Australien.

Australien

Der Wind ist günstig, wir betreiben tagelang "Cocktailsegeln". Am vierten Tag runden wir gegen 02:00 Uhr früh die Bampton Riffe in gebührendem Abstand und als drei Tage später der Wind etwas einschläft, mogeln wir uns in das Kenn Riff und legen uns dort an den Anker. Unser britisches Seehandbuch beschreibt diesen Ort mit den Worten: The reef is strewn with wrecks. Eigentlich ist hier nichts, und doch ist dieses Nichts irgendwie faszinierend. Aus 2000 m Tiefe steigt das Riff fast senkrecht an, etwa 6 sm lang und nur zu erkennen, weil sich die hohe Dünung heftig bricht. Es gibt nur an einer Stelle eine kleine Sandbank, vielleicht 50 m lang. Keine Palme, keine Pflanze, nichts - wir haben das Gefühl, mitten im Pazifik zu ankern, und doch liegen wir hinter der Brandung in ruhigem Wasser. Diese kleine Sandbank reizt uns, also wird das Beiboot aufgeblasen und nichts wie hin: Was ist das? Es sieht aus wie die Spuren eines Traktors. Nein - hier legen riesige Seeschildkröten ihre Eier ab. Die Tiere sind größer als die Landschildkröten, die wir auf Galapagos gesehen haben! Und das Riff wimmelt von großen, bunten Fischen - wir sehen deutlich, daß hier nicht gefischt wird. Und von diesen riesigen Schildkröten sehen wir noch mehrere im Wasser - riesige schwarze Flecke.

   Deutlich: Wir sind in Australien

Am 14. Oktober 1993, 03:40 Uhr sehen wir den Schein von Sandy Cape Leuchtturm - aber es werden noch fast zwei Tage vergehen, bis wir australischen Boden betreten (dürfen). Nach zwölf Tagen auf See werden wir in Burnetts Head Hafen mit den Worten begrüßt: "Um Gottes Willen - hier dürft ihr nicht festmachen - ihr müßt erst in die Quarantäne!". Obwohl es erst 15:30 Uhr ist, schaffen es die australischen Behörden nicht mehr, uns einzuklarieren - also ankern wir abgeschieden und wegen der starken Strömung etwas ungemütlich im Fluß und nach etlichem Hin und Her über Funk ist klar, daß wir dort bleiben sollen und morgen früh den Zöllner mit dem Beiboot abholen müssen. Dieser ist dann ganz erstaunt (und entsetzt) über die nasse Beibootfahrt und fragt, warum wir denn nicht im Hafen an der Pier liegen ... Selbst mein Diplompsychologe an Bord steht kurz vor einer Explosion. Obelix würde sagen: Die spinnen, die Aussies! Neben dem frischen Obst und Gemüse, Eiern, Erbsen, Linsen wird selbst Dosenwurst konfisziert, wir füllen noch mehr Formulare aus als in Fiji, und zu guter Letzt erklärt man uns, daß wir das Boot nicht verlassen dürfen, um im Land herumzureisen - wir fühlen uns behandelt wie aussätzige Kriminelle. Na ja, wir werden sehen, sagte der Blinde... Das Gute ist, daß unser lieber Beamter so schnell seekrank wird, daß er sich weitere Belehrungen erspart und auch von einer gründlichen Durchsuchung des Schiffs (mit Hund nach Rauschgift) absieht. Nun gut, das sind so unsere ersten Eindrücke von Australien. Inzwischen ist die Tide gekentert und wir müssen eben noch mal 6 Stunden warten, bevor wir endgültig nach Bundaberg in den Hafen einlaufen können.

Aus Broschüren erfahren wir schon mal einige interessante Fakten über Australien: Mit 3000 Millionen Jahren die älteste Landmasse unserer Erde, der flachste Kontinent und der einzige, ohne aktiven Vulkan. In Westaustralien liegt der heißeste Ort der Welt: An 160 aufeinanderfolgenden Tagen liegt die Temperatur über 380C! Und noch ein Superlativ: Die größte Rinderfarm ist mit 30.000 km2 etwa so groß wie Belgien.

   In Wilsons Promontery

Die Fahrt den Fluß hoch nach Bundaberg bietet allerlei Abwechslung. Sich ständig verlagernde Sandbänke sorgen für etwas Spannung bei der Navigation - die Grundberührung bleibt nicht aus - doch mit der auflaufenden Flut kommen wir bald wieder frei. Eine Kabelfähre läßt kurz vor unserer Passage doch noch ihre Kabel ins Wasser fallen, so daß wir darüber hinweg kommen; wir motoren an der Bundaberg Destillery vorbei, die hier aus Zuckerrohr den Bundy Rum brennt. Und dann macht unser Getriebe noch Schwierigkeiten, genau dort, wo wir es am wenigsten brauchen können: Starke Strömung und kein Platz zum Segeln. Nach aufregenden 2,5 Stunden liegen wir in der Midtown Marina. Das wohlverdiente Welcome Dinner besteht für mich aus einem 500g Rumpsteak mit Salat, dazu einen Australischen Semillion ..., und wir haben unsere erste Begegnung mit den Aussies - wie sich die Australier selbst nennen: Freitag abend, die Kneipe ist brechend voll und sie machen ihrem Ruf, die heftigsten Biertrinker der Welt zu sein, alle Ehre. Aus dem Radio dröhnt ein Lied, das herrlich dazu paßt: "Get your hair cut and get a job!"

Samstag, und Australien zeigt sich von seiner besten Seite: Saßen wir letztes Jahr zur gleichen Zeit in Neuseeland mit Skiunterwäsche vor der Bordheizung, so flüchten wir hier regelrecht vor der Hitze - im Moment etwa 320C - und der Sommer soll erst noch kommen! Seit fast zwei Monaten für uns die erste warme Dusche; Waschmaschine und Trockner verwöhnen unsere Bettwäsche, im Supermarkt findet Gaby doch tatsächlich Leberkäs und dazu tummeln sich wilde Papageien in den Eukalyptusbäumen direkt über uns. Ja, und nun sind wir auf dem besten Weg, richtige Aussies zu werden: In einem 20 l Faß gärt unser erstes selbst gebrautes Bier - Munich Style! Wir sind richtig gespannt darauf, was daraus wird ... Dazu die Auswirkungen der unkonventionellen Zuckerrohrernte: Die Felder werden abgebrannt! - damit entledigt man sich nicht nur der vertrockneten Blätter, sondern auch der Schlangen, und man kann dann das Rohr einfacher mit einer Art Mähdrescher einbringen. Für uns heißt das jedoch ständig schwarze Rußflocken allüberall.

Zwischen Getriebeausbau, GPS, dem Lackieren der Bodenbretter, Arbeiten im Mast und den vielen sonstigen Kleinigkeiten sammeln wir unsere ersten Australieneindrücke: Der Besuch in einer Reptilienfarm ist ebenso interessant wie furchterregend: Die zehn giftigsten Schlangenarten der Welt hausen in Australien. An einem Biß der Taipan leidet man allerdings nur etwa 35 Sekunden! Und ihre Giftmenge reicht aus, um 80 Menschen zu töten. Ungefährlichere Arten findet man wohl auch häufig im Haushalt in Bücherregalen, durchaus auch in der Großstadt ...Und dann sind da noch die Salzwasserkrokodile, die werden über 3 m lang - und Menschenfresser. Eines soll sich mal in Cairns verirrt und in der Hauptstraße einen Mann gejagt haben. Vom Baden in den Flüssen wird überall dringend gewarnt ... Viel mehr Spaß haben wir dann bei den Känguruhs und Koalas. Die sind hier so zahm, daß man sie füttern und streicheln kann. Der Koala hat - entgegen unserer Erwartung - ein ziemlich struppiges Fell. Wahrscheinlich sind die Koala-Imitationen für das Kinderzimmer aus Känguruhfell. Und immer wieder sehen wir Papageien in allen Farben und Größen.

    Kukaburra

Die Fahrt von Bundaberg nach Mooloolaba wird zum wahren Gezeitenpuzzle: Wir müssen bei Hochwasser den Fluß abwärts, dann haben wir 6 Stunden Zeit für die 30 sm bis zur nördlichen Ansteuerungstonne der Great Sandy Strait, dort müssen wir mit auflaufender Flut einlaufen, bei Hochwasser über eine sonst nur 40 cm flache Sandbank, um dann auf der südlichen Seite mit der ablaufenden Tide nach Tin Can Bay zu kommen. Die Wide Bar, eine nur 4 m tiefe Sandbank, über die wir wieder ins offene Meer gelangen, dürfen wir dann wieder nur bei Hochwasser passieren, da sich ansonsten dort die hohe, lange Dünung des Pazifik heftig bricht. Wer seine Navigation noch nicht beherrscht - in Australien wird er es spätestens lernen... Also baue ich noch schnell abends um 20:00 Uhr unser Getriebe wieder ein, denn morgen früh ist mit Sonnenaufgang Hochwasser. Alles läuft bestens und als wir mit gerefftem Groß (mal wieder gerissen) und ohne Besan einem Australier, der mit Spinnaker unterwegs ist, regelrecht davonlaufen, kommt Gaby ins Schwärmen: Da die Deutschen in internationalen Segelwettbewerben ja nicht so berühmt sind, genießen wir halt unsere kleinen Siege... Die Sandy Strait und Fraser Island (die größte, reine Sandinsel der Welt - 120 km lang) enttäuschen uns ein wenig, vor allem, weil es praktisch keine vernünftigen Ankerplätze gibt. So tun wir eine Nacht kein Auge zu, weil der Wind gegen den Gezeitenstrom eine fürchterliche Welle aufbaut, in der nächsten Bucht ist es so eng, daß ich, obwohl unser Anker in der Mitte der Bucht liegt, mit einem kräftigen Sprung vom Schiff aus direkt an Land hüpfen könnte - da ist mir einfach nicht richtig wohl dabei. Das Wasser ist trübe und größte Tiefe seit 60 sm war etwas über 10 m - ansonsten alles Sandbänke und Schlick. Doch die Tierwelt ist faszinierend. Immer wieder sehen wir Wasserschildkröten, selbst in dieser kleinen, engen Bucht 3 Wale, und jede Menge Vögel, darunter einen Seeadler! Und die Pelikane haben sich so an die Angler gewöhnt, daß sie geduldig neben deren Plastikeimer warten, bis etwas für sie abfällt.

Ein letzter Schlag 70 Meilen immer der Küste entlang bringt uns in die Lawries Marina nach Mooloolaba. Dusche, Postfest - ja, einige schreiben Gott-sei-Dank immer noch! Dann wird Ägir vom Segelboot in ein Hausboot verwandelt, und ein "normales" (?) Leben kehrt ein: Segelnähen, lackieren, Motor warten, Auspuff entkalken, schwiegermuttergerecht putzen ... Spaß beiseite, wir haben es ganz toll getroffen hier. Supermarkt, Weinhandlung, Metzger und Bäcker direkt über die Straße, saubere und sichere Marina an Schwimmstegen, und der kilometerlange Sandstrand mit toller Brandung ist nur 10 Minuten entfernt.

Nach all dem bürokratischen Schwachsinn beim Einklarieren in Bundaberg erleben wir beim Eröffnen unseres Kontos bei der Westpac Bank den bisherigen Höhepunkt: Wir brauchen 100 Punkte zu unserer Identifikation, um ein Konto anzulegen. Der Reispaß reicht nicht aus (das sind nur 75 Punkte), wir legen eine Kreditkarte dazu (nochmals 20 Punkte), und als ich dann meinen Führerschein dazulege, ist der Vorschrift genüge getan. Kaum habe ich den Nachweis erbracht, daß ich autofahren kann, dürfen wir endlich der Bank unser Geld anvertrauen - bureaucracy wird in Australien offensichtlich etwas anders buchstabiert: bureau-crazy?

Der Kauf eines Autos läßt sich sehr ernüchternd an. Selbst gebrauchte Fahrzeuge mit hoher Kilometerleistung sind sehr teuer. Der erste Wagen, der uns gefällt, mit lumpigen 157.000 km ist schon für A$ 12.000,- ( fast DM 14.000,-) zu haben. Mit der freundlichen Unterstützung eines Seglers, der bei uns in der Marina liegt, fahren wir nach Brisbane, wo das Angebot besser sein soll. Paul war Mechaniker beim australischen TÜV und zerlegt im Hof der Händler ungeniert die Fahrzeuge, die uns ernsthaft interessieren. So bekommen wir ein sehr gutes Gefühl dafür, was vor uns steht. Nun nennen wir einen Ford Falcon Wagon, ganz in weiß, Automatik, mit Klimaanlage unser eigen. Preisfrage diesmal: Was glaubt ihr, wieviel Kilometer dieser Wagen auf dem Tacho hatte, als wir damit beim Händler losfuhren? Ein kleiner Tip: Gaby und ich, wir waren uns sehr schnell einig, daß wir unser neues Familienmitglied auf den Namen Germania taufen: Groß, alt, stattlich, kräftig, robust, nicht gerade schön - und doch haben wir die Hoffnung, daß sie allen Situationen gewachsen ist und durchhält ...

Ja, nun könnte ich den australischen Reiseführer abschreiben, und das kann nicht Sinn der Sache sein. In Australien sind die wirklich spektakulären, touristisch interessanten Attraktionen weit gestreut (wir tanken schon ein- bis zweimal, um von einer zur nächsten zu gelangen), und deshalb hilft man sich selbst nach dem Motto : Was man nicht hat, muß man sich schnitzen! So finden wir neben vielen künstlichen "Sehenswürdigkeiten" wie Holiday Parks, Koala Parks u. ä. den größten Kitsch unserer Reise: Autobahnraststätten aus Vollplastik im Ayers Rock-Look, überdimensionale Plastikhummer, the Big Banana und vieles andere mehr. Überhaupt gibt sich jede Stadt, jeder Ort ein verlockendes Attribut: Die längste Bar der Welt oder Die erste Stadt Australiens und wenn man - wie vielerorts in Australien - nichts zu bieten hat, dann sind die Slogans: "Australia's tidiest town" oder in Woolgoolga "A hard name to pronounce but a great place to stay" und wenn es nun überhaupt nichts mehr gibt, wirbt man mit "Unspoiled country!" Neben der Natur und der faszinierenden Tierwelt erfreuen wir uns also an vielen Details. Die Aussies haben eine Vorliebe für Schilder: So finden wir an der riesigen Hafenbrücke in Sydney den Hinweis: "Jumping off the bridge is prohibited. Penalty $ 1000." Ob es je einer überlebt hat, um seine Strafe zu entrichten? An einer riesigen Treppe befindet sich ein Schild: "Radfahren verboten" und an den Bahnübergängen lesen wir: "Bei ROT bitte anhalten." Im Otway Nationalpark erfahren wir: "Branches may fall off the trees without any warning!" Ein herrlicher Hinweis war die Werbung: Kentucky Fried Chicken turn right at McDonalds. Und weil wir gerade bei solchen Perversitäten sind: In Melbourne muß man sich links einordnen, um rechts abzubiegen. In Coolangatta läuft die Grenze zwischen den Bundesländern New South Wales und Queensland mitten durch die Stadt. Da man jedoch in Queensland die Sommerzeit nicht eingeführt hat, gehen die Uhren beiderseits der Straße - mitten in der Stadt - um eine Stunde versetzt! Und wenn dort einer im Hotel "Four eggs!" ruft, dann bestellt er sich nicht etwa vier Eier, sondern ein Bier - die bekannteste Biermarke in Queensland heißt nämlich "XXXX". Der Computer hat auch voll zugeschlagen und so zeigt das Verfalldatum auf unserer Marmelade: Best before 15 Sep 95 19:17. In Glenrowan wurde 1880 in einer wilden Schießerei der Kelly-Bande das Handwerk gelegt. Ned Kelly wurde später in Melbourne gehängt. Heute findet man in Glenrowan alles, von einer gigantischen Ned Kelly Statue über eine Nachbildung der Schießerei, bis hin zu einem computergesteuerten hanging room: Man erfährt hier bestimmt wesentlich mehr über den australischen Tourismus an sich, als über das Leben von Räuber und Gendarm im 19. Jahrhundert! Trotz aller Verrücktheiten in Australien gibt es auch wirklich Beispielhaftes: So bieten in der Weihnachtszeit - den großen Sommerferien - alle Autobahnraststätten kostenlos Kaffee und Tee an, um die Reiselustigen zu Pausen zu animieren, und damit die Unfallgefahr zu verringern.

   Sydney

Nun, Australien ist ein großes Land. Nach einem kurzen Besuch bei meiner Patentante in Melbourne haben wir mal eben etwas mehr als 7000 km hinter uns! Entsprechend die Beschilderung: Next McDonalds 156 km on left. Oft fahren wir 200, 300 km ohne daß sich die Landschaft auch nur ein bißchen verändert. Fragt man einen Aussie nach der Entfernung zu einem bestimmten Ziel, so ist die Antwort etwa: "It's a two stubby drive." Ein Stubby ist eine 0,3 l Flasche Bier und er mißt die Entfernung im Sprit, den der Fahrer für diese Strecke braucht, das können also je nach dem 20 oder 200 km sein. Man muß sich vor Augen führen, daß Australien nicht nur sehr dünn besiedelt ist - sondern von den relativ wenigen Einwohnern leben dazu etwa schon ein Drittel alleine in den drei großen Städten Sydney, Melbourne und Brisbane. Der Hauptverkehrsweg Sydney-Melbourne mit einem so klangvollen Namen wie Princes Highway ist im großen Ganzen etwas lumpiger als eine schlechte Landstraße bei uns, doch für die Verkehrsdichte (oder sollte ich besser Verkehrsdünne sagen?) völlig ausreichend. Unsere "Germania" hält tapfer durch und hat inzwischen 321.000 km auf dem Tacho...

Und wie so oft, werden alte Klischees gebrochen: Der traditionelle Jagdboomerang der Ureinwohner ist ein reines Wurfgeschoß und kommt nicht zurück - nur Sportboomerangs und die Touristenversion tun das. Und wer hat schon mal Känguruhs am Strand gesehen? Australien ist bekannt für seine endemische Tierwelt: Känguruh und Koala. Faszinierend sind auch die Wombats - ich würde sie als eine Kreuzung zwischen Bär und Schwein definieren. Kakadus und Papageien sind so zahlreich und dabei so tapsige Flieger, daß wir ständig abbremsen müssen, damit sie uns nicht an das Auto knallen. Im Otway Nationalpark sehen wir den Wohnort des Schnabeltiers - ein Säuger, der Eier legt. Sieht aus wie eine Kreuzung zwischen Biber und Ente. Und immer wieder sehen wir Emus, die scheu davonrennen, sobald sie uns entdecken. Im Aquarium bestaunen wir den Lungenfisch. In Australien finden wir auf den meisten Toiletten die Deckel immer hochgeklappt vor. Der Grund dafür ist der "Redback": Eine große, sehr giftige Spinne, die mit Vorliebe unter Klobrillen haust. Noch ein Zitat zum Thema "Liebesleben der Korallen": Coral's sex life may be infrequent (it only happens once a year) but when it does it's certainly spectacular... Korallen sind Tiere. Drei Tage nach Vollmond Ende Frühjahr oder Anfang Sommer - damit ist Nipptide, die Gezeitenströme am geringsten, die Wassertemperatur gerade richtig - senden die Männchen ihr Spermien aus. Faszinierend daran ist, daß dies auf der gesamten Länge des Barrier Riffs (immerhin ca. 2000 km), unabhängig vom Korallentyp, auf den Tag genau gleichzeitig passiert. Die Weibchen senden ihre Eier genau zur selben Zeit aus. Diese sind groß genug, daß man sie mit bloßen Auge erkennen kann, und es ist wirklich spektakulär, diese "Blüte" auf der Wasseroberfläche treiben zu sehen.

Rechtzeitig zu Weihnachten sind wir wieder zurück an Bord, nicht ohne vorher der Oper in Sydney die Ehre zugeben - zum ersten Mal seit über zwei Jahren Krawatte (!). Auch der Fischer bei uns am Steg hat seinen Weihnachtsfang eingebracht und so speisen wir fangfrische Jakobsmuscheln (½ Kilo), dazu einen weißen Burgunder aus dem Hunter Valley. Und nach meinen ersten Übungen mit dem Surfboard schmeckt es noch mal so gut... Ja, das Leben ist halt eines der Schönsten! Und das Kilo fangfrischer Shrimps wartet noch im Kühlschrank ...

24. 12. 1993 - Heiligabend: Wir erleben unser bisher heißestes Weihnachtsfest. Schon morgens um 08:00 Uhr haben wir 290C und wir verstehen plötzlich auch die Vorliebe der Australier für vollklimatisierte Einkaufszentren. Aber sonst wäre wohl niemand zum Bummeln oder gar solch schweißtreibenden Aktivitäten wie Kleiderprobieren zu bewegen! Im Supermarkt hören wir die australische Variante von "Jinglebells" (für die Nicht-Aussies - Holden ist die australische Variante des Opel und ein "ute" steht für "Utility", gemeint ist eine Art Pick-up Truck, klar, daß alle alten Holdens gewaltig rostig sind):

Auf unserem Sideboard häufen sich die Weihnachtskarten (...und eine riesige Kiste Nürnberger Lebkuchen!), während in Sydney aufgrund intensiver Weihnachtsbeleuchtung die elektrischen Wasserkessel plötzlich 45 Minuten zum Kochen brauchen. Der Rigger kommt und wir montieren unsere neue Rollfock - damit wird das Leben auf See noch angenehmer und sicherer. Kurz danach meldet sich der Kesselflicker - unser Wärmetauscher ist fertig (bald stellt sich heraus, daß wir nur um $ 50 ärmer sind, unsere Backskiste blitzsauber, und das warme Wasser läuft immer noch in die Bilge) und der Segelmacher schneidert an unserer Fock, um sie dem neuen Vorstag anzupassen. Das Verkehrschaos auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums ist unbeschreiblich, schlimmer aber ist es noch, mit dem Einkaufswagen einen Weg durch den Supermarkt zu finden, und das, obwohl die Läden hier bis Mitternacht geöffnet sind. Heiligabend wird in Australien nicht gefeiert und die Weihnachtsgeschenke werden erst am 25. verteilt. Selbstverständlich halten wir auf Ägir an liebgewonnen Traditionen (Gaby kann's halt nicht erwarten) fest und "bescheren" schon am 23. Unser diesjähriges Weihnachtsgeschenk für uns ist ein CD-Spieler und im Ägir-Sound-Center vibrieren die Masten unter Peer Gynt und Phantom of the Opera. Und um den Wunschzettel weiter auszubauen, bestellen wir uns noch eine Seewasser-Entsalzungsanlage, vor allem als Vorsorge für unsere Wochen im Roten Meer. Die internationalen Nachrichten verkünden gewaltige Überschwemmungen in Deutschland, nationale reden von leichten Schneefällen in den Bergen bei Melbourne, während die lokalen Sender melden: "burntime today is 11 minutes", das heißt, daß man nicht länger als 11 Minuten ungeschützt in der Sonne sein soll. Gegen Mittag messen wir schlappe 350C und entsprechend schlapp sehen wir dem Rest des Tages entgegen - der Weihnachtsbock fließt bei solchen Temperaturen natürlich in Strömen und Jochen wird langsam aber sicher zum begeisterten Surf-Beach-Boy (besonders attraktiv mit grauen Strähnen), während ich mich noch immer im respektvoll-gebührenden Abstand zu der Brandung halte. Ja, unser neuestes Hobby - Wellenreiten mit dem Boogieboard (eine kleine Primitiv-Version des Surfboards) beansprucht täglich mindestens 2 bis 3 Trainingssstunden - natürlich mit einer entsprechenden Mittagspause zum Kaloriennachschieben an Bord. Bis jetzt beherrschen wir zwei Freistilfiguren perfekt: Steiles Abtauchen vom Wellenkamm mit gestreckten Zehenspitzen und "Sandstrahlen" überstehender Gliedmaßen. Und da gerade Cyclon "Rewa" im Südpazifik tobt (mit einem Kerndruck von nur 930 mb - weit unterhalb der Skala unseres Barometers - und Windgeschwindigkeiten bis zu 100 kn. - nur als Anhaltspunkt: 65 kn. entsprechen 12 Windstärken), erwarten wir in den nächsten Tagen noch wesentlich höhere Wellen... Das Weihnachtsdinner besteht aus Lamm- und Schweinefilet an feinen Kartöffelchen mit Broccoli - dazu ein Shiraz aus dem Barossa Valley; zum Dessert tropischer Fruchtsalat aus Mango, Ananas, Passionsfrucht und Litschi an Sahne-Rum-Vanille Soße, und im Hintergrund singt uns der Onnen-Chor seine Weihnachtslieder, dann folgt als lebenserhaltende Maßnahme noch ein Eau de Gref ...(weniger wegen des Chors).

   Die "Zwölf Apostel"

Da Weihnachten auf ein Wochenende fällt, werden einfach die beiden darauffolgenden Werktage zu "public holidays" erklärt. Einen dieser zusätzlichen Feiertage verbringen wir beim australischen Rodeo. Es ist schon eine erstaunlich Leistung, auf einem bockenden Gaul so lange sitzen zu bleiben und selbst die Youngsters mit vielleicht nur 10 Jahren versuchen sich schon auf jungen Stieren. Schade ist nur, daß diese Tiere im Grunde lammfromm und zahm sind und nur durch einen Strick, der eng um ihre empfindlichsten Teile geschlungen wird, zu solchen "Wildpferden" gemacht werden.

Obwohl jeder Laden einen sogenannten "Sale" schon vor Weihnachten hatte, wird jetzt nach den Feiertagen im Weihnachtsschlußverkauf unter dem Slogan "Kaufen sie sich alles, was man ihnen zu Weihnachten nicht geschenkt hat" mit massiven Preisreduzierungen geworben, während die Verbraucherzentralen warnen, daß auch das günstigste Angebot noch bezahlt werden will. Und da es letztes Jahr im Gedränge sogar Tote gab, werben die Läden heute nun auch noch mit besonderen Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der gierigen Käufer. Unsere Gesellschaft wird wohl immer dekadenter und perverser.

Sylvester: Wegen der extrem hohen Buschbrandgefahr (im Moment brennen etwa 300.000 ha Buschland, es werden täglich mehr) gibt es in Australien kein Feuerwerk. Der 31.12. ist bei den Aussies deshalb nicht weniger geräuschvoll. Mit kleinen Papiermützchen (wie in Deutschland beim Kappenabend an Fasching) und mit kleinen Pfeifchen, deren Papierschwanz sich abrollt, wenn man hineinbläst, sehen die Einheimischen doch zu drollig aus. Man trifft sich im Hotel, und bis lange nach Mitternacht quietscht und pfeift es von dort unablässig - erwachsene Menschen! Bei uns an Bord geht es wesentlich ruhiger zu. Gaby liest aus ihrem Tagebuch und wir schwelgen in den Erinnerungen der Details der letzten beiden Weihnachts- und Sylvesterfeste. Dezember vor zwei Jahren waren wir noch mitten im Atlantik! Es ist wunderschön für uns, daß wir uns so jeden einzelnen Tag unserer Reise immer wieder vor Augen führen können und die Stunden bis Mitternacht vergehen wie im Flug. Champagner von Seppelt's Great Western. Es ist 1994. Happy New Year!

Nun, obwohl wir bereits einige Monate hier verbracht haben, haben wir bei Weitem nicht alles in Australien gesehen. Doch für die potentiellen Australientouristen unter Euch, will ich einige Höhepunkte unserer Ausflüge nicht unerwähnt lassen. Die Tourist-Information-Büros verteilen meist kostenlos nicht nur wunderschöne sondern auch sehr informative Broschüren - ein guter Start! Wir haben unser Zelt dabei, bei schlechtem Wetter gönnen wir uns schon mal ein Motel, denn im australischen Hotel gibt's nur was zu trinken.

In Mooloolaba, gleich bei uns um die Ecke ist das tollste Aquarium, das wir je gesehen haben. Man geht in einem Glastunnel mitten durch die Unterwasserwelt! Das ist fast so schön wie Tauchen. Sydney war sicherlich für uns die beeindruckendste Großstadt mit dem historischen Circular Quai und der daran anschließenden Altstadt - den Rocks. Nicht auszulassen ist natürlich ein Besuch in der Oper. "Ond jetzt hocket mir Dackel en Sidnei ond dohoim sott mer d' Bäum schneide!" Ganz in der Nähe (für australische Verhältnisse) das Weinanbaugebiet im Hunter Valley mit der ältesten Weinkellerei Wyndham Estate. Etwas südlich davon liegen die Blue Mountains mit atemberaubenden Ausblicken von hohen Klippen, den etwa 1000 Stufen des Giant Stairways und mit bis zu 520 Steigung der steilsten Eisenbahn der Welt. Wilsons Promontory ist nicht nur der südlichste Punkt des australischen Kontinents, sondern auch ein herrlicher Nationalpark mit tollen Wanderungen und handzahmen Papageien. Auf Phillip Island begeistern die nur 30 cm großen Pinguine, die jeden Abend im Schutz der Dämmerung zu Hunderten ihre Nester an Land aufsuchen. Faszinierend dann die Fahrt an der Südküste entlang auf der Great Ocean Road (wobei sich das "Great" wohl nur auf den "Ocean" bezieht) mit tollen Kliffs, ausgespülten Höhlen und Brücken. Ganz anders dagegen zeigen sich die Coorongs. Flache Landschaft, tolle Sanddünen und trockene Salzseen, die in der Regenzeit Wasserstelle für zahlreiche Tiere werden. Etwas nordöstlich von Adelaide liegt das Barossa Valley - ein Muß für Weinkenner, auch wenn manche Weinbaubetriebe so abschreckende Namen wie Kaiserstuhl oder Bernkastel tragen. Penfolds ist nach eigenen Angaben die größte Weinkellerei der südlichen Hemisphäre. Im Little Dessert National Park holten wir uns bei einer 20 km Wanderung (ganz früh - solange es noch nicht so heiß ist) zwei Paar Schuhe voll Sand, treffen doch ein tolle Tierwelt, von wilden Känguruhs und Emus bis hin zu farbenprächtigen und unförmigen Echsen. Die Grampians sind in mehrfacher Hinsicht sehenswert: In Zumstein sind die Tiere so sehr an Menschen gewöhnt, daß uns die Känguruhs beim Picnic den Salat vom Teller fressen, die Kookaburras (eine Art Specht) die Fleischbrocken von der Gabel holen, noch bevor wir diese in den Mund kriegen! In dieser Gegend finden wir unter geschützten Überhängen alte Felszeichnungen der Ureinwohner und man kann ganz toll wandern.

Heute, 6. Januar 1994, messen wir läppische 400C im Schatten, und den wärmsten Tag unserer Reise verzieht sich Gaby für 5(!) Stunden ins Shopping Center, um die Klimaanlage zu genießen. Mir rinnt der Schweiß in Strömen schon beim Gedanken an die kleinste Bewegung. Da wir nun ja relative lange in unserer sicheren Marina liegen, kehrt etwas Routine ein. Täglich arbeiten wir - den Temperaturen entsprechend - ein bißchen am Boot, dann geht's ab an den Strand zur Erfrischung und Ertüchtigung, anschließend gibt's Post: Ja, Kompliment an (fast) alle, wir erhalten hier doch fast täglich Briefe, Karten und Faxe, und das freut uns natürlich riesig - weiter so! Die Planung unserer weiteren Route steht an, und da es auch abends noch recht warm ist, halten wir uns oft bis Mitternacht an einem feinen Shiraz oder einem Weißen Burgunder fest, um die richtige Bettschwere zu sichern. Die Hitze ist unbeschreiblich. 8. Januar, 07:30 Uhr und es hat bereits 300C. Während wir in Deutschland von sonnenbaden reden, sprechen die Aussies wesentlich zutreffender von sun baking! Wenigstens brauchen wir die Thermoskanne für den Kaffee nicht mehr, ganz im Gegenteil - wir haben eher das Problem, ihn auf trinkbare Temperaturen herab zu kühlen. Ägirs Deck wird so heiß, daß an barfuß gehen nicht mehr zu denken ist... Also erweitern wir unsere Projektliste und Gaby schneidert einen windscoop für Ägir. Das ist so eine Art Miniatur-Spinnaker, der über die Luke gehängt wird, und schon weht wenigstens eine leichte Brise durchs Schiff. Das ganze ist aus einem leichten Nylon in pink-lila - aus dem Stoffrest näht Gaby für mich eine kurze Hose - und so entsteht ein neues, geflügeltes Wort an Bord: "... und was machen wir aus dem Rest?" Antwort: "Eine Hose!" Unsere Bastelarbeiten machen doch richtige Fortschritte: Die vordere Toilette ist zu einer schnuckeligen, kleinen Werkstatt geworden, der CD-Spieler ist in feinem Mahagoni integriert, und wir sind beide ganz stolz auf die tollen Ergebnisse von Gabys Lackierarbeiten. Und auch die kleinen, "unsichtbaren" Projekte in unserer Liste werden weniger: Korrodierte Schalter, festgerostete Bowdenzüge, Wartung der Rettungsinsel, Toilette dichten, Navigationslichter nieten, Ventile einstellen, uvam. - wir müssen ja zum 15. Februar ein schwiegermutter-gerechtes Schiff vorweisen können.

19. Januar 1994: Cyclon "Rewa" hat eine ganz ungewöhnliche Schleife durch den Südpazifik genommen und steht heute nur noch 150 km vor der Küste Queenslands. Brisbane Radio prophezeit uns 50 kn. Wind mit Wellen um die 6 m. In unserer Marina wird die Welle kein Problem sein, soweit versteckt wie wir liegen. Dennoch wechselt unsere Bordroutine, alles was nicht niet- und nagelfest ist, wird unter Deck gestaut, Segel sind abgeschlagen und die schweren, langen Festmacher erblicken seit der Passage durch den Panamakanal zum ersten Mal wieder das Tageslicht. Während sich der Wind vorerst noch in Grenzen hält, regnet es bereits seit 24 Stunden ununterbrochen wie aus Kübeln und die ersten Straßen sind wegen Überflutung gesperrt. Und wieder mal blüht der Sensationsjournalismus: Wenn man den Nachrichten glaubt, steht uns ein gewaltiger Kampf mit den Naturgewalten bevor - Tatsache ist, daß wir nur heftigen Regen, aber keine nennenswerten Starkwinde spüren, obwohl das Auge dieses tropischen Wirbelsturms in nur 150 km Entfernung an uns vorbeizieht. Die verheerenden Buschbrände in New South Wales werden ebenso intensiv von der Presse ausgeschlachtet. Wenige Tage später erfährt man, daß die sensationellen Fotos in einer Illustrierten Fotomontagen sind - peinlich... Doris von der Yacht Safari bringt den neuesten "Stern" aus Deutschland mit. Der ist nicht besser: 3,6 Millionen kämpfen um die Olympiastadt Sydney. Also, so ein Quatsch! Der größte Teil der Feuer brannte in unzugänglichem Hinterland und wurde gar nicht erst bekämpft. Die Feuerwehr war (mit Hilfe der Wehren aus Nachbarstaaten) bemüht, die Vernichtung von Häusern zu verhindern und einer der wenigen Freiwilligen wurde im Radio als Held dargestellt. Lona und Heinz (Ikarus) sowie Traudel und Horst (La Donnee) waren zu der Zeit mit dem Schiff mitten in Sydney und haben sich zu keiner Zeit irgendwie bedroht oder auch nur eingeschränkt gefühlt. Klar, daß die Rauchschwaden solcher Buschfeuer sehr weit sichtbar waren. 24. Januar 1994 - Prince Charles landet zu einem 3-wöchigen Besuch in Australien und endlich ändert sich der Inhalt der Nachrichtensendungen, denn speziell vor dem Hintergrund der Diskussion, Australien zu einer Republik zu machen, hat dieser Besuch seine besondere Würze! Und das Foto am Swimmingpool, nur mit umgewickeltem Handtuch bekleidet, übernimmt die Schlagzeilen der Nachrichten: Geht sein Bauchnabel nun nach innen oder nach außen ...?

Unsere Seewasserentsalzungsanlage ist eingetroffen, wird natürlich sofort installiert und ausprobiert. Es ist schon erstaunlich, welch gute Wasserqualität dieses Ding selbst aus der trüben Brühe im Hafen zaubert. Gaby geht inzwischen viermal in der Woche mit einigen Mädels aus der Marina zur Aerobic und montags spielen wir jetzt regelmäßig Squash - es macht uns richtig Spaß, so wild hinter diesem kleinen Ball her zu rennen, den Körper richtig auf Betriebstemperatur zu bringen (was an unserer roten "Birne" offensichtlich wird), und es tut irgendwie gut, am nächsten Tag alle Glieder zu spüren.

Inzwischen ist Anfang Februar und wir erleben jetzt täglich, daß nun die Regenzeit gekommen ist. Die weitausladenden Wolkenfelder der tropischen Wirbelstürme im Pazifik erreichen oft die Küste Australiens, die Farmer sind dankbar, während selbst die Hauptstraße nach Townsville wegen Überflutung gesperrt ist. Innerhalb eines Tages fällt etwa ein Drittel des jährlichen Niederschlags von Stuttgart. Und so gibt es auf Ägir jetzt einen Regenschirm und der Ausgang wird drastisch reduziert. Ja, Charly, da kommt Hank Häberle jr. gerade recht zur Unterhaltung! Der Wetterbericht verkündet: "It looks like a weekend of movies or scrabble". Nicht so an Bord, denn dieser heftige Regen deckt auch die kleinste undichte Stelle im Deck auf, und anstatt unsere Projektliste abzuarbeiten, wird sie mal wieder verlängert...

Großereignis Brisbane Airport, 17. Februar 1994, 05:20 Uhr (morgens!!) - d. h. für uns, 04:00 Uhr früh losfahren. Unsere Muttis begleitet von Britta kommen zu Besuch. Am ersten Tag ist man noch eifrig bemüht, etwas Urlaubsbräune abzubekommen, am zweiten Tag zeigt sich schon die leichte Rötung und am dritten richtige Brandblasen! Wie oft mußten wir von unseren Muttis hören: "Paßt auf mit dem Ozonloch!"... Unser Leben an Bord ändert sich drastisch und wir verwandeln uns vom Weltenbummler zum Reiseleiter, denn die unterschiedlichsten Gelüste wollen gestillt sein: Vom "Einmal im Leben einen Koala im Arm haben" über das Muschelsammeln bis hin zum Opalfieber. Und natürlich muß das "Kleine Schwarze" in die Sydney Oper ausgeführt werden. Mit etwa 1000 Stufen bewältigen unsere Besucher wohl die steilste und längste Treppe und danach stellt sich ein leichter Knieschlotterer ein. Da werden Känguruhs gestreichelt, wir baden im klarsten Süßwassersee, den wir je erlebt haben, fotografieren Dingos - Wildhunde, die für Fraser Island so typisch sind - und die Sandflies demonstrieren uns, daß nicht nur die großen Reptilien zu fürchten sind. Viel Spaß haben wir gemeinsam am Strand, sei es bei der Schlammschlacht der "Jungen", wenn Gaby "den Schwan" macht, oder wenn eine der größeren Wellen die Muttis einfach umwirft und "einsandet". Unsere gemeinsamen drei Wochen vergehen wie im Flug und die Souveniersammlung zeigt sich auf der Waage beim Abflug: 30 kg Übergewicht (entspricht A$ 600).

   Unsere Rennflagge

Von Darwin aus werden wir an der Hochsee-Regatta nach Ambon (Indonesien) teilnehmen, mal was ganz anderes. Na, wer hätte das gedacht: Ägir is racing home! Der große Vorteil für uns liegt darin, daß die Regattaleitung den ganzen indonesischen Bürokram für uns erledigen wird - zudem kommen wir so in einige der schönsten Reviere Indonesiens wie z. B. zu den Gewürzinseln und Celebes. ... und vielleicht sind wir ein paar Stunden eher dort, falls uns der Ehrgeiz packt! Für alle Fälle hat Gaby unter Ausnutzung aller Programmtasten und Sonderstiche der Nähmaschine schon mal eine riesige, bunte Rennflagge genäht, die Crew ist angeheuert, die knallbunten Ägir-Racing T-Shirts sind bereits fertig gestellt, und unnötiger Ballast (etwa 1 m3 Südsee-Souvenirs) wurden Kühne & Nagel anvertraut.

Unsere letzten Tage in Mooloolaba sind angebrochen und während unsere Lieben auf dem Weg nach Singapur sind, vergnügen wir uns einmal wieder mit der australischen Bürokratie. Also heute wollen sie für die Verlängerung eines Visums zur Abwechslung mal eine Bescheinigung der Krankenkasse - die finanzielle Seite wird ganz lässig über die Kreditkarten und eine unbestätigte Aussage zum persönlichen Vermögen abgehakt. Zum Glück jedoch ist der Beamte für logische Argumente zu haben und wirft kurz entschlossen das Deckblatt mit den Angaben in den Papierkorb, bevor er uns das Visum in den Paß klebt. Und kaum sind vier Stunden vertrödelt, dürfen wir uns bis zu unserer Abreise frei im fünften Kontinent bewegen.

An Bord beginnt das Projekt "hard dodger": Ein Australier will uns (für nur $ 15 die Stunde) helfen, die Sprayhood durch eine Fiberglaskonstruktion zu ersetzen. Typisch australisch wird er dabei nichts verdienen - denn bis Richard die Einkaufsliste zusammen gestellt hat, sind wir schon fast fertig. Mit ganz neuen Erfahrungen im Bau mit Glasfaser verstärktem Kunststoff und Epoxy Harzen. Also das Ankleben kleiner Stücke wie gestern war ja noch relativ einfach - heute dagegen kämpfen wir mit den großen Bahnen, die wir noch dazu über Kopf ankleben müssen. Dazu muß man vielleicht noch kurz die zum Einsatz kommenden Materialien erklären: Also eine Glasfasermatte hat ähnliche Eigenschaften wie ein wild zusammengefegter Haufen feiner Glassplitter - zerstreut sich bei der geringsten Berührung in alle vier Himmelsrichtungen und in Verbindung mit Kunstharz wird das Ganze dann auch noch rasiermesserscharf. Kunstharz auf der anderen Seite stinkt zum Abgewöhnen und klebt wie der Teufel, natürlich auch überall dort, wo es nicht hin soll. Gaby jedenfalls ist einem Schreikrampf nahe, als sie ihre neueste Frisur im Spiegel sieht: Wetterfeste, glasfaserverstärkte Strähnchen glitzern im Sonnenlicht... Dafür sind wir vom Ergebnis ganz begeistert und hoffen, daß das Segeln jetzt noch trockener wird!

   Tolle Sache, dieses Wetterfax

Rudi und Tom hatten uns ein Interface besorgt, mit dem wir unseren Kurzwellensender an den PC koppeln und damit Wetterkarten per Fax an Bord empfangen können. Und so sieht das dann derzeit bei uns aus: Südlich von Sydney liegt ein Hoch, wir haben schönstes Wetter seit diese Kiste an Bord funktioniert, doch nördlich von Neu Kaledonien tummelt sich der tropische Wirbelsturm Usha, und so bleiben wir halt noch ein paar Tage hier. Die Düse, die zwischen diesem Wirbelsturm und dem kräftigen Hoch südlich Australiens besteht, sorgt für soviel Wind, daß zum ersten Mal, seit wir hier sind, alle Strände wegen zu gefährlicher Wellen zum Baden gesperrt sind. Und wie es der Zufall so will, liegt ein weiterer Cyclone zwischen Vanuatu und Fiji. Sein Name: Tomas! Abb 8-13 Dieses Wetterfax ist wirklich eine tolle Sache!

Wir sind bereit, unsere Reise fortzusetzen, als wir im Hafen, an unserem Liegeplatz von einem Australier am Heck gerammt werden. Zunächst sieht es so aus, daß nur die Davits verbogen sind - aber so kräftig, daß sie nicht mehr zu reparieren sind und durch neue ersetzt werden müssen. Genauere Prüfung ergibt dann, daß auch unsere Windselbststeueranlage in Mitleidenschaft gezogen ist. Die Hauptachse ist verbogen und die Pendelachse so krumm, daß sich das Ganze noch nicht mal mehr zerlegen läßt. Unser Kontrahent Ian - den wir inzwischen liebevoll "Ramm-Bow" nennen - ist bereit, für den Schaden aufzukommen, wird aber täglich in dem Maße bleicher, wie die Kostenvoranschläge eintreffen. Es werden wohl so um die DM 15.000 zusammen kommen... In Australien gibt es keinen vorgeschriebenen Führerschein für Sportboote, und so ist halt allerhand Inkompetenz unterwegs. Eine andere, neue Yacht hat zwar schon den Mast stehen, jedoch ohne Vor- und Achterstag, und für uns ist es nur eine Frage der Zeit, wann dieses Ding umknickt und weiteren Schaden anrichtet. Eine dritte Yacht hat an der Beleuchtung Rot und Grün vertauscht - hoffentlich begegnet der uns nie nachts! Für uns liegt der Hauptstreß in der Frage, ob wir denn hier rechtzeitig losfahren können - aber keine Bange, Barbara und Rudi retten mal wieder die Ägirs. Doch wie so oft, ist die Liste in unserem "Bruchbuch" endlos und wir verbringen typische Urlaubstage, während wir auf unsere letzten Teile aus Deutschland warten.

30. April 1994, es ist soweit. Die Anzahl unserer Bekannten und Freunde auf dem Steg ist faszinierend, als wir unsere Leinen loswerfen und vor allem beim Abschied von Jacqueline kämpft Gaby gegen die Tränen. Nach sechs Monaten "Winterschlaf" ist unsere erste Etappe wieder ganz schön aufregend. Vorbei an Fraser Island sind es etwa 230 sm bis Lady Musgrave, dem südlichen Anfang des Great Barrier Reefs. Und obwohl wir ja nun auf unserer Reise sehr viele Inseln und Atolle erlebt haben, Lady Musgrave zeigt sich wieder ganz anders: Dicht bewaldet mit einer phantastischen Vogelwelt. Nicht nur Möwen, Fregattvögel und Tölpel, was ganz Spezielles sind hier die "White Headed Noddies". Teilweise sind die Bäume so dicht mit Vogelnestern bestückt, wie bei uns ein Apfelbaum mit Äpfeln! Besonders faszinieren uns die kleinen Vögel, die am Strand mit ihrem kleinen Kopf große Steine umdrehen, auf der Suche nach Krebsen und anderem Getier. Gaby sammelt wieder Muscheln und Schnecken, und für mich ist einfach toll, wieder in einer Lagune zu ankern, der Blick kann ungehindert bis an den Horizont schweifen - und nicht nur bis zur nächsten Leuchtreklame - nur die 0,15 km2 kleine Insel ganz in der Nähe. Das Wasser ist klar und riesige Schildkröten bevölkern die Lagune. Ende des 19. Jahrhunderts wurden hier von Engländern Ziegen ausgesetzt, um Schiffbrüchigen Nahrung zu bieten. Ob wohl jemals ein gestrandeter Seemann eine solch berggängige Ziege zu fassen gekriegt hat?

Unser nächster Schlag bringt uns nach Great Keppel Island. Gut geplant (wir sind ja inzwischen im Barrier Reef, und wegen Korallen, Riffen, Gezeitenströmen kann man nicht einfach nur so drauflos segeln) starten wir gegen Mittag von Lady Musgrave, um am nächsten Morgen auf Great Keppel anzukommen. Rudi, Du solltest mal sehen, was unser neuer Unterwasseranstrich Marke racing blue so anrichtet: Trotz gereffter Fock, ohne Groß und mit gerefftem Besan können wir es nicht verhindern, daß wir einen Schnitt von 8 kn. laufen - das ist absoluter Rekord für Ägir (Anmerkung von Townsville Radio: "Strong wind warning is enforced for costal waters in Queensland). Und so fällt bereits mitten in der Nacht um 03:00 Uhr unser Anker. Wir haben offensichtlich inzwischen genügend Vertrauen in GPS und Radar. Das Erwachen ist mal wieder toll: 2 km feiner Sandstrand ganz für uns alleine. Beiboot raus und nix wie hin! Auf der Fahrt hierher überqueren wir den südlichen Wendekreis und sind somit wieder richtig in den Tropen. Obwohl die Insel von See aus ganz grün bewachsen aussieht, ist die Vegetation eher ärmlich und karg - keine Spur von Regenwald, Kokospalmen, tropischen Früchten oder dergleichen.

Auf dem Weg von Great Keppel Island nach Pearl Bay überraschen uns hunderte von Schmetterlingen. Obwohl wir etwa 10 km vom Land entfernt segeln, schaffen es diese so ungelenk scheinenden Flieger offensichtlich mühelos, trotz 20 kn. Wind gegenan zu flattern. Verborgen bleibt uns, was diese Tiere soweit auf See hinaus zieht.

Während wir uns auf South Percy Island tummeln bildet sich bei Papua Neu Guinea ein kräftiges Tief. Da sich so was in dieser Jahreszeit noch zum Cyclon entwickeln kann, segeln wir noch nachts direkt nach Mackay, dem größten Zuckerverladehafen der Welt. Ihr könnt Euch sicherlich vorstellen, wie romantisch wir zwischen diesen riesigen Piers und Terminals ankern - aber Sicherheit geht vor. Und bisher hat uns das tropische Barrier Reef auch noch nicht sehr begeistert: Oft ist das Wasser trüb wegen der geringen Tiefe und der kräftigen Gezeitenströme, die Ankerplätze werden fast ausnahmslos von sehr viel Schwell heimgesucht und sind dementsprechend rollig (wir haben in den letzten 14 Tagen mehr Glas zerbrochen als auf unserer ganzen Reise von Italien nach Australien), vielleicht sind wir doch einfach zu sehr von der Südsee verwöhnt.

Das Stimmungsbarometer an Bord ist nur 20 sm weiter wieder auf Höchststand: Wir ankern vor Brampton Island - ein ruhiger Ankerplatz und dazu endlich blauer Himmel. Und auf unserem Inselrundgang wird es dann richtig australisch-tropisch: Erst überrascht uns ein riesiges Känguruh, das unerwartet aus dem Busch bricht, wir sehen ein Emu, riesige Echsen und ständig wechselnde Vegetation. Zeitweise gehen wir durch richtige Wolken von Schmetterlingen, und hier sehen wir auch neben Kakadus die buntesten und lautesten Papageien unserer bisherigen Reise. Auf dem Rundweg hören wir ein Gekreische, das wir wieder für Papageien halten - aber es ist nichts zu sehen: Also gehen wir vom Weg ab, ins dichte Unterholz, und nach nur 50 m sehen wir, wie über uns in den Baumwipfeln riesige Flederhunde toben. Wer glaubt, die sind nur nachts aktiv hat weit gefehlt! Diese Tiere sehen aus wie Fledermäuse, haben eine Spannweite bis zu 1,50 m und leben - Graf Dracula zum Trotz - ausschließlich von Früchten. Erstmals entdecken wir Weberameisen, die sich ihre Nester nicht wie zu Hhhhhhhhhhhause in der Erde schaffen, sondern Blätter von Bäumen so zusammen spinnen, daß es für uns zunächst so aussieht, wie wenn ein Kohlkopf auf dem Baum wächst. Und an unserem Ankerplatz zeigt sich schließlich noch ein Dugong.

Nun, die Whitsunday Islands wurden von allen Australiern als das Nonplusultra gepriesen. Wir finden das Wasser wieder etwas trübe und immer noch ziemlich frisch. Obwohl wir meist extrem flach ankern, sehen wir bei nur 3 m Wassertiefe noch nicht mal auf den Grund. Also hoppeln wir durch diese Inselwelt von einer Bucht in die andere und sind angesichts der vielen Vorschußlorbeeren eher enttäuscht. Der einzige Superlativ sind die Preise. So bezahlt man für eine Nacht auf einem Inselhotel $ 250, für einen Tauchgang $ 115 und anstatt in einer ruhigen Bucht mit Sandstrand zu ankern, kann man in der Marina auf Hamilton Island für $ 50 eine Nacht festmachen. Stellt Euch vor, Ihr bucht eine Traumreise in ein Ressort in den Whitsundays zu diesen horrenden Preisen und seid dann in einem Bau untergebracht, gegen den die Nellingen Barracks wie ein Luxushotel aussehen!

In einer ruhigen Bucht in Whitsunday Island treffen wir auf unsere holländischen Freunde Anja und Bram von Tarpan, die wir seit über einem Jahr nicht mehr gesehen haben. Sofort werden Pläne geschmiedet und zusammen erklimmen wir den höchsten Berg der Insel. Dort oben werden wir mit einem phantastischen Ausblick auf die ganze Inselgruppe belohnt. Bei dieser Gelegenheit sehen wir die erste freilebende Schlange, die aber sofort das Weite sucht, als sie uns hört. Hier erleben wir nebenbei die lustigste (?) Episode der letzten Wochen: In den Nachrichten hören wir etwas von einer Flutwelle in den Whitsundays, denken an einen unterseeischen Vulkanausbruch oder so was ähnliches und hören genauer hin. Ein Charterboot ankert in 3 m Wassertiefe mit 3 m Kette. Damit ist der Anker am Grund und alles klar - logisch, oder? Nach ihrem Landgang (und auflaufender Flut) mußten sie leider feststellen, daß ihr Boot nicht mehr da war. Die Küstenwache fand es treibend 20 sm weiter. Australische Segelkompetenz (siehe Ramm-Bow).

Die Zeit ist um 3000 Jahre zurückgestellt, als wir auf Hook Island eine Höhle mit Felszeichnungen von Aboriginees, den Ureinwohnern Australiens finden. Ziemlich primitiv sind die Motive, und doch ist es für uns beeindruckend, daß hier vor so langer Zeit bereits Schiffahrt und Fischfang betrieben wurden. Das Wasser ist zwar immer noch etwas trübe, doch das Riff in der Butterfly Bay ist ganz nett. Wir weihen unser Unterwasser-Videogehäuse ein, denn wir wollen damit vertraut sein, falls wir vielleicht doch noch irgendwann mal in diesem weltberühmten "Tauchparadies" Barrier Reef klares Wasser finden sollten....

Dringende Reparaturarbeiten an Zähnen, Vorstag, Autopilot und Genua verschaffen uns ein paar Hafentage in Townsville. Die intimen Kenner der englischen Sprache unter Euch können sich vorstellen, wieviel Spaß wir beim Besorgen unserer Ersatzteile für ein Kugellager haben, mit der Frage: "Do you have metric balls?". Das Leben im nördlichen Australien ist wesentlich entspannter als im Süden. Standardredewendung: "She'll be all right, mate!" (Wird schon werden, Kumpel). Während wir inzwischen gewohnt sind, Restaurants zu finden, in denen man für einen festen Preis so viel essen kann, wie man will, finden wir in Townsville die passende Ergänzung: Für $ 20 bekommt man ein Steak und kann trinken so viel man will. Nachdem die Zähne und die Genua geflickt sind, genießen wir einen der wenigen Tage unserer Reise, an denen die Liste im Bruchbuch auf Null (0!) geschrumpft ist.

   Frei lebender Koala in Grundstellung

Ein Spaziergang auf Magnetic Island beschert uns eine besondere Überraschung: Wir sehen den ersten freilebenden Koala im Wald! Ich weiß zwar nicht warum, aber so in freier Wildbahn scheinen sie noch kuschliger und niedlicher zu sein. Und während wir auf der Weiterfahrt - wie immer - angeln, bemerken wir, daß uns direkt an unserem Heck, im Wirbel des Ruderblatts, ein ganzer Schwarm bunter Fische begleitet. Unser Köder bleibt heute leider unbemerkt.

 

Orpheus Island beschert uns einen beeindruckenden Schnorchelgang: Wir entdecken zwischen dichten Korallen riesige Mördermuscheln, deren Lippen wunderschön grün und blau gepunktet sind. Mit ihren gigantischen Mund- und Afteröffnungen sehen sie ziemlich obszön aus. Ansonsten glänzt das australische Department of Conservation an einem historischen Eßplatz der Aboriginees mit der schlichten Erläuterung auf einer Hinweistafel: "You can learn a lot here".

Mit faszinierenden Kontrasten - über 1000 m hohe, schroffe Berge - und davor ein Mangroven-Dschungel - so empfängt uns Hichinbrook Island. Wir ankern am friedlichsten Ort der Welt: In einem kleinen Bach mitten zwischen den Mangroven, weitab jeglicher Zivilisation, wir hören ausschließlich die Stimmen und Geräusche des Urwalds und ertappen uns dabei, wie wir uns im Flüsterton unterhalten. Stundenlang treiben wir mit der Tide durch die Seitenarme dieses dichtbewachsenen Seegebiets. Eigentlich sind wir auf der Suche nach Salzwasserkrokodilen, aber noch nicht mal eine Spur davon. Dafür kreist über uns ein Seeadler, wir entdecken mehrere herrlich blaugrün schillernde Eisvögel, und das Ungewöhnlichste für uns sind die Schlammspringer: Fische, die mit ihren Flossen wie mit Beinen über die trockenfallenden Schlammablagerungen in diesem Sumpfgebiet gehen und sogar auf die Mangroven klettern. Offensichtlich haben sie sich auf dieses Leben spezialisiert, denn sie sind viele Minuten an Land, ohne daß ihre Kiemen austrocknen und bewegen sich ganz behende. Ganz erstaunt sind wir, als in diesem schlammigen, seichten Bach drei kleine Wale auftauchen.

Das gesamte Great Barrier Reef ist - mit Ausnahme von ein paar Urlaubs-Resorts - Naturschutzgebiet und damit unbewohnt. Die drei Tage in Townsville ausgenommen, haben wir seit fast zwei Monaten keinen Australier mehr gesehen. Einmal mehr: Natur pur.

 

Cairns. Wir benutzten heute ein für uns ganz ungewöhnliches Transportmittel: Die Eisenbahn. In Wagons aus dem frühen 20. Jahrhundert fahren wir etwa 90 Minuten lang in das bergige Hinterland nach Kuranda. Die waghalsige Stecke über tiefe Schluchten und Wasserfälle, durch 15 Tunnels, entlang steilabfallender Klippen, wurde schon 1891 als Zugang zu den im Hinterland entdeckten Zinn- und Goldminen errichtet. In Kuranda begegnen wir zum ersten Mal Aboriginees. Ihr Stamm nennt sich Tjapukai - was so viel bedeutet wie: Regenwald. Die "Abos" sehen ziemlich grimmig aus und sind alles andere als attraktiv. Wir erfahren, daß der Boomerang aus Brettwurzeln geschnitzt wird, und zwar derart, daß ein Arm aus Wurzelholz, der andere aus Stammholz ist - also genau aus dem Teil des Baumes, an dem der Stamm in die Wurzel übergeht. Das Didgeridoo - dieses oboenartige Blasinstrument - wird aus Ästen gemacht, die bereits von Termiten ausgehöhlt wurden, und so muß man sie nur noch reinigen. Sie erzählen uns, wie mit dem Boomerang gejagt wurde, wie man mit zwei Holzstöckchen und etwas trockenem Gras ein Feuer entfacht, wie man das Didgeridoo spielt (der Trick besteht darin, daß man mit dem Mund bläst, während man gleichzeitig durch die Nase einatmet), und was die Zeichnungen an ihren Körpern bedeuten: Sie identifizieren sich meist mit einem Tier, so ist der eine ein Känguruh, der andere eine Schildkröte und ein weiterer ist ein Baum. Als "Farbe" dient einfach Erde oder zerriebene Steine. Bei den Tänzen, die sie uns vorführen, imitieren sie meist Tiere aus ihrer näheren Umgebung: Das hüpfende Känguruh oder den Kranich, der im Sumpf nach Nahrung sucht. Ihre Sagen und Geschichten sind ganz interessant: Es sind dort z.B. Wasserlöcher beschrieben, deren Benutzung verboten war, weil sie einem bestimmten Geist gehören - heute stellen Wissenschaftler fest, daß es Wasserlöcher gibt, deren Wasser für den Menschen tödlich ist! Ihre Vorzeit nennen sie dreamtime, und die Anzahl von Erzählungen der Alten sind fast unerschöpflich. Sie pflegen noch ihre ursprüngliche Sprache, und wir haben einige Aha-Erlebnisse: Mooloolaba heißt soviel wie "Platz der schwarzen Schlange", Noosa heißt "Geist" oder auch "Schatten" und Maroochydore steht für "Platz des schwarzen Schwans".

Das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß ist nicht gerade harmonisch. Gab es in den USA zwischen Indianern und Weißen die Vereinbarungen von Fort Laramie oder in Neuseeland mit den Maoris den Vertrag von Waitangi, so gibt es bis heute noch kein gemeinsames Verständnis zwischen der australischen Regierung und den Aboriginees, wem eigentlich das Land gehört. Um die schwarze Minderheit (es gibt nur noch etwa 150.000 Ureinwohner) zu beruhigen, pumpt Canberra viele Dollars als "Sozialhilfe" in ihre "Reservate". Damit haben es die Aboriginees, die seit zehntausenden von Jahren als Nomaden der Wüste sehr genügsam gelebt haben, nicht wirklich nötig, zu arbeiten und mehr Geld zu verdienen. Nirgends in Australien haben wir einen Schwarzen als Bankangestellten oder auch nur als Kassierer im Supermarkt gesehen. Fragt man die Weißen, dann sind die "Abos" nur faul und besoffen (wir kennen auch weiße Aussies, die beim Frühstück schon die zweite Dose Bier öffnen), vielleicht hat man sich aber einfach nicht die richtige Mühe gegeben, ihnen zu helfen, die plötzliche Umstellung auf ein neues Leben in westlichem Sinne zu meistern. Wir sind jedenfalls ganz beeindruckt von dem, was wir hier erlebt und erfahren haben.

In der letzten Woche hatten wir zwei Jubiläen: Einmal sind wir nun seit über 1000 Tagen unterwegs, und zweitens sind gerade mal so zwanzigtausend Seemeilen voll - unglaublich, nicht wahr? Das Abendessen anläßlich unserer 20.000 Seemeilen wird etwas ganz Besonderes: Neben den landesüblichen Spezialitäten wie Krabben, Prawns, Tintenfischen und Hummern stehen heute auch Känguruh-Ragout, Büffel-Goulasch und eine Art Ravioli mit Krokodilfleisch auf dem Tisch. Dazu ein Fläschle australischen Chardonnays - wir lassen es uns mal wieder richtig gut gehen ...

 

Cairns lebt fast ausschließlich vom Tourismus. Riesige Hochseekatamarane schippern täglich Tausende von Urlaubern in die Riffe und auf die kleinen Inseln vor der Stadt. Ocean Spirit - einer dieser Segler mit 160 Gästen an Bord - fährt abends bei seiner Rückkehr ungewöhnlich nahe an unseren Ankerplatz im Fluß und wir wundern uns nicht schlecht, als der Kapitän herüber ruft: "Hi Gaby and Jochen!". Es ist doch tatsächlich Mike, den wir mit seiner privaten Yacht vor zwei Jahren in Rarotonga kennengelernt haben und der unser Schiff wiedererkannt hat. Wir sind prompt abends zum Essen eingeladen und erleben einige wirklich interessante Stunden, von den "Geheimtips" zum Tauchen im Riff bis hin zu den Insider-Informationen der Tourismus-Industrie.

Zu unserem dritten Hochzeitstag wartet Gaby mit einer ganz besonderen Überraschung auf: Tickets für einen Rundflug über das nahe Barrier Reef. Dieser Flug wird zu einem unvergeßlichen Erlebnis, einer der wirklichen Höhepunkte unserer Reise mit einer Perspektive, wie wir sie noch nie hatten und wohl so schnell auch nicht wieder haben werden. Wer kennt nicht diese kleine Sandbank mit einer Palme mitten im Ozean aus den Witzblättern? - Hier sind sie Wirklichkeit, und noch viel mehr. Umgeben vom Barrier Reef, das im Sonnenlicht in unbeschreiblichen Farben von braun über gelb, grün, türkis bis ins tiefe dunkelblau schillern. Wir können uns einfach nicht sattsehen an diesem Farbenspiel und eines ist klar: Hier im Fluß vor der Stadt hält uns nichts mehr, morgen geht's Anker auf und ans Michelmas Reef.

   Besuch an Bord

Die Strecke, die wir gestern im Flieger in nur 10 Minuten hinter uns gebracht haben, erledigen wir heute mit gutem Wind in 5 Stunden. Wir liegen dicht hinter dieser kleinen Sandinsel sicher an einer der riesigen Festmachetonnen, die Mike als "zur Zeit unbenutzt" empfohlen hat. Das Wasser ist klar. Das Barrier Reef sieht endlich so aus, wie auf den Postkarten. Kaum hat das Touristenschiff abgelegt, steigen wir natürlich in unser Dinghi. Die Sandinsel umgeben von den traumhaften Wasserfarben ist an sich schon ein einzigartiges Naturschauspiel und dann dazu noch diese unglaublich große Brutkolonien. Bis zu 30.000 Vögel bevölkern angeblich dieses Eiland. Nur ein kleiner Teil der Insel ist für Besucher zugänglich, der Rest ist reserviert für diese Vögel und es ist schön zu sehen, daß es auch ohne Aufsichtspersonen und mit jeder Menge Touristen funktionieren kann. Wie schon in Galapagos, so sind auch hier die Vögel gar nicht scheu und lassen sich aus nächster Nähe beobachten. Auf dem Cay erwarten uns Tausende von kreischenden Seevögeln, Maskentölpel, Seeschwalben und eine Mövenart mit einem Schopf wie ein Wiedehopf. Hier ist mal wieder das ungestörte Paradies. Und vom in Tarnfarben gefleckten Ei bis hin zu Kücken in jeder Größe ist alles vertreten, selbst den werbenden Brauttanz können wir beobachten. Ägir ist für die letzten Stunden des Tages Rastplatz für zahlreiche Boobies, die auch überhaupt keine Scheu zeigen. Denn immerhin sitzt Gaby kaum einen Meter entfernt und studiert fasziniert ihre Reinigungsarbeiten, die offensichtlich ihre gesamte Aufmerksamkeit absorbiert. Und obwohl so ein Boobie mit seinem beige-braunen Federkleid nicht gerade auffallend schön ist, hat die Natur ihm doch etwas Besonderes mitgegeben: Einen zartrosa farbenen Schnabel mit brauner Spitze und stahlblaue Augen, die so richtig intensiv die Welt betrachten. Mit den letzten Strahlen der untergehenden Sonne dann, haben bereits sieben Vögel von unserem Bugkorb Besitz ergriffen. Aber Vogelschiß an Deck soll ja dem Seefahrer Glück bringen. Am nächsten Morgen tauchen wir zum ersten Mal seit Vanuatu wieder. Vielfältige Korallen, fast ebenso bunt wie die vielen Fische, die sie bevölkern. Auch hier sieht das Great Barrier Reef endlich so aus, wie das seit 800 sm erhofft hatten, wie es die Broschüren der Reiseveranstalter versprechen. Nach unserem ersten Tauchgang laden wir das Tauchzeug gar nicht mehr aus dem Beiboot, denn ein zweiter Tauchgang muß unbedingt noch folgen. Es ist einfach zu faszinierend.

Die Boobies haben sich unseren Bugkorb wirklich angeeignet. Um den Vogelschiß an Deck zu vermeiden, versuche ich, das Landen dieser riesigen Vögel zu verhindern. Und sie zeigen dabei so wenig Scheu, daß ich sie doch tatsächlich anfassen und am Flügel streicheln kann. Ich biete ihnen einen Besenstiel als Ersatzlandeplatz und kann sie damit über das ganze Schiff tragen - es sind wahre Haustiere geworden.

 

Low Islet ist unser nächster Ankerplatz. Eine kleine Insel, mit einem klassischen Leuchturm aus dem 19. Jahrhundert mitten zwischen ein paar Palmen. Ein wirklich romantisches Plätzchen und wie schon so oft sehen wir riesige Wasserschildkröten um das Schiff schwimmen.

Seit 14 Tagen sind wir nun mit leerem Bruchbuch unterwegs und es wird endlich mal wieder Zeit, Ersatzteile zu besorgen und zu basteln - also legen wir einen Zwangs-Hafentag in Port Douglas ein. Wider Erwarten ist unser Teil in einer Mobil Tankstelle am Lager und Ägir ist wieder top fit. Port Douglas ist ein kleines und doch ganz niedliches Städtle. Da in Cairns sowohl der Bruce Highway als auch die Eisenbahnlinie enden - weiter nach Norden geht's nur mit dem Boot oder dem Four-Wheel-Drive, merken wir deutlich, daß Port Douglas am Ende der Welt zu liegen scheint und ausschließlich von den Touristen, die von hier aus ins Barrier Reef zum Tauchen fahren, lebt.

   Tiefblaue Lagune bei Lizard Island

Wie schon so oft im Südpazifik, wandern wir auf Lizard Island mal wieder in den Fußstapfen von Captain Cook. Während im Kartentisch unsere detaillierten Seekarten liegen und wir auf dem 358 m hohen Gipfel nur die schöne Aussicht genießen, nutzte er diesen Ausblick, um einen Ausweg aus diesem scheinbar undurchdringlichen Labyrinth von Riffen zu finden. Lizard Island bietet einen tollen Kontrast: Felsen und Vegetation erinnern uns eher an den Gotthard Pass, wogegen die Lagune tropisch türkisfarbenes Wasser zeigt. Wir wollen einige Tage hier "Urlaub" machen, denn das Wasser ist toll klar und damit schnorcheln und tauchen bestens. Riesige Wasserschildkröten zeigen sich um das Boot und die Korallenstöcke sind von den buntesten tropischen Fischen bevölkert. Seeanemonen, Stein- und Geweihkorallen, Tisch- und Pilzkorallen, Lederkorallen, riesige Mördermuscheln, filigrane Spiralfliederwürmer, weiße Haarsterne, Seegurken, mächtige Dornenkronen-Seesterne, Seescheiden, bunte Fahnenbarsche, wir sehen den Juwelenbarsch mit seinen leuchtend blauen Tupfen, Schnapper, Falterfische, Wimpelfische, Kaiserfische, Anemonenfische (die sich bei Annäherung in eine der großen Meeresanemonen zurückziehen), Lippfische, Papageifische, die am Riff knuspern, kurz, die Vielfalt an Korallen und Fischen ist überwältigend und bietet fast alles, was unser Bestimmungsbuch tropischer Meerestiere zu bieten hat. Unsere Tauchgänge werden durch den Besuch der Forschungsstation noch vertieft. Man studiert hauptsächlich das biologische Gleichgewicht des Riffs und veranlaßt unter anderem die Regierung in Canberra zur Einrichtung von Schutzzonen, zum Erlaß von Fangquoten, Festmachertonnen werden ausgelegt, um das Ankern auf Koralle zu verhindern, etc. Ein anderes Projekt beschäftigt sich mit der Tatsache, daß z.B. Weichkorallen keinerlei anderen Bewuchs um sich herum aufkommen lassen, und man versucht zu verstehen, warum - um so vielleicht eine biologisch gut verträgliche Farbe für Unterwasserschiffe zu schaffen, die nicht so giftig ist, wie die heute gängigen Antifoulings. Wissenschaftler aus aller Welt sammeln hier Daten, und wir sind ein bißchen stolz darauf, daß neben der australischen Wirtschaft die BRD als einziges Land zu den Sponsoren gehört - ich denke, hier ist wirklich mit wenig Steuergeld viel Gutes geleistet.

Die Wanderung auf die gegenüberliegende Seite der Insel bringt uns von einem Traumstrand zum anderen, und wie schon so oft, sind wir ganz alleine hier. Es ist für uns ganz unverständlich, daß viele Yachties hier abends ankommen, ankern, und am nächsten Morgen gleich wieder weiter ziehen, ohne auch nur an Land zu gehen. Die Anfrage bei einem Fischer, der hier mit uns ankert, ob wir bei ihm Fisch kaufen können, zeigt ein unerwartetes Ergebnis: "Nein - aber kommt doch einfach heute abend an den Strand, dann machen wir ein "Barby". Wir bringen Getränke, Salat und Nachtisch, die Fischer bringen verschiedener Fische (von Coral Trout über Brassen bis hin zum Red Emperor), die wir uns am Lagerfeuer munden lassen. Und ähnlich wie bei einer Weinprobe, werden durch das direkte Nebeneinander die verschiedenen Geschmacksrichtungen besonders deutlich. Ein wirklich gelungener und harmonischer Abend - und im letzten Mondlicht schaffen wir es mit vollen Bäuchen gerade noch an Bord.

Wie verabredet, starten wir in aller Frühe mit Anja und Bram von Tarpan an Bord in Richtung Außenriff zum sogenannten "Cod Hole" - einem der bekanntesten Tauchplätze im Riff. Gute 20 bis 25 Knoten Wind auf die Nase, lassen die ersten Meilen unserer Fahrt der Insel entlang gang schön naß und ruppig werden. Aber es sind ja nur 16 Meilen und unsere Batterien freuen sich genauso über den Strom wie sich Gaby über das viele tolle Trinkwasser aus der Seewasserentsalzungsanlage freut. Erst kurz vor der Riffausfahrt sehen wir die Brecher, die die frische Brise heute in schöner Regelmäßigkeit über die Korallenbänke jagt und zu unserem Schrecken sind doch die beiden Festmachetonnen bereits von Tauchbooten belegt. Also suchen wir uns kurz entschlossen ein Fleckchen eigenen Sandes und lassen den Anker fallen. Allerdings beschließen wir in zwei Gruppen zu tauchen, damit wir Ankerwache halten und wirklich in Ruhe unsere Tauchgänge genießen können.

  
Faszination Tauchen am Barrier Reef

Kaum hat sich Gabys Blick in die Tiefe gerichtet, als sich auch schon aus dem schummrigen Licht der Tiefe einige große Fische erkennen lassen, denn leider ist aufgrund der Bewölkung die Sicht nicht so ideal. Meter um Meter tauchen wir langsam entlang der Ankerkette ab und immer deutlicher werden unsere Begleiter. Gute 1 bis 1,50 m große Potato Cods (eine Art Barsch), eigentlich eher unauffällige Tiere mit ihrem weißen Schuppenkleid, das mit schwarzen Punkten verziert ist. So richtig beeindruckend und beängstigend werden sie halt durch ihre enorme Größe. Und so verhält sich Gaby zu Anfang auch eher defensiv und beobachtet Anja, die so völlig sorglos ihr Brot verteilt und ohne jede Scheu jeden Fisch, der auf Armlänge heranschwimmt, streichelt. Ja, das wäre auch so geblieben, tauchte da nicht plötzlich "Onkel Sam" auf. In seiner Körpergröße stand er Gaby wohl in wenig nach, dazu dieser so typische, leicht vorgeschobene Unterkiefer, die großen, hochliegenden Augen mit dem Rundumblick und einen weit geöffneten Rachen, der unser Brot staubsaugergleich aufnimmt. Kurz gesagt, Sam ließ sich von Gabys Scheu überhaupt nicht beeindrucken und so spritzte sie ihn voll Sand, stolperte über Korallenblöcke nur um festzustellen, Sam ist ihr immer noch so nahe. Schließlich versucht sie es mit anfassen. Denn welcher Fisch läßt sich schon gerne streicheln? Nun, wir scheinen die Ausnahme gefunden zu haben, denn Sam scheint sich so richtig vor Wohlbehagen zu schütteln, wenn Gaby ihn am Kinn krault. Ihre Sinne sind so darauf fixiert, daß sie total erschrickt, als sie plötzlich nur noch grün sieht. Aber auch der Napoleonfisch - zum Glück etwas kleiner und zierlicher - scheint Gabys Frisur mit verlockendem Seegras zu verwechseln. So vergeht eine halbe Stunde unter Wasser wie im Fluge und Gaby hatte gar keine Zeit, zu frieren. Nur wenige Meter unterhalb der Wasseroberfläche verabschiedet sich Sam dann von unseren Flossen, denen er wie ein Hund gefolgt ist. Völlig aufgedreht kommen wir zurück an Bord und während des kurzen Imbisses ist natürlich Sam unser Hauptthema. Und das ist auch nicht viel anderes, als wir nach einer schnellen und wesentlich bequemeren Rückreise noch ein Gläschen Sekt und Penne Gorgonzola gemeinsam genießen. Mit Sicherheit ein würdiger Rahmen für ein Erlebnis ganz besonderer Art. Unsere anfängliche Enttäuschung über das Great Barrier Reef ist ganz ins Gegenteil umgeschlagen.

 

Die letzten paar hundert Meilen entlang der Küste innerhalb des Riffs zum nördlichsten Punkt des australischen Kontinents werden uns bestimmt nicht langweilig - die Navigation ist hier eine Vollzeit-Beschäftigung. Die Landschaft dagegen wird sehr karg, trocken, und wirkt trotz einiger Bäume und Büsche fast wüstenhaft. Hier wohnt kein Mensch mehr, seit Tagen sehen wir nachts kein einziges Licht an Land - wenn irgendwo auf dieser Welt der Hund begraben ist, dann hier! Dennoch sind angeblich jedes Jahr 19.000 4-Rad-getriebene Fahrzeuge auf dem Weg von Cairns zum Cape York. Wenn man davon ausgeht, daß in der Regenzeit dieses Stecke schlicht unpassierbar ist, und daß alle bei Tageslicht fahren, dann bedeutet das für das 7-Häuser-Dorf Portland Roads immerhin 10 Fahrzeuge in der Stunde!

27. Juni 1994, 12:34 Uhr - wir runden den nördlichsten Punkt des australischen Kontinents: Cape York. Die Klippe ist so wenig beeindruckend, daß Gaby noch nicht mal den Foto zückt. Beeindruckend sind hier dagegen die Gezeitenströme: Obwohl die Logge nur 5 kn zeigt, machen wir bis zu 10 kn Fahrt über Grund! Papua Neu Guinea liegt nur 150 km nördlich. Und wieder mal hält Australien eine Überraschung für uns bereit: Kaum haben wir Kurs auf das 360 sm entfernte Gove abgesetzt, dreht der Wind nach Südwest - also sowas hat's ja im Passat noch nie gegeben. Kurz entschlossen ändern wir den Kurs und ankern zwischen Red Island und dem Dorf Bamaga um die richtige Windrichtung abzuwarten. War Northern Queensland bisher absolut wüstenhaft und unbewohnt, hier gibt es eine Pier, Häuser, lebensfrohe Menschen lachen während des Angelns, Palmen säumen den Strand. Wir beschließen, einfach einen Tag hier zu bleiben und uns das näher zu betrachten. Das Dorf ist 7 km entfernt und ärmlich, die Straße unbefestigt, trocken und staubig. Nach nur 10 Minuten haben wir einen leichten Rotschimmer in den Haaren von all dem Staub. Wir versorgen uns im "Super Markt" mit etwas frischem Obst und Gemüse. Im Kiosk brauen wir uns unsere Tasse Kaffee selbst, die Uhren gehen sehr, sehr langsam hier. Zum ersten Mal erleben wir hier schwarze Ureinwohner, die aktiv am Geschäftsleben teilhaben: Im Laden, Kiosk und selbst im Postamt arbeiten ausschließlich Aboriginees. Zurück am Strand finden wir in der Nähe unseres Beiboots ein Schild : "No swimming - Beware of Estuary Crocodiles". Als Townsville Radio noch eine Starkwindwarnung für den Golf von Carpenteria verbreitet, sind wir rundum zufrieden, daß wir diesen kleinen Umweg gesegelt sind, und machen es uns an unserem geschützten Ankerplatz gemütlich. Horst von La Donnee, der noch auf den alten, großen Segelschiffen gelernt hatte, zeigte Gaby noch in Mooloolaba, was man aus Takelgarn so alles machen kann - und nun entsteht in mühsamer Handarbeit ein geflochtener Gürtel für den Skipper.

   Termitenbau

Die Überfahrt nach Gove mit frischem Wind verläuft zügig. Gaby's Seebeine sind wieder gewachsen und selbst zwei Meter hohe Seen können sie nicht daran hindern, einen Streuselkuchen zu backen. Während der Nächte auf See versucht mal wieder ein Tölpel, auf Ägir einen ruhigen Platz zu finden. Es ist mir inzwischen klar, weshalb die Boobies auf deutsch Tölpel genannt werden: Mit seinen entenartigen Füßen findet er natürlich in den Wanten und auf der Reling keinen Halt und stürzt mehrfach ganz plump ab, bevor er sich direkt neben mir im Cockpit niederläßt. In den letzten zwei Monaten sind wir nun fast soweit gesegelt, wie die Strecke über den Atlantik, und schon haben wir den nächsten australischen Bundesstaat erreicht: Northern Territory. Und damit sind wir in Arnhemland, einer der Hochburgen der Ureinwohner Australiens. Pechschwarze Haut, rabenschwarze Haare und ungewohnte Gesichtszüge, dazu meist ein sehr knochiger Körper (auf schwäbisch: Steckelesfüaß) - alles andere als attraktive Menschen. Als wir per Anhalter in die "Big City" nach Nhulunby (3.600 Einwohner) fahren, lernen wir Willie kennen. Er wohnt in Darwin und ist für 14 Tage hier um Didgeridoos zu machen, die er dann in Darwin verkaufen will. In trockenem Buschland, weitab von der Stadt, finden wir "seine" Werkstatt: Eher eine kleine Handelsstation, bei der die ansässigen Abos ihre Waren verkaufen, die dann von hier aus ihren Weg in die Touristenläden von Darwin und Cairns finden. Interessant ist, daß es hier keinen einzigen Boomerang gibt, dafür sehen wir ganz andere Gegenstände zum ersten mal. Und so wird Ägirs Souveniersammlung bereichert: Eine Pfeife aus "milkwood" - einem ganz leichten aber sehr widerstandsfähiges Holz, ein "dilli bag", das ist ein köcherförmig geflochtenes Körbchen aus Pandanus, das so dicht geflochten ist, daß die Abos Honig darin transportieren können, eine hölzerne Schlange und ein "Woomera". Das ist, wie soll ich sagen, ein Wurfspeerbeschleuniger, also ein Holzgegenstand, den die Abos benutzen, um ihren Speeren beim Wurf mehr Wucht zu verleihen. Aus der Rinde von Hibiskus gewinnen die Abos hauchdünne, sehr strapazierfähige Fäden, die sie zu Taschen und Säckchen aller Art knüpfen.

Rechtzeitig erreichen wir Darwin, unseren letzten Hafen in Australien. Die Vorbereitungen für das Darwin-Ambon-Race halten uns ganz schön auf Trab, denn neben den üblichen Arbeiten am Boot brauchen wir noch ein Visum für Indonesien, der Segelclub hat die Möglichkeit zollfreier Einkäufe organisiert, d. h. auch zusätzlicher Papierkrieg mit dem Zoll, die Regattaleitung kontrolliert alle Schiffe auf ausreichende Seetüchtigkeit (Class One Test!), und natürlich jede Menge "gesellschaftlicher" Verpflichtungen: Pre-Race-Dinner, Race Briefing, und es ist Party-Time, Party-Time und Party-Time...

So, das war Australien. Allen Horror-Geschichten zum Trotz haben wir beim Tauchen keinen Hai und kein Krokodil gesehen. Die einzige Schlange nahm reißaus, weder Blue-Box-Jelly-Fish noch Redback Spinne haben uns gestochen, kurz, wir haben es mal wieder problemlos überlebt. Ist halt doch alles nur halb so wild!

   
 
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© ÄGIR  Gabriele und Jochen Leonhardt 1998. Alle Rechte vorbehalten. Letzter Update am: 22. März 2001