Australien
 Der Wind ist günstig, wir
betreiben tagelang "Cocktailsegeln". Am
vierten Tag runden wir gegen 02:00 Uhr früh die
Bampton Riffe in gebührendem Abstand und als
drei Tage später der Wind etwas einschläft,
mogeln wir uns in das Kenn Riff und legen
uns dort an den Anker. Unser britisches
Seehandbuch beschreibt diesen Ort mit den Worten:
The reef is strewn with wrecks. Eigentlich
ist hier nichts, und doch ist dieses Nichts
irgendwie faszinierend. Aus 2000 m Tiefe steigt
das Riff fast senkrecht an, etwa 6 sm lang und
nur zu erkennen, weil sich die hohe Dünung
heftig bricht. Es gibt nur an einer Stelle eine
kleine Sandbank, vielleicht 50 m lang. Keine
Palme, keine Pflanze, nichts - wir haben das
Gefühl, mitten im Pazifik zu ankern, und doch
liegen wir hinter der Brandung in ruhigem Wasser.
Diese kleine Sandbank reizt uns, also wird das
Beiboot aufgeblasen und nichts wie hin: Was ist
das? Es sieht aus wie die Spuren eines Traktors.
Nein - hier legen riesige Seeschildkröten ihre
Eier ab. Die Tiere sind größer als die
Landschildkröten, die wir auf Galapagos gesehen
haben! Und das Riff wimmelt von großen, bunten
Fischen - wir sehen deutlich, daß hier nicht
gefischt wird. Und von diesen riesigen
Schildkröten sehen wir noch mehrere im Wasser -
riesige schwarze Flecke.
Deutlich:
Wir sind in Australien
Am 14. Oktober
1993, 03:40 Uhr sehen wir den Schein von Sandy
Cape Leuchtturm - aber es werden noch fast
zwei Tage vergehen, bis wir australischen Boden
betreten (dürfen). Nach zwölf Tagen auf See
werden wir in Burnetts Head Hafen mit den Worten
begrüßt: "Um Gottes Willen - hier dürft
ihr nicht festmachen - ihr müßt erst in die
Quarantäne!". Obwohl es erst 15:30 Uhr ist,
schaffen es die australischen Behörden nicht
mehr, uns einzuklarieren - also ankern wir
abgeschieden und wegen der starken Strömung
etwas ungemütlich im Fluß und nach etlichem Hin
und Her über Funk ist klar, daß wir dort
bleiben sollen und morgen früh den Zöllner mit
dem Beiboot abholen müssen. Dieser ist dann ganz
erstaunt (und entsetzt) über die nasse
Beibootfahrt und fragt, warum wir denn nicht im
Hafen an der Pier liegen ... Selbst mein
Diplompsychologe an Bord steht kurz vor einer
Explosion. Obelix würde sagen: Die spinnen, die
Aussies! Neben dem frischen Obst und Gemüse,
Eiern, Erbsen, Linsen wird selbst Dosenwurst
konfisziert, wir füllen noch mehr Formulare aus
als in Fiji, und zu guter Letzt erklärt man uns,
daß wir das Boot nicht verlassen dürfen, um im
Land herumzureisen - wir fühlen uns behandelt
wie aussätzige Kriminelle. Na ja, wir werden
sehen, sagte der Blinde... Das Gute ist, daß
unser lieber Beamter so schnell seekrank wird,
daß er sich weitere Belehrungen erspart und auch
von einer gründlichen Durchsuchung des Schiffs
(mit Hund nach Rauschgift) absieht. Nun gut, das
sind so unsere ersten Eindrücke von Australien.
Inzwischen ist die Tide gekentert und wir müssen
eben noch mal 6 Stunden warten, bevor wir
endgültig nach Bundaberg in den Hafen einlaufen
können.
Aus Broschüren
erfahren wir schon mal einige interessante Fakten
über Australien: Mit 3000 Millionen Jahren die
älteste Landmasse unserer Erde, der flachste
Kontinent und der einzige, ohne aktiven Vulkan.
In Westaustralien liegt der heißeste Ort der
Welt: An 160 aufeinanderfolgenden Tagen liegt die
Temperatur über 380C! Und noch ein Superlativ:
Die größte Rinderfarm ist mit 30.000 km2 etwa
so groß wie Belgien.
In Wilsons
Promontery
Die Fahrt den Fluß hoch nach Bundaberg
bietet allerlei Abwechslung. Sich ständig
verlagernde Sandbänke sorgen für etwas Spannung
bei der Navigation - die Grundberührung bleibt
nicht aus - doch mit der auflaufenden Flut kommen
wir bald wieder frei. Eine Kabelfähre läßt
kurz vor unserer Passage doch noch ihre Kabel ins
Wasser fallen, so daß wir darüber hinweg
kommen; wir motoren an der Bundaberg Destillery
vorbei, die hier aus Zuckerrohr den Bundy Rum
brennt. Und dann macht unser Getriebe noch
Schwierigkeiten, genau dort, wo wir es am
wenigsten brauchen können: Starke Strömung und
kein Platz zum Segeln. Nach aufregenden 2,5
Stunden liegen wir in der Midtown Marina. Das
wohlverdiente Welcome Dinner besteht für mich
aus einem 500g Rumpsteak mit Salat, dazu einen
Australischen Semillion ..., und wir haben unsere
erste Begegnung mit den Aussies - wie sich die
Australier selbst nennen: Freitag abend, die
Kneipe ist brechend voll und sie machen ihrem
Ruf, die heftigsten Biertrinker der Welt zu sein,
alle Ehre. Aus dem Radio dröhnt ein Lied, das
herrlich dazu paßt: "Get your hair cut and
get a job!"
Samstag, und
Australien zeigt sich von seiner besten Seite:
Saßen wir letztes Jahr zur gleichen Zeit in
Neuseeland mit Skiunterwäsche vor der
Bordheizung, so flüchten wir hier regelrecht vor
der Hitze - im Moment etwa 320C - und der Sommer
soll erst noch kommen! Seit fast zwei Monaten
für uns die erste warme Dusche; Waschmaschine
und Trockner verwöhnen unsere Bettwäsche, im
Supermarkt findet Gaby doch tatsächlich
Leberkäs und dazu tummeln sich wilde Papageien
in den Eukalyptusbäumen direkt über uns. Ja,
und nun sind wir auf dem besten Weg, richtige
Aussies zu werden: In einem 20 l Faß gärt unser
erstes selbst gebrautes Bier - Munich Style!
Wir sind richtig gespannt darauf, was daraus wird
... Dazu die Auswirkungen der unkonventionellen
Zuckerrohrernte: Die Felder werden abgebrannt! -
damit entledigt man sich nicht nur der
vertrockneten Blätter, sondern auch der
Schlangen, und man kann dann das Rohr einfacher
mit einer Art Mähdrescher einbringen. Für uns
heißt das jedoch ständig schwarze Rußflocken
allüberall.
Zwischen
Getriebeausbau, GPS, dem Lackieren der
Bodenbretter, Arbeiten im Mast und den vielen
sonstigen Kleinigkeiten sammeln wir unsere ersten
Australieneindrücke: Der Besuch in einer
Reptilienfarm ist ebenso interessant wie
furchterregend: Die zehn giftigsten
Schlangenarten der Welt hausen in Australien. An
einem Biß der Taipan leidet man allerdings nur
etwa 35 Sekunden! Und ihre Giftmenge reicht aus,
um 80 Menschen zu töten. Ungefährlichere Arten
findet man wohl auch häufig im Haushalt in
Bücherregalen, durchaus auch in der Großstadt
...Und dann sind da noch die Salzwasserkrokodile,
die werden über 3 m lang - und Menschenfresser.
Eines soll sich mal in Cairns verirrt und in der
Hauptstraße einen Mann gejagt haben. Vom Baden
in den Flüssen wird überall dringend gewarnt
... Viel mehr Spaß haben wir dann bei den
Känguruhs und Koalas. Die sind hier so zahm,
daß man sie füttern und streicheln kann. Der
Koala hat - entgegen unserer Erwartung - ein
ziemlich struppiges Fell. Wahrscheinlich sind die
Koala-Imitationen für das Kinderzimmer aus
Känguruhfell. Und immer wieder sehen wir
Papageien in allen Farben und Größen.
Kukaburra
Die Fahrt von
Bundaberg nach Mooloolaba wird zum wahren
Gezeitenpuzzle: Wir müssen bei Hochwasser den
Fluß abwärts, dann haben wir 6 Stunden Zeit
für die 30 sm bis zur nördlichen
Ansteuerungstonne der Great Sandy Strait, dort
müssen wir mit auflaufender Flut einlaufen, bei
Hochwasser über eine sonst nur 40 cm flache
Sandbank, um dann auf der südlichen Seite mit
der ablaufenden Tide nach Tin Can Bay zu
kommen. Die Wide Bar, eine nur 4 m tiefe
Sandbank, über die wir wieder ins offene Meer
gelangen, dürfen wir dann wieder nur bei
Hochwasser passieren, da sich ansonsten dort die
hohe, lange Dünung des Pazifik heftig bricht.
Wer seine Navigation noch nicht beherrscht - in
Australien wird er es spätestens lernen... Also
baue ich noch schnell abends um 20:00 Uhr unser
Getriebe wieder ein, denn morgen früh ist mit
Sonnenaufgang Hochwasser. Alles läuft bestens
und als wir mit gerefftem Groß (mal wieder
gerissen) und ohne Besan einem Australier, der
mit Spinnaker unterwegs ist, regelrecht
davonlaufen, kommt Gaby ins Schwärmen: Da die
Deutschen in internationalen Segelwettbewerben ja
nicht so berühmt sind, genießen wir halt unsere
kleinen Siege... Die Sandy Strait und Fraser
Island (die größte, reine Sandinsel der
Welt - 120 km lang) enttäuschen uns ein wenig,
vor allem, weil es praktisch keine vernünftigen
Ankerplätze gibt. So tun wir eine Nacht kein
Auge zu, weil der Wind gegen den Gezeitenstrom
eine fürchterliche Welle aufbaut, in der
nächsten Bucht ist es so eng, daß ich, obwohl
unser Anker in der Mitte der Bucht liegt, mit
einem kräftigen Sprung vom Schiff aus direkt an
Land hüpfen könnte - da ist mir einfach nicht
richtig wohl dabei. Das Wasser ist trübe und
größte Tiefe seit 60 sm war etwas über 10 m -
ansonsten alles Sandbänke und Schlick. Doch die
Tierwelt ist faszinierend. Immer wieder sehen wir
Wasserschildkröten, selbst in dieser kleinen,
engen Bucht 3 Wale, und jede Menge Vögel,
darunter einen Seeadler! Und die Pelikane haben
sich so an die Angler gewöhnt, daß sie geduldig
neben deren Plastikeimer warten, bis etwas für
sie abfällt.
Ein letzter Schlag
70 Meilen immer der Küste entlang bringt uns in
die Lawries Marina nach Mooloolaba.
Dusche, Postfest - ja, einige schreiben
Gott-sei-Dank immer noch! Dann wird Ägir
vom Segelboot in ein Hausboot verwandelt, und ein
"normales" (?) Leben kehrt ein:
Segelnähen, lackieren, Motor warten, Auspuff
entkalken, schwiegermuttergerecht putzen ...
Spaß beiseite, wir haben es ganz toll getroffen
hier. Supermarkt, Weinhandlung, Metzger und
Bäcker direkt über die Straße, saubere und
sichere Marina an Schwimmstegen, und der
kilometerlange Sandstrand mit toller Brandung ist
nur 10 Minuten entfernt.
Nach all dem
bürokratischen Schwachsinn beim Einklarieren in
Bundaberg erleben wir beim Eröffnen unseres
Kontos bei der Westpac Bank den bisherigen
Höhepunkt: Wir brauchen 100 Punkte zu unserer
Identifikation, um ein Konto anzulegen. Der
Reispaß reicht nicht aus (das sind nur 75
Punkte), wir legen eine Kreditkarte dazu
(nochmals 20 Punkte), und als ich dann meinen
Führerschein dazulege, ist der Vorschrift
genüge getan. Kaum habe ich den Nachweis
erbracht, daß ich autofahren kann, dürfen wir
endlich der Bank unser Geld anvertrauen - bureaucracy
wird in Australien offensichtlich etwas anders
buchstabiert: bureau-crazy?
Der Kauf eines
Autos läßt sich sehr ernüchternd an. Selbst
gebrauchte Fahrzeuge mit hoher Kilometerleistung
sind sehr teuer. Der erste Wagen, der uns
gefällt, mit lumpigen 157.000 km ist schon für
A$ 12.000,- ( fast DM 14.000,-) zu haben. Mit der
freundlichen Unterstützung eines Seglers, der
bei uns in der Marina liegt, fahren wir nach
Brisbane, wo das Angebot besser sein soll. Paul
war Mechaniker beim australischen TÜV und
zerlegt im Hof der Händler ungeniert die
Fahrzeuge, die uns ernsthaft interessieren. So
bekommen wir ein sehr gutes Gefühl dafür, was
vor uns steht. Nun nennen wir einen Ford Falcon
Wagon, ganz in weiß, Automatik, mit Klimaanlage
unser eigen. Preisfrage diesmal: Was glaubt ihr,
wieviel Kilometer dieser Wagen auf dem Tacho
hatte, als wir damit beim Händler losfuhren? Ein
kleiner Tip: Gaby und ich, wir waren uns sehr
schnell einig, daß wir unser neues
Familienmitglied auf den Namen Germania
taufen: Groß, alt, stattlich, kräftig, robust,
nicht gerade schön - und doch haben wir die
Hoffnung, daß sie allen Situationen gewachsen
ist und durchhält ...
Ja, nun könnte
ich den australischen Reiseführer abschreiben,
und das kann nicht Sinn der Sache sein. In
Australien sind die wirklich spektakulären,
touristisch interessanten Attraktionen weit
gestreut (wir tanken schon ein- bis zweimal, um
von einer zur nächsten zu gelangen), und deshalb
hilft man sich selbst nach dem Motto : Was man
nicht hat, muß man sich schnitzen! So finden wir
neben vielen künstlichen
"Sehenswürdigkeiten" wie Holiday
Parks, Koala Parks u. ä. den größten Kitsch
unserer Reise: Autobahnraststätten aus
Vollplastik im Ayers Rock-Look, überdimensionale
Plastikhummer, the Big Banana und vieles andere
mehr. Überhaupt gibt sich jede Stadt, jeder Ort
ein verlockendes Attribut: Die längste Bar
der Welt oder Die erste Stadt Australiens
und wenn man - wie vielerorts in Australien -
nichts zu bieten hat, dann sind die Slogans:
"Australia's tidiest town" oder
in Woolgoolga "A hard name to pronounce
but a great place to stay" und wenn es
nun überhaupt nichts mehr gibt, wirbt man mit
"Unspoiled country!" Neben der
Natur und der faszinierenden Tierwelt erfreuen
wir uns also an vielen Details. Die Aussies haben
eine Vorliebe für Schilder: So finden wir an der
riesigen Hafenbrücke in Sydney den Hinweis:
"Jumping off the bridge is prohibited.
Penalty $ 1000." Ob es je einer
überlebt hat, um seine Strafe zu entrichten? An
einer riesigen Treppe befindet sich ein Schild:
"Radfahren verboten" und an den
Bahnübergängen lesen wir: "Bei ROT
bitte anhalten." Im Otway Nationalpark
erfahren wir: "Branches may fall off the
trees without any warning!" Ein
herrlicher Hinweis war die Werbung: Kentucky
Fried Chicken turn right at McDonalds. Und
weil wir gerade bei solchen Perversitäten sind:
In Melbourne muß man sich links einordnen, um
rechts abzubiegen. In Coolangatta läuft die
Grenze zwischen den Bundesländern New South
Wales und Queensland mitten durch die Stadt. Da
man jedoch in Queensland die Sommerzeit nicht
eingeführt hat, gehen die Uhren beiderseits der
Straße - mitten in der Stadt - um eine Stunde
versetzt! Und wenn dort einer im Hotel "Four
eggs!" ruft, dann bestellt er sich nicht
etwa vier Eier, sondern ein Bier - die
bekannteste Biermarke in Queensland heißt
nämlich "XXXX". Der Computer
hat auch voll zugeschlagen und so zeigt das
Verfalldatum auf unserer Marmelade: Best
before 15 Sep 95 19:17. In Glenrowan wurde
1880 in einer wilden Schießerei der Kelly-Bande
das Handwerk gelegt. Ned Kelly wurde später in
Melbourne gehängt. Heute findet man in Glenrowan
alles, von einer gigantischen Ned Kelly Statue
über eine Nachbildung der Schießerei, bis hin
zu einem computergesteuerten hanging room:
Man erfährt hier bestimmt wesentlich mehr über
den australischen Tourismus an sich, als über
das Leben von Räuber und Gendarm im 19.
Jahrhundert! Trotz aller Verrücktheiten in
Australien gibt es auch wirklich Beispielhaftes:
So bieten in der Weihnachtszeit - den großen
Sommerferien - alle Autobahnraststätten
kostenlos Kaffee und Tee an, um die Reiselustigen
zu Pausen zu animieren, und damit die
Unfallgefahr zu verringern.
Sydney
Nun, Australien
ist ein großes Land. Nach einem kurzen Besuch
bei meiner Patentante in Melbourne haben wir mal
eben etwas mehr als 7000 km hinter uns!
Entsprechend die Beschilderung: Next McDonalds
156 km on left. Oft fahren wir 200, 300 km
ohne daß sich die Landschaft auch nur ein
bißchen verändert. Fragt man einen Aussie nach
der Entfernung zu einem bestimmten Ziel, so ist
die Antwort etwa: "It's a two stubby
drive." Ein Stubby ist eine 0,3 l
Flasche Bier und er mißt die Entfernung im
Sprit, den der Fahrer für diese Strecke braucht,
das können also je nach dem 20 oder 200 km sein.
Man muß sich vor Augen führen, daß Australien
nicht nur sehr dünn besiedelt ist - sondern von
den relativ wenigen Einwohnern leben dazu etwa
schon ein Drittel alleine in den drei großen
Städten Sydney, Melbourne und Brisbane. Der
Hauptverkehrsweg Sydney-Melbourne mit einem so
klangvollen Namen wie Princes Highway ist
im großen Ganzen etwas lumpiger als eine
schlechte Landstraße bei uns, doch für die
Verkehrsdichte (oder sollte ich besser
Verkehrsdünne sagen?) völlig ausreichend.
Unsere "Germania" hält tapfer
durch und hat inzwischen 321.000 km auf dem
Tacho...
Und wie so oft,
werden alte Klischees gebrochen: Der
traditionelle Jagdboomerang der Ureinwohner ist
ein reines Wurfgeschoß und kommt nicht zurück -
nur Sportboomerangs und die Touristenversion tun
das. Und wer hat schon mal Känguruhs am Strand
gesehen? Australien ist bekannt für seine
endemische Tierwelt: Känguruh und Koala.
Faszinierend sind auch die Wombats - ich würde
sie als eine Kreuzung zwischen Bär und Schwein
definieren. Kakadus und Papageien sind so
zahlreich und dabei so tapsige Flieger, daß wir
ständig abbremsen müssen, damit sie uns nicht
an das Auto knallen. Im Otway Nationalpark sehen
wir den Wohnort des Schnabeltiers - ein Säuger,
der Eier legt. Sieht aus wie eine Kreuzung
zwischen Biber und Ente. Und immer wieder sehen
wir Emus, die scheu davonrennen, sobald sie uns
entdecken. Im Aquarium bestaunen wir den
Lungenfisch. In Australien finden wir auf den
meisten Toiletten die Deckel immer hochgeklappt
vor. Der Grund dafür ist der
"Redback": Eine große, sehr giftige
Spinne, die mit Vorliebe unter Klobrillen haust.
Noch ein Zitat zum Thema "Liebesleben der
Korallen": Coral's sex life may be
infrequent (it only happens once a year) but when
it does it's certainly spectacular... Korallen
sind Tiere. Drei Tage nach Vollmond Ende
Frühjahr oder Anfang Sommer - damit ist
Nipptide, die Gezeitenströme am geringsten, die
Wassertemperatur gerade richtig - senden die
Männchen ihr Spermien aus. Faszinierend daran
ist, daß dies auf der gesamten Länge des
Barrier Riffs (immerhin ca. 2000 km), unabhängig
vom Korallentyp, auf den Tag genau gleichzeitig
passiert. Die Weibchen senden ihre Eier genau zur
selben Zeit aus. Diese sind groß genug, daß man
sie mit bloßen Auge erkennen kann, und es ist
wirklich spektakulär, diese "Blüte"
auf der Wasseroberfläche treiben zu sehen.
Rechtzeitig zu
Weihnachten sind wir wieder zurück an Bord,
nicht ohne vorher der Oper in Sydney die Ehre
zugeben - zum ersten Mal seit über zwei Jahren
Krawatte (!). Auch der Fischer bei uns am Steg
hat seinen Weihnachtsfang eingebracht und so
speisen wir fangfrische Jakobsmuscheln (½ Kilo),
dazu einen weißen Burgunder aus dem Hunter
Valley. Und nach meinen ersten Übungen mit dem
Surfboard schmeckt es noch mal so gut... Ja, das
Leben ist halt eines der Schönsten! Und das Kilo
fangfrischer Shrimps wartet noch im Kühlschrank
...
24. 12. 1993 -
Heiligabend: Wir erleben unser bisher heißestes
Weihnachtsfest. Schon morgens um 08:00 Uhr haben
wir 290C und wir verstehen plötzlich auch die
Vorliebe der Australier für vollklimatisierte
Einkaufszentren. Aber sonst wäre wohl niemand
zum Bummeln oder gar solch schweißtreibenden
Aktivitäten wie Kleiderprobieren zu bewegen! Im
Supermarkt hören wir die australische Variante
von "Jinglebells" (für die
Nicht-Aussies - Holden ist die australische
Variante des Opel und ein "ute" steht
für "Utility", gemeint ist eine Art
Pick-up Truck, klar, daß alle alten Holdens
gewaltig rostig sind):
Auf unserem
Sideboard häufen sich die Weihnachtskarten
(...und eine riesige Kiste Nürnberger
Lebkuchen!), während in Sydney aufgrund
intensiver Weihnachtsbeleuchtung die elektrischen
Wasserkessel plötzlich 45 Minuten zum Kochen
brauchen. Der Rigger kommt und wir montieren
unsere neue Rollfock - damit wird das Leben auf
See noch angenehmer und sicherer. Kurz danach
meldet sich der Kesselflicker - unser
Wärmetauscher ist fertig (bald stellt sich
heraus, daß wir nur um $ 50 ärmer sind, unsere
Backskiste blitzsauber, und das warme Wasser
läuft immer noch in die Bilge) und der
Segelmacher schneidert an unserer Fock, um sie
dem neuen Vorstag anzupassen. Das Verkehrschaos
auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums ist
unbeschreiblich, schlimmer aber ist es noch, mit
dem Einkaufswagen einen Weg durch den Supermarkt
zu finden, und das, obwohl die Läden hier bis
Mitternacht geöffnet sind. Heiligabend wird in
Australien nicht gefeiert und die
Weihnachtsgeschenke werden erst am 25. verteilt.
Selbstverständlich halten wir auf Ägir
an liebgewonnen Traditionen (Gaby kann's halt
nicht erwarten) fest und "bescheren"
schon am 23. Unser diesjähriges
Weihnachtsgeschenk für uns ist ein CD-Spieler
und im Ägir-Sound-Center vibrieren die
Masten unter Peer Gynt und Phantom of
the Opera. Und um den Wunschzettel weiter
auszubauen, bestellen wir uns noch eine
Seewasser-Entsalzungsanlage, vor allem als
Vorsorge für unsere Wochen im Roten Meer. Die
internationalen Nachrichten verkünden gewaltige
Überschwemmungen in Deutschland, nationale reden
von leichten Schneefällen in den Bergen bei
Melbourne, während die lokalen Sender melden:
"burntime today is 11 minutes",
das heißt, daß man nicht länger als 11 Minuten
ungeschützt in der Sonne sein soll. Gegen Mittag
messen wir schlappe 350C und entsprechend schlapp
sehen wir dem Rest des Tages entgegen - der
Weihnachtsbock fließt bei solchen Temperaturen
natürlich in Strömen und Jochen wird langsam
aber sicher zum begeisterten Surf-Beach-Boy
(besonders attraktiv mit grauen Strähnen),
während ich mich noch immer im
respektvoll-gebührenden Abstand zu der Brandung
halte. Ja, unser neuestes Hobby - Wellenreiten
mit dem Boogieboard (eine kleine Primitiv-Version
des Surfboards) beansprucht täglich mindestens 2
bis 3 Trainingssstunden - natürlich mit einer
entsprechenden Mittagspause zum
Kaloriennachschieben an Bord. Bis jetzt
beherrschen wir zwei Freistilfiguren perfekt:
Steiles Abtauchen vom Wellenkamm mit gestreckten
Zehenspitzen und "Sandstrahlen"
überstehender Gliedmaßen. Und da gerade Cyclon
"Rewa" im Südpazifik tobt (mit einem
Kerndruck von nur 930 mb - weit unterhalb
der Skala unseres Barometers - und
Windgeschwindigkeiten bis zu 100 kn. - nur als
Anhaltspunkt: 65 kn. entsprechen 12
Windstärken), erwarten wir in den nächsten
Tagen noch wesentlich höhere Wellen... Das
Weihnachtsdinner besteht aus Lamm- und
Schweinefilet an feinen Kartöffelchen mit
Broccoli - dazu ein Shiraz aus dem Barossa
Valley; zum Dessert tropischer Fruchtsalat aus
Mango, Ananas, Passionsfrucht und Litschi an
Sahne-Rum-Vanille Soße, und im Hintergrund singt
uns der Onnen-Chor seine Weihnachtslieder, dann
folgt als lebenserhaltende Maßnahme noch ein Eau
de Gref ...(weniger wegen des Chors).
Die "Zwölf Apostel"
Da Weihnachten auf
ein Wochenende fällt, werden einfach die beiden
darauffolgenden Werktage zu "public
holidays" erklärt. Einen dieser
zusätzlichen Feiertage verbringen wir beim
australischen Rodeo. Es ist schon eine
erstaunlich Leistung, auf einem bockenden Gaul so
lange sitzen zu bleiben und selbst die Youngsters
mit vielleicht nur 10 Jahren versuchen sich schon
auf jungen Stieren. Schade ist nur, daß diese
Tiere im Grunde lammfromm und zahm sind und nur
durch einen Strick, der eng um ihre
empfindlichsten Teile geschlungen wird, zu
solchen "Wildpferden" gemacht werden.
Obwohl jeder Laden
einen sogenannten "Sale" schon vor
Weihnachten hatte, wird jetzt nach den Feiertagen
im Weihnachtsschlußverkauf unter dem Slogan
"Kaufen sie sich alles, was man ihnen zu
Weihnachten nicht geschenkt hat" mit
massiven Preisreduzierungen geworben, während
die Verbraucherzentralen warnen, daß auch das
günstigste Angebot noch bezahlt werden will. Und
da es letztes Jahr im Gedränge sogar Tote gab,
werben die Läden heute nun auch noch mit
besonderen Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der
gierigen Käufer. Unsere Gesellschaft wird wohl
immer dekadenter und perverser.
Sylvester: Wegen
der extrem hohen Buschbrandgefahr (im Moment
brennen etwa 300.000 ha Buschland, es werden
täglich mehr) gibt es in Australien kein
Feuerwerk. Der 31.12. ist bei den Aussies deshalb
nicht weniger geräuschvoll. Mit kleinen
Papiermützchen (wie in Deutschland beim
Kappenabend an Fasching) und mit kleinen
Pfeifchen, deren Papierschwanz sich abrollt, wenn
man hineinbläst, sehen die Einheimischen doch zu
drollig aus. Man trifft sich im Hotel, und bis
lange nach Mitternacht quietscht und pfeift es
von dort unablässig - erwachsene Menschen! Bei
uns an Bord geht es wesentlich ruhiger zu. Gaby
liest aus ihrem Tagebuch und wir schwelgen in den
Erinnerungen der Details der letzten beiden
Weihnachts- und Sylvesterfeste. Dezember vor zwei
Jahren waren wir noch mitten im Atlantik! Es ist
wunderschön für uns, daß wir uns so jeden
einzelnen Tag unserer Reise immer wieder vor
Augen führen können und die Stunden bis
Mitternacht vergehen wie im Flug. Champagner von
Seppelt's Great Western. Es ist 1994. Happy New
Year!
Nun, obwohl wir
bereits einige Monate hier verbracht haben, haben
wir bei Weitem nicht alles in Australien gesehen.
Doch für die potentiellen Australientouristen
unter Euch, will ich einige Höhepunkte unserer
Ausflüge nicht unerwähnt lassen. Die
Tourist-Information-Büros verteilen meist
kostenlos nicht nur wunderschöne sondern auch
sehr informative Broschüren - ein guter Start!
Wir haben unser Zelt dabei, bei schlechtem Wetter
gönnen wir uns schon mal ein Motel, denn im
australischen Hotel gibt's nur was zu trinken.
In Mooloolaba,
gleich bei uns um die Ecke ist das tollste
Aquarium, das wir je gesehen haben. Man geht in
einem Glastunnel mitten durch die
Unterwasserwelt! Das ist fast so schön wie
Tauchen. Sydney war sicherlich für uns
die beeindruckendste Großstadt mit dem
historischen Circular Quai und der daran
anschließenden Altstadt - den Rocks.
Nicht auszulassen ist natürlich ein Besuch in
der Oper. "Ond jetzt hocket mir Dackel en
Sidnei ond dohoim sott mer d' Bäum
schneide!" Ganz in der Nähe (für
australische Verhältnisse) das Weinanbaugebiet
im Hunter Valley mit der ältesten
Weinkellerei Wyndham Estate. Etwas
südlich davon liegen die Blue Mountains
mit atemberaubenden Ausblicken von hohen Klippen,
den etwa 1000 Stufen des Giant Stairways
und mit bis zu 520 Steigung der steilsten
Eisenbahn der Welt. Wilsons Promontory ist
nicht nur der südlichste Punkt des australischen
Kontinents, sondern auch ein herrlicher
Nationalpark mit tollen Wanderungen und
handzahmen Papageien. Auf Phillip Island
begeistern die nur 30 cm großen Pinguine, die
jeden Abend im Schutz der Dämmerung zu Hunderten
ihre Nester an Land aufsuchen. Faszinierend dann
die Fahrt an der Südküste entlang auf der Great
Ocean Road (wobei sich das
"Great" wohl nur auf den
"Ocean" bezieht) mit tollen Kliffs,
ausgespülten Höhlen und Brücken. Ganz anders
dagegen zeigen sich die Coorongs. Flache
Landschaft, tolle Sanddünen und trockene
Salzseen, die in der Regenzeit Wasserstelle für
zahlreiche Tiere werden. Etwas nordöstlich von
Adelaide liegt das Barossa Valley - ein
Muß für Weinkenner, auch wenn manche
Weinbaubetriebe so abschreckende Namen wie Kaiserstuhl
oder Bernkastel tragen. Penfolds
ist nach eigenen Angaben die größte
Weinkellerei der südlichen Hemisphäre. Im Little
Dessert National Park holten wir uns bei
einer 20 km Wanderung (ganz früh - solange es
noch nicht so heiß ist) zwei Paar Schuhe voll
Sand, treffen doch ein tolle Tierwelt, von wilden
Känguruhs und Emus bis hin zu farbenprächtigen
und unförmigen Echsen. Die Grampians sind
in mehrfacher Hinsicht sehenswert: In Zumstein
sind die Tiere so sehr an Menschen gewöhnt, daß
uns die Känguruhs beim Picnic den Salat vom
Teller fressen, die Kookaburras (eine Art Specht)
die Fleischbrocken von der Gabel holen, noch
bevor wir diese in den Mund kriegen! In dieser
Gegend finden wir unter geschützten Überhängen
alte Felszeichnungen der Ureinwohner und man kann
ganz toll wandern.
Heute, 6. Januar
1994, messen wir läppische 400C im Schatten, und
den wärmsten Tag unserer Reise verzieht sich
Gaby für 5(!) Stunden ins Shopping Center, um
die Klimaanlage zu genießen. Mir rinnt der
Schweiß in Strömen schon beim Gedanken an die
kleinste Bewegung. Da wir nun ja relative lange
in unserer sicheren Marina liegen, kehrt etwas
Routine ein. Täglich arbeiten wir - den
Temperaturen entsprechend - ein bißchen am Boot,
dann geht's ab an den Strand zur Erfrischung und
Ertüchtigung, anschließend gibt's Post: Ja,
Kompliment an (fast) alle, wir erhalten hier doch
fast täglich Briefe, Karten und Faxe, und das
freut uns natürlich riesig - weiter so! Die
Planung unserer weiteren Route steht an, und da
es auch abends noch recht warm ist, halten wir
uns oft bis Mitternacht an einem feinen Shiraz
oder einem Weißen Burgunder fest, um die
richtige Bettschwere zu sichern. Die Hitze ist
unbeschreiblich. 8. Januar, 07:30 Uhr und es hat
bereits 300C. Während wir in Deutschland von sonnenbaden
reden, sprechen die Aussies wesentlich
zutreffender von sun baking! Wenigstens
brauchen wir die Thermoskanne für den Kaffee
nicht mehr, ganz im Gegenteil - wir haben eher
das Problem, ihn auf trinkbare Temperaturen herab
zu kühlen. Ägirs Deck wird so heiß,
daß an barfuß gehen nicht mehr zu denken ist...
Also erweitern wir unsere Projektliste und Gaby
schneidert einen windscoop für Ägir.
Das ist so eine Art Miniatur-Spinnaker, der über
die Luke gehängt wird, und schon weht wenigstens
eine leichte Brise durchs Schiff. Das ganze ist
aus einem leichten Nylon in pink-lila - aus dem
Stoffrest näht Gaby für mich eine kurze Hose -
und so entsteht ein neues, geflügeltes Wort an
Bord: "... und was machen wir aus dem
Rest?" Antwort: "Eine Hose!"
Unsere Bastelarbeiten machen doch richtige
Fortschritte: Die vordere Toilette ist zu einer
schnuckeligen, kleinen Werkstatt geworden, der
CD-Spieler ist in feinem Mahagoni integriert, und
wir sind beide ganz stolz auf die tollen
Ergebnisse von Gabys Lackierarbeiten. Und auch
die kleinen, "unsichtbaren" Projekte in
unserer Liste werden weniger: Korrodierte
Schalter, festgerostete Bowdenzüge, Wartung der
Rettungsinsel, Toilette dichten,
Navigationslichter nieten, Ventile einstellen,
uvam. - wir müssen ja zum 15. Februar ein
schwiegermutter-gerechtes Schiff vorweisen
können.
19. Januar 1994:
Cyclon "Rewa" hat eine ganz
ungewöhnliche Schleife durch den Südpazifik
genommen und steht heute nur noch 150 km vor
der Küste Queenslands. Brisbane Radio prophezeit
uns 50 kn. Wind mit Wellen um die 6 m.
In unserer Marina wird die Welle kein Problem
sein, soweit versteckt wie wir liegen. Dennoch
wechselt unsere Bordroutine, alles was nicht
niet- und nagelfest ist, wird unter Deck gestaut,
Segel sind abgeschlagen und die schweren, langen
Festmacher erblicken seit der Passage durch den
Panamakanal zum ersten Mal wieder das Tageslicht.
Während sich der Wind vorerst noch in Grenzen
hält, regnet es bereits seit 24 Stunden
ununterbrochen wie aus Kübeln und die ersten
Straßen sind wegen Überflutung gesperrt. Und
wieder mal blüht der Sensationsjournalismus:
Wenn man den Nachrichten glaubt, steht uns ein
gewaltiger Kampf mit den Naturgewalten bevor -
Tatsache ist, daß wir nur heftigen Regen, aber
keine nennenswerten Starkwinde spüren, obwohl
das Auge dieses tropischen Wirbelsturms in nur
150 km Entfernung an uns vorbeizieht. Die
verheerenden Buschbrände in New South Wales
werden ebenso intensiv von der Presse
ausgeschlachtet. Wenige Tage später erfährt
man, daß die sensationellen Fotos in einer
Illustrierten Fotomontagen sind - peinlich...
Doris von der Yacht Safari bringt den
neuesten "Stern" aus Deutschland mit.
Der ist nicht besser: 3,6 Millionen kämpfen
um die Olympiastadt Sydney. Also, so ein
Quatsch! Der größte Teil der Feuer brannte in
unzugänglichem Hinterland und wurde gar nicht
erst bekämpft. Die Feuerwehr war (mit Hilfe der
Wehren aus Nachbarstaaten) bemüht, die
Vernichtung von Häusern zu verhindern und einer
der wenigen Freiwilligen wurde im Radio als Held
dargestellt. Lona und Heinz (Ikarus) sowie
Traudel und Horst (La Donnee) waren zu der
Zeit mit dem Schiff mitten in Sydney und haben
sich zu keiner Zeit irgendwie bedroht oder auch
nur eingeschränkt gefühlt. Klar, daß die
Rauchschwaden solcher Buschfeuer sehr weit
sichtbar waren. 24. Januar 1994 - Prince Charles
landet zu einem 3-wöchigen Besuch in Australien
und endlich ändert sich der Inhalt der
Nachrichtensendungen, denn speziell vor dem
Hintergrund der Diskussion, Australien zu einer
Republik zu machen, hat dieser Besuch seine
besondere Würze! Und das Foto am Swimmingpool,
nur mit umgewickeltem Handtuch bekleidet,
übernimmt die Schlagzeilen der Nachrichten: Geht
sein Bauchnabel nun nach innen oder nach außen
...?
Unsere
Seewasserentsalzungsanlage ist eingetroffen, wird
natürlich sofort installiert und ausprobiert. Es
ist schon erstaunlich, welch gute Wasserqualität
dieses Ding selbst aus der trüben Brühe im
Hafen zaubert. Gaby geht inzwischen viermal in
der Woche mit einigen Mädels aus der Marina zur
Aerobic und montags spielen wir jetzt
regelmäßig Squash - es macht uns richtig Spaß,
so wild hinter diesem kleinen Ball her zu rennen,
den Körper richtig auf Betriebstemperatur zu
bringen (was an unserer roten "Birne"
offensichtlich wird), und es tut irgendwie gut,
am nächsten Tag alle Glieder zu spüren.
Inzwischen ist
Anfang Februar und wir erleben jetzt täglich,
daß nun die Regenzeit gekommen ist. Die
weitausladenden Wolkenfelder der tropischen
Wirbelstürme im Pazifik erreichen oft die Küste
Australiens, die Farmer sind dankbar, während
selbst die Hauptstraße nach Townsville wegen
Überflutung gesperrt ist. Innerhalb eines Tages
fällt etwa ein Drittel des jährlichen
Niederschlags von Stuttgart. Und so gibt es auf Ägir
jetzt einen Regenschirm und der Ausgang wird
drastisch reduziert. Ja, Charly, da kommt Hank
Häberle jr. gerade recht zur Unterhaltung! Der
Wetterbericht verkündet: "It looks like a
weekend of movies or scrabble". Nicht so an
Bord, denn dieser heftige Regen deckt auch die
kleinste undichte Stelle im Deck auf, und anstatt
unsere Projektliste abzuarbeiten, wird sie mal
wieder verlängert...
Großereignis Brisbane
Airport, 17. Februar 1994, 05:20 Uhr (morgens!!)
- d. h. für uns, 04:00 Uhr früh losfahren.
Unsere Muttis begleitet von Britta kommen zu
Besuch. Am ersten Tag ist man noch eifrig
bemüht, etwas Urlaubsbräune abzubekommen, am
zweiten Tag zeigt sich schon die leichte Rötung
und am dritten richtige Brandblasen! Wie oft
mußten wir von unseren Muttis hören:
"Paßt auf mit dem Ozonloch!"... Unser
Leben an Bord ändert sich drastisch und wir
verwandeln uns vom Weltenbummler zum Reiseleiter,
denn die unterschiedlichsten Gelüste wollen
gestillt sein: Vom "Einmal im Leben einen
Koala im Arm haben" über das Muschelsammeln
bis hin zum Opalfieber. Und natürlich muß das
"Kleine Schwarze" in die Sydney Oper
ausgeführt werden. Mit etwa 1000 Stufen
bewältigen unsere Besucher wohl die steilste und
längste Treppe und danach stellt sich ein
leichter Knieschlotterer ein. Da werden
Känguruhs gestreichelt, wir baden im klarsten
Süßwassersee, den wir je erlebt haben,
fotografieren Dingos - Wildhunde, die für Fraser
Island so typisch sind - und die Sandflies
demonstrieren uns, daß nicht nur die großen
Reptilien zu fürchten sind. Viel Spaß haben wir
gemeinsam am Strand, sei es bei der
Schlammschlacht der "Jungen", wenn Gaby
"den Schwan" macht, oder wenn eine der
größeren Wellen die Muttis einfach umwirft und
"einsandet". Unsere gemeinsamen drei
Wochen vergehen wie im Flug und die
Souveniersammlung zeigt sich auf der Waage beim
Abflug: 30 kg Übergewicht (entspricht A$ 600).
Unsere
Rennflagge
Von Darwin aus
werden wir an der Hochsee-Regatta nach Ambon
(Indonesien) teilnehmen, mal was ganz anderes.
Na, wer hätte das gedacht: Ägir is racing
home! Der große Vorteil für uns liegt
darin, daß die Regattaleitung den ganzen
indonesischen Bürokram für uns erledigen wird -
zudem kommen wir so in einige der schönsten
Reviere Indonesiens wie z. B. zu den
Gewürzinseln und Celebes. ... und vielleicht
sind wir ein paar Stunden eher dort, falls uns
der Ehrgeiz packt! Für alle Fälle hat Gaby
unter Ausnutzung aller Programmtasten und
Sonderstiche der Nähmaschine schon mal eine
riesige, bunte Rennflagge genäht, die Crew ist
angeheuert, die knallbunten Ägir-Racing
T-Shirts sind bereits fertig gestellt, und
unnötiger Ballast (etwa 1 m3 Südsee-Souvenirs)
wurden Kühne & Nagel anvertraut.
Unsere letzten
Tage in Mooloolaba sind angebrochen und während
unsere Lieben auf dem Weg nach Singapur sind,
vergnügen wir uns einmal wieder mit der
australischen Bürokratie. Also heute wollen sie
für die Verlängerung eines Visums zur
Abwechslung mal eine Bescheinigung der
Krankenkasse - die finanzielle Seite wird ganz
lässig über die Kreditkarten und eine
unbestätigte Aussage zum persönlichen Vermögen
abgehakt. Zum Glück jedoch ist der Beamte für
logische Argumente zu haben und wirft kurz
entschlossen das Deckblatt mit den Angaben in den
Papierkorb, bevor er uns das Visum in den Paß
klebt. Und kaum sind vier Stunden vertrödelt,
dürfen wir uns bis zu unserer Abreise frei im
fünften Kontinent bewegen.
An Bord beginnt
das Projekt "hard dodger": Ein
Australier will uns (für nur $ 15 die Stunde)
helfen, die Sprayhood durch eine
Fiberglaskonstruktion zu ersetzen. Typisch
australisch wird er dabei nichts verdienen - denn
bis Richard die Einkaufsliste zusammen gestellt
hat, sind wir schon fast fertig. Mit ganz neuen
Erfahrungen im Bau mit Glasfaser verstärktem
Kunststoff und Epoxy Harzen. Also das Ankleben
kleiner Stücke wie gestern war ja noch relativ
einfach - heute dagegen kämpfen wir mit den
großen Bahnen, die wir noch dazu über Kopf
ankleben müssen. Dazu muß man vielleicht noch
kurz die zum Einsatz kommenden Materialien
erklären: Also eine Glasfasermatte hat ähnliche
Eigenschaften wie ein wild zusammengefegter
Haufen feiner Glassplitter - zerstreut sich bei
der geringsten Berührung in alle vier
Himmelsrichtungen und in Verbindung mit Kunstharz
wird das Ganze dann auch noch rasiermesserscharf.
Kunstharz auf der anderen Seite stinkt zum
Abgewöhnen und klebt wie der Teufel, natürlich
auch überall dort, wo es nicht hin soll. Gaby
jedenfalls ist einem Schreikrampf nahe, als sie
ihre neueste Frisur im Spiegel sieht:
Wetterfeste, glasfaserverstärkte Strähnchen
glitzern im Sonnenlicht... Dafür sind wir vom
Ergebnis ganz begeistert und hoffen, daß das
Segeln jetzt noch trockener wird!
Tolle Sache, dieses Wetterfax
Rudi und Tom
hatten uns ein Interface besorgt, mit dem wir
unseren Kurzwellensender an den PC koppeln und
damit Wetterkarten per Fax an Bord empfangen
können. Und so sieht das dann derzeit bei uns
aus: Südlich von Sydney liegt ein Hoch, wir
haben schönstes Wetter seit diese Kiste an Bord
funktioniert, doch nördlich von Neu Kaledonien
tummelt sich der tropische Wirbelsturm Usha,
und so bleiben wir halt noch ein paar Tage hier.
Die Düse, die zwischen diesem Wirbelsturm und
dem kräftigen Hoch südlich Australiens besteht,
sorgt für soviel Wind, daß zum ersten Mal, seit
wir hier sind, alle Strände wegen zu
gefährlicher Wellen zum Baden gesperrt sind. Und
wie es der Zufall so will, liegt ein weiterer
Cyclone zwischen Vanuatu und Fiji. Sein Name:
Tomas! Abb 8-13 Dieses Wetterfax ist wirklich
eine tolle Sache!
Wir sind bereit,
unsere Reise fortzusetzen, als wir im Hafen, an
unserem Liegeplatz von einem Australier am Heck
gerammt werden. Zunächst sieht es so aus, daß
nur die Davits verbogen sind - aber so kräftig,
daß sie nicht mehr zu reparieren sind und durch
neue ersetzt werden müssen. Genauere Prüfung
ergibt dann, daß auch unsere
Windselbststeueranlage in Mitleidenschaft gezogen
ist. Die Hauptachse ist verbogen und die
Pendelachse so krumm, daß sich das Ganze noch
nicht mal mehr zerlegen läßt. Unser Kontrahent
Ian - den wir inzwischen liebevoll
"Ramm-Bow" nennen - ist bereit, für
den Schaden aufzukommen, wird aber täglich in
dem Maße bleicher, wie die Kostenvoranschläge
eintreffen. Es werden wohl so um die DM 15.000
zusammen kommen... In Australien gibt es keinen
vorgeschriebenen Führerschein für Sportboote,
und so ist halt allerhand Inkompetenz unterwegs.
Eine andere, neue Yacht hat zwar schon den Mast
stehen, jedoch ohne Vor- und Achterstag, und für
uns ist es nur eine Frage der Zeit, wann dieses
Ding umknickt und weiteren Schaden anrichtet.
Eine dritte Yacht hat an der Beleuchtung Rot und
Grün vertauscht - hoffentlich begegnet der uns
nie nachts! Für uns liegt der Hauptstreß in der
Frage, ob wir denn hier rechtzeitig losfahren
können - aber keine Bange, Barbara und Rudi
retten mal wieder die Ägirs. Doch wie so
oft, ist die Liste in unserem
"Bruchbuch" endlos und wir verbringen
typische Urlaubstage, während wir auf unsere
letzten Teile aus Deutschland warten.
30. April 1994, es
ist soweit. Die Anzahl unserer Bekannten und
Freunde auf dem Steg ist faszinierend, als wir
unsere Leinen loswerfen und vor allem beim
Abschied von Jacqueline kämpft Gaby gegen die
Tränen. Nach sechs Monaten
"Winterschlaf" ist unsere erste Etappe
wieder ganz schön aufregend. Vorbei an Fraser
Island sind es etwa 230 sm bis Lady Musgrave,
dem südlichen Anfang des Great Barrier Reefs.
Und obwohl wir ja nun auf unserer Reise sehr
viele Inseln und Atolle erlebt haben, Lady
Musgrave zeigt sich wieder ganz anders: Dicht
bewaldet mit einer phantastischen Vogelwelt.
Nicht nur Möwen, Fregattvögel und Tölpel, was
ganz Spezielles sind hier die "White Headed
Noddies". Teilweise sind die Bäume so dicht
mit Vogelnestern bestückt, wie bei uns ein
Apfelbaum mit Äpfeln! Besonders faszinieren uns
die kleinen Vögel, die am Strand mit ihrem
kleinen Kopf große Steine umdrehen, auf der
Suche nach Krebsen und anderem Getier. Gaby
sammelt wieder Muscheln und Schnecken, und für
mich ist einfach toll, wieder in einer Lagune zu
ankern, der Blick kann ungehindert bis an den
Horizont schweifen - und nicht nur bis zur
nächsten Leuchtreklame - nur die 0,15 km2 kleine
Insel ganz in der Nähe. Das Wasser ist klar und
riesige Schildkröten bevölkern die Lagune. Ende
des 19. Jahrhunderts wurden hier von
Engländern Ziegen ausgesetzt, um
Schiffbrüchigen Nahrung zu bieten. Ob wohl
jemals ein gestrandeter Seemann eine solch
berggängige Ziege zu fassen gekriegt hat?
Unser nächster
Schlag bringt uns nach Great Keppel Island.
Gut geplant (wir sind ja inzwischen im Barrier
Reef, und wegen Korallen, Riffen,
Gezeitenströmen kann man nicht einfach nur so
drauflos segeln) starten wir gegen Mittag von
Lady Musgrave, um am nächsten Morgen auf Great
Keppel anzukommen. Rudi, Du solltest mal sehen,
was unser neuer Unterwasseranstrich Marke racing
blue so anrichtet: Trotz gereffter Fock, ohne
Groß und mit gerefftem Besan können wir es
nicht verhindern, daß wir einen Schnitt von 8
kn. laufen - das ist absoluter Rekord für Ägir
(Anmerkung von Townsville Radio: "Strong
wind warning is enforced for costal waters in
Queensland). Und so fällt bereits mitten in der
Nacht um 03:00 Uhr unser Anker. Wir haben
offensichtlich inzwischen genügend Vertrauen in
GPS und Radar. Das Erwachen ist mal wieder toll:
2 km feiner Sandstrand ganz für uns alleine.
Beiboot raus und nix wie hin! Auf der Fahrt
hierher überqueren wir den südlichen Wendekreis
und sind somit wieder richtig in den Tropen.
Obwohl die Insel von See aus ganz grün bewachsen
aussieht, ist die Vegetation eher ärmlich und
karg - keine Spur von Regenwald, Kokospalmen,
tropischen Früchten oder dergleichen.
Auf dem Weg von
Great Keppel Island nach Pearl Bay
überraschen uns hunderte von Schmetterlingen.
Obwohl wir etwa 10 km vom Land entfernt
segeln, schaffen es diese so ungelenk scheinenden
Flieger offensichtlich mühelos, trotz
20 kn. Wind gegenan zu flattern. Verborgen
bleibt uns, was diese Tiere soweit auf See hinaus
zieht.
Während wir uns
auf South Percy Island tummeln bildet sich
bei Papua Neu Guinea ein kräftiges Tief. Da sich
so was in dieser Jahreszeit noch zum Cyclon
entwickeln kann, segeln wir noch nachts direkt
nach Mackay, dem größten
Zuckerverladehafen der Welt. Ihr könnt Euch
sicherlich vorstellen, wie romantisch wir
zwischen diesen riesigen Piers und Terminals
ankern - aber Sicherheit geht vor. Und bisher hat
uns das tropische Barrier Reef auch noch nicht
sehr begeistert: Oft ist das Wasser trüb wegen
der geringen Tiefe und der kräftigen
Gezeitenströme, die Ankerplätze werden fast
ausnahmslos von sehr viel Schwell heimgesucht und
sind dementsprechend rollig (wir haben in den
letzten 14 Tagen mehr Glas zerbrochen als auf
unserer ganzen Reise von Italien nach
Australien), vielleicht sind wir doch einfach zu
sehr von der Südsee verwöhnt.
Das
Stimmungsbarometer an Bord ist nur 20 sm
weiter wieder auf Höchststand: Wir ankern vor Brampton
Island - ein ruhiger Ankerplatz und dazu
endlich blauer Himmel. Und auf unserem
Inselrundgang wird es dann richtig
australisch-tropisch: Erst überrascht uns ein
riesiges Känguruh, das unerwartet aus dem Busch
bricht, wir sehen ein Emu, riesige Echsen und
ständig wechselnde Vegetation. Zeitweise gehen
wir durch richtige Wolken von Schmetterlingen,
und hier sehen wir auch neben Kakadus die
buntesten und lautesten Papageien unserer
bisherigen Reise. Auf dem Rundweg hören wir ein
Gekreische, das wir wieder für Papageien halten
- aber es ist nichts zu sehen: Also gehen wir vom
Weg ab, ins dichte Unterholz, und nach nur
50 m sehen wir, wie über uns in den
Baumwipfeln riesige Flederhunde toben. Wer
glaubt, die sind nur nachts aktiv hat weit
gefehlt! Diese Tiere sehen aus wie Fledermäuse,
haben eine Spannweite bis zu 1,50 m und
leben - Graf Dracula zum Trotz - ausschließlich
von Früchten. Erstmals entdecken wir
Weberameisen, die sich ihre Nester nicht wie zu
Hhhhhhhhhhhause in der Erde schaffen, sondern
Blätter von Bäumen so zusammen spinnen, daß es
für uns zunächst so aussieht, wie wenn ein
Kohlkopf auf dem Baum wächst. Und an unserem
Ankerplatz zeigt sich schließlich noch ein
Dugong.
Nun, die
Whitsunday Islands wurden von allen Australiern
als das Nonplusultra gepriesen. Wir finden das
Wasser wieder etwas trübe und immer noch
ziemlich frisch. Obwohl wir meist extrem flach
ankern, sehen wir bei nur 3 m Wassertiefe
noch nicht mal auf den Grund. Also hoppeln wir
durch diese Inselwelt von einer Bucht in die
andere und sind angesichts der vielen
Vorschußlorbeeren eher enttäuscht. Der einzige
Superlativ sind die Preise. So bezahlt man für
eine Nacht auf einem Inselhotel $ 250, für
einen Tauchgang $ 115 und anstatt in einer
ruhigen Bucht mit Sandstrand zu ankern, kann man
in der Marina auf Hamilton Island für $ 50
eine Nacht festmachen. Stellt Euch vor, Ihr bucht
eine Traumreise in ein Ressort in den Whitsundays
zu diesen horrenden Preisen und seid dann in
einem Bau untergebracht, gegen den die Nellingen
Barracks wie ein Luxushotel aussehen!
In einer ruhigen
Bucht in Whitsunday Island treffen wir auf
unsere holländischen Freunde Anja und Bram von Tarpan,
die wir seit über einem Jahr nicht mehr
gesehen haben. Sofort werden Pläne geschmiedet
und zusammen erklimmen wir den höchsten Berg der
Insel. Dort oben werden wir mit einem
phantastischen Ausblick auf die ganze Inselgruppe
belohnt. Bei dieser Gelegenheit sehen wir die
erste freilebende Schlange, die aber sofort das
Weite sucht, als sie uns hört. Hier erleben wir
nebenbei die lustigste (?) Episode der letzten
Wochen: In den Nachrichten hören wir etwas von
einer Flutwelle in den Whitsundays, denken an
einen unterseeischen Vulkanausbruch oder so was
ähnliches und hören genauer hin. Ein
Charterboot ankert in 3 m Wassertiefe mit
3 m Kette. Damit ist der Anker am Grund und
alles klar - logisch, oder? Nach ihrem Landgang
(und auflaufender Flut) mußten sie leider
feststellen, daß ihr Boot nicht mehr da war. Die
Küstenwache fand es treibend 20 sm weiter.
Australische Segelkompetenz (siehe Ramm-Bow).
Die Zeit ist um
3000 Jahre zurückgestellt, als wir auf Hook
Island eine Höhle mit Felszeichnungen von
Aboriginees, den Ureinwohnern Australiens finden.
Ziemlich primitiv sind die Motive, und doch ist
es für uns beeindruckend, daß hier vor so
langer Zeit bereits Schiffahrt und Fischfang
betrieben wurden. Das Wasser ist zwar immer noch
etwas trübe, doch das Riff in der Butterfly Bay
ist ganz nett. Wir weihen unser
Unterwasser-Videogehäuse ein, denn wir wollen
damit vertraut sein, falls wir vielleicht doch
noch irgendwann mal in diesem weltberühmten
"Tauchparadies" Barrier Reef klares
Wasser finden sollten....
Dringende
Reparaturarbeiten an Zähnen, Vorstag, Autopilot
und Genua verschaffen uns ein paar Hafentage in Townsville.
Die intimen Kenner der englischen Sprache unter
Euch können sich vorstellen, wieviel Spaß wir
beim Besorgen unserer Ersatzteile für ein
Kugellager haben, mit der Frage: "Do you
have metric balls?". Das Leben im
nördlichen Australien ist wesentlich entspannter
als im Süden. Standardredewendung: "She'll
be all right, mate!" (Wird schon werden,
Kumpel). Während wir inzwischen gewohnt sind,
Restaurants zu finden, in denen man für einen
festen Preis so viel essen kann, wie man will,
finden wir in Townsville die passende Ergänzung:
Für $ 20 bekommt man ein Steak und kann
trinken so viel man will. Nachdem die Zähne und
die Genua geflickt sind, genießen wir einen der
wenigen Tage unserer Reise, an denen die Liste im
Bruchbuch auf Null (0!) geschrumpft ist.
Frei
lebender Koala in Grundstellung
Ein Spaziergang
auf Magnetic Island beschert uns eine
besondere Überraschung: Wir sehen den ersten
freilebenden Koala im Wald! Ich weiß zwar nicht
warum, aber so in freier Wildbahn scheinen sie
noch kuschliger und niedlicher zu sein. Und
während wir auf der Weiterfahrt - wie immer -
angeln, bemerken wir, daß uns direkt an unserem
Heck, im Wirbel des Ruderblatts, ein ganzer
Schwarm bunter Fische begleitet. Unser Köder
bleibt heute leider unbemerkt.
Orpheus Island
beschert uns einen beeindruckenden
Schnorchelgang: Wir entdecken zwischen dichten
Korallen riesige Mördermuscheln, deren Lippen
wunderschön grün und blau gepunktet sind. Mit
ihren gigantischen Mund- und Afteröffnungen
sehen sie ziemlich obszön aus. Ansonsten glänzt
das australische Department of Conservation an
einem historischen Eßplatz der Aboriginees mit
der schlichten Erläuterung auf einer
Hinweistafel: "You can learn a lot
here".
Mit faszinierenden
Kontrasten - über 1000 m hohe, schroffe
Berge - und davor ein Mangroven-Dschungel - so
empfängt uns Hichinbrook Island. Wir
ankern am friedlichsten Ort der Welt: In einem
kleinen Bach mitten zwischen den Mangroven,
weitab jeglicher Zivilisation, wir hören
ausschließlich die Stimmen und Geräusche des
Urwalds und ertappen uns dabei, wie wir uns im
Flüsterton unterhalten. Stundenlang treiben wir
mit der Tide durch die Seitenarme dieses
dichtbewachsenen Seegebiets. Eigentlich sind wir
auf der Suche nach Salzwasserkrokodilen, aber
noch nicht mal eine Spur davon. Dafür kreist
über uns ein Seeadler, wir entdecken mehrere
herrlich blaugrün schillernde Eisvögel, und das
Ungewöhnlichste für uns sind die
Schlammspringer: Fische, die mit ihren Flossen
wie mit Beinen über die trockenfallenden
Schlammablagerungen in diesem Sumpfgebiet gehen
und sogar auf die Mangroven klettern.
Offensichtlich haben sie sich auf dieses Leben
spezialisiert, denn sie sind viele Minuten an
Land, ohne daß ihre Kiemen austrocknen und
bewegen sich ganz behende. Ganz erstaunt sind
wir, als in diesem schlammigen, seichten Bach
drei kleine Wale auftauchen.
Das gesamte Great
Barrier Reef ist - mit Ausnahme von ein paar
Urlaubs-Resorts - Naturschutzgebiet und damit
unbewohnt. Die drei Tage in Townsville
ausgenommen, haben wir seit fast zwei Monaten
keinen Australier mehr gesehen. Einmal mehr:
Natur pur.
Cairns. Wir
benutzten heute ein für uns ganz ungewöhnliches
Transportmittel: Die Eisenbahn. In Wagons aus dem
frühen 20. Jahrhundert fahren wir etwa
90 Minuten lang in das bergige Hinterland
nach Kuranda. Die waghalsige Stecke über
tiefe Schluchten und Wasserfälle, durch 15
Tunnels, entlang steilabfallender Klippen, wurde
schon 1891 als Zugang zu den im Hinterland
entdeckten Zinn- und Goldminen errichtet. In
Kuranda begegnen wir zum ersten Mal Aboriginees.
Ihr Stamm nennt sich Tjapukai - was so
viel bedeutet wie: Regenwald. Die
"Abos" sehen ziemlich grimmig aus und
sind alles andere als attraktiv. Wir erfahren,
daß der Boomerang aus Brettwurzeln geschnitzt
wird, und zwar derart, daß ein Arm aus
Wurzelholz, der andere aus Stammholz ist - also
genau aus dem Teil des Baumes, an dem der Stamm
in die Wurzel übergeht. Das Didgeridoo - dieses
oboenartige Blasinstrument - wird aus Ästen
gemacht, die bereits von Termiten ausgehöhlt
wurden, und so muß man sie nur noch reinigen.
Sie erzählen uns, wie mit dem Boomerang gejagt
wurde, wie man mit zwei Holzstöckchen und etwas
trockenem Gras ein Feuer entfacht, wie man das
Didgeridoo spielt (der Trick besteht darin, daß
man mit dem Mund bläst, während man
gleichzeitig durch die Nase einatmet), und was
die Zeichnungen an ihren Körpern bedeuten: Sie
identifizieren sich meist mit einem Tier, so ist
der eine ein Känguruh, der andere eine
Schildkröte und ein weiterer ist ein Baum. Als
"Farbe" dient einfach Erde oder
zerriebene Steine. Bei den Tänzen, die sie uns
vorführen, imitieren sie meist Tiere aus ihrer
näheren Umgebung: Das hüpfende Känguruh oder
den Kranich, der im Sumpf nach Nahrung sucht.
Ihre Sagen und Geschichten sind ganz interessant:
Es sind dort z.B. Wasserlöcher beschrieben,
deren Benutzung verboten war, weil sie einem
bestimmten Geist gehören - heute stellen
Wissenschaftler fest, daß es Wasserlöcher gibt,
deren Wasser für den Menschen tödlich ist! Ihre
Vorzeit nennen sie dreamtime, und die
Anzahl von Erzählungen der Alten sind fast
unerschöpflich. Sie pflegen noch ihre
ursprüngliche Sprache, und wir haben einige
Aha-Erlebnisse: Mooloolaba heißt soviel
wie "Platz der schwarzen Schlange", Noosa
heißt "Geist" oder auch
"Schatten" und Maroochydore
steht für "Platz des schwarzen
Schwans".
Das Verhältnis
zwischen Schwarz und Weiß ist nicht gerade
harmonisch. Gab es in den USA zwischen Indianern
und Weißen die Vereinbarungen von Fort Laramie
oder in Neuseeland mit den Maoris den Vertrag von
Waitangi, so gibt es bis heute noch kein
gemeinsames Verständnis zwischen der
australischen Regierung und den Aboriginees, wem
eigentlich das Land gehört. Um die schwarze
Minderheit (es gibt nur noch etwa 150.000
Ureinwohner) zu beruhigen, pumpt Canberra viele
Dollars als "Sozialhilfe" in ihre
"Reservate". Damit haben es die
Aboriginees, die seit zehntausenden von Jahren
als Nomaden der Wüste sehr genügsam gelebt
haben, nicht wirklich nötig, zu arbeiten und
mehr Geld zu verdienen. Nirgends in Australien
haben wir einen Schwarzen als Bankangestellten
oder auch nur als Kassierer im Supermarkt
gesehen. Fragt man die Weißen, dann sind die
"Abos" nur faul und besoffen (wir
kennen auch weiße Aussies, die beim Frühstück
schon die zweite Dose Bier öffnen), vielleicht
hat man sich aber einfach nicht die richtige
Mühe gegeben, ihnen zu helfen, die plötzliche
Umstellung auf ein neues Leben in westlichem
Sinne zu meistern. Wir sind jedenfalls ganz
beeindruckt von dem, was wir hier erlebt und
erfahren haben.
In der letzten
Woche hatten wir zwei Jubiläen: Einmal sind wir
nun seit über 1000 Tagen unterwegs, und zweitens
sind gerade mal so zwanzigtausend Seemeilen voll
- unglaublich, nicht wahr? Das Abendessen
anläßlich unserer 20.000 Seemeilen wird etwas
ganz Besonderes: Neben den landesüblichen
Spezialitäten wie Krabben, Prawns, Tintenfischen
und Hummern stehen heute auch Känguruh-Ragout,
Büffel-Goulasch und eine Art Ravioli mit
Krokodilfleisch auf dem Tisch. Dazu ein Fläschle
australischen Chardonnays - wir lassen es uns mal
wieder richtig gut gehen ...
Cairns lebt
fast ausschließlich vom Tourismus. Riesige
Hochseekatamarane schippern täglich Tausende von
Urlaubern in die Riffe und auf die kleinen Inseln
vor der Stadt. Ocean Spirit - einer dieser
Segler mit 160 Gästen an Bord - fährt abends
bei seiner Rückkehr ungewöhnlich nahe an
unseren Ankerplatz im Fluß und wir wundern uns
nicht schlecht, als der Kapitän herüber ruft:
"Hi Gaby and Jochen!". Es ist doch
tatsächlich Mike, den wir mit seiner privaten
Yacht vor zwei Jahren in Rarotonga kennengelernt
haben und der unser Schiff wiedererkannt hat. Wir
sind prompt abends zum Essen eingeladen und
erleben einige wirklich interessante Stunden, von
den "Geheimtips" zum Tauchen im Riff
bis hin zu den Insider-Informationen der
Tourismus-Industrie.
Zu unserem dritten
Hochzeitstag wartet Gaby mit einer ganz
besonderen Überraschung auf: Tickets für einen
Rundflug über das nahe Barrier Reef. Dieser Flug
wird zu einem unvergeßlichen Erlebnis, einer der
wirklichen Höhepunkte unserer Reise mit einer
Perspektive, wie wir sie noch nie hatten und wohl
so schnell auch nicht wieder haben werden. Wer
kennt nicht diese kleine Sandbank mit einer Palme
mitten im Ozean aus den Witzblättern? - Hier
sind sie Wirklichkeit, und noch viel mehr.
Umgeben vom Barrier Reef, das im Sonnenlicht in
unbeschreiblichen Farben von braun über gelb,
grün, türkis bis ins tiefe dunkelblau
schillern. Wir können uns einfach nicht
sattsehen an diesem Farbenspiel und eines ist
klar: Hier im Fluß vor der Stadt hält uns
nichts mehr, morgen geht's Anker auf und ans Michelmas
Reef.
Besuch an
Bord
Die Strecke, die
wir gestern im Flieger in nur 10 Minuten hinter
uns gebracht haben, erledigen wir heute mit gutem
Wind in 5 Stunden. Wir liegen dicht hinter dieser
kleinen Sandinsel sicher an einer der riesigen
Festmachetonnen, die Mike als "zur Zeit
unbenutzt" empfohlen hat. Das Wasser ist
klar. Das Barrier Reef sieht endlich so aus, wie
auf den Postkarten. Kaum hat das Touristenschiff
abgelegt, steigen wir natürlich in unser Dinghi.
Die Sandinsel umgeben von den traumhaften
Wasserfarben ist an sich schon ein einzigartiges
Naturschauspiel und dann dazu noch diese
unglaublich große Brutkolonien. Bis zu 30.000
Vögel bevölkern angeblich dieses Eiland. Nur
ein kleiner Teil der Insel ist für Besucher
zugänglich, der Rest ist reserviert für diese
Vögel und es ist schön zu sehen, daß es auch
ohne Aufsichtspersonen und mit jeder Menge
Touristen funktionieren kann. Wie schon in
Galapagos, so sind auch hier die Vögel gar nicht
scheu und lassen sich aus nächster Nähe
beobachten. Auf dem Cay erwarten uns Tausende von
kreischenden Seevögeln, Maskentölpel,
Seeschwalben und eine Mövenart mit einem Schopf
wie ein Wiedehopf. Hier ist mal wieder das
ungestörte Paradies. Und vom in Tarnfarben
gefleckten Ei bis hin zu Kücken in jeder Größe
ist alles vertreten, selbst den werbenden
Brauttanz können wir beobachten. Ägir
ist für die letzten Stunden des Tages Rastplatz
für zahlreiche Boobies, die auch überhaupt
keine Scheu zeigen. Denn immerhin sitzt Gaby kaum
einen Meter entfernt und studiert fasziniert ihre
Reinigungsarbeiten, die offensichtlich ihre
gesamte Aufmerksamkeit absorbiert. Und obwohl so
ein Boobie mit seinem beige-braunen Federkleid
nicht gerade auffallend schön ist, hat die Natur
ihm doch etwas Besonderes mitgegeben: Einen
zartrosa farbenen Schnabel mit brauner Spitze und
stahlblaue Augen, die so richtig intensiv die
Welt betrachten. Mit den letzten Strahlen der
untergehenden Sonne dann, haben bereits sieben
Vögel von unserem Bugkorb Besitz ergriffen. Aber
Vogelschiß an Deck soll ja dem Seefahrer Glück
bringen. Am nächsten Morgen tauchen wir zum
ersten Mal seit Vanuatu wieder. Vielfältige
Korallen, fast ebenso bunt wie die vielen Fische,
die sie bevölkern. Auch hier sieht das Great
Barrier Reef endlich so aus, wie das seit
800 sm erhofft hatten, wie es die
Broschüren der Reiseveranstalter versprechen.
Nach unserem ersten Tauchgang laden wir das
Tauchzeug gar nicht mehr aus dem Beiboot, denn
ein zweiter Tauchgang muß unbedingt noch folgen.
Es ist einfach zu faszinierend.
Die Boobies haben
sich unseren Bugkorb wirklich angeeignet. Um den
Vogelschiß an Deck zu vermeiden, versuche ich,
das Landen dieser riesigen Vögel zu verhindern.
Und sie zeigen dabei so wenig Scheu, daß ich sie
doch tatsächlich anfassen und am Flügel
streicheln kann. Ich biete ihnen einen Besenstiel
als Ersatzlandeplatz und kann sie damit über das
ganze Schiff tragen - es sind wahre Haustiere
geworden.
Low Islet
ist unser nächster Ankerplatz. Eine kleine
Insel, mit einem klassischen Leuchturm aus dem
19. Jahrhundert mitten zwischen ein paar
Palmen. Ein wirklich romantisches Plätzchen und
wie schon so oft sehen wir riesige
Wasserschildkröten um das Schiff schwimmen.
Seit 14 Tagen sind
wir nun mit leerem Bruchbuch unterwegs und es
wird endlich mal wieder Zeit, Ersatzteile zu
besorgen und zu basteln - also legen wir einen
Zwangs-Hafentag in Port Douglas ein. Wider
Erwarten ist unser Teil in einer Mobil Tankstelle
am Lager und Ägir ist wieder top fit.
Port Douglas ist ein kleines und doch ganz
niedliches Städtle. Da in Cairns sowohl der
Bruce Highway als auch die Eisenbahnlinie enden -
weiter nach Norden geht's nur mit dem Boot oder
dem Four-Wheel-Drive, merken wir deutlich, daß
Port Douglas am Ende der Welt zu liegen scheint
und ausschließlich von den Touristen, die von
hier aus ins Barrier Reef zum Tauchen fahren,
lebt.
Tiefblaue
Lagune bei Lizard Island
Wie schon so oft
im Südpazifik, wandern wir auf Lizard Island
mal wieder in den Fußstapfen von Captain Cook.
Während im Kartentisch unsere detaillierten
Seekarten liegen und wir auf dem 358 m hohen
Gipfel nur die schöne Aussicht genießen, nutzte
er diesen Ausblick, um einen Ausweg aus diesem
scheinbar undurchdringlichen Labyrinth von Riffen
zu finden. Lizard Island bietet einen tollen
Kontrast: Felsen und Vegetation erinnern uns eher
an den Gotthard Pass, wogegen die Lagune tropisch
türkisfarbenes Wasser zeigt. Wir wollen einige
Tage hier "Urlaub" machen, denn das
Wasser ist toll klar und damit schnorcheln und
tauchen bestens. Riesige Wasserschildkröten
zeigen sich um das Boot und die Korallenstöcke
sind von den buntesten tropischen Fischen
bevölkert. Seeanemonen, Stein- und
Geweihkorallen, Tisch- und Pilzkorallen,
Lederkorallen, riesige Mördermuscheln, filigrane
Spiralfliederwürmer, weiße Haarsterne,
Seegurken, mächtige Dornenkronen-Seesterne,
Seescheiden, bunte Fahnenbarsche, wir sehen den
Juwelenbarsch mit seinen leuchtend blauen Tupfen,
Schnapper, Falterfische, Wimpelfische,
Kaiserfische, Anemonenfische (die sich bei
Annäherung in eine der großen Meeresanemonen
zurückziehen), Lippfische, Papageifische, die am
Riff knuspern, kurz, die Vielfalt an Korallen und
Fischen ist überwältigend und bietet fast
alles, was unser Bestimmungsbuch tropischer
Meerestiere zu bieten hat. Unsere Tauchgänge
werden durch den Besuch der Forschungsstation
noch vertieft. Man studiert hauptsächlich das
biologische Gleichgewicht des Riffs und
veranlaßt unter anderem die Regierung in
Canberra zur Einrichtung von Schutzzonen, zum
Erlaß von Fangquoten, Festmachertonnen werden
ausgelegt, um das Ankern auf Koralle zu
verhindern, etc. Ein anderes Projekt beschäftigt
sich mit der Tatsache, daß z.B. Weichkorallen
keinerlei anderen Bewuchs um sich herum aufkommen
lassen, und man versucht zu verstehen, warum - um
so vielleicht eine biologisch gut verträgliche
Farbe für Unterwasserschiffe zu schaffen, die
nicht so giftig ist, wie die heute gängigen
Antifoulings. Wissenschaftler aus aller Welt
sammeln hier Daten, und wir sind ein bißchen
stolz darauf, daß neben der australischen
Wirtschaft die BRD als einziges Land zu den
Sponsoren gehört - ich denke, hier ist wirklich
mit wenig Steuergeld viel Gutes geleistet.
Die Wanderung auf
die gegenüberliegende Seite der Insel bringt uns
von einem Traumstrand zum anderen, und wie schon
so oft, sind wir ganz alleine hier. Es ist für
uns ganz unverständlich, daß viele Yachties
hier abends ankommen, ankern, und am nächsten
Morgen gleich wieder weiter ziehen, ohne auch nur
an Land zu gehen. Die Anfrage bei einem Fischer,
der hier mit uns ankert, ob wir bei ihm Fisch
kaufen können, zeigt ein unerwartetes Ergebnis:
"Nein - aber kommt doch einfach heute abend
an den Strand, dann machen wir ein
"Barby". Wir bringen Getränke, Salat
und Nachtisch, die Fischer bringen verschiedener
Fische (von Coral Trout über Brassen bis hin zum
Red Emperor), die wir uns am Lagerfeuer munden
lassen. Und ähnlich wie bei einer Weinprobe,
werden durch das direkte Nebeneinander die
verschiedenen Geschmacksrichtungen besonders
deutlich. Ein wirklich gelungener und
harmonischer Abend - und im letzten Mondlicht
schaffen wir es mit vollen Bäuchen gerade noch
an Bord.
Wie verabredet,
starten wir in aller Frühe mit Anja und Bram von
Tarpan an Bord in Richtung Außenriff zum
sogenannten "Cod Hole" - einem der
bekanntesten Tauchplätze im Riff. Gute 20 bis 25
Knoten Wind auf die Nase, lassen die ersten
Meilen unserer Fahrt der Insel entlang gang
schön naß und ruppig werden. Aber es sind ja
nur 16 Meilen und unsere Batterien freuen sich
genauso über den Strom wie sich Gaby über das
viele tolle Trinkwasser aus der
Seewasserentsalzungsanlage freut. Erst kurz vor
der Riffausfahrt sehen wir die Brecher, die die
frische Brise heute in schöner Regelmäßigkeit
über die Korallenbänke jagt und zu unserem
Schrecken sind doch die beiden Festmachetonnen
bereits von Tauchbooten belegt. Also suchen wir
uns kurz entschlossen ein Fleckchen eigenen
Sandes und lassen den Anker fallen. Allerdings
beschließen wir in zwei Gruppen zu tauchen,
damit wir Ankerwache halten und wirklich in Ruhe
unsere Tauchgänge genießen können.
Faszination Tauchen am Barrier Reef
Kaum hat sich
Gabys Blick in die Tiefe gerichtet, als sich auch
schon aus dem schummrigen Licht der Tiefe einige
große Fische erkennen lassen, denn leider ist
aufgrund der Bewölkung die Sicht nicht so ideal.
Meter um Meter tauchen wir langsam entlang der
Ankerkette ab und immer deutlicher werden unsere
Begleiter. Gute 1 bis 1,50 m große Potato
Cods (eine Art Barsch), eigentlich eher
unauffällige Tiere mit ihrem weißen
Schuppenkleid, das mit schwarzen Punkten verziert
ist. So richtig beeindruckend und beängstigend
werden sie halt durch ihre enorme Größe. Und so
verhält sich Gaby zu Anfang auch eher defensiv
und beobachtet Anja, die so völlig sorglos ihr
Brot verteilt und ohne jede Scheu jeden Fisch,
der auf Armlänge heranschwimmt, streichelt. Ja,
das wäre auch so geblieben, tauchte da nicht
plötzlich "Onkel Sam" auf. In seiner
Körpergröße stand er Gaby wohl in wenig nach,
dazu dieser so typische, leicht vorgeschobene
Unterkiefer, die großen, hochliegenden Augen mit
dem Rundumblick und einen weit geöffneten
Rachen, der unser Brot staubsaugergleich
aufnimmt. Kurz gesagt, Sam ließ sich von Gabys
Scheu überhaupt nicht beeindrucken und so
spritzte sie ihn voll Sand, stolperte über
Korallenblöcke nur um festzustellen, Sam ist ihr
immer noch so nahe. Schließlich versucht sie es
mit anfassen. Denn welcher Fisch läßt sich
schon gerne streicheln? Nun, wir scheinen die
Ausnahme gefunden zu haben, denn Sam scheint sich
so richtig vor Wohlbehagen zu schütteln, wenn
Gaby ihn am Kinn krault. Ihre Sinne sind so
darauf fixiert, daß sie total erschrickt, als
sie plötzlich nur noch grün sieht. Aber auch
der Napoleonfisch - zum Glück etwas kleiner und
zierlicher - scheint Gabys Frisur mit
verlockendem Seegras zu verwechseln. So vergeht
eine halbe Stunde unter Wasser wie im Fluge und
Gaby hatte gar keine Zeit, zu frieren. Nur wenige
Meter unterhalb der Wasseroberfläche
verabschiedet sich Sam dann von unseren Flossen,
denen er wie ein Hund gefolgt ist. Völlig
aufgedreht kommen wir zurück an Bord und
während des kurzen Imbisses ist natürlich Sam
unser Hauptthema. Und das ist auch nicht viel
anderes, als wir nach einer schnellen und
wesentlich bequemeren Rückreise noch ein
Gläschen Sekt und Penne Gorgonzola gemeinsam
genießen. Mit Sicherheit ein würdiger Rahmen
für ein Erlebnis ganz besonderer Art. Unsere
anfängliche Enttäuschung über das Great
Barrier Reef ist ganz ins Gegenteil umgeschlagen.
Die letzten paar
hundert Meilen entlang der Küste innerhalb des
Riffs zum nördlichsten Punkt des australischen
Kontinents werden uns bestimmt nicht langweilig -
die Navigation ist hier eine
Vollzeit-Beschäftigung. Die Landschaft dagegen
wird sehr karg, trocken, und wirkt trotz einiger
Bäume und Büsche fast wüstenhaft. Hier wohnt
kein Mensch mehr, seit Tagen sehen wir nachts
kein einziges Licht an Land - wenn irgendwo auf
dieser Welt der Hund begraben ist, dann hier!
Dennoch sind angeblich jedes Jahr 19.000
4-Rad-getriebene Fahrzeuge auf dem Weg von Cairns
zum Cape York. Wenn man davon ausgeht, daß in
der Regenzeit dieses Stecke schlicht unpassierbar
ist, und daß alle bei Tageslicht fahren, dann
bedeutet das für das 7-Häuser-Dorf Portland
Roads immerhin 10 Fahrzeuge in der Stunde!
27. Juni 1994,
12:34 Uhr - wir runden den nördlichsten Punkt
des australischen Kontinents: Cape York. Die
Klippe ist so wenig beeindruckend, daß Gaby noch
nicht mal den Foto zückt. Beeindruckend sind
hier dagegen die Gezeitenströme: Obwohl die
Logge nur 5 kn zeigt, machen wir bis zu 10 kn
Fahrt über Grund! Papua Neu Guinea liegt nur
150 km nördlich. Und wieder mal hält
Australien eine Überraschung für uns bereit:
Kaum haben wir Kurs auf das 360 sm entfernte Gove
abgesetzt, dreht der Wind nach Südwest - also
sowas hat's ja im Passat noch nie gegeben. Kurz
entschlossen ändern wir den Kurs und ankern
zwischen Red Island und dem Dorf Bamaga um
die richtige Windrichtung abzuwarten. War
Northern Queensland bisher absolut wüstenhaft
und unbewohnt, hier gibt es eine Pier, Häuser,
lebensfrohe Menschen lachen während des Angelns,
Palmen säumen den Strand. Wir beschließen,
einfach einen Tag hier zu bleiben und uns das
näher zu betrachten. Das Dorf ist 7 km
entfernt und ärmlich, die Straße unbefestigt,
trocken und staubig. Nach nur 10 Minuten haben
wir einen leichten Rotschimmer in den Haaren von
all dem Staub. Wir versorgen uns im "Super
Markt" mit etwas frischem Obst und Gemüse.
Im Kiosk brauen wir uns unsere Tasse Kaffee
selbst, die Uhren gehen sehr, sehr langsam hier.
Zum ersten Mal erleben wir hier schwarze
Ureinwohner, die aktiv am Geschäftsleben
teilhaben: Im Laden, Kiosk und selbst im Postamt
arbeiten ausschließlich Aboriginees. Zurück am
Strand finden wir in der Nähe unseres Beiboots
ein Schild : "No swimming - Beware of
Estuary Crocodiles". Als Townsville Radio
noch eine Starkwindwarnung für den Golf von
Carpenteria verbreitet, sind wir rundum
zufrieden, daß wir diesen kleinen Umweg gesegelt
sind, und machen es uns an unserem geschützten
Ankerplatz gemütlich. Horst von La Donnee,
der noch auf den alten, großen Segelschiffen
gelernt hatte, zeigte Gaby noch in Mooloolaba,
was man aus Takelgarn so alles machen kann - und
nun entsteht in mühsamer Handarbeit ein
geflochtener Gürtel für den Skipper.
Termitenbau
Die Überfahrt
nach Gove mit frischem Wind verläuft
zügig. Gaby's Seebeine sind wieder gewachsen und
selbst zwei Meter hohe Seen können sie nicht
daran hindern, einen Streuselkuchen zu backen.
Während der Nächte auf See versucht mal wieder
ein Tölpel, auf Ägir einen ruhigen Platz
zu finden. Es ist mir inzwischen klar, weshalb
die Boobies auf deutsch Tölpel genannt werden:
Mit seinen entenartigen Füßen findet er
natürlich in den Wanten und auf der Reling
keinen Halt und stürzt mehrfach ganz plump ab,
bevor er sich direkt neben mir im Cockpit
niederläßt. In den letzten zwei Monaten sind
wir nun fast soweit gesegelt, wie die Strecke
über den Atlantik, und schon haben wir den
nächsten australischen Bundesstaat erreicht:
Northern Territory. Und damit sind wir in
Arnhemland, einer der Hochburgen der Ureinwohner
Australiens. Pechschwarze Haut, rabenschwarze
Haare und ungewohnte Gesichtszüge, dazu meist
ein sehr knochiger Körper (auf schwäbisch:
Steckelesfüaß) - alles andere als attraktive
Menschen. Als wir per Anhalter in die "Big
City" nach Nhulunby (3.600 Einwohner)
fahren, lernen wir Willie kennen. Er wohnt in
Darwin und ist für 14 Tage hier um Didgeridoos
zu machen, die er dann in Darwin verkaufen will.
In trockenem Buschland, weitab von der Stadt,
finden wir "seine" Werkstatt: Eher eine
kleine Handelsstation, bei der die ansässigen
Abos ihre Waren verkaufen, die dann von hier aus
ihren Weg in die Touristenläden von Darwin und
Cairns finden. Interessant ist, daß es hier
keinen einzigen Boomerang gibt, dafür sehen wir
ganz andere Gegenstände zum ersten mal. Und so
wird Ägirs Souveniersammlung bereichert:
Eine Pfeife aus "milkwood" - einem ganz
leichten aber sehr widerstandsfähiges Holz, ein
"dilli bag", das ist ein köcherförmig
geflochtenes Körbchen aus Pandanus, das so dicht
geflochten ist, daß die Abos Honig darin
transportieren können, eine hölzerne Schlange
und ein "Woomera". Das ist, wie soll
ich sagen, ein Wurfspeerbeschleuniger, also ein
Holzgegenstand, den die Abos benutzen, um ihren
Speeren beim Wurf mehr Wucht zu verleihen. Aus
der Rinde von Hibiskus gewinnen die Abos
hauchdünne, sehr strapazierfähige Fäden, die
sie zu Taschen und Säckchen aller Art knüpfen.
Rechtzeitig
erreichen wir Darwin, unseren letzten
Hafen in Australien. Die Vorbereitungen für das
Darwin-Ambon-Race halten uns ganz schön auf
Trab, denn neben den üblichen Arbeiten am Boot
brauchen wir noch ein Visum für Indonesien, der
Segelclub hat die Möglichkeit zollfreier
Einkäufe organisiert, d. h. auch zusätzlicher
Papierkrieg mit dem Zoll, die Regattaleitung
kontrolliert alle Schiffe auf ausreichende
Seetüchtigkeit (Class One Test!), und natürlich
jede Menge "gesellschaftlicher"
Verpflichtungen: Pre-Race-Dinner, Race Briefing,
und es ist Party-Time, Party-Time und
Party-Time...
So, das war
Australien. Allen Horror-Geschichten zum Trotz
haben wir beim Tauchen keinen Hai und kein
Krokodil gesehen. Die einzige Schlange nahm
reißaus, weder Blue-Box-Jelly-Fish noch Redback
Spinne haben uns gestochen, kurz, wir haben es
mal wieder problemlos überlebt. Ist halt doch
alles nur halb so wild!
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