt und durch DM 3.- Eintritt pro Person versucht man, sich bestimmte Kreise fernzuhalten.

   Typisches Rundhaus mit Spitze

Welch einen Kontrast erleben wir da, als wir mit dem Mietwagen an die Nordostküste der Insel fahren. Kaum sind wir über die Berge auf der anderen Seite, eine kurvenreiche Stecke mit schmalen Brücken, keine Wegweiser mehr (wer hier fährt, weiß wohin er will!), als uns die Menschen am Straßenrand freundlich zuwinken und Zeit für einen Schwatz haben. Und nicht nur die Einwohner sind so ganz anders als im Süden, auch die Vegetation: Kleine Bananenplantagen, Kokospalmen, Kaffee und sogar Ananas sehen wir. Früchte werden an kleinen, primitiven Ständen entlang der einzigen Straße angeboten - wir haben jetzt wieder Bananen für 4 Wochen! Interessant sind die Rundhäuser der Kanaken: Die Türpfosten sind kunstvoll geschnitzt und die Dachspitze wird oft von einem ebenso kunstvoll geschnitzten "flêche" geziert. Das Ganze steht in einem gepflegten Garten mit farbenprächtigen Blüten von Frangipanis bis zum Weihnachtsstern. Und in jedem Dorf gibt es nur einen Briefkasten: Einen für alle. Obschon die Franzosen auch Gutes leisten, z.B. Schulen, scheint in dieser Gegend das Zentrum der Unabhängigkeitsbewegung zu sein: Vom "V"-Zeichen aus Zeige- und Mittelfinger bis hin zu mit Parolen bemalten Bushaltestellen - farbenprächtige Graffitis.

Wir segeln noch ein paar Meilen von Noumea aus nach Norden zu einigen kleinen Inseln mit so unaussprechlichen Namen wie Mba, Mbo, To Ndu und Ndue. Dort finden wir kleine Paradiese, wie man sich das so im Pazifik vorstellt: Wir sind ganz alleine auf Ndue, herrlicher Sandstrand, gehen in etwa 1 Stunde um die ganze Insel herum - natürlich nicht ohne Gabys obligatorische Muschelsammelplastiktüte. Wir sehen Eisvögel und ein riesiges Nest eines Raubvogelpaars. Zum ersten Mal seit Monaten schwimme ich wieder im Seewasser - es ist einfach traumhaft schön hier. So richtig was für Zwei auf Hochzeitsreise.

Der Juli geht zu Ende und wir denken bereits an Vanuatu. Noch ein paar Behördengänge zum Ausklarieren und Proviant fassen . Ein kurzer Hopser mit nur etwa 400 sm liegt vor uns.

Vanuatu

   Die Windfahne hält ÄGIR auf Kurs

Die Reise nach Vanuatu führt uns nicht wie üblich nach Westen, sondern ausnahmsweise mal in nordnordöstlicher Richtung. Damit kommt der frische Passat fast von vorn und wir legen unseren höchsten Sonnenschutzfaktor - das schwere Ölzeug - an, denn wir betreiben richtig Wassersport.

Schon unsere ersten Eindrücke von Vanuatu in der Hauptstadt Port Vila sind positiv beeindruckend: Das beginnt mit der Sprache Bislama, einer Variante des Pidgin-English: "Hemi isi blong iusi" - easy to use! Das Klima ist sehr angenehm, tagsüber schön warm und nachts kühlt es merklich ab, und unsere ersten Eindrücke enden noch nicht auf dem Markt: Tropisch buntes Treiben mit allerlei Früchten, Gemüsen und Salaten, fröhliche Menschen. Das Wasser ist selbst im Hafen so klar, daß wir bis auf den Grund sehen und es lockt uns zum Schnorcheln und Gaby schwimmt schon mal, um nach dem Anker zu sehen. Einkaufen ist einfach, denn es wird nicht gefeilscht - der angeschriebene Preis ist der Preis - und Trinkgeld gibt man auch nicht.

Die Entdeckungsgeschichte Vanuatus ist eine einzige Tragödie - ich will sie Euch ersparen. Interessant ist aber dabei, daß hier die Missionare nicht ganz so erfolgreich waren wie auf den anderen Inselgruppen der Südsee und voll Stolz zeigt man vor dem Museum einen riesigen Topf, in dem viele von ihnen ihrer letzten, sättigenden Bestimmung entgegen gingen. Nach dem 2. Weltkrieg regierten die Engländer und die Franzosen gemeinsam (Ihr könnt Euch den Konflikt vorstellen) in einem sogenannten Condominium das Land, und die Fluggesellschaft sollte daher Condom Airways heißen. (Ein spießiger Bürokrat der IATA hat das dann wohl nicht genehmigt...). Wir sind gerade rechtzeitig ein paar Tage vor den Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag angekommen. Die Festwiese liegt direkt am Hafen und wir haben einen Logenplatz. Obwohl bis zum 30. Juli noch 3 Tage hin sind, fängt man schon mal an zu festen. Bei der Ansprache des Präsidenten bemerkt Gaby, daß sie noch nie einen Präsidenten so nahe gesehen hat - ganz ohne Bodyguard, in Hemdsärmeln, mitten in seinem Volk - ob ihn Helmut Kohl wohl darum beneidet? Rechtzeitig zum Unabhängigkeitstag ist auch das neue Parlamentsgebäude fertiggestellt und eingeweiht: Etwas Beton, viel Wellblech, alles schön rot gestrichen - wesentlich preiswerter als unser neuer Bundestag und fast gleiche Funktionalität.

Hatte ich nicht schon erwähnt, wieviel Mühe Gaby hatte, diese Schnecke in der Vanuatu-Flagge zu nähen? Nun, diese "Schnecke" ist der Eckzahn eines Wildschweins. Daß er so ganz im Kreis wächst, zieht man dem jungen Schwein die oberen Eckzähne, damit hat der Untere keinen Widerstand sich abzunutzen und wächst zu einem Vollkreis! Ein solcher Schweinehauer hat natürlich symbolische Bedeutung: Er steigert die gesellschaftliche Position und soll dem Träger einen bevorzugten Platz im Reich der Toten sichern. Im Extremfall erreicht ein einzelner Zahn bis zu drei Windungen!

   Festbude bietet Geburtstagstorte an

Die Festwiese besteht aus fast 200 Buden, allesamt aus rohen Ästen mit Bast geschnürt und mit Palmblättern verkleidet. Die meisten bieten etwas zu futtern, und in vielen dieser Hütten brennen kleine, offene Feuer, über denen Fleischspieße, Fisch, Gemüse oder Steaks brutzeln. In anderen werden Glücksspiele oder Kava angeboten. Ganz im Gegensatz zu dem französischen Neu Kaledonien geht es hier ohne Waffen, strenge Polizei oder auch nur irgendwelchen Absperrungen - Freude am Leben! Und man freut sich, unabhängig zu sein: In vielen Buden gibt's Geburtstagstorten und die ganze Insel scheint anwesend - ein unbeschreiblicher Trubel, und das ist ja erst der Anfang. Ägir ist zu diesem Anlaß natürlich über die Toppen geflaggt. Der Schmuck der Tänzer und Sänger ist filigran und farbenfroh, meist aus fein geflochtenem und gefärbtem Pandanus. Nun, die Musik dröhnt noch, als wir am nächsten Morgen frühstücken und es wird für 5 Tage ununterbrochen gefeiert werden. Die Kava ist stärker als in Fiji, und unsere neue Eßerfahrung heißt "lablab" - schmeckt wie kalte, zähe Grießstopper mit Spinat.

   ÄGIR über die Toppen geflaggt

Wir - das ist die ganze deutsche Seglerfamilie Ikarus, Zulu, Compassrose und Ägir - trotten vom Fest zurück zum Yachtclub, um noch ein gemeinsames Bier zu genießen, als wir auf der Straße zufällig meine Tante Elsbeth und Helmut treffen: Ihr könnt Euch sicher vorstellen, was das für ein Hallo war! Sofort ist die gemeinsame Inselrundfahrt für den nächsten Tag vereinbart. Die einzige "Straße" führt uns durch dichten Regenwald, vorbei an tollen Sandstränden zwischen Korallenfelsen. Es sieht für uns sehr ungewöhnlich aus, wenn große Herden von Kühen in riesigen Palmenwäldern weiden. Außerhalb der Stadt leben die Menschen deutlich bescheidener, mit richtig schwarzer Hautfarbe, und sie sind sehr freundlich. Eine ihrer Einnahmen kommt von alten Coca-Cola Flaschen, die sie für US$ 5 an Touristen verkaufen: Relikte der Amerikaner aus dem 2. Weltkrieg, wie sich bald herausstellt. Richtig exotisch wird's dann, als wir einen Wasserfall im Dschungel suchen. Henry, unser Führer nimmt Elsbeth und Gaby an der Hand und ignoriert Helmut und mich noch nicht mal. Dabei erbeute ich ein dickes Stück Bambus - zerstückelt ist das haltbares Rohmaterial für verschiedene Behälter an Bord. Der Weg zum Wasserfall führt direkt durch den Fluß über verschieden Terrassen und da wir schon ziemlich naß sind, beschließen wir, in einem dieser Becken zu baden. Gaby hat große Mühe, unserem Führer zu erklären, daß wir ihn nicht mehr benötigen - er hätte wahrscheinlich zu gerne gespickelt! Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie toll das Bad in Süßwasser ist, wenn man 2 Jahre lang im Salzwasser gelebt hat - ein wirklicher Höhepunkt unserer Reise.

Und dann kommt dieser tropische Regenschauer: Innerhalb von wenigen Minuten steht der ganze Festplatz unter Wasser, Girlanden reißen ab, Wellblech fliegt durch die Luft und den leicht gebauten Ständen wehen teilweise die Dächer weg (... und unser Anker hält)!

Melanesischer Abend im "Le Lagon", gleichzeitig Abschiedsessen von Elsbeth und Helmut. Zum ersten mal esse ich Palmherzen mit Käse überbacken - wirklich eine Delikatesse! Absoluter Höhepunkte der Veranstaltung allerdings sind die traditionellen Tänze, die von einem Tritonbläser eingeleitet werden. Wie schon während der gesamten Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit besteht der Tanztrupp mal wieder ausschließlich aus Männern, deren Bekleidung aus mit Quasten verzierten Pandanusmatten besteht. Dazu tragen sie geflochtene Schultergurte, Arm- und Stirnbänder und Fußschellen. Als Kopfschmuck dienen Federn, die für mich den indianischen Eindruck der Tänze noch verstärken. Es ist schade, daß uns niemand die Bedeutung erläutern kann und so bleibt uns nur, staunend dem rhythmischen Stampfen, Springen und Speerschwingen zu folgen. Das alles in der perfekten Kulisse von majestätischen Palmen unter dem funkelnden Südseefirmament, an dem der volle Mond strahlt.

Nach all den Feiern kommen wir endlich dazu, normaler Tourist zu sein - Spaziergänge an den endlosen Stränden, Schnorcheln in den Korallen, deren kleine Fische mal wieder so zutraulich sind, daß sie das Brot aus der Hand fressen. Zurück auf Ägir begegnet uns noch ein Dugong - eine Seekuh - die sich mitten im Hafen zwischen den Yachten tummelt. Und zum Tauchen gibt es hier allerlei Abwechslung: Das Wrack der Star of Russia, einem 3-Mast-Schooner der auf der selben Werft in England gebaut wurde, wie die Titanic. Man sieht noch 2 Masten, Bugspriet und die schwere Ankerwinsch. Nur 10 Minuten weiter liegt ein Flugboot, und wer Lust hat, kann unter Wasser ins Cockpit steigen. Und so freuen wir uns schon auf die Insel Santo, denn dort liegt das Wrack der President Coolidge, einem Luxusliner, der im 2. Weltkrieg auf Treibminen lief und unterging.

   Der am einfachsten zu besteigende aktive Vulkan der Welt

Zunächst geht es aber nach Tanna. 140 sm genau gegen den SE-Passat. Wir nehmen diesen Streß gerne auf uns, denn Tanna soll etwas ganz besonderes sein. Wir sind noch 70 sm entfernt - viel zu weit um es sehen zu können - als wir es schon riechen: Rotorua ähnlicher Schwefelduft liegt in der Luft. Und als wir am Morgen die Insel in Sicht haben, sehen wir auch die riesigen Rauch-, Dampf- und Staubwolken des Vulkans Mt. Yasur: Mit 361 m der am einfachsten zu besteigende, aktive Vulkan der Erde. Unser Anker fällt in der selben Bucht, in der schon 1774 James Cook ankerte. Nach einem leichten Westwind - damit liegen wir in Lee des Vulkans - ist Ägir morgens mit einer dünnen Schicht vulkanischer Asche überzogen. Und zwischen den Palmen am Ufer steigen die schwefeligen Dämpfe auf. Wir werden im "Port Resolution Yacht Club" (bewußt in Gänsefüßchen!) ganz herzlich empfangen: Kaum sind wir mit dem Beiboot an Land, als zwei Jungs kommen - "We are your guide" - und sie zeigen uns voll Stolz, was die Dorfbewohner mit einem Entwicklungshelfer zusammen auf die Beine gestellt haben: Eine Hütte ist der "Yacht Club". Natürlich gibt es keine Mitglieder, keinen Vorstand und schon gar keine Satzung, sondern lediglich die Idee, Fahrtenseglern einen Anlaufpunkt zu bieten und so dem Dorf ein wenig Einnahmen durch Tourismus zu verschaffen, und das Gästebuch dokumentiert, daß im letzten Jahr 20 (!) Yachten zu Besuch hier waren und wir sind die ersten Deutschen. Deutschland? Liegt das hinter Fiji oder Australien? Als Gaby ihre Nähmaschine zum Einsatz bringt, um die stark zerfledderte Fahne des Clubs zu retten, sind die beiden ganz aus dem Häuschen. Zwei Betten für Besucher - eine Pension einfachster Art. Ein kleiner aber um so geräuschvollerer Diesel sorgt für die Wasserversorgung aus einem Brunnen. Und es gibt einen Pickup-Truck - der Stolz des ganzen Dorfes (die nächste Tankstelle ist 50 km entfernt). Bei unserem ersten Spaziergang treffen wir auf außergewöhnliche Gastfreundschaft der noch primitiven Bewohner. Mit Pfeil und Bogen werden Fische, Fledermäuse und Vögel gejagt. Wir werden mit Salat, Bohnen und einer Orange beschenkt und tauschen ein Hemd gegen Kokosnüsse und Guaven.

   Dorfplatz

Und natürlich ist auch für uns schon die Besichtigung der in der Gegend liegenden Sehenswürdigkeiten organisiert. Auf der Pritsche des Pickups geht's durch dichten Regenwald mit beeindruckenden Banjan-Bäumen - so mächtig wir die Kauris in Neuseeland - etwas holperig, zu Höhlen, in denen riesige Fledermäuse zu Tausenden wohnen. Unsere Führerin erklärt im Flüsterton mit deutlich spürbarem Unbehagen die Höhle - wir müssen leise sein wegen der Steine. Magie und Zauberei sind in der Schule neben Lesen, Schreiben und Rechnen, wichtige Unterrichtsfächer. Und wenn uns zwischen all den freundlichen Menschen einer im Dorf begegnet, der uns nicht die Hand schüttelt, dann wissen wir: Das ist der Medizinmann, der Zauberer. Man zeigt uns heiße Quellen am Strand - nur ein bißchen im Sand graben und man verbrennt sich die Finger. Das Zentrum des Jon Frum Kults in der Sulphur Bay ist irgendwie interessant weil widersprüchlich (aber das ist unsere Religion ja auch, wann hat denn schon mal eine Jungfrau ein Kind geboren?): Dieser Kult entstand als Gegenbewegung zu den Missionaren, zur Erhaltung der alten Sitten und Gebräuche wie Tanzen und Kava-Trinken - und doch verehrt man den christlichen Gott. Freitag ist Sabbat, Samstags wird getanzt und kräftige Kava getrunken, und damit ist sichergestellt, daß keiner der Dorfbewohner in der Lage ist, am Sonntag die Missionskirche zu besuchen. Pfiffig, eh? Höhepunkt des Tages wird dann die Besteigung des Vulkans: Es ist im wirklichen Sinne atemberaubend und furchterregend. Wir stehen direkt am Kraterrand in einer Mondlandschaft, vor uns geht es 200 m senkrecht in die Tiefe, und dort - direkt unter unseren Füßen - spielt sich das größte Feuerwerk ab, das wir je gesehen haben; und mit jeder Eruption geht ein Lärm einher, gegen den ein Donner wohl ein leises Flüstern ist. In den dicken Rauchschwaden haben wir richtig Schwierigkeiten, zu atmen. Wir fühlen uns wie auf einem Pulverfaß. Diese Naturgewalt geht wirklich unter die Haut.

Jeden Morgen kommt die Piroge mit Nelson, fragt ob er uns was helfen kann. Brauchen wir Bananen oder Papaya? Wünschen wir, mit dem Truck einen Ausflug zu machen? Er entsorgt unsere Mülltüten. Es gibt weder Telefon, Strom oder Fernsehen. Hinter dem Dorf liegt ein etwa 2 km langer Sandstrand, den wir ganz alleine für uns haben, davor ein kleines Korallenriff - die Insel Tanna ist das Paradies! Als wir mit dem Beiboot von einer kleinen Wanderung durch den dichten Busch etwas müde zurück rudern, treffen wir noch den Dugong - eine Seekuh, die hier in Port Resolution zu Hause ist. Hose aus und ab ins Wasser. Das Tier bewegt sich gemächlich und ist so zutraulich, daß es sich streicheln läßt. Schade, daß wir die Taucherbrille nicht mit haben. Und abends kommen die fliegenden Hunde. Fledermäuse so groß wie Raben flattern über uns hinweg.

   Im "custom village" trägt Mann nur Penisköcher

Wir sind mal wieder mit dem Pickup unterwegs. Heutiges Ziel ist ein Dorf, in dem die Menschen noch genau so leben wie vor hunderten von Jahren. Ihr Häuptling lehnt bewußt den Einfluß moderner Zivilisation ab. Als wir auf den Dorfplatz kommen, hören wir schon das dumpfe Klingen einer Trommel: Besucher sind da! Wir werden mit einem Tanz begrüßt, der so energievoll ausgeführt wird, daß buchstäblich die Erde unter unseren Füßen bebt. Der Dorfplatz wird von riesigen Banjanbäumen überschattet, auf einem ist ein großes Baumhaus - eine tolle Kulisse. Die Eingeborenen sind fast ganz nackt. Die Frauen tragen einen einfachen Bastrock und die Männer haben nur ihren Schniedelwutz umwickelt und hochgebunden - ein richtiger Penisköcher. Es ist für uns schon ein eigenartiges Gefühl, wenn so ein nackter Po ungeniert vorangeht und uns sein Dorf zeigt. Die Bewohner sind überhaupt nicht scheu und sehr freundlich - nun, wir sind nicht die ersten Touristen und man hat schon gelernt, 700 Vatu Eintritt zu verlangen. Wie verträgt sich das wohl mit der Zielsetzung des Häuptlings? Auf dem Rückweg grast eine Herde Wildpferde am Weg. Und in einem kleinen Dorf erstehen für nur 80 Pfennige die riesigsten, saftigsten Ananas der Welt und ein ganzes Büschel Mandarinen. Als wir über den Paß zurückfahren, haben wir nochmals einen phantastischen Blick über den östlichen Teil der Insel, geprägt vom Mt. Yasur. Ein Tag, den wir bestimmt nicht vergessen werden.

   ... und Frau den klassischen Bastrock

Heute leisten wir Entwicklungshilfe. Die Yachtie-Frauen treffen sich mit einigen Frauen des Dorfes, um ihnen zu zeigen, wie man mit einer Nähmaschine umgeht. Das Dorf besitzt zwei Handnähmaschinen, Marke Singer, die in jedem europäischen Antiquitätenladen Spitzenpreise erzielen würden. Ziel ist es, Stander für den Yachtclub zu nähen, die dann an Besucher verkauft werden sollen. Eine lustige Runde bildet sich, die Frauen säugen nebenbei ungeniert ihre Babys, während ich die ganze Bande mit Kaffee und Kuchen bei Laune halte. Ich glaube, daß die Eingeborenen mindestens den selben Spaß daran hatten, wie wir. Die Frauen sind sehr geschickt und wir sind überzeugt, daß sie in Zukunft ihre Arbeiten selbständig durchführen können. Es ist ein schönes Gefühl für uns, wirklich mal ohne Geld etwas sinnvolles für das Dorf getan zu haben. Und so wollen wir Yachties den Tag mit einem gemeinsamen, harmonischen BBQ am Strand ausklingen lassen, denn Heinz hat einen riesigen Barrakuda gefangen. Doch kaum sind wir pappsatt, als uns die Nachricht aus dem Dorf erreicht: Heute abend ist Musikabend, und zum Dank für die Hilfe sind wir alle eingeladen. Kein Fest für Touristen, sondern richtig original. Dichtgedrängt sitzen wir zwischen den Dorfbewohnern in einer mit Zuckerrohrblättern gedeckten Bambushütte, die aus voller Brust ihre "Jon Frum" Lieder singen. Und so wird unser Leben auf Tanna fast zum Streß, denn am Samstag sind wir zum Festessen eingeladen.

An den Besuchern, die zu uns an Bord kommen, wird uns deutlich, daß sich die Einwohner Tannas sehr dafür interessieren, wie wir leben. Die deutsche Yachtie-Truppe bereitet sich also einen vergnügten Abend lang darauf vor, den Eingeborenen etwas von uns zu bieten. Als wir zum Festessen kommen, spielen wir ein bißchen Gitarre, singen deutsche Folklore und blitzartig ist das halbe Dorf um uns versammelt. Als Heinz aber seine Mundharmonika hervorholt, ist die Überraschung perfekt: So was haben sie noch nie gesehen. Das Essen besteht aus Gemüsesuppe, Hühnchen, Fisch, Hummer, verschiedenen Salaten, Früchten, Gemüsen und natürlich lap-lap. Die "Schüsseln" und "Teller" sind aus Palmblättern geflochten, mit Bananenblättern ausgelegt und mit bunten Blumen verziert. Gegessen wird natürlich mit den Händen. Bevor wir zugreifen, hält der Häuptling noch eine kurze Rede, wir werden mit Blumenkränzen geschmückt und erhalten aus Palmblättern geflochtene Sonnenhüte. Ein unbeschreiblich buntes Bild bietet sich. Kaum sind wir mit dem Essen fertig - lecker und pappsatt - kommt der Koch und teilt uns etwas scheu mit, daß sie gerne noch etwas von unserer Musik hören möchten. Gitarre, Gesang, Mundharmonika und als Gaby mit mir einen Walzer tanzt, sind sie ganz aus dem Häuschen. Das Volk juchzt und jubelt, Beifall auf offener Szene - offensichtlich faßt man sich in Melanesien, wie auch in Indonesien, nicht in der Öffentlichkeit an und damit ist so ein europäischer Tanz für sie etwas ganz Außergewöhnliches. Spontan sammelt die Lehrerin einige ihrer Schüler und sie zeigen uns, welche Lieder und Tänze sie in der Schule gelernt haben. An den Reaktionen der Älteren merken wir, daß auch sie ganz überrascht sind, was ihre Kinder alles können. Und so entwickelt sich dieser Nachmittag zu einem ganz natürlichen Miteinander, mit so viel Freude und Lachen - Völkerverständigung kann nicht schöner sein. Das ist halt doch was ganz anderes, als so eine Tanzvorführung im Hotel. Welche Beziehung sich zwischen den Eingeborenen und uns in diesen zehn Tagen entwickelt hat, wird uns beim Abschied erst wirklich bewußt. Nora fragt nach unserer Adresse, Gaby bekommt noch ein Körbchen geschenkt und wir sind alle den Tränen nahe.

Auf der Rückfahrt nach Port Vila brennt - neben der üblichen Bordroutine wie Segelnähen und Kraftstoffilter reinigen - das Spezial-Birnchen der Kompassbeleuchtung durch. Hatten wir in Auckland dafür noch $ 50 bezahlt, ist so ein Ersatzteil in Vanuatu schlicht nicht erhältlich. Und das ist gut so, denn es fördert die Kreativität. 20 Jahre Berufserfahrung zeigen ihre Wirkung: Eine Leuchtdiode, ein passender Widerstand, ein bißchen löten und schon leuchtet er wieder - ohne finanziellen Aufwand! (und verbraucht wesentlich weniger Strom als vorher). Wir nehmen Abschied von Port Vila. Die ganze deutsche Seglerbande trifft sich zu Kaffee und Kokosnußkuchen mit Vanilleeis im Irikiri Ressort. Dieses Hotel belegt eine Insel ganz für sich, mitten im Hafen, und noch einmal haben wir einen tollen Blick über die ganze Bucht und unsere Schiffe.

   Weiter Blick über Vanuatu

Die einzelnen Inseln Vanuatus liegen so nahe beisammen, daß wir herrliches "daysailing" betreiben können. Unser erster Stop ist in einer kleinen Bucht nahe dem Dorf Ulanlangi an der Nordspitze der Insel Nguna. Eigentlich wollten wir hier nur über Nacht bleiben, aber schon der erste Blick auf den erloschenen Vulkankegel verlockt zum Aufstieg. Also gehen wir zunächst ins Dorf, wo uns der Häuptling schon am Strand erwartet. "Ich bin Roland, geboren 1929, wie alt bin ich dann?" Er führt uns durch sein Dorf, das im April von einem tropischen Wirbelsturm schwer getroffen wurde. Die Wellblechdächer der Häuser wurden teilweise auf der anderen Seite der Insel wiedergefunden, gemauerte Wände sind einfach umgefallen und selbst die Kirche ist nur noch ein Haufen Steine. Alle Bananenstauden sind gebrochen, nur die traditionell gebauten Hütten aus dem Holz des Brotfruchtbaums und mit Palmblättern gedeckt sind intakt! Die englisch-französische Regierung hat für ihn eine Wasserleitung gebaut, die oben von einer Quelle am Berg kommt und an der Hauptstraße, zwei Kilometer vor dem Dorf, endet. Entwicklungshilfe pervers! Wir bitten Roland um die Erlaubnis, morgen auf den Berg wandern zu dürfen. Klar, kein Problem, aber was er überhaupt nicht verstehen kann ist, was wir denn dort oben wollen ... Am nächsten Morgen erwartet er uns wieder am Ufer, als wir mit dem Beiboot landen, verkündet er: Mein Sohn wird euch führen - und das war gut so, denn alleine hätten wir diesen "Weg" niemals gefunden. Zunächst geht es durch Gärten mit Yams, Taro, Bananen, Ananas, Papaya, Kürbis, dann weiter durch wildes Gestrüpp, dort zeigt uns unser Führer wilden Chili (den wir sofort einsammeln), wir treffen auf Erdnußpflänzchen, Kaffee und Zuckerrohr. Interessant ist auch der Feldbau: Wird eine Wurzel Yams geerntet, dann kommt sofort in das alte Loch ein neuer Stock, damit ist das Feld immer bestellt und die Nahrung geht nie aus. Auch die Kerne seiner Orange spuckt Shem nicht einfach aus, sondern vergräbt sie sorgsam im Boden. Die Erde ist hier so fruchtbar, daß man wirklich aufpassen muß - steckt man seinen Finger rein, schlägt er sofort Wurzeln. Unser Weg ist abenteuerlich. Immer wieder muß Shem, unser Führer, mit seiner Machete den Weg bahnen, so daß wir nachklettern können. Oben angekommen, sonnen wir uns im Triumph des Gipfelstürmers: Ein Blick über einen großen Teil der Inseln Vanuatus - alle Ankerplätze der nächsten vier Wochen! Von türkisfarbenen Lagunen bis hin zur gerade noch im Dunst erkennbaren Insel Ambrym. Und während unserer kurzen Rast flicht Shem geschickt aus unterwegs gepflückten Blumen und Farnen einen bunten Blumenkranz, der mindestens ein Kilo wiegt. Schade, daß sich so was nicht hält. Als wir wieder an Bord gehen, hat uns Shem mit allen denkbaren Genüssen seiner Insel versorgt. Unser Rucksack biegt sich unter Wurzeln, Kürbis, Zuckerrohr, Chili, Orangen, Schnittlauch ... Es ist einfach ganz anders, in einem Dorf zu Besuch zu sein, das noch nicht vom Tourismus berührt ist. Und natürlich ist Shem bei uns am Nachmittag an Bord zu Gast und sein Interesse an allem ist unbeschreiblich. Seine beiden Kinder sind fasziniert vom Lichtschalter - einfach klick, und schon wird es hell - so was haben sie noch nie gesehen.

Wir segeln weiter nach Emae. Die Inselgruppe der Sheperd Islands ist erst Ende des 15. Jahrhunderts durch eine gewaltige Eruption entstanden. Leider fällt unser Landgang buchstäblich ins Wasser, denn der Passat weht so frisch, daß wir es nicht wagen, unser Beiboot ins Wasser zu lassen. Dazu heftiger Regen - ja, die Hochdruckgebiete des Südpazifiks haben wohl noch nicht unsere Lehrbücher gelesen. Also lassen wir das Riff unbeschnorchelt und als wir am nächsten Tag Anker auf gehen - die Segel sind noch nicht oben - laufen wir bereits 4 kn allein mit dem Winddruck auf die blanken Masten.

   Palmblatt-Spinaker

Wir wollen in die Laman Bay auf der Insel Epi. Da uns das Angelglück mal wieder hold war, gibt es zum Abendessen fangfrischen Thunfisch in Cocosmilchsauce mit Tapioka. Und kurz vor Sonnenuntergang ziehen Pirogen an uns vorbei, die lediglich ein paar Palmblätter aufgestellt haben und sich damit vor dem Wind zur nächsten Insel treiben lassen. Ein traumhaftes Bild unverfälschter Südseeromantik. Doch eine Landepiste und ein Schiffsanleger sorgen für Verbindung nach Port Vila, und so sehen wir schon mal ein Motorrad vor einer Bambushütte, neben dem Einbaum liegt ein Aluboot mit Außenborder. Es ist irgendwie unheimlich, zu erleben, wie diese Stämme innerhalb einer Generation den Sprung von der Steinzeit in die Neuzeit durchmachen.

Ein kurzer Schlag von nur 20 sm bringt uns nach Malakula, der Heimat der großen und kleinen Nambas. Doch vor den Erfolg hat der Herr den Schweiß gesetzt. Abseits des Tourismus nennt man uns hier in Port Sandwich den Namen eines Menschen, der uns dort hin bringen könnte. Leider wohnt er 30 km entfernt. Also machen wir uns auf den Weg ins nächste Dorf, wo es ein Auto geben soll: Kein Problem, sie fahren uns gerne zu ihm hin, doch ist das Auto defekt - und so stecke ich wieder kopfüber im Diesel (zur Abwechslung mal nicht Volvo Penta sondern Toyota), aber ohne Werkzeug, nur mit Machete, ist hier leider nicht zu helfen und so ziehen wir unverrichteter Dinge wieder Heim, allerdings nicht ohne vorher noch herrliche Papayas als Dankeschön zu bekommen. Es ist erstaunlich - einige besitzen ein Auto, haben aber keine Idee was Batterie, Kontakte oder Kraftstoffilter für Funktionen haben oder daß man einige Teile gelegentlich mal erneuern sollte - übrigens diesen Toyota haben sie vor einem Jahr aus dem Meer gefischt... Als wir am nächsten Tag dort wieder unser Glück versuchen - ein weiteres Auto soll angeblich vorbeikommen - haben wir Schraubenschlüssel und Starterkabel dabei, und tatsächlich, er springt an, aber die Batterie ist wohl nicht mehr zu retten und so wird der Truck noch einige Monate lang angeschoben werden... und für Mittwoch ist unser Führer John bereit, uns zu den kleinen Nambas zu bringen. Ein Stamm, vor dem in unserem Reiseführer gewarnt wird, denn ab und zu werden angeblich noch menschliche Knochen gefunden.

Mittwoch ist es soweit. Die Besatzungen von Ägir, Ikarus, Ringöe und Zulu bilden die 7-köpfige Expedition. Es dauert etwa eine Stunde bis der Truck läuft, und um so zügiger geht's über den holprigen Feldweg (die Hauptstraße). Erster Stop ist die Tankstelle - aus einem 200 l Faß wird in eine alte Glasflasche abgefüllt, dann über eine aufgeschnitte Plastikflasche, die als Trichter dient in den Tank. Am Ende der "Straße" landen wir in einem Dorf, wo wir freundlich empfangen werden. Drei Stunden Fußmarsch liegen vor uns. Der Pfad führt durch dichten Urwald, massive Wände aus Grün, wir sehen unsere ersten Mahagonibäume - mit riesigen Brettwurzeln. Der Weg ist äußerst abwechslungsreich, mal durch haushohen Schilf und durch den Fluß, mal durch dichte Bananenwälder. Und wir genießen auf dem Weg die frischen Früchte des Dschungels: Rohe Kakaobohnen lassen sich wie Bonbons lutschen und die wilden Orangen sind einfach lecker. In den Baumkronen hören wir die Papageien, während auf Augenhöhe riesige schwarze Spinnen mit gelben Fußgelenken metergroße Netze weben. Und dann sind da noch die Schmetterlinge in nie gesehener Vielfalt in Größe und Farbe. Mir gefallen die schwarzen mit den dunkelblauen Punkten am besten. Am frühen Nachmittag erreichen wir Mehelen - das Dorf der kleinen Nambas - es ist wie ausgestorben: Man ist auf dem Feld. Noch 70 erwachsene Personen zählt der Stamm. Unsere Gastgeber bringen Papaya und bereiten mit großen Aufwand etwa drei Stunden lang die Kava, dazu gibt es Taro und lap-lap, welches hier in einem Bambusrohr gegart wird. Keine Spur von Menschenfressern. Am späten Abend begrüßt uns der Häuptling, er war den ganzen Tag mit Pfeil und Bogen auf der Jagd nach einem Wildschwein. Die Missionare haben mal wieder erreicht, daß die alten Sitten "zivilisiert" werden und so tragen die Bewohner, ganz im Gegensatz zu den Fotos auf den Postkarten in Port Vila, Shorts und T-Shirts.

   Bei den "Kleinen Nambas"

Bevor wir am nächsten Morgen wieder losziehen, präsentieren sich für uns noch zwei Männer in ihrer traditionellen Tracht: Bananenblatt um das Glied - das ist alles - das Ganze findet im hintersten Winkel des Dorfes statt und die Situation erinnert uns etwas an eine Peep-Show und ist eher peinlich. Da ist es halt doch etwas ganz anderes, wenn das ganze Dorf zu festlichen Anlässen so gekleidet erscheint. Der Unterschied zwischen den kleinen und den großen Nambas besteht übrigens nicht in der Körpergröße, sondern lediglich in der Wicklung ihres Penisköchers. Die großen Nambas, die etwas weiter im Norden hausen, legen diese Wicklung wesentlich mächtiger aus und verleihen so ihrer Männlichkeit ein überdimensionales Aussehen.

Auf dem Rückweg lockt der Fluß zu einem Bad. Ohne Badehose? Was liegt also näher als in die Tracht eines Nambas zu schlüpfen, Bananenblätter gibt es ja im Überfluß. Und so gründet sich - sehr zum Vergnügen der weiblichen Wanderer - die Sippe der weißen Nambas... Und Gabys größter Spaß ist die Vorstellung, wie sich wohl die Personalabteilung benehmen würde, käme ich so zum Bewerbungsgespräch! Ob wir überhaupt noch für ein Leben "danach" taugen? (Ich empfehle als erweitere Lektüre: "Der Papalagi" - ISBN 3-85931-015-1).

   Mit Pfeil und Bogen auf Jagd

Als wir am Ausgangspunkt unserer Wanderung zurück sind, tauschen wir mit einem Jungen einige Pfeile gegen ein Hemd. Die Männer erkennen unser Interesse an ihren Sachen und erklären uns geheimnisvoll, daß wir für DM 30,- etwas fotografieren dürfen. Wir lassen den Bewohnern durch John erläutern, daß wir nicht bereit sind, soviel Geld auszugeben, für etwas, von dem wir nicht mal wissen, was es ist ... und so machen wir noch eine weitere Begegnung mit den geheimen Kulten und Mythen Malakulas: Wir lassen die Kamera zurück und werden etwa einen Kilometer aus dem Dorf hinaus geführt. Dorthin dürfen Frauen nicht, und auch wir müssen an einem Zaun warten. Dahinter steht eine Hütte, die nochmals hinter einer Hecke verborgen ist. Absolut tabu für alle, die nicht Mitglied dieses Kults sind - man erzählt uns auch nicht, was die Männer des Dorfes in ihren Sitzungen dort treiben, doch es gibt Zauberfiguren, Woodoos. Einige davon bringen sie heraus und wir dürfen sie ansehen. Im Schein von 1000 Vatu (etwa DM 15,-) wird eine dieser Figuren unser - wie unglaublich, wenn man bedenkt, daß wir für ein Foto davon das Doppelte hätten bezahlen sollten. Diese Leute haben wirklich keine Beziehung zum Geld, Hauptsache die Zahl klingt schön. Nun, als wir die Figur mitnehmen wollen, erfahren wir, daß das nicht geht: Diese Figur kann nicht ins Dorf und darf von den Frauen nicht gesehen werden. Also wird sie sorgsam in Palmblätter verpackt und zwei der Männer tragen das gute Stück in einem kilometerlangen Umweg um das Dorf herum zu einem Platz, wo wir sie direkt auf den Truck nehmen können. Auf den letzten Metern des Heimwegs begleiten uns noch zwei Einheimische, die Verwandte besuchen, und wir haben ihnen angeboten, daß sie mit uns im Beiboot über die Bucht fahren können. Ein Weg außen herum existiert nicht und eine Fähre gibt es natürlich auch nicht. Und so sind sie zunächst sehr froh, daß sie uns getroffen haben. Als die Frau aber ahnt, was wir unter unseren Palmblättern verbergen, wird es ihr ganz anders und sie sucht sich einen bestimmten Stein, den sie zu ihrem Schutz die ganze Zeit krampfhaft in der Hand hält. Die Geheimhaltung dieser Kulte geht soweit, daß Frauen, auch wenn sie sich nur versehentlich diesen Kultstätten genähert haben, getötet wurden. Doch selbst in unserem Buch über Kulte und Mythen der Südsee finden wir sonst nichts Konkretes. Auch uns wollte man nicht erzählen, wozu diese Figuren dienen, ja noch nicht einmal, woraus und wie sie hergestellt sind. Und so haben wir jetzt einen geheimnisvollen Zauber an Bord, mal sehen was er bewirkt...

Die Einwohner Malakulas sind zu freundlich. Hatten wir uns vor Antritt unserer Reise noch mit Dr. Hacker darüber unterhalten, wie es uns wohl ergeht, wenn wir wochenlang aus der Büchse leben, so quillt Ägir zur Zeit wieder über von Papayas, Mandarinen, Grapefruits, Tomaten, Orangen, Maniok, Kürbis, und wir stehen unter einem permanenten Vitaminrausch.

   Schlitztrommel

Zusammen mit Zulu segeln wir 15 Meilen weiter nach Ambrym. Zwei riesige, aktive Vulkane beherrschen die Insel und so ist es für uns nicht verwunderlich, daß sie als Zentrum der kultischen und magischen Szenerie Vanuatus gilt. Als Hans - fast 70 Jahre alt, schwerkriegsbeschädigt und zum zweiten Mal alleine auf der Reise um die Welt - mit Papier und Bleistift eine der riesigen Schlitztrommeln vor einer Bambushütte skizziert, ist das halbe Dorf um uns versammelt und anschließend prüft jeder Einzelne, wie genau die Details gezeichnet sind. Wenige Meilen weiter finden wir im Dorf Ranon eine Hütte, die voll ist von solchen Schlitztrommeln, und natürlich magischen Steinen. Diese speziellen Steine, oben mit geschnitztem Gesicht und unten in Leder gebunden - so erklärt man uns - helfen der Hausfrau, gutes Brot zu backen. Gabys Versuch, eine Jeans dafür zu tauschen, scheitert leider. Dafür ist ihr langes, blondes Haar die Attraktion und keiner kann es sich verkneifen, es zu befühlen oder daran zu ziehen. Hoffentlich springen die Läuse nicht so leicht über ... Nachts haben wir dann noch ein Schauspiel ganz besonderer Art: Der Mount Benbow, einer der zwei großen Vulkane, bricht aus und der Himmel ist in gespenstischem Karminrot gefärbt. Wir sind von den Naturgewalten fasziniert. Kurz vor unserer Abfahrt (das ist 6:00 Uhr früh!) kommt Samson vorbei, ob wir noch einen Kohl und Frühlingszwiebeln möchten? Was uns noch mehr interessiert, ist die Bambusflöte, die er dabei hat. Ohne Löcher lassen sich diesem Gerät nicht gerade eine Vielzahl von Tönen entlocken, aber die Verzierungen, die in das noch grüne Rohr geschnitzt werden, sind fein. Und so wechselt noch schnell eine kurze Hose den Besitzer.

   Der Ursprung des Bungy-Jumpings

Wer kennt ihn nicht, den Bungy-Jump. So etwas Verrücktes kann sich ein normaler Mensch doch gar nicht ausdenken. Auf der Insel Pentecost geht die Sage, daß sich eine Frau, um ihren Mann zu erpressen, von einem hohen Baum gestürzt hat. Um dabei nicht zu Schaden zu kommen, band sie sich die Fußgelenke mit einer Liane an einen Ast. Daraus entstand eine Tradition, die jedes Jahr im März und April anläßlich der Yamsernte gefeiert wird. Die Männer des Stammes bauen sich aus Ästen einen etwa 20 m hohen Turm, binden die Beine an Lianen und stürzen sich in die Tiefe - land diving, jahrhunderte altes Bungy, geboren in Vanuatu! ...und da Frauen hier in Vanuatu von den Kulthandlungen ausgeschlossen sind, wurde dieser Sprung fortan von den Männern übernommen, die so ihren Beitrag zu einer erfolgreichen Ernte leisten. Die Feldarbeit übernehmen dann die Frauen wieder. Wir finden lediglich noch den ausgedienten Sprungturm, der so still und verborgen in einem Palmenwald steht, daß wir ihn fast übersehen. Ein Einheimischer erklärt uns, wie die Lianen um den Fuß geflochten werden und daß er selbst springt.

In Lolowai auf der Insel Ambae - wieder beherrscht von einem 1500 m hohen Vulkan - finden wir die Bucht der Superlative: Die trickreichste Einfahrt, eng und flach - Ikarus, die kurz nach uns einlaufen, küssen dreimal die Koralle - und wir haben den ruhigsten Ankerplatz, eine imposante Kulisse steiler Berge rings um uns, mit dichtem Regenwald bestanden. Wir liegen in einem erloschenen und versunkenen Vulkankrater. Die Mission steht nicht mehr, von der Kirche ist im dichten Gestrüpp nur noch Altar und Taufbecken zu erkennen - der letzte Missionar wurde 1906 verspeist. Darauf angesprochen, erzählen die Einheimischen voller Stolz, daß das letzte Kannibalenfest noch nicht mal 20 Jahre her ist.

Der Vulkan ist nicht mehr aktiv und in seinem Krater hat sich ein warmer See gebildet. Die Einheimischen erzählen uns, daß man in 3 Stunden dahin wandern kann - und schon wieder sind Lona, Heinz, Gaby und Jochen ein Team: Morgens um 6:00 Uhr geht's los, wir fahren mit dem "Taxi" (auf der Pritsche) zu einem kleinen Dorf am Fuß des Bergs, von dort laufen wir noch etwa 30 Minuten bis Ambanga. Hier finden wir einen Bergführer, der gleich seine ganze Familie - 3 Brüder, 3 Schwestern und seine Frau - mitbringt. Im Laufschritt legt er vor: Wir wollen doch in 3 Stunden dort sein - oder? Nach kurzer Zeit geben Heinz und Lona auf. Es ist einfach zu anstrengend, den steilen Berg hoch, im dichten Dschungel, ständig im Laufschritt (mit Gepäck) über umgefallene Bäume kletternd. Der Urwald ist hier so dicht, daß drei unserer Führer ständig mit der Machete den Weg frei hauen müssen, damit wir überhaupt durchkommen, und das, obwohl dieser Weg angeblich alle zwei bis drei Wochen einmal begangen wird. Einmal, er ist nur fünf Schritte vor mir, tritt er zwischen zwei Bäume und ist verschwunden. Unvorstellbar, wie dicht die Vegetation hier oben ist. Erschwerend kommt hinzu, daß die Blätter und Farne am Boden so dicht sind, daß wir nicht sehen, wohin wir treten: Mal auf einen Stamm, mal in ein Loch - Gaby hört bei 50 auf zu zählen, wie oft sie ausgerutscht oder gestolpert ist. Ein Baumstamm, der über einen kleinen Bach führt, bricht unter Gaby zusammen und sie hängt hilflos im Spagat über dem Abgrund. Und wie im Regenwald üblich: Es gießt in Strömen und so gibt es weder ein Bild oder ein Video dieser Szenerie, denn wir können die Kameras schlicht nicht auspacken.

   Sichtlich gezeichnet von den Strapazen

Dafür sind wir klatschnaß bis auf die Unterhose. Nach fünf Stunden meint unser Führer, daß es nur noch 1½ Stunden bis zum Kratersee seien. Damit würden wir erst bei Dunkelheit zurück sein, und das ist unmöglich. Also kehren wir vernünftigerweise um, und statt Kratersee bleibt uns der Eindruck des dichtesten Dschungels, den wir je erlebt haben. Übrigens haben wir dort, allen Klischees zum Trotz, den ganzen Tag über kein einziges Tier - noch nicht mal eine Schnake oder eine Ameise - gesehen. Am Tag danach pflegen wir nur noch unseren Muskelkater und Gabys blaue Flecken...

   Man liebt das Feiern

Vor 12 Jahren, am 15. September wurde die Verwaltung auf Ambae etabliert. Ein Grund für die Melanesier, zu feiern: Wir wandern ins nächste Dorf - Verzeihung, in die "Hauptstadt der Nordost-Provinz" - und es geht ähnlich zu wie in Port Vila, nur in wesentlich kleinerem Rahmen und viel familiärer. In dem ganzen Trubel befinden sich nur sechs Weiße. Es gibt Mandarinen, Rindfleisch auf Reis und natürlich die traditionellen Tänze (leider hat unser Video auf dem Treck vorgestern seinen Geist endgültig aufgegeben). Mit buntem Kopfschmuck, die schwarzen Körper mit Staub kunstvoll bemalt, kastanienartige Früchte an den Füßen als Rassel, bieten die Einheimischen mit ihren Speeren und Bambusstäben bewaffnet ein beeindruckendes Schauspiel. Eigentlich wollten wir morgen weiter segeln, doch so ein melanesisches Fest dauert mindestens drei Tage, und als Weiße, zumal aus Deutschland, sind wir in dem fußballbegeisterten Volk ein besonders gern gesehener Gast. Gegen später ist im Dorf Videovorführung, und man zeigt? Fußball aus Europa! Und man kennt die deutschen Stars: Maradonna ... Von Vanuatu aus ist Argentinien doch fast bei Deutschland. Erstaunlich sind wirklich manche Fragen der Ni-Vanuatu - der Einheimischen: Gibt es in Europa wirklich sauren Regen? Schadet er der Haut? Und von Hellen, der Lehrerin, erfahren wir nicht nur, daß unsere Kultfigur aus Malakula mit hoher Wahrscheinlichkeit Teile von Verstorbenen enthält, sondern auch, daß die traditionellen Tänze immer speziell auf einen besonderen Anlaß hin ausgelegt sind. Opfert der Häuptling ein Schwein, wird geheiratet oder die Unabhängigkeit gefeiert - jedesmal ein anderer, ganz spezieller Tanz.

Bei einer Familie möchte ich Bananen kaufen. Die Frau drückt mir einen ganzen Büschel wunderschöner Exemplare in die Hand. Nein, Geld will sie keines annehmen. Schließlich nimmt sie die 100 Vatu, dabei ist ihr das Ganze aber etwas peinlich, und sie gibt mir noch eine Kartoffel dazu: An Bord nachgemessen, hat diese Knolle doch tatsächlich einen Umfang von 78 cm!

   Das ganze Dorf empfängt uns

Unsere Ankunft in Ndui-Ndui kann nicht unerwähnt bleiben. Ein kleines Dorf auf der Insel Ambae, doch offensichtlich sehr selten von Yachten - und nie von normal reisenden Touristen - besucht. Als sich Ägir dem Ankerplatz nähert, befinden sich etwa 200 Menschen auf den Felsen, rufen, winken und johlen vor Freude und unser Anker ist noch nicht richtig gefallen, als bereits eine riesige Kiste mit Mandarinen an Bord gebracht wird. Wir haben jetzt schätzungsweise 300 Stück davon an Bord und unsere Fahrt nach Espiritu Santo wird von einer Spur Mandarinenschalen deutlich markiert. Die Gastfreundlichkeit dieser Menschen ist mit Worten kaum zu beschreiben.

Luganville auf der Insel Espiritu Santo ist die letzte "Stadt" vor Australien. Also wird für die nächsten 8 Wochen noch mal alles nötige vom Diesel bis zum Toilettenpapier gebunkert. Dabei treffen wir mitten in der Stadt doch tatsächlich auf einen Namba - und kein Mensch schaut auch nur irritiert.

So wie wär's noch mit ein bißchen Pidgin? Es klingt ähnlich wie englisch ist aber eine Art Lautschrift. Das häufigste Wort ist blong (abgeleitet von "belong") und stellt einfach eine Beziehung her. Der Innenminister ist dann minister blong home affairs, das Bier für dich und mich ist bia blong yumi und der Trommler heißt fala blong dram (fellow with drum). Meine Frau ist misis blong mi und damit der Name meiner Frau nem blong misis blong mi. Basket blong titi heißt der Büstenhalter. Weißwein auf der Speisekarte ist waet waen und der Bart heißt mouth grass. Killem steht für schlagen, killem ded ist endgültiger, man blong killem gita heißt der Mann, der Guitarre spielt. Sospen simen - von "saucepan cement" ist der Betonmischer. Die Gebrauchsanleitung, die wir für fast alle uns unbekannten tropischen Gemüse bekommen ist yu kat hem small and yu kuk hem und für die Fortgeschrittenen folgendes: bikpela blakpela bokis i gat waitpela na blakpela tis oltaim yu paitim em, hemi kraitaut (big black box got white and black teeth alltime you hit it, it cries out) Wörtlich heißt das soviel wie: Große, schwarze Kiste haben weiße und schwarze Zähne, wenn immer du sie schlägst, sie singt. - So einfach wird ein Klavier von denen beschrieben, die es zum ersten Mal sehen. Wir amüsieren uns ununterbrochen an dieser Sprache, die übrigens alleine in Vanuatu 105 teilweise sehr unterschiedliche Dialekte kennt.

Bevor wir Kurs Südwest einschlagen, wollen wir noch die nördlichen Inseln Vanuatus besuchen und eventuell auch in einem der vielen Riffe, die mitten im Pazifik zwischen Neu Kaledonien und Australien liegen, ein paar Tage schnorcheln. Vanuatu ist bestimmt auch was für "konventionelle" Touristen, die etwas mehr - vor allem etwas anderes als Deutschland - erleben möchten, und nicht nur irgendwo in der Südsee unter Palmen am Strand zu liegen - nichts wie hin, solange es noch so ursprünglich ist...

Wir haben gerade einen Stapel Briefe in Luganville zur Post gebracht, als uns unser nächstes Großereignis ins Haus - oder sollte ich besser sagen - ins Schiff steht: Der Tauchgang am Wrack der President Coolidge. Dieser im 2. Weltkrieg zum Truppentransporter umgebaute Luxusliner liegt zwischen 20 m und 80 m Tiefe, ist 210 m lang mit 22.000 Tonnen angeblich das größte, Tauchern zugängliche Wrack der Welt - und dazu fast vollständig intakt. Nicht nur Anker und Masten, in 2 Laderäumen sehen wir Stahlhelme, Geschirr, ganze Jeeps und LKWs. An Deck sieht man die ausgeschwungenen Davits und über der Bordwand hängen noch die Strickleitern. Ich glaube, man könnte hier mindestens eine Woche lang zweimal täglich tauchen, ohne daß es langweilig wird. Denn das Wrack wird darüber hinaus von unzähligen, leuchtend bunten - und an die vielen Taucher gewöhnt - zahmen Fischen bewohnt. Wir füttern den größten Fisch, den wir wahrscheinlich je in unserem Leben sehen werden: Ein Barsch, so groß, daß Gaby daneben wie ein Zwerg aussieht, mindestens 3 m lang, und er frißt das Brot aus der Hand! Das Ganze in herrlich klarem Wasser mit 270C. Eigentlich wollten wir bald wieder hier weg, Wir blättern nämlich schon eifrig im Australienreiseführer, aber dort müssen wir noch mal hin - in 30 m Tiefe schwerelos über das Promenadendeck wandeln. So ist es halt: Divers get high by going down!

Süß ist auch die Geschichte unserer Poster: Seit wir in Vanuatu sind, bewundern wir die schönen Plakate. Wir sehen sie überall, erwerben kann man sie nirgendwo. Als wir das Büro der Air Vanuatu passieren, sehen wir sie wieder. "Gaby, geh' doch mal rein, fragen" - Antwort: "Da war ich schon". Dennoch gehen wir nochmals hinein. Nein - diese Poster sind nicht verkäuflich. Doch der Angestellte ist so nett, daß wir eine Weile plaudern, und als er erfährt, daß wir schon sehr viel mehr von Vanuatu gesehen haben, als er selbst, ist er irgendwie begeistert - nimmt die Bilderrahmen von der Wand, reicht mir eine Schere - ich soll mir die Bilder doch einfach rausnehmen... Selbstverständlich kostenlos.

   Romantischer Doppelwasserfall

Unsere erste Nachtfahrt seit vielen Wochen bringt uns zur Insel Vanua Lava. Wir ankern in einer kleinen Bucht mit einem beeindruckenden Zwillingswasserfall - denn wir brauchen vor unserer Passage nach Australien dringend Wasser und in Luganville wollte man 70 Pfennig pro Liter. Nach erfrischendem Bad hilft uns Durian Kanister tragen. Wir bedanken uns mit einer Rolle Angelschnur, die er gerne annimmt. Als wir am nächsten Tag wieder dort baden, ergibt ein Wort das andere, und schon sind wir zum Picnic eingeladen. Ein kurzer Ausflug ins Riff und die Männer kommen beladen mit frischem Fisch zurück.

   "Unser" Körbchen entsteht

Juliet, Durians Frau, flicht aus geschlitzten Palmblättern ein feines Körbchen, einige der Männer bereiten Maniok zu, während ein anderer Kokosnuß raspelt und daraus eine feine Soße für den Fisch preßt. Gaby bäckt aus Papaya und Bananen süße Stückchen und so ist der "Tisch" (ein paar Steine mit Bananenblättern bedeckt) bald international lecker gedeckt. Nach dem Essen packen wir unsere Gitarre aus, ein bißchen schwäbische Folklore wechselt sich mit Liedern der Eingeborenen ab. Obwohl ihre Gitarre nur noch 4 Saiten hat, hört sich das ganz gut an und Juliet übersetzt für uns die Texte. Zum ersten Mal erfahren wir den Inhalt ihrer Lieder. Das neue Körbchen wird uns geschenkt, und als wir noch T-Shirts, Seife und Salz für zwei Schnitzereien tauschen, ist die Freude auf beiden Seiten perfekt. Allerdings sind die beiden Exemplare so antik, daß Gaby an Bord erst mal das Sagrotan hervorkramt ... Besonders beeindruckend an diesem Tag war für uns, was man - neben der Nahrung - alles so direkt aus der Natur beschaffen kann. Die Familie kam nur mit Kochtopf und Buschmesser an, und alles, was wir benötigen wird kurzerhand angefertigt: Die Fasern für das Körbchen werden aus dem Stiel eines Palmblatts geschlitzt, grüne Kokosnüsse sind ein erfrischendes Getränk, wasserdichte Suppenschüsseln werden aus Bananenblättern geformt und mit Kokosfasern zusammengebunden, gegessen wird natürlich mit den Fingern, die Bananenblätter, die später als Tischdecke dienen, werden kurz durchs Feuer gezogen, um sie von eventuellem Ungeziefer zu befreien, kleine Zweige mit Blättern halten die Fliegen fern - kurz, an alles ist gedacht.

Wettervorhersage: 5 bis 10 kn. Wind, fair weather - Realität: Es ist stark böig, bedeckt, leichter Regen. Und so wird unsere Überfahrt nach Ureparapara kurz aber heftig. Genauso ungemütlich ist unser Ankerplatz. Wir liegen in einem tiefen, erloschenen Vulkankrater zwar äußerst spektakulär von der Kulisse her, doch der Passat fängt sich derart an den Bergwänden, daß es nur so rauscht. Ägir rollt so heftig im Schwell, daß wir ausnahmsweise einen zweiten Anker ausbringen. Viel besser so. Kaum sind wir fest, werden wir von mehreren Auslegerkanus umlagert. Der Häuptling des Dorfes heißt uns herzlich willkommen, überreicht uns sein Gästebuch und bittet uns, morgen früh an Land zu kommen. Überaus freundlich und stolz führt er uns durch sein Dorf und läßt uns wissen, daß wir alle Einrichtungen gerne benützen dürfen, von der Quelle bis zur Schule. Und die besondere Gastfreundschaft hat einen Grund: Nur zweimal im Jahr kommt das Versorgungsschiff aus Port Vila. Die Waren, die es an Bord hat, sind fast unerschwinglich - eine Familie verdient hier mit Copra etwa DM 30,- in 6 Monaten - und so sind die wenigen Yachten, die hier vorbeikommen nicht nur eine willkommene Abwechslung, sondern auch die wichtigste Handelsmöglichkeit. Nahrung gibt es genug auf dieser Insel, und so fragt man uns nicht nur nach T-Shirts und Hosen, sondern (höre und staune!) nach Ohrringen, Armband für die Uhr, Taucherbrille, Schuhe, Gummi für die Harpune ... Doch nicht nur der Handel blüht. Der Lehrer ist ganz verrückt nach meinen alten Seekarten, ein Radio ist defekt: "Yu lukluk hemi". Als ich die Kiste öffne, kommen mir als erstes eine Herde Kakerlaken entgegen. Und es sieht so wüst aus da drin, da kann ich mit Bordmitteln beim besten Willen nicht helfen. Ein deutsches Filmteam, welches vor vielen Jahren mehrere Monate lang hier den Film "Moana" gedreht hat, hatte sich mit einem großen Fischerboot für die Gastfreundschaft und Unterstützung bedankt. Doch der 40 PS Außenborder tut nicht mehr. Liebevoll, wie die Menschen hier so sind, haben sie also für ihr Boot nun ein Haus gebaut, damit ihm nichts passiert.

   "Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm..."

Die Bücherei der Schule befindet sich in einer Bambushütte, ein Haus wie allen anderen auch. Stanley, der Lehrer, versichert uns, daß auch in der Regenzeit kein Tropfen Wasser auf die Bücher kommt. Am nächsten Morgen treffen wir uns im Kindergarten, hören die Geschichte vom Wolf und den sieben Geißlein in Bislama, fühlen uns wie bei den zehn kleinen Negerlein und singen mit den Kindern "Alle meine Entchen". Eine Mordsgaudi für alle. Und als Gaby mir am Bach die Haare schneidet, sind wir sicher, daß wir dabei noch nie so viele aufmerksame Zuschauer hatten - jeder Schnipp wird von einem leichten Kichern begleitet. Später, wieder in der Schule, haben die Kinder einen Tisch für uns im Klassenzimmer reserviert und mit Blumen geschmückt. Stanley überläßt uns die Lektion "How cold is cold". Da er selbst weder Schnee, Eis oder Gletscher gesehen hat, fällt es ihm schwer, den Begriff "kalt" zu erklären. Auch Gaby und ich haben dabei Schwierigkeiten, denn die Einheimischen haben dazu ja keinerlei Bezug. Wie sollen sie es sich auch vorstellen, daß in ihrer Bucht das Wasser so fest wird, daß sie trockenen Fußes auf die andere Seite gehen können? Nach unserem Auftritt im Kindergarten, fassen auch die Frauen des Dorfes Vertrauen zu uns. Sonst äußerst scheu, darf Gaby sogar die jüngsten Negerbabys auf den Arm nehmen. Wir tauschen noch unsere letzten Vatu in Schnitzereien - hier nicht unbedingt Kunstwerke, sondern Gebrauchsgegenstände, und dann ziehen wir weiter: So freundlich und lieb die Menschen hier in dieser Abgeschiedenheit sind, so ungemütlich ist doch diesmal leider unser Ankerplatz.

Unser letzter Ankerplatz in Vanuatu ist vor der Insel Tegua. Die Torres Inseln wurden erst um 1860 von Captain Bligh während seiner legendären Fahrt im Beiboot nach der Meuterei auf der Bounty entdeckt. Eine kleine Bucht, Sandstrand, Palmen, unbewohnt, herrlich klares Wasser und ein tolles Riff. Ein ideales Fleckchen Erde, um unsere letzten Eindrücke der Südsee abzurunden. Wir bereiten uns für die Überfahrt nach Australien vor: Noch einmal Segel nähen, Brot und Kuchen backen, seefest stauen. Mehr als 1100 Seemeilen liegen vor uns ...Und die haben es in sich: Eine weite Seefläche ist noch nicht vermessen, mehrere Riffe liegen am Weg und die Eintragungen in der Seekarte sind nicht gerade vertrauenerweckend: position doubtful - position estimated - breakers seen 1846 - discoloured water ... Klar, daß unsere GPS-Antenne gerade hier den Weg aller Hochtechnologie geht. Also stauben wir sicherheitshalber unseren Sextant ab. Unsere ersten beiden Standlinien liegen nur 8 sm auseinander, gar nicht so schlecht, denn wir haben seit unserer Atlantiküberfahrt nicht mehr "geübt".

   
 

© ÄGIR  Gabriele und Jochen Leonhardt 1999. Alle Rechte vorbehalten. Letzter Update am: 22. März 2001